Nachdem wir Euch vor langer Zeit Reaktor Session vorgestellt haben, kommt nun
die große Ausgabe Nr. 5 dran. Vieles hat sich seit der letzten Version
von Reaktor getan. Das Design, die Bedienung, aber auch der Sound sind zum Teil
völlig neu...
Das Programm vereint Klangsynthese, Sampling und Soundverarbeitung in einem.
Dabei kann das Programm sehr komplex und sehr einfach zugleich benutzt werden.
Es kommt eigentlich nur darauf an, die grobe Struktur des Programms zu verstehen.
Wer es dann richtig wissen will, baut dann seinen eignen Synthesizer nach
belieben zusammen.
Native Instruments
Grundsätzlich gibt es drei verschiedene Arten Reaktor 5 zu bedienen. Entweder
man benutzt es sehr einfach, indem man "nur" die vor gefertigten
Ensembles benutzt, was nicht heißt, dass Reaktor 5 dann nichts zu bieten
hat. Wer keine eignen Synthesizer kreieren will, ist aber mit Reaktor Session
besser aufgehoben.
Man kann andererseits selber Ensembles und somit Instrumente kreieren, was viele
Benutzer abschrecken wird, da hier mit Logik und nicht mit ausprobieren das Weiterkommen
gesichert wird. Wer das dann innehat, kann dann die vorgefertigten und eigenen
Ensembles zusammen benutzen.
Reaktor 5 Gesamtansicht
Kommen wir als erstes zu der einfachen Variante, in der man ausschließlich
die vorgefertigten Ensembles nutzt. Zum Ausprobieren benutzten wir das Programm
Stand-Alone. Man kann Reaktor auch selbstverständlich in einen Host-Sequenzern
einbinden, da Audio Units, VST, RTAS, DXi, Open Sound Control, Core Audio, ASIO
und DirectSound unterstützt werden.
Öffnet man Reaktor 5 zum ersten Mal, so erscheint als erstes eine graue
Oberfläche. Öffnet man vorgegeben Ensembles, so kann man aus neun Synthesizern,
zwei Soundgeneratoren, acht Sequenzern plus Sequenz-Synthesizer, sechs Sample
Transformatoren, zwei Samplern, zwei Recorder/ Player, einem Mixer, drei Grooveboxen,
36 Effekten, vier Automationseinheiten, zehn Displays und drei Surround Utilities
wählen. Weiterhin gibt es noch die Möglichkeit in einem Dateibrowser
nach Instrumenten zu suchen, den Master selber zu steuern oder neue Instrumente
zu bauen.
Die Anzahl der Instrumente ist in der Stand-Alone-Variante auf 16 begrenzt.
Dies kann man für Live-Situationen zu gering halten. Man muss aber dabei
bedenken, dass man den Signalweg innerhalb Reaktor 5 beliebig selber setzten
kann. Wem die 16 Kanäle nicht ausreichen, kann natürlich über
einen Host-Sequenzer eine zweite Reaktor-Instanz öffnen und somit wesentlich
mehr Kanäle zur Verfügung gestellt bekommen. Hier ist dann nur noch
der Computer das Kriterium. Einen aktuellen 3 GHz-Rechner und einen GB RAM sollte
man aber schon haben, wenn man Reaktor 5 voll ausnutzen will.
Öffnet man nun mehrere Instrumente in einem Ensemble, so werden diese übereinander
angezeigt. Dies ist aber nicht das einzige Fenster, was bei Reaktor 5 zu beachten
ist. Ein zweites kleines, graues Fenster verwaltet das Signal-Routing. Links
sind die Eingänge, rechts die Ausgänge untergebracht. Dazwischen ist
ein graues Feld, was die Instrumente und deren Verbindungen anzeigt. Bei einem
geladenen Instrument wird eine Verbindung zum Ausgang angezeigt. Will man z.B.
nun einen Effekt dazwischenschalten, muss einfach die nötige Verkabelung
durchgeführt werden. Dabei ist das Signal-Routing wie in einem gewöhnlichen
Studio zu betrachten.
Kommen wir nun zu den einzelnen Modulen. Hier werden wir nicht jedes Instrument
genau beschreiben, da dies den Rahmen eines Testberichts sprengen würde.
Wer sich mit den einzelnen Instrumenten näher beschäftigen will, kann
sich bei Native Instruments eine Demo besorgen.
Carbon 2 Reaktor Library
Fangen wir mit dem Oki-Computer Version 2 an. Dieser ist ein kompakter
Wavetable-Synthesizer, der sich als Spezialist für digitale LoFi-Sounds
entpuppt. Die Zeiten des 8-Bit-Sounds mit ihren Beeps und Bleeps lassen grüßen.
Außerdem kann Oki surrende Leadsounds, rhythmische Sequenzen und merkwürdige
Basstöne erzeugen.
Der Stream Pipe 2 ist ein Synthesizer, der die Physik einer schwingenden
Luftsäule in einer stimmbaren Röhre moduliert. Er verwendet einen
gestimmten Resonator, um Klänge von Streich, Blas-und Zupfinstrumenten
und darüber hinaus noch viele seltene Hybridsounds zu erzeugen. Wer sich
hierunter jetzt gar nichts vorstellen mag, sollte in den Testbericht zum Hartmann
Neuron VS schauen. Die Grundidee ist mit der von Native Instruments verwandt.
Die Bedienung ist aber eine andere, zudem man sich bei Reaktor 5 nicht nur auf
Resynthese spezialisiert hat. Daher kommen wir nun zum Sub Harmonic .
Dieser erzeugt einerseits padartige, atmosphärische Klänge und andererseits
dichte, monophone Lead-Sounds. Sub Harmonic besteht aus zwei unabhängigen
Klangerzeugern. Der Sub Oszillator basiert hier auf additiver Synthese.
Aerobic ist ein Step-Sequenzer, der einen virtuellen, analogen Drum-Synthesizer steuert. Dieses Instrument hat einen knackigen, innovativen Sound,
der traditionelle Drumcomputer in nichts nachsteht. Im Zusammenspiel mit den
Möglichkeiten eines Sequenzers und den flexiblen Zuweisungsoptionen des
Mischpults wird Aerobic damit zu einer vielseitigen Rhythmuswerkstatt, die für
Live-Anwendungen sehr interessant sein dürfte.
Newscool, Aerobic
Der Drum-Synthesizer besteht aus sechs ähnlichen, voneinander unabhängigen
Einheiten. Jede Einheit verbindet einen Oszillator und einen Rauschgenerator
zu einem Signal, welches über einen Equalizer zum Master-Mischpult geschickt
wird.
Der zweite Drumcomputer, den der Hersteller in Reaktor 5 programmiert hat, heißt Massive.
Sein Name ist daher Programm. Erstens verfügt er über ein breites Spektrum
an Klang formenden Möglichkeiten, da die Samples der sechs Drumspuren nicht über
den Klang des Instrumentes entscheiden, sondern nur das Ausgangsmaterial für
die Beats liefern. Hüllkurven, Filter und ein leistungsfähiger granularer
Resynthesealgorithmus verwandeln den Ausgangssound in etwas ganz Neues.
Zweitens werden diese vielseitigen Klangformungsfunktionen mit einem komplexen
Step-Sequenzer verbunden, der über Copy-und Pastefunktionen, drei Rollmodi,
einen triolischen Modus, unabhängige Looplänge für jede der sechs
Spuren drei Modulationsspuren, deren Signal auf fast jeden Parameter der Soundengine
geroutet werden kann, verfügt. Newscool ist ein Reaktor-Klassiker der komplett überarbeitet wurde.
Er verfügt jetzt über einen innovativen Sequenzer und die charakteristische
Sound-Engine. Beim Sequenzer verspricht der Hersteller nicht zuviel. In einem
coolen Retro-Design kann man die Steps bequem Steuern. Die Sound-Engine besteht
aus einem Klangerzeuger auf der linken und einer Multieffekteinheit auf der rechten
Seite. Das Signal wird von acht parallelen Oszillatoren, deren Parameter aufwendig
moduliert werden, erzeugt. Ebenfalls die Parameter der Effektabteilung, wie Pitch
Shifting, Delay, Filter, etc., werden ähnlich moduliert.
Sinebeats ist ebenfalls ein Klassiker der Reaktor-Bibliothek. Sinebeats
ist eine Beatbox und besteht aus drei Sinusoszillatoren mit einem Rauschgenerator.
Für jedes der vier Instrumente steht ein Sequenzer zur Verfügung. Eine
Send/ Return-Funktion im Mixer speist zwei flexible Filter und zwei Delays,
was den erzeugten Beats noch mehr Dynamik verleiht.
Fader
Kommen wir nun zu dem Soundgenerator Skrewell . Er ist ein Arbeitsplatz
für virtuelles Sounddesign mit einer intuitiv zu bedienenden grafischen
Oberfläche. Sein Klangspektrum reicht von meditativen Atmosphären bis
hin zu harschem Knistern. Seine Sound-Engine verwendet acht parallele Oszillatoren,
die ein einziges Signal übergehen. Diese Konstruktion bedeutet, dass die
Schnittstelle anders als die klassischen, additiven oder subtraktiven Sysnthesizer
ist. Im Editiermodus Draw kann man die Parameter für jeden der acht Kanäle
einstellen. Mit den Modi Wrap und Rand verfügt man über besondere Methoden
zur Änderung ausgewählter Parameter in allen acht Kanälen gleichzeitig.
Der Sampler BeatSlicer 2 zerlegt beliebige Wellenformen in Slices, an
denen anschließend Änderungen der Tonhöhe, Hüllkurve und
Effekteinstellungen vorgenommen werden können. BeatSlicer 2 ist in erster
Linie für die Bearbeitung von Drum-Loops ausgelegt. Die große Auswahl
an Parametern bietet jedoch viele kreative Optionen für alle möglichen
Arten von Signalen. Beat Slicer 2 ist zudem für die Programmierung mit
MIDI-Reglern ausgelegt. Mit der MIDI-Learn-Funktion in den Modulen XY auf
dem Bedienfeld kann man einen Parameter z.B. für Pitch, einen MIDI-Regler
zuweisen.
Memory Drum 2 ist ein ausgefeilter MIDI-Drumsampler, der die unabhängige
Konfiguration von bis zu 128 Drumsamples erlaubt. Diese Oberfläche wurde
speziell für das Drumsampling entwickelt und bietet eine Attack-Hold-Decay-Hüllkurve, eine Reihe von Effekten, mehrere Ausgangskanäle,
sowie komplexe Modulationsmöglichkeiten.
Skrewell
Der Sample Transformer ist ein Gerät der Extraklasse, da man mit
ihm die Sounds sehr krass verändern kann. Das Bedienfeld ist in drei Bereiche
aufgeteilt. Der obere Bereich enthält einen Patternsequenzer und Einstellungen
zu Patternlänge und Swingfaktor. Der mittlere Bereich enthält den Stepsequenzer,
in dem Patterns bearbeitet werden können. Der untere Bereich enthält
die Samplereinstellung einschließlich des Samplerfensters, in dem die geladenen
Loops angezeigt werden.
Die größte Neuerung für eingefleischte User in Reaktor 5 ist,
dass man nun auf zwei Funktionsschichten arbeiten kann: auf dem Primary Level
und dem Core Level.
Das Primary Level bildet die Umgebung für Instrumente,
Macros und Module. Die Primary-Module konzentrieren sich auf die Bereiche
Bedienoberfläche,
Dateiverwaltung, Stimmen-Routing, MIDI Ein-und Ausgänge sowie interne
Verbindungen.
Das Core Level, auch Reaktor Core genannt, stellt drei neue Objekte
zur Verfügung:
Core Cells, Core-Macros und Core-Module. Eine Core Cell ist ein Objekt aus
Macro und Modul, das als Brücke zwischen Reaktors Funktionsschichten Primary
Level und Core Level arbeitet.
Die Module von Reaktor 5:
Mouse Area: Ermöglicht anderen Modulen (z.B. Multi Display und Poly
Display), Maus-Aktionen (Tastenklicks) zu verarbeiten.
Multi Display und Poly
Display: Ermöglicht, verschiedene
graphische Objekte zu erzeugen und zu manipulieren.
Macros
Stacked Macro und Panel Index:
Ermöglicht, dass sich mehrere Macros
denselben Anzeigebereich im Instrumenten-Panel teilen, wobei immer die Ausgabe
eines Macros angezeigt wird.
Channel Message (MIDI In und Out) tauschen
alle Arten von MIDI-Channel-Messages mit externen MIDI-Geräten oder
mit internen Instrumenten aus.
Voice Shift: versetzt bestimmte Eingangsstimmen auf bestimmte Ausgangsstimmen.
Snap Value Array: speichert und lädt Arrays von Werten in und aus dem
Edit Buffer und Snapshots.
IC Send Terminal und IC Receive sendet bzw.
empfängt monophone
Event Signale an beliebige Stellen im Ensemble.
Option Voice & MIDI Slave: Die
Stimmenzuweisung und die MIDI In-Einstellung kann man nun von einem anderen
Instrument des Ensembles kontrollieren lassen.
Panel-Skins: Reaktor 5 gestattet einem das Erscheinungsbild verschiedener
Panel-Bedienelemente durch Skins anzupassen. Die Anpassungen gelten für
Fader, Drehregler, Schalter, Listen, Taster, Receive-Module, Lampen und Pegelanzeigen.
Mit Instrumenten- und Macro-Grenzen kann man leere Ränder um Instrumenten-Panels
und eingerahmten Primary-Macros ziehen.
Sample Mapper
Vorhören von Audio-Dateien
im Browser und im Sample
Map Editor: Sowohl
der Browser als auch der Sample Map Editor von Reaktor 5 bietet einem die Möglichkeit,
Audio-Dateien vor dem Laden probeweise anzuhören.
Initialisierung: Reaktor 5 verwendet ein neues Initialisierungsschema
für die Event-Eingänge, sofern die Option "Reaktor 4 Legary Mode" abgeschaltet
ist. Will man nun Ensembles aus der vierten Version laden, muss diese Option
eingeschaltet sein. Mit der Zeit der Umstellung sollte man aber doch diesen Modus
abstellen, da beim nächsten Update oder der nächsten Programmversion
sonst eventuell Kompatibilitätsschwierigkeiten auftreten könnten. Bei
Ensembles von Reaktor 3 muss leider der USB-Dongle von Reaktor an den Computer
angeschlossen sein. Hat man weniger USB-Anschlüsse zur Verfügung, kommt
man wohl um einen Hub nicht rum.
Kabel löschen: Kabelverbindungen kann man nun löschen, indem man
mit der Maus aus dem Eingangs-Port auf eine freie Fläche der Struktur
zieht und dort die Maustaste loslässt.
Die CPU-Anzeige wurde zudem erweitert.
Sie besitzt nun auch einen Balken, der die durchschnittliche Beanspruchung,
die Spitzenwerte oberhalb des Durchschnitts und die Überlastung der CPU
anzeigt.
Mit dieser enormen Anzahl an Modulen
kann man sich seinen eigenen Synthesizer nach Belieben aufbauen. Die Grenzen
sind schier fast unmöglich. So kann
man von simplen Geräten bis zu komplexen Signalwegen sehr viel ermöglichen.
Die große Frage nach den Sounds ist bei so einem komplexen Programm wie
Reaktor 5 nur schwer zu beurteilen. Fest steht, dass eine große Menge Potential
in der fünften Ausgabe von Reaktor drin steckt. Einfache Sounds sind leicht
zu beschaffen. Will man prägnante Sounds bekommen, so ist Eigeninitiative
gefragt. Wer fleißig am Rumschrauben ist, kann mit Reaktor ganze Alben
allein schreiben.
Fazit Native Instruments Reaktor 5
Nicht nur DJs wie Hardy Hard wissen Reaktor zuschätzen. Mit seiner flexiblen
Arbeitsstruktur und Engine ist er gerade für Sounddesigner und ausgebuffte
Profis sehr interessant.
Man kann an Reaktor 5 kaum noch etwas bemängeln. Einzig und allein der
Preis von 499,- € ist nicht gerade winzig, unter der Berücksichtung
der genannten Features aber vollkommen gerechtfertigt. Reaktor 5 verdient eine
klare Kaufempfehlung. Native
Instruments Reaktor 5 Homepage Text: Kilian Heller
Der Text erschien auf loveparade.net und
wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.