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Temper D
"Love it or Hate it, JumpUp saved dnb-music!"


Wer in letzter Zeit immer wieder über die etwas strittige Bezeichnung „Techno-DnB“ gestolpert ist, dem wird der Name Temper D aka Dave Bowles wohl schon geläufig sein. Als echter Turntablist ist er eins der Aushängeschilder des Offkey-Labels, der sich's aber nicht nehmen läßt, möglichst viele Spektren von Drum'n'Bass in seinen Mixes einzuflechten. Vor seinem Auftritt im Linzer Posthof haben wir den sympathischen Engländer vors Mikro geholt.

Dave, eigentlich kennt man dich vor allem als DJ - jetzt stehen auch einige markante Releases von dir auf Offkey an. Wie ist deine Herangehensweise ans Produzieren?

Grundsätzlich beginne ich mit einer Idee und leg mir Samples zurecht. Dazu muss ich aber nicht im Studio sitzen - das funktioniert überall, bei "Superstar Dickhead" etwa war ich gerade im Zug unterwegs. Der finale Mixdown wurde dann natürlich in einem professionellen Studio angefertigt, dabei hilft mir zurzeit DJ Lethal. Früher habe ich viel mit K-Fire produziert, aus der Zeit stammt auch „Tabledeath VIP“, das jetzt endlich auf Offkey-Limited rauskommt. Meine eigenen neuen Tunes wie „Minimal Blink“ auf OK008 gehen jetzt schon in diese neue Richtung.

Ich produziere übrigens nur mit Software, momentan mit Ableton. Das machen fast alle aus dem Offkey-Camp. Das hat den einfachen Grund dass wir hoffen, damit sämtliche Kollaborationen möglichst unkompliziert abzuwickeln. Anderseits ist dann noch unser Plan, dass wir alles mehr "live" kriegen wollen – also weniger klassisches DJ-Set, mehr Live-Performance. Und dafür ist Ableton eben sehr geeignet.

Welche Art von Live-Performance soll das werden?

Uns geht's darum, dass wir unsere Musik mehr und mehr auf Loops aufbauen wollen; weg davon, sich auf die Platte auf dem Teller zu verlassen. Mit dem Visual-Editing in Ableton stehen einfach viel mehr Türen offen. Damit kannst du viel besser auf die Crowd reagieren als mit zwei Turntables oder CD-Js. Das Offkey-Live-Projekt wird Raiden gemeinsam mit Dean Rodell (englischer Techno-Produzent, Anm.) starten. Nächstes Jahr will ich dann die ersten „Live“-Gigs spielen.

"Live" bedeutet für mich dabei vereinfacht gesagt: Ich kann entscheiden, wann etwa der Drop kommt, alles soll unberechenbarer werden! Techno hat das natürlich viel mehr verinnerlicht als Drum'n'Bass, der viel strenger aufgebaut ist: Intro, Drop, Break, Drop –da kann man sicher mehr herausholen! Zum Beispiel wenn ich eine neue Nummer reinspiele, und die kommt einfach nicht so bei den Leuten an, wie ich mir das vorgestellt hab – wenn ich da "live" noch ein paar, sagen wir "disposables", reinwerfen kann, ergeben sich ganz andere Möglichkeiten als mit zwei Plattentellern, dem Mixer und aus.

Du verwendest ja auch bis zu vier Decks...

Ja, das ist genau der Grund, warum ich damit angefangen habe: die Vielzahl an Möglichkeiten, die man damit hat. Zuerst war das für mich nicht viel mehr als Spaß, eine Herausforderung. Das ist jetzt aber ein paar Jahre her, und wo ich damals gewohnt habe standen einfach gerade mehrere Turntables herum. Mehr und mehr ist mir dann klar geworden, dass ich mehr daraus machen kann, und da geht's nicht um Triple-Drops oder so etwas. Drum'n'Bass funktioniert so auch nicht, drei oder vier Tunes angleichen und dann gleichzeitig laufen lassen. Aber mit mehr Decks kann man eher an die dritt- oder viertnächste Platte denken. Das ermöglicht dir zu planen, was du in zehn Minuten spielen willst, wohin das Set gehen soll, und was dazwischen noch reinpasst. Und wenn das dann nicht ankommt, kannst du dich immer noch in eine ganz andere Richtung verpissen. Eine Drum'n'Bass-Crowd kann eben schnell mal abschalten, wenn sich ein Track nicht mehr entwickelt. So kann ich immer ein kleines Extra bringen, wenn's auch nur ein ganz einfacher Loop oder ein paar Percussion sind – damit erweitern sich die Sound-Ebenen sehr spannend, bleiben in Bewegung.

Du sprichst also von "Progression", die man ja bei deinen neuesten Releases schon raushören kann. Welche Tricks schaust du dir von Techno und Minimal ab?

Also ich finde Minimal kann schon manchmal sehr prätentiös klingen, aber wenn man's richtig hinkriegt, dann ist es eine der spektakulärsten Spielarten der Dance-Musik. Unter „Minimal“ verstehe ich, sich etwas Kleines rauszusuchen und daraus was Großes zu machen. Dabei versuche ich aber erst gar nicht, Gimmicks wie etwa Film-Samples oder so zu verwenden und damit irgendeine Atmosphäre zu erzeugen. Die bekommt man viel eher, wenn sich eine Idee durch den ganzen Tune hindurch entwickelt, finde ich. Meine Lieblings-Nummern aus allen elektronischen Genres waren immer die, die ohne Firlefanz die Begeisterung der Leute wecken, die einfach wachsen und wachsen. Techno wie Drum'n'Bass oder House – für mich muss der Sound immer so hypnotisch wie möglich klingen. Hört man in einem Club nur immer Dröhnung auf Dröhnung, dann übersieht man einfach dieses, sagen wir, „ekstatische“ Potenzial.

Also glaubst du, dass das Prinzip von Techno und Minimal auch zu Drum'n'Bass passen würde oder ist das einfach nur verloren gegangen? War das vor beispielsweise zehn Jahren anders?

Minimal ist vielleicht nur eine trendige Schublade. Aber Minimalismus hat mich immer fasziniert, das soll keine Gegenbewegung zu den vielen NuSkool-Tunes sein. Techno liebe ich genauso wie Drum'n'Bass, von Anfang an, aber dass ich bei den gebrochenen Beats meine Wurzeln habe, liegt wohl daran, dass das eine derart eigenständie Musik ist: Drum'n'Bass hat einfach ein Sound-Potenzial, das andere Formen von Musik niemals erreichen können. Und wenn man es schafft, davon nur das Notwendigste übrig zu lassen, dann kommt man vielleicht in ganz neue Gefilde. Raiden sieht das genauso: Es geht nicht darum, Drum'n'Bass wie Techno klingen zu lassen, sondern eine neue Spielart zu entdecken, die es so zuvor noch nicht gegeben hat. Aber das ist wohl das allerschwerste, neuartige Musik zu machen.

Auf Offkey soll ja später im Jahr ein Album erscheinen, das dann wohl weiter in diese Richtung gehen wird?

Also das wird ein Multi-Artist-Album. Jeder von uns Offkey-Menschen wird darauf vertreten sein, zum Beispiel Limewax mit Proket. Jedenfalls soll jeder seine bis dato aller-allerbeste Arbeit liefern, schließlich wollen wir nicht auf der Stelle treten. Das klingt etwas pathetisch, aber momentan gibt's viele Produzenten, die sich an Techno beeinflussten Drum'n'Bass herantrauen, und wir wollen eben die Spitze davon sein. Wir haben auch alle verschiedene Einflüsse: ich eben die gestrippte, progressive Variante, Raiden macht diesen deepen, industriellen Sound – seine Tschernobyl-Obsession und so weiter – und Proket, der ist einfach nur ... verrückt!

Und eine Offkey-Mix-CD wird auch erscheinen?

Genau. Die werde ich mischen. Das soll eine "Budget"-CD werden, also so etwas wie die alten Moving-Shadow-Sampler: viel geile Musik für richtig wenig Geld. Damit kann man keinen großen Gewinn machen, aber wir wollen einfach in so viele Wohnzimmer wie möglich. Unseren Sound in die Welt posaunen, das soll's werden.

Was waren denn eigentlich deine ersten Schritte als DJ und später als Produzent?

Also ich komme aus dem Großraum London, genauer gesagt aus Guildford. Dadurch waren für meine Freunde und mich natürlich alle möglichen Spielarten von elektronischer Musik verfügbar; Wochenende für Wochenende, einfach der Musik wegen. So vor zehn Jahren hab ich dann mit dem Auflegen angefangen, und irgendwann um 2001 begnügte ich mich nicht mehr damit, nur die Tunes anderer Leute zu spielen sondern wirklich seine eigenen Ideen umzusetzen, so war das sicher bei vielen von uns. Andererseits kennen wohl viele die Tatsache, dass man als DJ in unserer Szene viel eher Bookings erhält, wenn man sich als Produzent einen Namen gemacht hat. Offensichtlich läuft das eben so. Musik muss man eben wirklich ernsthaft selbst produzieren, um professionell davon leben zu können.

Aber in deiner Heimat findet man dich trotzdem eher selten auf Flyern.

Ja, Ich spiele kaum in England. Ganz ehrlich: Ich wünschte, das wäre anders! Aber meine Arbeit scheint einfach über ganz Europa verteilt zu sein, da bin ich dann über die Wochenenden. Das geht ziemlich jedem bei Offkey ähnlich: Wir haben da einfach unsere Fan-Base; im Osten von Europa oder in Deutschland. In Spanien läuft's jetzt auch gut, in Portugal spiele ich so zweimal im Jahr, im Herbst kommt eine Tour nach Südafrika, Australien und Neuseeland. Und im Winter ist dann noch Nordamerika dran – ich krieg also auch außerhalb Europas Bookings, erfreulicherweise. In England ist die Szene nach über zwölf Jahren dagegen einfach übersättigt. Jeder muss um Anerkennung kämpfen – und keine meiner bisherigen Produktionen konnte im etablierten Kreis wirklich größeren Eindruck hinterlassen – nicht im Sound, der bei uns seit zwei, drei Jahren dominiert.

Wie ist denn deine Meinung zur Lage von Drum'n'Bass in England zur Zeit?

Ich glaube, im Moment betrügt sich der Mainstream ein bisschen selbst. Drum'n'Bass hat eine globale Szene, aber der Sound auf den großen Raves ist ein bisschen kindisch und ignorant geworden. Dagegen anzukämpfen ist schwierig. Das ist diese "Wall of Sound", maximaler Impact – und alles was nicht genauso dick klingt, würde dazwischen einfach untergehen. Die übervollen Mixdowns, viel Midrange, einfache Riffs und so Zeug – im Endeffekt können diese Tunes auch nicht mehr oder weniger, aber das anders Gestrickte klingt, als hätte es schlicht weniger Energie, was wirklich nicht der Fall ist.

Vieles davon liegt meiner Meinung nach darin begründet, dass die Raver seit Jahren an diese Vollgas-Nummern gewöhnt sind, sie sind zur Norm geworden. Aber das ist auch nur ein Teil von Drum'n'Bass, der schließlich auch seinen Platz verdient. Nu-Jump-Up hat eine ganze Generation von Ravern hervorgebracht, was die Menge der Partys angeht und besonders die Plattenverkäufe und so weiter... Ob du's liebst oder hasst: Nu-Jump-Up hat die Drum'n'Bass-Szene in UK gerettet! Die Raves sind knackvoll - das kann nur positiv sein! Allerdings war das vor zehn Jahren auch schon so, und dazu musste die Musik noch nicht so "in-your-face" klingen. Ich würde sagen, dass es vielen von uns mehr als recht wäre, wenn alles wieder soweit käme, dass man als DJ nicht mit jedem Drop, alle zwei Minuten, das ganze Set lang, die ganze Nacht lang, der Crowd mit dem Knüppel eine drüberziehen muß. Musik kann noch viel mehr anstellen. Ich bin aber durch die Leute, mit denen ich zusammenarbeiten darf, auch sehr optimistisch: Wir brauchen Zeit und Platz für andere Ideen – die können im geeigneten Rahmen auch ordentlich wüten!

Spricht's und schnappt seine Platten und CDs, um endlich seinen Platz hinter dem DJ-Pult zu beziehen. Um vier Uhr früh dürften wohl sämtliche Partygänger bis zum Ende seines Drei-Decks-Sets keine Sekunde mehr ans Heimgehen gedacht haben. Von einem außerordentlichen Talent wie Temper D zum Tanzen getrieben zu werden, ist eben immer ein Highlight. Dass ein DJ mit so einem breiten Rechen durch den Drum'n'Bass-Gemüsegarten fährt, ist nämlich selten: Aus Klassikern und frischen Dubs, mit Subfocus- und Proket-Tunes, Wobble wie Acid zaubert Temper D seine unverkennbaren Sets. Glücklich, wer nicht nur seine legendären Mixes auf der Festplatte hütet, sondern ihn auch einmal live hinter den Plattentellern erleben durfte.


Text: Sebastian Gallnbrunner
Der Text erschien im resident Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.


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19.11.2017, 22:37 h | 5 Junglists online