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Minimal vs Dubstep - Roundtable mit Mark Ernestus, Shackleton, Kode9 & DJ Pinch


Passend zum Feature Minimal vs Dubstep "Der große Rundumschlag" gibts hier nun das Roundtable-Interview mit Shackleton, Pole, Kode9, Orson, DJ Pinc, Mark Ernestus, Olaf/Tandem und Kevin Martin. Vorab einige Infos zu den Gesprächsteilnehmern...

Die Teilnehmer des Roundtable


» Mark Ernestus

Inhaber des Hardwax-Plattenladens, Labelbetreiber und eine Hälfte der Berliner Dub-Techno-Legende Basic Channel., aus der später nicht weniger legendäre Projekte wie Maurizio, Mainstreet und Rhythm & Sound hervor gegangen sind.

» Pole

Berliner Musiker, ursprünglich auch aus dem Hardwax-Umfeld stammend, der (vor allem auf seinen frühen) auf seinen Platten die Schnittstellen von Dub, Techno und Elektronika maßgeblich mit neu ausgelotet hat. Betreibt das Label Scape.

» Shackleton

Londoner Produzent, dessen auf Tablas konzentrierte perkussive Dubstep-Variante im letzten Jahr für viel Wirbel gesorgt hat. Sein "Blood On My Hands" war für viele der erste Dubstep-Track, der im Minimal-Techno-Kosmos wahrgenommen und gespielt wurde.

» Kode9

Betreiber von Hyperdub, dem Londoner Label, das mit Burials 06er Album, die genreübergreifende Konsens-Platte veröffentlicht hat. Sein eigenes Album "Memories From The Future" kam kurze Zeit später raus und fusionierte nicht weniger geschickt Dub, Techno und HipHop zu einem ganz eigenen Sound.

» DJ Pinch

Dubstep-Produzent aus Bristol, der auf Labeln wie Tectonic und Planet Mu veröffentlicht. Vertrat die Dubstep-Posse in Mary Anne Hobbs BBC Radiosendung, in der es um die kreativen Überschneidungen von Minimal-Techno und Dubstep ging (Ricardo Villalobos war für die Minimal-Fraktion am Start).

» Kevin Martin

Grindcore und Industrial-Veteran aus London, der sich die Brachialität seines Vorgängerprojektes Techno Animal auch als The Bug, seinem neuen, sich an elektronischem Dub ab arbeitenden Projekt erhalten hat.

» Olaf/Tandem

Veranstalter der Kölner Dubstep-Partyreihe "No Partial", bei der unter anderen Szenegrößen wie Scuba und Shackleton aufgetreten sind.

» Orson Sieverding

Freier Journalist und Dubstep-Begeisterter der ersten Generation. Kommt wie auch Olaf/Tandem aus Deutschlands schönster Domstadt.

Zufall

Shackleton, du bist ja inzwischen so eine Art Held an der Schnittstelle von Dubstep und Minimal Techno geworden. Wie findest du das?

Shackleton: Das verwundert mich immer wieder. Bis Ricardo Villalobos einen Remix von meinem Stück "Blood On My Hands" gemacht hat, wusste ich nicht mal, was Minimal Techno ist. Jetzt werde ich auf Techno-Raves eingeladen, wo mich das Publikum manchmal beschimpft. Im Grunde genommen ist es lächerlich, weil ich mich nicht einmal dem Dubstep zugehörig fühle. Wie kann ich dann diese beiden Dinge zusammenführen?

Pole: Dubstep und Techno haben erstmal vom Grundansatz nicht so viel gemeinsam. Dass die beiden nun zusammenkommen, ist eher ein zufälliges Nebenprodukt.

Kode9: Techno ist nur ein weiteres Element im Schmelztiegel der Musikhistorie im Allgemeinen und von Dubstep im Speziellen.

Hast du nicht sogar den Begriff Technostep in die Runde geworfen?

Kode9: Nein, das war ein Missverständnis aus einem Interview, das ich vorm Sonar Festival gegeben habe. Technostep ist ein bescheuerter Begriff, fast so schlecht wie Dubstep, haha. Aber doch, es gibt gerade einige interesssante Überlagerungen der Sounds.

Wer ist an dieser Schnittstelle besonders aktiv?

Orson Sieverding: Skream fällt mir als erstes ein. Natürlich "Midnight Request Line", das ja auch in Techno-Sets auftaucht, und seine Remixe für Marc Ashken. Kode9 muss man natürlich immer auf dem Plan haben, außerdem Pinch, Timeblind und D1.

Kode9: Mala hat einige Tracks gemacht, die definitiv von Deep House und Techno beeinflusst sind: "Bury Da Bwoy", "Left Leg Out", "Lean Forward" und "Unexpected".

Olaf/Tandem: Man sagt ja sogar, "Neverland" von den Digital Mystikz sei das "Strings Of Life" des Dubstep. Demnach wäre N-Type vom DJ-Stil her Jeff Mills, wenn er 38 Tracks in einer Stunde ineinander cuttet. Sonst gibt es noch Andy Stott auf Modern Love, der das Feld eher von der anderen Seite her aufrollt.

Pole: Martyn gehört mit dazu. "Broken" z. B. ist relativ technoid produziert, aber eher von so einer Haltung her: Ich möchte tanzbar sein und trotzdem einen komischeren Beat benutzen als den four-to-the-floor.

DJ Pinch: Einer der beiden Hauptgestalten an dieser Schnittstelle ist für mich 2562 aus Utrecht. In Tracks wie "Channel Two" verschränken sich Techno-Texturen und Dubstep-Rhythmen völlig mühelos zu einer perfekten Mischung für den Dancefloor. Die andere ist Peverelist aus Bristol, wichtige Tracks sind "Erstwhile Rhythm/The Grind" und "Roll With The Punches". Ich würde sagen, 2562 hat einen starken Basic-Channel-Einschlag, Peverelist tendiert eher zu Underground Resistance.

Du hast im April ein Set in der Radio-Show von Mary Anne Hobbs gespielt, das sich der Verbindung von Dubstep und Techno gewidmet hat. Wie bist du vorgegangen?

DJ Pinch: Mein Ansatz war, die Annäherung der beiden Sounds von einem Dubstep-Winkel aus anzugehen. Ich wollte aber der offensichtlichen Versuchung widerstehen, Maurizio-Tracks mit Dubstep zu mixen. Mit Peverelist, Headhunter, Atki2, Appleblim und mir habe ich den Bristol-Vibe repräsentiert. Dazu kamen einige Londoner Producer mit der Offenheit und dem Ohr für deepe Produktionen wie Skream, Mala, Cyrus und sein Random Trio.

Sound

Wie hört sich das an, wenn Dubstep mit Techno zusammengeht?

Kode9: Keiner der Tracks von Mala verwendet eine straighte Kick, aber sie alle haben viel Swing und interessante Drum Patterns. Für meinen Track "Magnetic City" habe ich ein Dancehall-Drum-Pattern benutzt. Ich war nie daran interessiert, die gerade Bassdrum zu verwenden. Ich denke, Dubstep folgt eher der Synkopierung von UK Garage und 2Step, die straighte Kick wird eher angedeutet als ausproduziert. Mein Remix von Badawis "Den Of Drumz" spielt mit einem four-to-the-floor im Intro herum, gibt sich dem aber nicht hin. Shackleton und Peverelist arbeiten auch um den 4/4er herum, ohne ihn tatsächlich zu verwenden. Ich denke, es ist wichtig für Dubstep, nicht dem dominanten Rhythmus von Techno zu verfallen. Es gibt schon viel zu viele Musik mit einem straighten Beat auf der Welt.

Shackleton, du hast gerade auch eine 12-Inch auf dem Minimal-Label Crosstown Rebels herausgebracht. Planst du, in die Technowelt zu expandieren?

Shackleton: Nee, das war eher eine einmalige Geschichte. Ich hatte noch Neubearbeitungen von meiner Lieblings-Industrial-Post-Punk-Band Savage Republic auf Lager und wusste nicht, wohin damit. Da bot sich Crosstown an. Der Track ist 120 bpm schnell und hat sogar eine straighte Bassdrum, aber es ist ganz sicher kein House. Ich weiß nicht, was es ist - mit all der verrückten Percussion drin...

Pole: Bei Shackleton finde ich interessant, dass es nicht diese typischen Betonungen auf die Zählzeiten 2 und 4 gibt, oder die im Dubstep dominante Snare auf der 3. In seinen Stücken ist das Taktmaß durch die Percussions lose gehalten.

Orson Sieverding: Techno ist für mich nicht an four-to-the-floor gebunden. Die Überschneidung von Techno und Dubstep findet ja auch in den Arrangements statt. Kode9 und Mala z. B. haben sich von dieser One-Drop-Ästhetik verabschiedet: 16 Takte Intro, dann die Bassline, dann der Beat. Bei Kode9 schiebt und shiftet das ohne Anfang und Ende.Wie im Techno sind alle Elemente mehr oder weniger gleich da. Indem sie verschwinden und wiederkommen, mit Effekten und Delays versehen, entwickeln sie ein Eigenleben.

Minimal / Dub

Strukturell gibt es ja noch weitere Gemeinsamkeiten. Ricardo Villalobos hat in der letzten "Groove" gesagt, dass Dubstep für ihn "die Versöhnung von Drum'n'Bass und House Music" sei. Darin schwingt mit, dass Dubstep eine Minimal-Musik ist. Was bedeutet Minimal im Dubstep-Kontext?

DJ Pinch: Minimal meint stripped down beats, der Weniger-ist-mehr-Ansatz. Nur das Wesentliche schafft es in den Endmix.

Olaf/Tandem: Ich komme eigentlich aus einem Minimal-Techno-Hintergrund, und das Reduzierte hat mich seinerzeit auch an Dubstep gereizt. Minimal in Bezug auf die Sounds, die pro Zeiteinheit verwendet werden.

Kode9: Wie in jedem Dance-Genre ist "minimal" auch hier oft nur eine höfliche Art, "langweilig" zu sagen. Es gibt vielen minimalen, starren und ermüdenden Dubstep. Damit ein minimaler Sound wirklich funktioniert, muss der Swing und der Groove stimmen - selbst wenn sie nur virtuell vorhanden sind.

Pole: Im Dubstep kommt für mich ein Minimalismus zum Vorschein, der den Begriff auch wieder tatsächlich verdient. Im Techno ist heute ja ein Ansatz verbreitet, der sich zwar Minimal nennt, aber doch eher simpel ist. Da ruht man sich auf einer Idee aus, bis es nur noch monoton ist. Einige Produzenten im Dubstep aber bekommen es hin, reduziert zu sein und dabei eine extrem hohe Musikalität an den Tag zu legen. Das war auch mal im Techno nicht anders. Techno ist ja der Versuch, mit möglichst wenig Mitteln eine funktionale Musik auf die Tanzfläche zu bringen, die wirklich hypnotisierend ist und einen in den Bann zieht. Das Gleiche versucht Dubstep über Dub-Elemente.

Lasst uns mal ein paar Schritte zurückgehen. Wo seht ihr gemeinsame historische Wurzeln?

Orson Sieverding: Die Konzentration auf das Wesentliche, nämlich Drum und Bass, kommt aus dem Dub.

Kode9: Historisch wie auch methodisch liegt Dub im Kern von allen Formen von Dance Music und HipHop: Selektion, Remix, die Reduktion auf Bass, Effekte und manipulierte Vocals.

DJ Pinch: Die Dub-Pioniere King Tubby und Lee Perry haben zum ersten mal mit Reverbs und Delays experimentiert, um einen Klangraum zu schaffen, der sich für basslastige, rhythmische Wiederholungen eignet.

Mark Ernestus: Mal abgesehen von stilistischen oder produktionstechnischen Gemeinsamkeiten ist Dub für mich nicht Pop und nicht Kunst, unprätentiös und nicht nach Erfolg schielend - dabei experimentierfreudig, aber immer realitätsbezogen. Und das nehme ich zur Zeit bei Dubstep auch so ähnlich wahr. Aber das gilt wohl für jedes Genre, während es eine inspirierte Phase durchläuft. Eine Geistesverwandtschaft zwischen Dubstep, "frühem" Techno / House und 70er / 80er / 90er Jahre Dub sehe ich außerdem in der Reduktion auf das Eigentliche. Auch in der Art, wie man Sachen herausbringt: die Vinyl-Affinität mit allem, was da markt-technisch und anderweitig dran hängt - obwohl das bei jamaikanischem Dub zu der Zeit natürlich notwendig und keine bewusste Entscheidung war. Oder zum Beispiel auch diese Sichtweise, dass niemand Gesichter braucht.

Und wie passt da Techno rein?

Kode9: Das "Hardcore Continuum" - aus dem Dubstep hervorgegangen ist - tauchte auf, als Acid House und die jamaikanische Sound System Kultur in den späten Achtzigern in UK kollidierten. Ansonsten tue ich mich schwer damit, generell über Techno zu sprechen, da es wie HipHop ein so monolithisches Genre ist, das es nun schon so lange gibt. Dabei gibt es zu viel, das für mich gleich klingt. Nur einige Technosachen interessieren mich: ältere Farben-Tracks oder Villalobos mit ihren abgedreht swingenden Synkopierungen, von Subbass angetriebene Maurizio-Tracks oder die verschnörkelten Synths bei Drexciya.

Orson Sieverding: Ich stehe auch auf die ganzen Trax-Platten, diesen Drum-Machine-Funk aus Chicago. Adonis, DJ Pierre oder Virgo haben ihre B-Seiten ja auch Dub Mixes genannt, weil die wussten, aus welcher Tradition heraus sie operieren. Ich glaube, es ist ein Anliegen jeder Generation das neu zu formulieren.

Kevin Martin: Wenn wir mal ehrlich sind, hat Reggae schon Techno gemacht, als es noch gar keinen Techno gab. In gewisser Weise ist der Steppers-Riddim ein Techno-Rhythmus. Der Steppers kommt in Variationen im klassischen Dub und später im Digi Dub vor. Schon in den Siebzigern hat King Tubby elektronische Sequenzen eines four-to-the-floor-Rhythmus' benutzt. Techno steht in der Tradition von Reggae. Und wenn Dubstep als eine Art Hybrid Technologie und Reggae-Themen verarbeitet, ist es nur logisch, dass die beiden zusammen kommen.

Deine "Night Steppa"-Version von The Bug kann heute als einer der jüngeren Vorläufer der Dubstep-Techno-Achse gesehen werden. War das 2003 deine Art, Techno zu machen?

Kevin Martin: Ich verwende ja nun schon seit einer Weile Dub als Katalysator, um den Einschlag eines Sound Systems zu maximieren. Mit Techno hingegen habe ich nie viel am Hut gehabt - außer dass ich ein paar Produzenten sehr schätze. Aber als Genre war das four-to-the-floor-Gestampfe nie mein Ding. Doch ich habe immer viel Freude an der Überschneidung von Dub und Techno gehabt, die Rhythm & Sound in gewisser Weise als Pioniere begründet haben und die von Deepchord und Echospace fortgeführt wird.

Steppaz with attitude

Kommen wir dann zur offensichtlichsten Verbindung: Welche Rolle spielt die Berliner Dubtechno-Schule?

DJ Pinch: Nun, ich bin ein weiterer Maurizio-Fan, und im Universum von Rhythm & Sound fühle ich mich sehr wohl.

Olaf/Tandem: Als wir im Frühjahr auf der zweijährigen Geburtstagsparty von DMZ in London waren, hat Mala sein Set mit einem Stück von Rhythm & Sound eröffnet.

Pole: Bei Burial und Kode9 habe ich sofort eine Geistesverwandtschaft zur Dub Elektronik der Mitt-/Endneunziger entdeckt. Da höre ich komische Rhythmusverschiebungen und Zählzeiten, bei denen es sehr experimentell wird. Spannend wurde Dubstep für mich, als es ein paar Ausreißer gab, die das mit Sachen kombiniert haben, die im Berliner Dubtechno ausgespart wurden. Seien es indische Elemente oder afrikanische Percussions. Shackleton ist eines der besten Beispiele dafür, wie man Tablas und Percussion in Dubstep-Tracks einbaut.

Kode9: Ich war mir bewusst, dass es Basic Channel gab, höre das aber erst wirlich seit etwa einem Jahr. Von daher war der Einfluss auf meine Produktionen nicht so groß. Rhythm & Sound dagegen kenne ich schon viele Jahre. Erst neulich habe ich eine ihrer Reggae Sessions im Plastic People in London gesehen, wo ein sehr intensiver Sound herrscht. Es hat mich wirklich beeindruckt, wie viel tiefer ihre Bässe und ihr Kick waren. Ich habe mit ihnen im Fabric und auf der Mutek in Montreal gespielt, die Sets mit Tikiman waren fantastisch: ein sehr spezieller Strang von uptempo electronic reggae that really gets me skankin.

Und Burial? Der Name, das Rauschen, das alles erinnert stark an Burial Mix aus Berlin.

Kode9: Das ist rein zufällig so. Erst nachdem er mir Material geschickt hat, habe ich ihm einige Sachen von Rhythm & Sound und das dritte Album von Pole zum Hören gegeben, weil ich dachte, dass er sie mögen würde. Zu dem Zeitpunkt hieß er schon Burial.

Mark, wie findest du denn Dubstep?

Mark Ernestus: Einiges mag ich sehr. Die ersten Sachen, die mir aufgefallen sind, waren Hyperdub und Shackleton - ohne dass ich die Szene richtig verfolge. Ich finde das alles sehr erfreulich und fand ja schon immer, dass zwischen Dub und Techno/House keine Kluft gehört. Auch aus Hard-Wax-Sicht: man kann sich ja nicht aussuchen, was es musikalisch insgesamt gerade für Bewegungen gibt, aber bei Dubstep sind so ziemlich alle im Laden richtig dabei. Hard Wax und Dubstep passen einfach gut zusammen. Ich höre auch, dass Leute durch Dubstep neues Interesse an den alten Dub- und Reggaesachen gewinnen, was mich natürlich freut. Uns war ja auch immer wichtig, ausgewählten Dub/Reggae im Sortiment zu haben.

Shackleton: Als ich dieses Jahr in Berlin war, war es das Größte, bei Hard Wax so herzlich empfangen zu werden. Stell dir vor: In London bekommst du unsere Platten nicht mal bei Black Market! Hard Wax dagegen hat Skull Disco sehr unterstützt, das bedeutet mir sehr viel. Nicht musikalisch, denn ich will mein eigenes Ding durchziehen. Aber von der Originalität und Innovation her wäre ich glücklich, wenn ich einmal auch nur annähernd an die Sachen von Rhythm & Sound und Basic Channel herankäme.

Pole: Die Beeinflussung ist gar nicht so wichtig. Die Geistesverwandtschaft besteht darin, Dub weiterzutreiben, damit zu spielen und so zu transformieren, dass etwas anderes dabei herauskommt - ob es nun Dubtechno ist oder mein komisches beatloses Dubkonstrukt. Genau so gehen die interessanten Dubstepper in England damit um. Die versuchen nicht, traditionsreichen Dub zu machen oder etwas zu kopieren, das in den Neunzigern in Berlin hipp gewesen ist, sondern sie treiben das auf die Spitze. Diesen Versuch, irgendwo hinzukommen, sehe ich im Techno schon seit einiger Zeit nicht mehr. Das ist eine etablierte Musikform. Das ist auch okay so, aber die Experiemtierfreude fehlt im Moment.

Die Berliner Dub-Elektronik-Schule ist immer unterm Radar geblieben. Als umso anschlussfähiger hat sie sich nun erwiesen. Auch im Dubstep hält man sich eher bedeckt, um nicht in die Fallen des Hypes zu gehen.

Pole: In der Berliner Dub-Elektronik ist es nicht so wichtig, wer das jetzt macht. Das sehe ich auch bei Dubstepkünstlern, ob das jetzt Various oder Burial ist, von denen keine Fotos öffentlich gemacht werden. Das ist alles sehr zurückgenommen. Und wenn du die Jungs triffst, sind die alle extrem nett und kehren sich selber nicht so nach außen. Es geht mehr um die Szene als um die Einzelperson. Da gibt es eine Parallele zwischen London und Berlin, die mit Detroit zusammengeht, wo der Begriff des Understatements wichtig war.

Dagegen haben andere Modelle mehr auf Persönlichkeit und Identifikation gesetzt, mit der Folge, dass sie sich mittlerweile stark um sich selbst drehen. Dass Techno-DJs vermehrt Dubstep-Stücke in ihre Sets integrieren, ist ja auch Ausdruck einer Suche nach Auswegen, nach einer Inspiration von außen.

Pole: Im Technobereich tauchen aber nur bestimmte Vertreter aus dem Dubstep auf. Dass Ricardo Shackleton gut findet und in seine Mixe einbaut, hat natürlich auch damit zu tun, dass Ricardo gerade versucht, seinen Umgang mit Techno in eine andere Sphäre zu lenken und sehr viele Einflüsse in seine Musk aufnimmt, die im Techno nicht so weit verbreitet sind.

The Future of Dub

Wohin geht die Reise von hier aus?

Kode9: Persönlich hoffe ich, dass ich weiterhin Musik auf Hyperdub veröffentlichen kann, die mich zum Lachen und Weinen bringt, DJ-Musik, die mich überrascht und herausfordert, auf eine neue Art und Weise zu tanzen. Ansonsten denke ich, Dubstep wird den Lebenszyklus der meisten elektronischen Musiken durchleben, im Guten wie im Schlechten.

Was könnte denn passieren?

Kode9: Die Gefahr liegt darin, dass aus der ganzen Vielfalt der monotonste Sound dominant und die andere, interessantere Musik marginalisiert wird. Das passiert leider sehr oft in Szenen und Genres, als ob es eine unausgesprochene Verschwörung unter DJs und Fans geben würde, unbewusst keinen Geschmack zu haben, haha.

Orson Sieverding: Es gibt mitterweile leider auch viel generic dubstep, der dasselbe Problem hat wie Drum and Bass: da entwickelt sich Dubstep nur aus Dubstep heraus, statt dass ein neuer Ansatz hinzugefügt wird. Inzwischen gibt es ja sogar Dubstep mit Jump-Up-Zügen. Was mich aber angezogen hat, war, dass Dubstep erstmal überhaupt keine auffordernde Tanzmusik war. Wenn man sich den Slomo-Subbass-Wahnsinn von Loefahs "Horror Show" anhört, sagt diese Musik: Ich will gar nichts von euch, das ist einfach mein Sound.

Kevin Martin: Ich finde, es ist schon formelhaft geworden. Die dritte Welle an Produzenten kopiert anderen Dubstep, während die ersten Generationen aus verschiedenen Einflüssen schöpften: von Jungle und Reggae über HipHop bis Techno. Gerade ist Dubstep in derselben Phase wie Jungle, als es zu Drum and Bass wurde.

Trotzdem ist es bisher gelungen, mit der nächsten unerwarteten Wendung zu kommen, sobald sich ein dominanter Stil abzeichnet. Eben noch haben alle von Wobblestep geredet, nun kommen die Techno-Einflüsse.

Kevin Martin: Ok, Leute wie Kode9, Vex'd und Pinch halten die Szene offen, und sie sind alle unglaublich gute Produzenten. Wenn Dubstep seine Vielfalt und Extreme beibehält, in der so unterschiedliche und radikale Gestalten wie Mala, Benga, Loefah und ein Freak wie ich Platz haben, dann ist alles gut.

Olaf/Tandem: Das Besondere ist im Moment noch, dass Dubstep bei allen unterschiedlichen Ansätzen eine zusammengehörige Szene bildet. Man kann Shackleton an einem Abend mit Skream mixen, das ist noch nicht so getrennt wie im Techno.

Orson Sieverding: Es gibt eben keinen universellen Abkommen. Jeder hat seinen eigenen Stil. Was für Skream gilt, muss noch lange nicht für Loefah funktionieren. Und darin besteht auch weiter die Herausforderung. Dubstep ist hierfür eine Möglichkeit, mehr erstmal nicht.


Text: Uh Young Kim
Der Text erschien im De:Bug Magazin 117 und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.


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22.11.2017, 02:58 h | 6 Junglists online