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MC Santana - "Von Schubladenbezeichnungen krieg ich Pickel!"


MC Santana aka Semtex ist ein vielbeschäftigter Mann: Der Drum'n'Bass-MC der ersten Stunde hat stets Projekte am Laufen, schraubt derzeit mit dem Berliner Producer hek187 an Downbeat-Tracks und pflegt fleißig Kontakte ins In- und Ausland. Vor kurzem veröffentlichte er sein Album "Clockwork Dark" auf Kehlkopf-Recordings. Höchste Zeit also, dem umtriebigen Wahlberliner einmal auf den Zahn zu fühlen.

MC Santana, da du dich ja gleich wieder ins Studio verkrümelst: Woran arbeitest du denn im Moment?

Ich mache eigentlich immer Musik. Ich habe keine konkreten Projekte oder einen Plan, den ich verfolge. Das passiert alles wie von selbst. Wenn ich bei jemandem Resultate sehe oder ein paar gute Tracks höre, dann macht man halt etwas zusammen. Aktuell schraube ich zusammen mit Ndee aka Smooth Ctrl an ein paar Drum'n'Bass-Tracks.

Außerdem baue ich gerade mein Label "SilbaRückenBeatz" auf: Das wird ein reines MP3-Label mit Vertrieb über iTunes, auf dem eher offene Sachen erscheinen sollen. Wie der Name "SilbaRückenBeatz" schon sagt: Es geht mir dabei einfach um dicke Beats – egal, ob Drum'n'Bass, Downtempo, Broken Beats oder NuJazz. Ansonsten greifen hek187 und ich im Moment der Künstlerin Jazzvocals aus London musikalisch unter die Arme. Wir haben schon zwei Tracks mit ihr fertig: einen für ihr Album und einen für mein nächstes.

Du machst also viele Sachen parallel. Ist so auch dein aktuelles Album "Clockwork Dark" entstanden?

Das hat sich insgesamt über fünf Jahre hingezogen. Ich habe immer wieder Tracks verworfen und neue gebastelt, die nach ein paar Wochen wieder verworfen wurden. Nebenbei hatte ich auch andere Projekte: So habe ich zum Beispiel einen Track mit den Sofa Surfers gemacht oder bin mit Terranova auf Tour gegangen; einfach um zu zeigen, dass ich musikalisch offen bin. Ich habe auch überhaupt keinen Bock darauf, in die reine Drum'n'Bass-Schublade gesteckt zu werden.

Ich finde gerade Drum'n'Bass-Künstler sollten zeigen, dass sie musikalisch offen sind und nicht mit Scheuklappen durchs Leben laufen. Das gilt für das gesamte Junglist-Movement. Natürlich kann eine solche Offenheit auch nach hinten losgehen. Da sind schon einige Sachen von mir veröffentlicht worden, mit denen ich nicht zu hundert Prozent zufrieden war. Deshalb war es mir sehr wichtig, mein eigenes Album herauszubringen; gerade mit Downtempo-Tracks, da ich einfach auf die Beats stehe. Für mich ist das Album auch kein HipHop: Es kann von mir aus im Laden in einem Regal mit Artists wie den Sofa Surfers, Terranova, Blackfish usw. stehen. Ich wollte mit "Clockwork Dark" den Leuten nicht nur meine Rhyming-Skillz, sondern auch meinen Beatgeschmack näher bringen.

Stichwort Beats: Auf deinem Album stammen ja die meisten aus der Feder des Berliner Produzenten hek187. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Der erste Kontakt zwischen uns kam schon 1999 zustande. Ich weiß gar nicht mehr, wie wir uns kennen gelernt haben. Ich weiß nur, dass ich ihn am Anfang nicht leiden konnte. Irgendwie sind wir trotzdem im Studio gelandet und das hat extrem gut gepasst. Wir haben dann gemeinsam als heavy.rotation auf Gyration ein paar Tunes releast. hek187 ist der einzige Mensch, dem ich durch Beatboxing einen Beat vorgeben kann und der kommt dann genau so – wenn nicht noch fetter – aus den Boxen.

Überhaupt ist es mir extrem wichtig, bei Produktionen, an denen ich beteiligt bin, von Anfang an dabei zu sein. Ich rappe nicht einfach so auf irgendwelche Beats, sondern lasse meinen Ideen schon in der Entstehungsphase eines Tracks mit einfließen. Mit hek187 zusammen gibt es da halt einen stetigen Ausbau. Er hat sich extrem weiterentwickelt und sich alles selbst beigebracht, was mich sehr beeindruckt hat. Mein Album ist so gesehen auch eine Lehre aus den Erfahrungen, die ich zum Beispiel mit den Sofa Surfers gewonnen habe. Ohne die Jungs jetzt zu dissen: Der Track "Soulseller" ist saucool – aber ich war vom Resultat schon eher enttäuscht, weil es einfach nicht das war, was ich den Leuten gerne zeigen wollte.

Was würdest du den Leuten denn gerne zeigen? Geht es dir mehr um den Inhalt oder um die Musik?

Ich würde sagen 50/50. Es müssen richtig dicke, schwere Beats sein, so wie auf meinem Album – back to the roots, 90er Beats. Die Lyrics, Stimme, und der Ausdruck müssen natürlich auch passen. Außerdem muss man was Neues machen und nicht irgendwas Ausgelutschtes nachplappern. Es gibt viele neue MCs und Jungs und Mädels, die sich daran versuchen, aber es gibt nur eine Handvoll, die wirklich neue und innovative Sachen machen. Die meisten von denen sind für mich einfach nur Tape-Pack-Copyists.

Was würdest du MC-Anfängern denn empfehlen?

Ich habe mir auch alles selbst beigebracht. Man muss vor allem das gewisse Etwas haben. Ansonsten kann ich zu der Frage nur auf meinen Track "Black Gold" vom "Clockwork Dark"-Album verweisen.

Bleiben wir beim Thema MCing: Du rappst ja ausschließlich auf Englisch. Wie kommt das?

Ich musste schon mit meinem Vater Englisch sprechen, was für mich damals eine Qual war. Wenn ich irgendwas von ihm wollte hieß es immer gleich: „Du brauchst gar nicht auf Deutsch zu fragen.“ Mittlerweile bin ich ihm dankbar dafür. Ich fühle mich in der englischen Sprache wohler und kann ein größeres Publikum erreichen – gerade auch in UK und in den USA. Durch MySpace bekomme ich auch viel Feedback von dort. Letztens habe ich auf diesem Wege auch Jazzvocals kennen gelernt. Wenn ich auf Deutsch rappen würde, wäre das nie zustande gekommen.

In die Sparte "Collaborations mit Übersee" fällt ja auch die Remix-EP zu deinem Album. Darauf sind u.a. drei Drum'n'Bass-Remixes etwa von Loxy & Ink und Amaning. Wie kam es dazu?

Die Remix-EP war mir persönlich sehr wichtig, da ich nicht den Eindruck vermitteln wollte, dass ich auf einen fahrenden Zug aufspringe. Deshalb wollte ich, dass auf der Vinyl-Version meines Albums Drum'n'Bass-Remixes von Künstlern zu finden sind, die ich persönlich fett finde. Mit Ink war ich einmal gemeinsam im Flex in Wien gebucht. Wir hatten sofort eine Connection. Danach habe bei jeder Booking-Anfrage gesagt, dass ich Ink dazu holen kann. So hat sich das über die Jahre entwickelt. Für mein Album hat Ink dann noch Loxy mitgenommen. Mit Amaning war es ähnlich: Den habe ich auch in Wien kennen gelernt und wir sind anschließend gemeinsam nach München gefahren. Auf der Fahrt gab es einen kleinen Zwischenfall, den ich jetzt hier aber nicht breittreten will. Jedenfalls kennen wir uns seitdem und als ich überlegt habe, wer Remixes zu meinem Album machen sollte, wollte ich ihn unbedingt dabei haben.

Wien scheint ja für dich eine richtige Fundgrube für Connections zu sein. Was würdest du denn als die Drum'n'Bass-Hauptstadt Deutschlands ansehen?

Vorneweg muss ich sagen, dass ich überhaupt kein Rave-MC bin. Deswegen kann ich jetzt nicht mit Mannheim oder Bremen antworten. Dort finden zwar Partys mit mehr als 2.000 Leuten statt, aber das heißt für mich nicht Drum'n'Bass-Hauptstadt. Ich habe da eigentlich auch keine Favoriten. Ich fühle mich aber hier in den Clubs in Berlin sehr wohl.

Ursprünglich kommst du ja nicht aus Berlin sondern aus Darmstadt. Erzähl uns doch mal was von deinen Anfängen.

Die erste Musik, die ich verstanden habe, war Metal. Der Hardrock von meinem Onkel war mir damals einfach nicht krass genug. Später habe ich dann angefangen, HipHop zu verstehen: Sachen wie Gangstarr, Run DMC, NWA, Public Enemy usw. waren für mich der Knaller. Als ich in der achten Klasse war, hat mir ein Kumpel, der auf Austausch in England war, ein Pirate-Station-Tape mitgebracht. Darauf war Jungle oder Breakbeats, wie es damals hieß. Ich fand das extrem geil. Es war genau das, was mir beim HipHop gefehlt hat – einfach alles noch ein bisschen extremer.

Damals konnte ich noch gar nichts mit MCs anfangen. Ich habe die immer gehört – aber da ich den Flow vom HipHop gewohnt war, habe ich nicht verstanden, was die gemacht haben. Irgendwann hat es dann doch „Klick!“ gemacht und ich habe ich gesagt: "Das will ich werden!" Zu der Zeit hat DJ Ruler in Darmstadt ab und zu Junglepartys veranstaltet. Dort habe ich mir einfach mal das Mic geschnappt und die Leute sind total ausgerastet – proper rinse out! Ab da lief die Sache eigentlich. Irgendwann haben wir selbst angefangen, Partys in Darmstadt und in Frankfurt zu veranstalten – unter anderem mit Bassface Sascha oder Kemistry und Storm. Gerade zu Kemistry hatte ich einen guten Draht und so kam es, dass sie mich oft dazugeholt haben, wenn sie gebucht waren. So konnte ich auch überregional meine ersten Erfahrungen sammeln.

Auf einer legendären "No U-Turn"-Nacht im Kesselhaus habe ich dann Bailey kennen gelernt. Ein paar Monate später haben wir ihn nochmals gebucht. Was wir damals nicht wussten war, dass das der erste Gig seiner Tour war und er noch Folge-Bookings hatte. Er hat mich dann einfach mit auf die Tour genommen. So hat sich das alles peu a peu aufgebaut. Ich habe also den Metalheadz-Jungs viel zu verdanken.

Wenn du jetzt zurückblickst: Wo siehst du die Hauptunterschiede zwischen dem Drum'n'Bass von damals und heute?

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Also zunächst mal die ganzen Namen. Ich krieg' richtig Pickel, wenn ich solche Schubladenbezeichnungen wie zum Beispiel "Clownstep" höre. Ein guter Track, egal ob er jetzt rough, easy, mellow oder was weiß ich was ist, wurde früher einfach gespielt. Heute gibt es Liquid-DJs, andere spielen nur Wobble. Aber für mich muss ein guter DJ einfach alles bieten und wissen, wann er es auf die Crowd loslässt. Dazu kommt, dass die Leute heutzutage einfach überfüttert sind. Die meinen oft, die wissen schon alles, dabei hören sie gerade mal zwei Jahre Drum'n'Bass. Früher war es mehr: "Heute ist ne Breakbeatparty! Komm, wir gehen da hin!" Heute gibt es so viele Partys, die Leute sind nicht mehr dankbar. Früher sind sie in eine Location gegangen und haben einfach gefeiert. Heute ist es richtig Arbeit, die Leute zum Ausflippen zu bringen.

Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Du bist ja zweifacher Vater. Wie haben deine Kinder dein musikalisches Schaffen beeinflusst?

Man macht alles bewusster als vorher. Man hat halt immer im Kopf, dass die Kinder später stolz auf einen sein sollten.


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www.myspace.com/mcsantana

Text: Steffen Spendel
Der Text erschien im resident Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.


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21.11.2017, 12:55 h | 12 Junglists online