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Nicky Blackmarket

Es ist wie mit dem Huhn und dem Ei. Was kam zu erst? Der DJ oder der Track? Wer hat wen beeinflusst: die Musik den DJ, der DJ die Musik?

Wer diese Fragen beantwortet haben will, der findet in Nicky Blackmarket ein ausgezeichnetes Orakel. Denn nicht nur verfügt dieser Mitbesitzer des Londoner Jungle Emporiums, Black Market Records, über einen beneidenswerten Posten in diesem Aussichtsturm auf dem Gipfel der gesamten Bewegung, sondern auch über ein tanzmusikalisches Grundwissen, dass inzwischen fast zwei Jahrzehnte umfasst.

Zwar fällt es manchmal schwer, diesen kleinen, ulkigen Mann, mit seiner teilweise absurden Vorstellung von Jungle und witzboldhaften Art, ernst zu nehmen. Dafür verrät er eine wahnsinnig simplizistische Erklärung seiner Definition des Jungle, gegen den man sich, ähnlich seinem mitreißendem Humor, nur schwer zur Wehr setzen kann:

"Die Musik heutzutage sehe ich als den vollständigen, logischen Verlauf dessen, was bis jetzt alles an Musik geschehen ist. Der Jungle-Faden lässt sich durch alles ziehen. Jedes verschiedene Element ist an der Entwicklung, an diesem Verlauf beteiligt gewesen.
Dabei beziehe ich mich nicht nur auf diese Erscheinungsform, die im Volksmund als Jungle bezeichnet wird. Was auch immer es ist oder genannt wird, ob Breakbeat, Drum'n'Bass oder Jungle, ich nenne es einfach 'Progression'!"

Nicky Blackmarkets Anschauung basiert auf logischen, musikhistorischen Zusammenhängen auf die wohl die wenigsten unter uns zurückblicken können. Seine Leidenschaft für Tanzmusik lässt sich ungefähr zwanzig Jahre zurückverfolgen, als ein junger Nicky seine DJ Karriere zu Zeiten begann, wo eine "Dance"-orientierte Party sich zur Aufgabe stellte, das gesamte Spektrum der Tanzmusik zu feiern.

Die Schlussfolgerung, auf diesem Allgemeinwissen aufbauend, ein Forum für Musik zu etablieren, ließ sich logischerweise in der Eröffnung des Black Market Plattenladens im Londoner Soho realisieren. Als Mitinhaber dieses kleinen Basement-Ladens konnte Nicky Blackmarket den Markt aus einer professionellen Sicht beobachten und mitbestimmen.

Dass also Black Market Records heute weltweit gleich Jungle der höchsten Qualität gesetzt wird, dürfte jedem bekannt sein. Dass aber der Weg dahin nur über einige tanzmusikalische Hürden erreicht werden konnte, zählt eher zu den Geheimnissen des Ladens. Wie Nicky Blackmarket erklärt, kamen die Betreiber zu dem Schluss, Jungle als Schwerpunkt ihres Repertoires zu setzen, erst nachdem Vermarktungsprozesse anderer Kategorien gescheitert waren:

"Als ich vor ca. zehn Jahren mit eingestiegen bin, verkauften wir grundsätzlich alle Sorten von Downbeat Musik: Hip-Hop, Rap, Swingbeat und Soul. Wir mussten aber feststellen, dass Swingbeat u.ä. finanziell nicht lohnenswert waren. Wir setzten unser Vertrauen völlig in Jungle. Seitdem blicken wir nicht mehr zurück. Inzwischen sehen wir wie viele Leute, gerade die Medien, auch auf den Zug aufspringen wollen. Jungle ist aber mehr als nur eine Modeerscheinung; es ist ein Vibe!

Diejenigen, die seit der Stunde 0 dabei sind, werden auch am Ende des Tages da sein: dies sind nämlich die Leute, die Jungle täglich essen, trinken, scheissen und leben. Die machen das nur für sich selbst, für niemanden anders. Wie wir von Black Market, die Vertrauen in die Musik setzten zu Zeiten, wo uns niemand glauben oder hören wollte!"

Soviel Vertrauen, soviel Identifikation mit dieser Musik und dem dazugehörigen Laden beweist Nicky Blackmarket, dass er seinen DJ-Nachnamen dementsprechend taufte. Für Nicky Blackmarket gibt es jetzt auch kein Zurück mehr. Dahin will er auch nicht. Dafür ist alles viel zu weit gekommen. Und seine Persönlichkeit, seine irrwitzige Art, Leute zu unterhalten, seine laute Cockney-Klappe sind alles die reinste Kundgebung seiner Überzeugung von der Essenz von Jungle:

"The whole vibe, the whole thing just makes people go mad. It's like a football match. Once a big bit comes, everyone screams like at a football match!"

Das Interview führte Oli Koehler
20.11.2017, 16:33 h | 9 Junglists online