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Doc Scott

Folgendes Interview erschien in Breakbeat Ausgabe 22 und wurde future-music.net freundlicher Weise exklusiv zur Verfügung gestellt.    

Doc Scott, ein Pionier der Drum & Bass Community, oft betitelt als "King of the Roller" oder als womöglich "besten DJ auf dem Circuit", Gründer und Chef des berühmt berüchtigten Labels 31 Records, ist aus der hiesigen Welt des Breakbeats nicht wegzudenken.

Sein Label 31 Records besticht nicht gerade durch einen kontinuierlichen Output, wenn man bedenkt, dass seit dem ersten Release im Jahre 1994 unter seinem Synonym Octave One ("Technology/Chillin'") bis heute gerade 15 Singles veröffentlicht wurden. Aber gerade die Auswahl der Produzenten, wie zum Beispiel Optical, Marcus Intalex, Total Science, Digital, Dom & Roland u.a., und ihrer Produktionen beweist, dass Doc Scott ein glückliches Händchen, sprich liquid fingers, besitzt.

Bei den Drum & Bass Fans ist in besonderem Maße sein massiver Erfolgstrack (erschienen unter seinem Pseudonym Nasty Habits) "Shadowboxing" (31R002) in Erinnerung geblieben. Besonders dieser Tune ebnete den Trend zum Drum & Bass "der dunklen Seite" und inspirierte Künstler wie Ed Rush, Nico, Fierce oder Trace vom No-U-Turn Camp.

Nicht zu vergessen, ist der erste offizielle Release auf dem legendären Label Metalheadz. Zusammen mit Rufige Kru (Goldie) wurde eine Single auf den Markt geworfen, welche die damalige elektronische Musikwelt revolutionieren sollte. Die Tracks "Drumz VIP" und "Riders Ghost" gehören unwiderruflich zu den essentiellsten Produktionen der Breakbeat Nation.

Weitere Auftragsarbeiten für Metalheadz folgten. Auf der ersten Metalheadz Compilation "Platinum Breakz I" lieferte er mit "Unofficial Ghost" einen beachtlichen Beitrag und für zwei weitere Singles auf Metalheadz zeichnete er auch verantwortlich.

Auf anderen renommierten Labels, wie Good Looking, Reinforced und Absolute 2 offenbarte er uns mit seinen Produktionen, welche musikalischen Gedanken in seinen Hemnisphären schwirren.

Nach einer intensiveren Ruhephase hat uns Doc Scott mit der Debütsingle von Marcus Intalex und ST Files "How You Make Me Feel" in unbekannte Sphären katapultiert. Ein neuer Trend wurde eingeläutet, wobei er sich glücklich schätzen kann, dass er Marcus Intalex und ST Files für 31 Records gewinnen konnte, denn auch Fabio wollte den Track unbedingt auf seinem Imprint Creative Source veröffentlichen.

Die Zeit für einen neuen Stil ist mehr als reif gewesen. Melodiöse Klangflächen und eine gehörige Portion Soul gespickt mit einer Brise House wurden, verstärkt mit Drum & Bass Rhythmen, fusioniert. Nach diesem monumentalen Erfolg ist 31 Records nicht mehr aufzuhalten gewesen.

Mit Digitals "Deadline" wurde einer der besten Tracks des letzten Jahres auf den Markt gebracht und ist zu einem der meistgespielten Tunes geworden. Weitere beachtliche Hits von Total Science, Marcus Intalex & ST Files und ein Remix von Goldie sind veröffentlicht worden und es ist kein Ende abzusehen.

Ein vorprogrammierter Erfolg wird sicherlich Klutes Werk "Song Seller" sein und ich gehe mal davon aus, dass auch der Triumphzug bei der geplanten EP mit Remixen von Bad Company, Ed Rush & Optical, Dillinja und Total Science nicht aufzuhalten sein wird.

Außerdem in Planung stehen Releases von Ed Rush & Optical, Photek, Bad Company u.a. Auch der Labelchef höchstpersönlich wird in das Geschehen eingreifen und wird uns, hoffentlich in absehbarer Zeit, mit dem langerwarteten Longplayer beglücken.

Du spielst seit einer geraumen Zeit eine dominante Rolle in der aktuellen Drum & Bass Szene. Kannst du unseren Lesern beschreiben, was Drum & Bass dir im generellen Sinne bedeutet? Gibt es etwas Essentielles, was dir Drum & Bass persönlich schenkt?

Doc Scott: Auf jeden Fall. Drum & Bass erlaubt mir, mich in bestimmten Bereichen meines Lebens auf eine gewisse Art und Weise zu entwickeln. Es konserviert all jene Gefühle, die ich in jungen Jahren durchlebt habe. Ich verspüre immer noch die enorme Leidenschaft zur Musik und auch die Begeisterungsfähigkeit ist bei mir noch nicht verloren gegangen. Man kann sagen, dass ich in Drum & Bass etwas gefunden habe, was mir sehr viel Spaß bereitet und mich jung hält.

Das würde implizieren, dass für dich Drum & Bass, ähnlich wie im HipHop, eine Form von Kultur, womöglich auch eine Lebensphilosophie ist?

Doc Scott: Das ist nicht einfach zu beschreiben. Es ist ja eigentlich nicht geplant gewesen, dass Drum & Bass einen so relevanten Platz in meinem Leben einnehmen würde. Aber im Laufe der Zeit hat sich herausgestellt, dass die Musik eine bedeutende Rolle in meinem Leben eingenommen hat. Ja, es ist zu etwas ganz Besonderem geworden.

Welche anderen Musikgenres beeinflussen dich? Wo findest du deine Inspiration?

Doc Scott: Wenn ich auf Reisen oder mit dem Auto unterwegs bin, höre ich sehr selten Drum & Bass. Statt dessen läuft HipHop, Techno, Progressive House, Trance, im Prinzip jede Form von Musik. Auch Klassik, Rock, Filmmusik gehört dazu.

Ich würde sagen, dass Musik in jeder erdenklichen Konstitution mich inspiriert. Beispielsweise realisiere ich beim Fernsehgucken alle Geräusche und Klänge, die sich mir akustisch offenbaren. Um es auf einen Punkt zu bringen, jede Musikquelle dient für mich als Eingebung.

Heutzutage kann man in den meisten Produktionen die Verwendung von unterschiedlichsten Musikelementen wahrnehmen, sei es Jazz, Funk, House, Disco, Trance, Techno, Ragga, Old School etc. Kannst du uns dieses Phänomen, warum Drum & Bass mit unendlich vielen Musikstilen kompatibel ist, veranschaulichen?

Doc Scott: Ich denke, dass ist einer der entscheidenden Faktoren, was Drum & Bass auszeichnet und zu dem macht, was es ist. Es eröffnet uns mannigfaltige Entfaltungs- und Gestaltungsmöglichkeiten, d.h. der Produzent kann Jazzelemente oder Old School Sounds mit Drum & Bass vermengen und auf der anderen Seite kann der DJ entscheiden, ob er Tunes mit Vocals spielt.

Das ist der Grund, warum das Musikgenre ein riesiges Potenzial besitzt, bei so vielen heterogenen Musikvorstellungen auf Gegenliebe zu stoßen.

Was ist deiner Ansicht nach der innovativste Sound im laufenden Jahr?

Doc Scott: Im letzten Jahr war der Trend, alte Sounds aus vergangenen Hardcore Zeiten zu verwenden. Es war ein Old School Revival, aber ich bin der Meinung, dass dieser Style seinen Zenit bereits erreicht hat. Ich persönlich fand es gut, dass vergangene Klänge recyclet wurden, aber es gibt kaum Sounds, die man noch verwenden könnte.

Deshalb ist es kein Wunder, dass viele Produktionen zur Zeit monoton und alles andere als kreativ klingen. Momentan sehe ich Tendenzen zu technoiden Stilelementen und eine intensivere Nutzung von Synthesizern. Der Drang eigene Sounds zu kreieren wird stärker, was man bei Klute sehr gut sehen und hören kann.

Für mich produziert er im Moment den innovativsten Drum & Bass. Jeder Produzent wird seine Zeit bekommen, bei der sein Sound zu den treibenden Kräften der Szene zählen wird und jetzt ist definitiv Klutes Zeit.

Seine Tracks werden die Crowd sicherlich nicht immer rocken, aber er verwendet Zutaten, die Drum & Bass auszeichnen, so dass das Ergebnis vor Kreativität und Innovation nur so strotzt.

Kannst du dir vorstellen, dass eine Zeit kommen wird, bei der die Drum & Bass Protagonisten an ihre Grenzen stoßen werden, weil bereits so viele differierenden Musikstile mit Drum & Bass kombiniert wurden, so dass ihre Konsequenz sein wird, ihr Glück in anderen Musikgenres, wie House oder HipHop zu versuchen?

Doc Scott: Ich gehe sogar davon aus, dass jeder Produzent diese Phase durchmachen muss, um permanent seine Ziele forcieren zu können und motiviert zu bleiben. Ich denke nicht dass, nur weil jemand HipHop oder House produziert, er seine Wurzeln zu Drum & Bass verlieren oder verleugnen wird.

Auch ich experimentiere mit verschiedenen Tempi, d.h. ich möchte gerne HipHop und Progressive House produzieren. Es hilft mir sogar, Grenzen neu zu definieren und neue Wege zu finden.

Ein gutes Exempel stellt Adam F dar. Er kommt vom Drum & Bass und hat versucht, neue Pfade im HipHop einzuschlagen und es hat sich ausgezahlt. Seine Produktionsweise und sein Blickwinkel unterscheiden sich grundlegend von den etablierten Produzenten, so dass es kein Wunder ist, dass viele namhafte Künstler auf seinen Sound total abfahren.

Ich mag es auch nicht, wenn man versucht, die Produzenten in eine spezifische Schublade zu kategorisieren. Beispielsweise wurde DJ Zinc zu Unrecht für seine aktuelle Arbeit kritisiert. Ich meine, bestehen denn Regeln in der Dancemusic, dass man nur in eine Richtung produzieren darf?

Viele Kritiker verkennen die Chancen, die sich durch neue Wege ergeben, denn andere Produzenten können von Neuerungen profitieren. Sie selbst werden animiert, neue Sounds herzustellen oder werden inspiriert.

Du legst in vielen Teilen dieser Erde auf? Was sind die grundlegendsten Unterschiede, die du wahrgenommen hast, im Vergleich zur Szene in England?

Doc Scott: Gegenwärtig bevorzuge ich es im Ausland aufzulegen, insbesondere in Tokio, Boston und auch in deutschen Städten. Ich habe bemerkt, dass die Partygänger in Europa, Amerika oder Asien die Events viel intensiver und emotionaler ausleben.

Das Problem in England ist, dass man mit Drum & Bass von Montag bis Sonntag konfrontiert wird und der Großteil von der Musik gesättigt ist, aber woanders ist die Crowd hungriger. Das liegt unter anderem an der Tatsache, dass einmal im Monat ein internationaler DJ spielt, so dass die Besucher dem jeweiligen DJ viel offener gegenüber stehen.

Bevorzugst du einen Rave oder eher einen Club?

Doc Scott: Ohne Frage würde ich lieber in einem Club spielen. Nach meiner Ansicht war der Klimax der Raves zwischen 1990-94. Die heutigen Veranstaltungen sind nur armselige Plagiate der guten alten Zeit. Außerdem suche ich die Nähe zum Publikum denn ich mag es nicht, auf einem riesigen Stage aufzulegen, wo die Crowd von mir distanziert ist.

Kommen wir zu einem anderen Thema. Hast du ungefähre Vorstellungen, wo Drum & Bass sich in den nächsten 5 Jahren hinbewegen wird?

Doc Scott: Ich hoffe, dass Drum & Bass einen stärkeren Zugang zu Filmsoundtracks finden wird. Mir ist aufgefallen, egal in welchem Land, dass im Hintergrund von Werbungen sehr häufig Drum & Bass oder Jungle Jingles gespielt werden. Ich kann mir zu bestimmten Filmszenen eine Untermalung mit Drum & Bass Musik sehr gut vorstellen, um die Atmosphäre und Spannung zu verstärken. Das sind meine Vorstellungen, wo Drum & Bass in 5 Jahren sein könnte.

In diesem Kontext; was wird sich bei deinem Label 31 Records in diesem Zeitraum bewegen?

Doc Scott: Zunächst kommt in absehbarer Zeit eine EP mit vier Tracks von mir. Meine letzte EP ist schon eine Ewigkeit her. Außerdem konzentriere ich mich auf den langersehnten Longplayer.

Darüber hinaus werden aufstrebende und talentierte Produzenten wie Accidental Heroes und Invaderz Singles auf 31 veröffentlichen.

Da ich ein Studio in meinem Haus aufgebaut habe, versuche ich zukünftig auch in größerem Umfang Kollaborationen einzugehen, wie zum Beispiel mit Klute und Marcus Intalex.

Ein weiteres Projekt, was ich forciere, ist eine Zusammenstellung von Drum & Bass aus aller Welt. Zwar befindet sich die englische Drum & Bass Szene in einem gesunden Zustand, aber Drum & Bass muss man global sehen.

Es ist sehr interessant zu beobachten, wie sich die Szene in den jeweiligen Ländern entwickelt.

Aber bitte habe Geduld und gewähre uns und all den anderen Produzenten Zeit, um sich zu entwickeln.

Doc Scott: Es ist gut, dass du diesen Punkt ansprichst. Auf meinen Reisen wurde ich mit interessanten und vielversprechenden Produktionen konfrontiert, aber bei der Mehrheit fehlte mir das gewisse Etwas. Ich kann nicht einmal sagen, was gefehlt hat, aber rein intuitiv war ich der Meinung, dass das I-Tüpfelchen nicht vorhanden war.

Es tut mir auch für die betreffenden Personen leid, dass ich es ihnen nicht mit Worten beschreiben konnte. Trotz allem denke ich, dass sich durch das Medium Internet zum Beispiel produktionstechnische Probleme leichter lösen lassen. Der Drum & Bass Mikrokosmos ist durch das Internet zu einer Einheit geworden. Es werden auf schnellem Wege neue Erkenntnisse ausgetauscht, wie bestimmte Sounds erzeugt werden können usw. und ich hoffe, dass durch diese Möglichkeiten mehr Menschen animiert werden, Musik zu machen.

Ein gutes Schlusswort und danke für das Interview.

Text: Gia-Thien Nguyen
Das Interview erschien in Breakbeat Ausgabe 22 und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.
21.11.2017, 05:35 h | 7 Junglists online