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Bryan Gee (V Recordings)


Wer steckt wohl hinter V-Recordings, dem Drum'n'Bass-Label aus London, das wir wohl alle spätestens seit der "V-Classics"-Compilation kennen und lieben gelernt haben? Bryan G und Jumping Jack Frost lautet die richtige Antwort. Da Namen bekanntlich noch nicht alles über die jeweilige Person sagen, haben wir für Euch ein bißchen mehr herausgefunden. Bryan war z.B. früher mal Zuckerbäcker, aber, das ist es ja nicht, was euch so interessiert. Deshalb mal ein bißchen ernsthafter: Bryan G, ursprünglich aus Gloucester, ist seit über 15 Jahren als DJ tätig. 1993 gründete er gemeinsam mit Jumping Jack Frost das für funky Breakbeat-Minimalismus zuständige Label V-Recordings in London. Dazu nahm er unter anderem die Bristoler Roni Size, DJ Krust, Bill Riley, DJ Die & Suv unter Vertrag, was dazu führte, dass "V" desöfteren mit Bristol in Verbindung gebracht wird.
Wie es dazu kam, was Bryan mit dem Dj-ing verbindet, was "V" so erfolgreich macht, und noch vieles mehr in Sachen Drum'n'Bass, erfährt ihr im folgenden Interview:


Bryan, lange bevor du "V" gegründet hast, warst du ja schon als DJ tätig. Was waren da deine Einflüsse? Wie hast du angefangen?

Ich bin mit Reggae aufgewachsen und habe da bei Soundsystemen aufgelegt, seit ich 13 bin. Den größten Teil meines Lebens habe ich eigentlich Platten aufgelegt. Mit 13 bin ich mit meiner Schwester nach London gezogen und da habe ich dann begonnen, auch so Soul, Funk und Rare Groove auf kleinen Parties zu spielen. 1987 hat sich dann alles verändert und ich habe mich in eine total andere Richtung weiterentwickelt. Damals ging ich zu meiner ersten Acid House - Party.

Und was passierte dann?

Ich war einfach fasziniert von der Musik, und gefangen in dem Gefühl der Zusammengehörigkeit. Acid war richtig deep. Es waren aber nicht die Drogen, die mir das Gefühl gaben, weil ich eigentlich keine nahm, sondern einfach die VIBES von der Musik. Ich kann mich da an den DJ Mr C erinnern, und seitdem legte ich nur mehr Acid auf. Car Wash in London wurde dann mein erster Club, wo ich als resident DJ auflegte. Es war purer Underground, jeder, der dort hingegangen ist, ist immer wieder gekommen. Man wurde abhängig davon.

Du hast ja nicht nur in Clubs und auf Parties, sondern auch bei Radiostationen aufgelegt. Wie war das so?

Das war bei Passion, jetzt heißt es - glaube ich - Lightening FM und ist legal. Damals begannen wir in Brixton, Piratenradio zu machen. Grooverider, Fabio und Dave Angel machten Sendungen für Phase 1, Frost und ich machen Sendungen für Passion. Frost hat damals noch unter "The Underworld" aufgelegt und wir spielten hauptsächlich Rare Groove und Funk.

Du bist ja nicht nur DJ, sondern hast mit "V" ja auch eines der mittlerweile bekanntesten Drum'n'Bass-Labels in England. Wie hat das mit dem Produzieren bei dir eigentlich so angefangen?

Durch mein DJ-ing hab ich ja schon immer viele Leute in der A&R-Branche kennengelernt. Irgendwann mal hab ich dann beim Sub-Label von Rhythm King, dem Hardcore-Underground-Label Outer Rhythm, die Promotion gemacht. Mein Job dort bei Outer Rhythm war ziemlich relaxed. Ich habe mir einfach neue Tapes angehört und entschieden, welche wir nehmen und welche nicht. Da wurden z.B. Tracks von Moby oder One Tribe veröffentlicht. Auch Absolute wurden von uns gesignt, ein housy Soul-Act aus Bath in West-England, und die gaben uns ein Tape von ihrem Kumpel Roni aus Bristol.

Und was hast du dir gedacht, als du das Tape von Roni Size und DJ Krust zum ersten Mal gehört hast?

Naja, was ich da so gehört habe, hat mir gefallen. Es war zwar nicht gerade so, dass ich aufgesprungen bin und gerufen habe "wow, es ist ja soo irre und soo genial", manche Tracks hatten so quietschende Vocals, aber die Drum Patterns waren echt funky und die Breaks haben einen getroffen und sind eingefahren, wie bei sonst kaum jemanden.

Sie haben dir also so gut gefallen, dass du sie dann für das erste "V"-Album unter Vertrag genommen hast?

Ja, nachdem Outer Rhythm kurz danach eingegangen ist, hatte ich ja trotzdem noch das Tape von Roni. Ich wollte das Zeug von ihm einfach selbst mal auflegen können, das war eigentlich meine Hauptmotivation, es unbedingt herauszubringen. Dann habe ich beschlossen, das einfach selbst in die Hand zu nehmen.
Als ich zum ersten Mal nach Bristol gefahren bin, um Roni und Krust zu treffen, sprach die Musik für sich. Am Anfang hatte ich noch das Gefühl, dass sie das Ganze nicht so ernst nehmen, aber als wir dann ins Studio gingen - wow - da haben sie viel bessere Sounds produziert als die, die am Tape zu hören waren. So hat sich halt dann unsere gute Beziehung aus gegenseitigem Respekt und Vertrauen aufgebaut.


Jumping Jack Frost und du habt ja noch ein weiteres Label, Philly Blunt. Ein wenig später wurden in Bristol auch noch Full Cycle und Dope Dragon gegründet. Wie ist da die Zusammenarbeit und wie kommt es, dass sich diese vier Labels nicht gegenseitig in die Quere kommen?

Ja, es stimmt sogar: alle Full Cycle Artists (DJ Die, Suv, Krust, Roni Size) haben auch eine Veröffentlichung bei "V". DJ Die's "Music Box" ist sogar bei beiden Labels herausgekommen und wurde ein richtiger Hit. Philly Blunt, unser zweites Label haben wir gegründet, als aus Jungle immer mehr Ragga wurde, und wir auch den Streetstyle fördern wollten. Wir sprechen uns auch immer wieder gegenseitig ab.
Full Cycle hat z.B. auch Artists wie J-Raq, der nicht auf V veröffentlicht. Und V hat z.B. Ray Keith, der nicht in Bristol veröffentlicht. Auch die verschiedenen Styles und Flavas variieren da eigentlich ein bißchen: V ist eher härter, Philly Blunt auf Jungle/Ragga/HipHop, Dope Dragon orientiert sich an Tear out/Jump up und Full Cycle ist manchmal eher jazzy.

Kannst du uns eigentlich erklären, wie es dazu gekommen ist, dass "V" so großen Erfolg gehabt hat?

Jetzt, wo unser Label so groß geworden ist, müssen wir das wohl oder übel akzeptieren, obwohl mir immer weniger Zeit bleibt, um das, was ich eigentlich am allerliebsten mache, zu tun. In letzter Zeit komme ich kaum mehr zum Auflegen, aber ich schaue, dass ich mich nicht zu sehr stressen lasse. Hmm.. der Erfolg kommt vielleicht daher, dass ich die Musiker alle persönlich kenne und dass wir gute Freunde sind und eine gute Beziehung untereinander haben.

Alle Produzenten, die bei V releasen, haben das Eine, nachdem ich immer suche, wenn ich jemanden unter Vertrag nehme. Sie haben die "soulfulness", die richtigen Vibes. Roni z.B. macht alles so einfach, dass gerade deshalb so ein rollender, fantastischer Sound entsteht. Krust schafft es, in so einen tiefen Teil meiner Seele einzudringen, von dem ich nie geglaubt habe, dass ihn Musik je erreichen könnte. Die's Roll-Sound bleibt auch einfach unantastbar und Bill Riley verwendet immer so kleine Dinge, die den Sound hypnotisierend machen und einen in Trance versetzen können. Dillinja ist einfach ein Monster! Er kann alles - hart, mellow, rollend - man kann da nicht mal von einem Style sprechen, er macht einfach sein eigenes Ding.


Wofür steht der Sound von "V" eigentlich?

Soulful, funky Drum'n'Bass-Musik. Es ist einfach der Vibe - der Weg, wie der Bass rollt und die Breakz funktionieren. Wir sind seit Jahren DJs und haben immer nur Classics gespielt. Rare Groove und so. Das war damals Quality Music. Dasselbe wollen wir auch mit Drum'n'Bass machen. "V is there for our love of music."

Qualitätskontrolle und -Standards sind bei V sehr hoch. Wir sind schon so lange in diesem Geschäft, wir wissen einfach, was gute Musik ist. Da sind eine Menge Sachen, die wir z.B. nicht herausgeben. Ich z.B. arbeite schon länger im Studio und bis jetzt habe ich aber nichts zu stande gebracht, was den hohem Standard von V gerecht werden würde. Ich bin mir gegenüber so kritisch, so dass nichts von mir auf V veröffentlicht wird, solange es nicht den Standard erfüllt.

Wenn du unser Logo auf deiner Platte siehst, dann bedeutet es gleichzeitig einen Gütesiegel - es bedeutet, dass du etwas wirklich Gutes in deiner Hand hältst.


Interview: Barbara Wimmer aka Shroombab (April 2000)
Das Interview erschien im Mai 2000 im Breakbeat Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.
23.11.2017, 02:41 h | 6 Junglists online