Was der Irak Krieg, heiße Luft, ein erfolgreiches Plattenlabel miteinander
zu tun haben?
Zurück aus Neuseeland und auf dem Sprung zum Set in Gent nahm sich der Kopf
von London Elektricity und Hospital Records Tony Colman die Zeit, ein wenig mit
mir zu plaudern.
Nachdem letztes Jahr der Longplayer A Billion Dollar Gravy den Drum and Bass Markt
aufmischte, ließ sich der sagenumwor-bene Fabio nicht lange bitten und lud
London Elektricity ins Studio zu einer BBC Session ein. Er hatte allerdings nicht
damit gerechnet, dass eine mehrköpfige Liveband ins Studio schwirrte und
den Begriff Drum and Bass neu definierte. Aus der einmaligen Session wurde Konzept
und so ist London Elektricty ohne Sequenzer und Laptop unterwegs.
Letztes Jahr tourte London Elektricity um die
ganze Welt, jetzt ist für April eine weitere Tour durch England und Deutschland
angekündigt. Was erwartet uns da?
Tony Coleman: Unser Set verändert sich ständig,
es ist kontinuierlich in Bewegung und wächst immer weiter. Ich schreibe derzeit
auch an neuen Stücken, aber der Umstand, seit einem Jahr mehr oder weniger
kontinuierlich auf Tour zu sein, macht es nicht leichter. Aber keine Angst, es
wird im April neue Stücke geben, die natürlich die Hits 2004 werden
(lacht).
Was bedeutet der Titel des letzten Albums? Immer wenn ich mir das Cover anschaue,
frage ich mich zwei Dinge: Hat das Ganze mit den Anti-Kriegs-Demonstrationen im
letzten Jahr zu tun? Und ist die Aufschrift auf dem Schild des Demonstranten „Hospitals
not Bombs“ ein Wortspiel?
Tony Coleman: Richtig! Der Titel spiegelt meine Gefühle
Anfang 2003, Bush, USA etc, wieder und Gravy (Soße) steht für Öl.
„Hospitals not Bombs“ ich glaube wir alle wollen das, oder?
Ich habe euch letztes Jahr einige Male live
gesehen und war jedes Mal von eurer Live Performance fasziniert. Wie bist du auf
die Idee gekommen, Drum and Bass live zu spielen? Und wo versteckt ihr die Batterien
für euren Schlagzeuger?
Tony Coleman: Gemein, aber danke für die Blumen.
Ich wollte es einfach versuchen, ein Experiment, ob es wirklich live zu machen
ist. Glücklicherweise klappt es! Und The Jungle Drummer wird mit heißer
Luft und nicht mit Batterien betrieben.
Das Schöne ist, dass eure Songs live nicht so wie auf dem Album klingen.
Trotdem, bist Du noch nie in Versuchung geraten, die Songs wie auf dem Album zu
spielen? Ich meine z.B. Sequenzer, Laptop und ein Sänger.
Tony Coleman: Niemals, keine Chance. Klar, wenn ich als
DJ unterwegs bin, lege ich auch meine eigenen Platten auf, aber keine halben Sachen.
Es gibt für mich nur die Möglichkeit, das Ganze als DJ oder 100% live
zu präsentieren, nichts dazwischen.
"Ich hasse Final Scratch.
Das ist für DJs, die im Hotel oder in einer Bar lange Sets abspielen,
also DJs, die es nicht nötig haben, das Publikum zu unterhalten. Es
gefällt mir nicht, jemandem zuzusehen, wie er damit arbeitet, es sieht
aus wie Scheiße."
Letzte Woche Australien, Neuseeland übermorgen Belgien, und nebenbei managst
Du ein Plattenlabel, das schwarze Zahlen schreibt. Bleibt da noch Zeit für
dich und für Dinge, die du gerne tust?
Tony Coleman: So wollte ich immer leben. Wie soll es sonst
sein? Ich bin sehr glücklich, weil ich das erreicht habe, worauf ich Jahre
hingearbeitet habe. Klar sind da Sachen, die ich machen möchte und zu denen
ich einfach nicht komme, mein Haus reparieren, Klamotten kaufen, auf meine Körperpflege
achten, aber was solls das ist es allemal Wert! Und übrigens meine Frau hat
sich von mir noch nicht scheiden lassen.
Ich weiß, du arbeitest gerne als DJ, noch immer Zeit dafür dieses
Jahr?
Tony Coleman: Klar, ich verbringe fast genauso viel Zeit
mit Auflegen wie mit meiner Liveband. In Neuseeland und Australien haben wir
drei Liveshows gespielt, danach hatte ich noch fünf DJ Sets. Jetzt freue
ich mich gleich aufzulegen .
Was hältst Du von MP3 DJing und von Final Scratch?
Ich hasse Final Scratch. Das ist für DJs, die im
Hotel oder in einer Bar lange Sets abspielen, also DJs, die es nicht nötig
haben, das Publikum zu unterhalten. Es gefällt mir nicht, jemandem zuzusehen,
wie er damit arbeitet, es sieht aus wie Scheiße.
Wie geht es Hospital Records? Das letzte Jahr war sehr erfolgreich für
euch, Namen wie High Contrast fehlten in keiner Plattentasche... Was kommt dieses
Jahr?
Tony Coleman: Ja, letztes Jahr war unser bestes Jahr bis
jetzt! Für den 12. April ist unsere neue Compilation „Weapons of Mass
Creation“ (ja, wieder das Antikriegsthema) angekündigt. Dann kommt
im Mai eine London Elektricity Live DVD mit dem Namen „Live Gravy“,
aufgenommen im Jazz Café in London, eine Stunde Musik, behind the scenes
und die größten Katastrophen. Im Juni erscheint High Contrasts Single
`Twilight Last Gleaming`, im Juli kommt eine EP `Future Sounds of Cambridge feat
nu:tone, Logistics und Commix. Und August gibt es das langersehnte High Contrast
Album. Hurra!
Persönliche Frage: Eine Platte, die immer in deinem Case ist?
Tony Coleman: Der Shy Fx Remix von Ruff Like Me by PD
Syndicate!
Und welche Platte sollte man bei dir zuhause besser nicht entdecken?
Tony Coleman: Tja, die zweite Platte, die ich je gekauft
habe. Das war Rock`n Roll Parts 1+2 von Gary Glitter and the Glitterband. Ich
bin zwar überzeugt, dass die Platte gut ist, aber eben nicht Gary Glitter.
Mellotron Sounds auf deinem Album, welcher Einfluss hat dazu geführt?
Tony Coleman: Beach Boys – natürlich. Die hatten
großen Einfluss auf mich.
Du verehrst Alice Cooper?
Tony Coleman: Richtig. Billion Dollar Babies ist mein absolutes
Lieblingsalbum, kein Scherz.
Statements?
Tony Coleman: Ein Hoch auf unsere Hospital Brothers and
Sisters. Boh! Peace! www.hospitalrecords.com
Text: Michael Mück (März 2004)
Das Interview erschien im Cuemix
Magazin Nr. 1 und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung
gestellt.