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Good Looking

Folgendes Interview erschien im Breakbeat Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt. Verfasser des Textes: Gia-Thien Nguyen.    

Die Evolution des Musikgenres, welches die Nomenklatur Drum & Bass trägt, ist bemerkenswert, faszinierend und interessant zugleich. Keine vergleichbare Musikrichtung hat eine derart bewegte Historie. Es scheint so, als würde permanent etwas geschehen, auch wenn diverse selbst titulierte Musikkritiker die Stagnation anprangerten bzw. das Ableben bereits proklamierten.

Glücklicherweise wurden wir eines besseren belehrt. Man sollte bedenken, dass sich innerhalb einer Dekade die Musikform von Happy Hardcore über Jungle bis zu Drum & Bass entwickelt hat. Somit gehört Drum & Bass unwiderruflich zu den innovativsten und kreativsten Erfindungen, welche die Musikwelt je erlebt hat.

An diesem Punkt sollte erwähnt werden, dass einige Koryphäen des Musikgenres die Entwicklungsphasen in besonderem Maße forciert haben. Es waren Labels wie Reinforced, Moving Shadow oder Formation mit ihren Labelgründern wie 4 Hero, Rob Playford oder DJ SS, die dazu beigetragen haben, dass Drum & Bass das heutige Stadium erreicht hat.

In jenen erlesenen Kreis gehört auf jeden Fall Good Looking. LTJ Bukem und seine Mannen haben Drum & Bass in erheblichem Umfang einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Zudem haben sie eindrucksvoll unter Beweis gestellt, dass Drum & Bass durchaus mit dem Mainstream kompatibel ist, ohne aber kommerziell zu sein. Es mag ein Widerspruch in sich sein, trifft aber den Nagel auf den Kopf.

An dem Label Good Looking scheiden sich die Geister. Entweder es wird von den Anhängern abgöttisch geliebt oder von der "Hardcore"-Fraktion abgrundtief gehasst.

Auf der einen Seite bedient sich ein breites Publikum jeden Alters der gesamten musikalischen Bandbreite des Labels, auf der anderen Seite kritisieren zahlreiche sogenannte eingefleischte Drum & Bass Headz die Labelpolitik, weil der Anschein geweckt wird, dass diverse Tonträger wiederveröffentlicht werden, um den Umsatz zu steigern.

Jeder kann über Good Looking und seine zahlreichen Sublabels denken und sagen, was er will. Über eine Tatsache kann man nicht hinwegblicken. Drum & Bass würde ohne Good Looking nicht in dieser Form existieren, wie wir sie heute kennen, schätzen und lieben.

Wer weiß, womöglich führt die starke Polarisierung, die das besagte Label ausgelöst hat, dazu, die permanente Weiterentwicklung am Leben zu erhalten.

Ich habe das große Vergnügen gehabt, mit den Protagonisten persönlich ein Gespräch zu führen, die anlässlich ihres 10.Jubiläums durch Deutschland und Frankreich tourten.


Es ist eine große Ehre für mich, drei so bekannte Künstler der Drum & Bass Szene an einem Ort anzutreffen, was sich aus logistischer Hinsicht schon als sehr problematisch erweist. Ihr spielt in der Drum & Bass Szene eine relevante Rolle und habt führende und dominierende Positionen inne. Wie fühlt es sich an, zu wissen, dass man nach dieser langen Zeit immer noch von der Szene wahrgenommen wird?

Nookie: Ich fühle mich sehr geehrt und in einer gewissen Weise privilegiert. Es ist schön zu sehen, dass Menschen nach so langer Zeit immer noch unsere Musik mögen und hören, besonders wenn man bedenkt, dass viele Künstler kamen und gingen, aber wir sind noch präsent. In den letzten zehn Jahren haben wir die Möglichkeit gehabt, all jenes zu tun, was wir stets geliebt haben. Das ist wirklich ein Privileg.

MC Conrad: Auch für mich ist es eine große Ehre, dass nach diesem langen Zeitraum Menschen an uns glauben und unsere Veranstaltungen besuchen, um unserer Musik zu lauschen. Das ist ein unglaubliches Gefühl.

Seid ihr nach dem Jahrzehnt auf der einen Seite mit der Evolution von Good Looking zufrieden und würdet ihr auf der anderen Seite behaupten, dass ihr euch einen Traum erfüllt habt?

Nookie: Kein Zweifel, ich habe mir stets gewünscht, in der Musikwelt etwas zu bewegen, sei es durch das Auflegen oder Produzieren. Ich bin sehr glücklich über den Umstand, dass ich die Musik zu meinem Beruf machen konnte.

LTJ Bukem: Für mich ist es angenehm zu wissen, dass ich in der Musikindustrie genau das realisieren konnte, was ich an Visionen vor Augen hatte. Niemand konnte mir die Weisung erteilen, welche Musik ich zu veröffentlichen habe. Es gab für mich keine Grenzen.

Apropos Grenzen. Good Looking repräsentiert einen autarken Style im Drum & Bass. Mich würde interessieren, ob das Label seinen Künstlern genügend Spielraum für Experimente gewährt oder ob es Grenzen gibt?

LTJ Bukem: Prinzipiell existieren keinerlei Barrieren. Aber man muss es differenzierter betrachten. Nicht jeder Artist kann seine Produktionen, insbesondere wenn es sich um einen Newcomer handelt, auf irgendeinem Label releasen. Das gilt auch für Good Looking, denn die Tunes müssen in das musikalische Konzept des Labels passen und den Sound und Style repräsentieren.

Nookie: Nach meiner Ansicht müssen sich die Produktionen in die Umwelt des Labels nahtlos einfügen und dementsprechend werden sie von den A&Rs ausgewählt.

LTJ Bukem: Es gibt einige Kompilationen, bei denen ich die Trackselection maßgeblich mitgestaltet habe. So gesehen gibt es an dieser Stelle Grenzen, denn ich entscheide, welcher Artist bzw. welche Produktion sich auf der Kompilation wiederfindet.

Nookie, für mich persönlich ist dein erstes Album auf Good Looking ein musikalischer Hochgenuss. Würdest du sagen, dass dein Sound in naher Zukunft eine dominierende Rolle im Drum & Bass einnehmen wird? Momentan ist es auffällig, dass die Produzenten in ihren Werken intensiver musikalische Elemente mit einfließen lassen.

Nookie: Auf jeden Fall. Ich denke, dass sogar in den letzten drei Jahren sehr häufig Elemente im Drum & Bass verwendet wurden, die nicht nach Musik klangen, sondern eher Krach darstellten. Heutzutage hört man, dass der Einsatz von musikalischen Elementen intensiviert wird. Es ist die Renaissance des Jazz, Funk und der Vocals.

Auf meinem Longplayer habe ich alle meine Vorstellungen über Drum & Bass in die Tat umgesetzt. Es war schon immer mein Sound und Style, welchen ich auf dem Album fortgeführt habe. Wenn ich in der Lage wäre, die Zukunft vorauszusagen, welcher Sound und Style dominierend in der Musik werden würde, dann wären wir jetzt alle reiche Menschen.

Wie kam es eigentlich, dass du zwei House Tracks (Anm.: nur auf der CD-Version erhältlich) für dein Album produziert hast?

Nookie: Für mich ist es wichtig zu zeigen, dass ich nicht in eine bestimmte Sparte zu kategorisieren bin. Man sollte mich nicht nur als Drum & Bass Produzent ansehen, denn ich höre auch House, HipHop und viele andere Musiksparten. Deshalb wollte ich mir einen Freiraum für Experimente lassen und so entstand der Housetune.

LTJ Bukem: (lachend) Da wären wir wieder bei den Grenzen. Siehst du, es gibt keine Grenzen.

Was können wir in Kürze neben deinem Longplayer erwarten?

Nookie: Ich werde in Zukunft verstärkt mit einer Vielzahl von unterschiedlichen Musikrichtungen experimentieren. Sicherlich werden mehr Downtempo und House Produktionen folgen. Es sind zahlreiche Tracks in der Pipeline. Diese Freiheiten gewährt mir das Label Good Looking.

Kommen wir nun zu den angesprochenen Downtempotracks. Danny, ich habe in den letzten Wochen und Monaten zahlreiche Tonträger, die auf Cookin' erschienen sind, zur Bemusterung erhalten. Sind aktuell gesehen Rare Grooves und Nu Jazz Fusion der erfolgreichste Sound auf Good Looking?

    LTJ Bukem: Ich bin mir da nicht so sicher. Um das Label Cookin' Records auf die Beine zu stellen, wurden fünf Jahre in Anspruch genommen. Es war keine leichte Geburt.

Für mich persönlich sind meine anvisierten Ziele beim besagten Label noch lange nicht erreicht, denn es entwickelt sich permanent weiter und diverse Strukturen müssen noch geschaffen werden.

Ein Schritt in die richtige Richtung ist beispielsweise die letzte "Earth 5"-Compilation gewesen. In absehbarer Zeit wollen wir Alben mit dieser Musikrichtung, aber von nur einem Künstler veröffentlichen, so dass die jeweiligen Artists mehr Gestaltungsmöglichkeiten haben.

In diesem Zusammenhang wäre es interessant zu erfahren, ob du noch den Überblick über all die Sublabels (Anm.: z.B. Cookin', Earth, Looking Good etc.) bei Good Looking besitzt?

LTJ Bukem: Um Gottes Willen, wo soll ich bloß die Zeit hernehmen, um mich um alle Labels zu kümmern. Dafür sind meine Mitarbeiter im jeweiligen Office verantwortlich.

Sie wählen die geeigneten Produktionen aus, sie suchen nach talentierten Artists und kümmern sich auch um die Betreuung der Besagten. Sicherlich besitze ich noch die Kontrolle und den Überblick über das Label, aber zum Glück weiß ich kompetente Leute um mich. Zur Zeit konzentriere ich mich halt auf meine Gigs und Studioarbeit, so wurden die Prioritäten festgelegt.

Conrad, du verfügst über eine warme und einzigartige Stimme. Kannst du dir vorstellen, beispielsweise mit Produzenten aus dem R'n'B bzw. Soul Sektor zusammenzuarbeiten?

MC Conrad: Es bestehen generell Möglichkeiten, sich mit anderen Künstlern zusammenzuschließen. Ich halte mir stets Optionen offen, mich mit all jenen Artists, die sich in einem Genre tummeln, welches ich persönlich höre und zu schätzen weiß, musikalisch zu verbinden.

Ich versuche, neue Formate zu finden, wobei ich den Crossover bevorzuge, d.h. ich sehe mich in erster Linie als Vocalist, der sich mit der Stimme mit Drum & Bass, Soul, Jazz oder Hip Hop verbindet.

Mit welchen Augen betrachtest du die heutige MC Szene?

MC Conrad: Bei den Parties sehe ich mich selbst als MC, der die Crowd rocken und fesseln möchte. Ansonsten finde ich es gut, dass es in der Szene viele unterschiedliche Styles gibt, was für den Variantenreichtum der MCs spricht.

Wie sieht der aktuelle Sachstand deines Projektes Words 2 B Heard aus?

MC Conrad: Es läuft gut momentan. Demnächst wird ein Album erscheinen, auf welchem ich als Vocalist im Vordergrund stehen werde. Ich bin viele Kollaborationen eingegangen und ihr könnt gespannt sein, wie sich das Ergebnis anhören wird.

Okay, ich bin mir der Tatsache bewusst, dass ihr terminlich eng gebunden seid. Habt ihr noch einige Shout Outs an unsere Leser?

LTJ Bukem: Danke fürs Zuhören!

Nookie: Don't believe the hype.

MC Conrad: Egal, was du auch tust, ob du Produzent, DJ oder MC bist, bleib immer du selbst.

Danke, dass ihr die Zeit für das Interview gefunden habt.

Thanks to GTN!
22.11.2017, 21:03 h | 7 Junglists online