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T-Power


Neben allen anderen Spielarten von Jungle ist Ambient-Jungle oder Ambient-Hardcore, wie man es auch nennt, sicherlich auf den ersten Blick die seltsamste und in sich widersprüchlichste Richtung in dem sich immer weiter verzweigenden Londoner Underground. Aber auf dem Weg, ein weitgefächertes musikalisches Spektrum abzudecken, ist Hardcore tatsächlich sogar relativ schnell in Bereiche vorgedrungen, in denen sich Ambientelemente mit den vertrackten Drumarrangements zu einem eigenen Stil verdichtet haben, der in gleichem Maß ruhig wie energievoll ist.
Tatsächlich wirken die eigentlich gegensätzlichen Elemente eher wie Katalysatoren aufeinander und erhöhen die Wirkung in beiden Bereichen. Absolute Ruhe und Gelassenheit und endlose Extase. Wäre Zen heute noch eine Bewegung, ihr Sound wäre Ambient Jungle.

Neben LTJ Bukem, der seinen Sound mittlerweile auch schon mal gerne als Oceanic Hardcore bezeichnet, ist T POwER einer der wichtigsten Vertreter dieses Sounds, der Hardcore in sich gehen und völlig neu wieder auftauchen läßt. Seine letzte 12" Elemental mit Samples aus dem Film "Planet der Affen" ist wie ein Manifest dieses in jeder Art prophetischen Sounds, der nicht nur seine Abgrenzung von anderen Ambientarten durch die Betonung auf kickende Drums schafft, sondern gleichzeitig auch noch eine fragende Grundeinstellung gegenüber der welt und ihrer möglichen Zerstörung fordert.


Wie kamst du darauf, einen Remix von Original Nuttah, dem Jungle-Tune überhaupt, zu machen?

T-Power: Ich bin ja mehr auf diesem Ambient-Vibe, wenn man so will, aber mit Breaks. Ich komme aus der Hiphopszene und fand 4-to-the-Floor-Beats schon immer langweilig. Also versuche ich, Breaks einer eher technoorientierten Crowd näherzubringen durch Sounds, mit denen sie vertraut sind. Aber vor allem versuche ich, Techno & Ambient einer Generation von Jungleists näher zu bringen. Es gibt noch einige andere, die auf diesem Buzz sind, aber es ist einfach viel viel schwerer, das soweit zu bringen, daß es generell akzeptiert wird.

Du hast früher andere Tracks gemacht?

T-Power: Ja, zuerst halt HipHop und verschiedene Remixe, und dann Happy Pianotunes, die ich heute alle scheiße finde. Das war sogar auf diesem Label, SOUR, aber es hieß damals noch anders, DJ Only.

Was hältst du von dem kommerziellen Erfolg, den Jungle jetzt gerade hat?

T-Power: Verschenkte Zeit - die Medien werden es wieder ruinieren.

Vor zwei Jahren hat es die Szene auch nicht ruiniert.

T-Power: Nicht wirklich, aber was die Plattenverkäufe betrifft, schon. Leute wie Seduction sind zu Majors gegangen und einige wenige hatten plötzlich die ganzen Plattenverkäufe auf ihrer Seite Als die Medien abgesprungen sind ging alles ziemlich den Bach runter. Die Medien haben sich einfach nur einen einzigen Aspekt der Szene rausgepickt, auf Kosten aller anderen. Und jetzt grade passiert genau das selbe. Raggajungle scheint auf einmal die ganze Szene zu sein, obwohl es nur einen ziemlich kleinen Teil ausmacht. Ich kann zwar Jungle machen, aber es muß nicht unbedingt sein.

Was ist die Musik, die du so hörst?

T-Power: Oh sehr viel, von Sakamoto, Klaus Schulze, Kraftwerk, bis zu Jazz wie Pat Matheny und natürlich Hiphop. Von neueren Acts interessieren mich Reload, Future Sound Of London und Ozric Tentacles, auch wenn sie eher rocky sind. Die sind ein ziemlich Mindfuck. Ich stehe halt auf Sounds, nicht so sehr auf nur Rythmen.

Wie sollten Sounds für dich klingen?

T-Power: Nicht unbedingt in einer bestimmten Art und Weise. Aber ich mag intelligente Musik, die dich dazu bringt nachzudenken, Musik die dich zu irgendetwas hinträgt und nicht einfach nur in your face ist. - unterschwellige Musik. Ich mag die Idee von Bildern zu Musik auch sehr, deshalb interessiere ich mich sehr für die Interaktive Seite von Musik, CD-I und sowas. Bilder helfen der Musik einfach. Manche Sounds generieren bei mir immer bestimmte Farben und Formen, fast wie Synästhesie. Zumindest denke ich, daß ich es machen könnte.

Du scheinst eine Vorliebe für diese Bleepigen Sounds zu haben.

T-Power: Ja, als ich zuerst zu Hardcore gekommen bin, war es einfach auch sehr bleepy, und die Drums waren nicht so im Vordergrund. Es war musikalischer und tranciger, aber auch sehr einfach.

Welche Hardcore-Producer haben dich beeinflußt?

T-Power: Ja, Goldie von Ruffige Cru, er ist ganz weit vorne, und Omni Trio, Foul Play, Skanna, Hyper On Experience. Nicht so viele Leute scheinen das zur Zeit zu realisieren. Und was die Techno-Seite betrifft, auf jeden Fall Sachen von Joey Beltram und R&S. Mittlerweile ist alles sehr schwer zu definieren, weil es so ein weites Feld ist.

Die Italiener nennen das Futuristic Ambient Hardcore.

T-Power: Das ist vielleicht ein guter Begriff, ich nenne meine Sachen auch gerne Future, weil Ambient Jungle so wiedersprüchlich ist. Irgendwie stimmt er aber auch, denn Junglebeats sind auf 170, und auf der futuristischen Seite gibt es das gleiche Tempo, nur daß die Beats irgendwie auf halber Geschwindigkeit grooven, so bei 85bpm.

Und es behält immer noch seine ruffe Seite, so ambient es auch sein mag.

T-Power: Ja, aber ich glaube das betrifft hauptsächlich Leute, die nicht so irrsinnig viel Hardcore hören wie wir in London. Denn wenn man das die ganze Zeit hört, dann wird man eher unempfindlich gegenüber den Beats, die gehen einfach durch einen durch, und sie müßen schon extrem manisch sein, bevor sie als ruff wahrgenommen werden. Für mich ist es beruhigend, ich kann damit schlafen.

Man kann zu allem schlafen.

T-Power: Zu Hardtrance besonders. Das klingt prima mit den richtigen Drogen, aber wenn man es sich nüchtern anhört, dann ist es einfach nur langweilig. Der Grund, warum wir soviele Effektwege und Delays benutzen, ist, um den Effekt, den ansonsten Drogen übernehmen, gleich selber zu machen, damit man erst gar nichts mehr nehmen muß. Theoretisch zumindest sollte das funktionieren. Praktisch funktioniert es wohl nur bei einigen.
Das ist auch ein Punkt, der mich an den Raggasachen nervt. Die benutzen den Beat oft so einfach, er läuft einfach durch, wohingegen man in den Ambient- oder Drum-&-Basskreisen kaum noch einen durchgehenden Beat hört, sondern alles zerschnitten ist und der Orginal-Breakbeat kaum rauszuhören ist. Es ist vielleicht schwerer dazu zu tanzen.

Potential Bad Boy zum Beispiel macht in seinem Feld >Jungle, Raggajungle< doch im Grunde das gleiche.

T-Power: Das stimmt schon, er ist nur eher die Ausnahme. Was er macht, ist viel experimenteller als der typische Jungletrack. Das ist auch der Weg den Shy geht. Denn der einfache Weg, in der Szene zu sein, rumzuhängen und Drogen zu nehmen, das läßt einen einfach zu schnell altern. Ich habe dadurch Jahre verloren. Man kann sich die Leute ansehen, die außer Kontrolle geraten - und das ist eine ziemlich starke Tendenz. Sie packen das ganze Wochenende zusammen mit Parties und Drogen, weil sie den Breakdown der Gesellschaft im Nacken haben, weil es nichts anderes zu geben scheint, für das es sich lohnt zu leben. Wenn man das allerdings zur Regel macht, dann spiegelt man die Gesellschaft einfach nur wieder ohne etwas zu ändern oder sich selbst zu entwickeln.

Es gibt diesen riesen Krater von Armut, der vielen nichts weiter zum Leben läßt als Musik. Und das ist auch der Grund, warum Jungle so groß geworden ist. Denn er ist verfügbar für die Jugend, es ist ihr sehr nah, man kann fühlen, daß man es auch selber machen kann. Deshalb ist Techno auch mehr etwas für die intelligenteren Kids, denn jeder von ihnen hat einen Computer, Synthesizer, und man fängt damit heute eher an zu experimentieren und kreativ zu sein. Aber es sind immer noch zu wenige.

Glaubst du, daß deine Musik die Dinge, die in England passieren, wiederspiegelt oder sie in ein anderes Licht setzt?

T-Power: Ich glaube Jungle macht das auf jeden Fall. Meine Musik hat allerdings mehr mit meinen ideologischen Einstellungen dem Leben gegenüber zu tun. Was ich für wahr und falsch halte. Das ist sehr persönlich. Deshalb mag ich auch eher Sounds, in denen man sich verlieren kann. Ich glaube nicht, daß das, was man normalerweise Realität nennt, wirklich real ist. Viele der Komponisten früher waren Philosophen, so blöde das jetzt klingen mag, und sie haben versucht, mit ihrer Musik etwas zu erklären. Man muß so etwas für sich haben, um nicht verrückt zu werden, wenn man es nicht schon längst ist. Aber dann, wer sagt einem, daß nicht alle anderen verrückt sind?

Ich glaube Jungle macht das auf jeden Fall. Meine Musik hat allerdings mehr mit meinen ideologischen Einstellungen dem Leben gegenüber zu tun. Was ich für wahr und falsch halte. Das ist sehr persönlich. Deshalb mag ich auch eher Sounds, in denen man sich verlieren kann. Ich glaube nicht, daß das, was man normalerweise Realität nennt, wirklich real ist.
Viele der Komponisten früher waren Philosophen, so blöde das jetzt klingen mag, und sie haben versucht, mit ihrer Musik etwas zu erklären. Man muß so etwas für sich haben, um nicht verrückt zu werden, wenn man es nicht schon längst ist. Aber dann, wer sagt einem, daß nicht alle anderen verrückt sind?

Das Interview erschien im Dezember 1994 im Frontpage Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt. Thanks to Jürgen Laarmann!
22.11.2017, 02:57 h | 10 Junglists online