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Megashira


Hanau ist eine dieser Städte, in der man eigentlich nichts machen kann, außer einmal im Monat unter die Bahngleise zu kommen. Oder auf dem Marktplatz neben den Gebrüdern Grimm Klebstoff zu schnüffeln. Deutsche Provinz 1997, Hardcore. Glücklicherweise haben sich Waffen gegen die diktierende Statik der Kleinstädte gebildet und Vernetzung durch Auto, Internet und Plattenladen ermöglichen einem Zugänge zur eigenen Welt. Megashira haben diese Möglichkeiten genutzt und sie weiterentwickelt.
Megashira, das ist eines dieser gewachsenen Projekte aus drei Jungs, die im Blockflötenalter angefangen haben, zusammen Musik zu machen und die man beruhigenderweise Jahre später in einem Studio beim Drum'n'Bass produzieren findet.


Jan: Megashira ist mit dem Anspruch entstanden, ein Album zu machen. Vielleicht kann man deshalb die 12", die herausgekommen sind, auch so isoliert gar nicht betrachten. Es war unser Ziel, ein richtiges Album zu machen, ähnlich wie J. Majik auf Mo Wax. Mit Tempoexperimenten und allen Möglichkeiten zu arbeiten, das war das Konzept. Das war irgendwie eine Herausforderung. Musikalisch kann man so das breiteste Spektrum zeigen.

Das bietet sich bei uns an, wir haben ganz unterschiedliche Einflüsse. Frank bringt Elektro mit ein, Stefan, Du kommst eher aus der House Ecke und ich bin eher von Hip Hop geprägt. Das ist von vornherein ein ziemliches Spektrum. Wie eben einige Leute Drum n Bass auf 33 spielen, so wollten wir auf der Platte mit der Stilistik experimentieren, schauen, was man machen kann. Ein Projekt mit dem man auch alle drei unterschiedlichen Einflüsse vereinen kann, unsere drei Upbringings.


Wie kam es zur Zusammenarbeit mit MC Ronin für Overload?

Jan: MC Ronin kennen wir einfach lange, der wohnt bei uns um die Ecke. Der hat irgendwie immer schon Hip Hop gemacht, verschiedene Hip Hop Gruppen gehabt, ist auf Battles gefahren quer durch Deutschland, hat bei den Fantastischen Vier ums Chemistry gebettelt und so... Der war einfach irgendwie von Anfang an dabei und hat eine richtige Hip Hop Sozialisation hinter sich. Der hat auch Freunde, die rappen lernen wollten, mit nach Hause genommen und gezeigt,wie man rappt und all das ... das ist die Nummer eins im Rapunterricht!

Als ich angefangen habe Drum n Bass aufzulegen, vor drei, vier Jahren, haben wir dann gesagt: Hey, laß uns mal was zusammen machen. Es wurde erstmal experimentiert und irgendwann hat das richtig gut geklappt. Und dann war von unserer Intention her klar, daß, wenn wir mit Megashira ne Platte machen, auch ein Track mit ihm drauf war. Wir haben ihm dann den Track vorgespielt und er hat dann Lyrics geschrieben.
Es ist immer sehr abstrackts was er macht, und das wissen wir wirklich sehr zu schätzen. Und da ist dann Overload draus geworden.


Die Tracks von Megashira sind auf den einzelnen Tonträgern 12", LP, CD immer ein wenig verschieden. Ist bei Euch das Medium eine Art Umgebung?

Jan: Ja, so etwas geschieht irgendwie aus einer Notwendigkeit des Mediums heraus... Wir haben das immer schon als falsch empfunden, sich nicht darauf zu konzentrieren, daß man Musik verschieden konsumiert. Wie Eno angefangen hat, Musik für bestimmte Umgebungen zu komponieren, das ist ja schon ziemlich sinnvoll. Wenn man eine CD macht, die ja hauptsächlich zu Hause gehört wird, macht das irgendwie keine Sinn, wenn einem ausschließlich nur die derben Beats um die Ohren fliegen. Umgekehrt ist das genauso mit einer 12" mit einem ellenlangen Intro, das überhaupt nicht tanzbar ist. Dort wo man die Musik hört, dahin sollte das passen, das war unsere Intention.

Wir arbeiten auch viel mit Dubplatesversionen, weil wir wichtig finden, andere zu integrieren. Wenn jemand fünfzig Mark zahlt muß man irgendwie auch garantieren, das der dann was ganz besonderes hat.


Ihr tretet auch mit einer Live PA auf.

 
... auf Infra.com:
Mental Strength 12"
Overload 12"
Zero Hour LP / CD

... auf eigenem Label Precision (12"):
01 Makai Black
Belt / Damager
02 Ono Sendai
03 Powaflex (in Kollaboration mit Dolly Bastard)
04 eventuell Remixe von Nico / Ed Rush

... auf No U Turn: Makai / Nico
Omen
Stefan: Ja, es gibt auch eine Megashira Live PA, das ist wahrscheinlich gar nicht so bekannt. Mit der touren wir im März durch Europa. Live ist das nochmal eine andere Version. Wir haben schon auf der LP die meisten Stücke mit den Musikern aufgenommen. Das ist so eine ziemlich organische Sache.

Jan: Im Prinzip muß man sich das dann einfach so vorstellen, als ob man im Cubase den Bass ausmacht und den Bassisten spielen läßt, der diese Parts dann übernimmt. Die Raodesgeschichten werden live von unserer Keyborderin gespielt. MC Ronin übernimmt eigentlich mehr die Funktion vom MC beim Auflegen. Stefan ist der an der Gitarre, der ins Arrangment eingreift oder sich vielleicht eher im Arrangement befindet, Akkorde und Voicings deckt. Und Dr. Frank, der die Beats, die von der Platte verdeckt laufen, zum Schlagzeuger dazu mischt, um da etwas polyrhytmisches zu kriegen. Das ist wichtig, das Frank da dabei ist und das mischt.


In wie weit knüpft ihr an das Konzept Konzert an, wenn ihr auftretet?

Jan: Vom Konzept her soll das so sein, daß ich vorher auflege, und daß es dann zum Live Set übergeht. Manchmal haben die Leute gar nicht gemerkt, daß da eine Band spielt und das ist ja schon ganz gut, daß war irgendwie auch unser Ziel. Nicht daß alle dastehen und nach vorne gaffen, sondern daß da Musik da ist.

Stefan: Eine Rockband baut das alles viel theatralischer auf. Da wird mit einem Intro angefangen, alle staunen, dann rockts ab, dann macht der Schlagzeuger sein Solo, alle langweilen sich, gehen Bier holen, dann geht es weiter, der Gitarist möchte auch noch... (Der Rest geht in Gelächter unter) So soll da nicht sein. Da ist das gut, wenn das tanzbar ist. Je nachdem, was für eine Umgebung das ist und was für ein Event. Da muß man auch darauf eingehen.

Jan: Ein Mittelding ist eigentlich am besten. Wir haben auch schon schlechte Erfahrung gemacht, als es eigentlich nicht ein Umfeld dafür war, weil die Leute dafür kein Verständnis haben. Wir haben es trotzdem gemacht, sind damit auf die Nase gefallen und haben gesehen: Wir haben halt immer recht. (lacht)


Ihr arbeitet sehr viel mit der Betonung auf Euer Umfeld und Eure Infrastruktur. Wird das mittlerweile überall verstanden?

Jan: Im Musikbuisness stößt das manchmal auf Unverständnis. Als ich verschiedenen Leuten erzählt habe, daß man sich vom DAT für fünfzig Mark eine Platte schneiden, haben die sich an den Kopf gegriffen und gesagt: Also hör mal, damit kannst Du doch keine Promo machen. Du kannst doch nicht erwarten, daß die Leute auf so etwas eingehen, damit hast Du doch keinen Effekt, daß die Musik schließlich gehört wird.

Aber das interessante an Drum n Bass ist ja schließlich, daß es so schnell vorangeht durch die Strukturen, die da bestehen. Auch durch die Strukturen selbst, wir haben jetzt in Frankfurt einen Piratensender, wir haben schon vorher auf verschiedene Sender zurückgegriffen, wo man etwas machen konnte, Drum n Bass, Dubplates, neue Tracks spielen. Und wir haben eigentlich immer gute Resonanzen darauf gekriegt.
Dubplates sind auch irgendwie wichtig. Sicher spielt man auch mal Klassiker, aber meistens spielt man am liebsten das neue. Deshalb auch der Run auf die Promos, weil man den Sound voranpushen möchte. Und für viele Leute aus anderen Musikrichtungen ist das was vollkommen neues.


Ihr vertretet Eure Musik relativ professionell, fällt einem auf...

Jan: Wie Chuck D von Public Enemy sein Hood organisiert hat oder Wu Tan, die dann ihr Geld in ein Projekt zusammen stecken, indem sie mit Freunden oder so zusammen involviert sind, das ist okee ... Wenn man nicht nur hinter dem Geld hinterher ist, dann kann man das auch so organisieren, daß man sich nicht verraten muß. Verraten tut man sich in dem Moment, in dem man in der Schlagerparade auftritt und Easy Listening Drum n Bass macht. Das andere fällt eher unter eine clevere Organisation, die sichert, das man das, was man machen will, auch hundertprozentig durchziehen kann. Beispielsweise so wie Photek sich an Virgin gebunden hat, das war mehr als clever, und das ist eine Weise auf der man vorgehen kann.

Stefan: Nebenher muß immer irgendwie noch Miete gezahlt werden, Strom und die Wartung der Geräte, und dafür muß dann irgendwie Geld reinkommen. Unsere Hauptliebe liegt definitiv im Drum n Bass und das wollen wir hochziehen. Dafür ist auch unser Label Precision da, damit wir dort veröffentlichen können, was wir wollen.


Ist es für Euch schwierig gewesen, sich so stark auf die Musik zu konzentrieren, wurden Euch da Steine in den Weg gelegt?

Stefan: Wenn man heutzutage die wirtschaftliche Situation sieht, dann ist das vielleicht sogar noch der ganz günstige Weg.

Jan: Wir haben alle mit sechs, sieben Jahren begonnen, Musik zu machen, was weiß ich, Blockflöte oder so.

Stefan: Na dann schon länger.

Jan: Da muß ich auch mal sagen, mit einer Blockflöte kannst Du auch tierisch gut um Dich schlagen. Das ist eine wichtige Erfahrung. Aber Plastikblockflöten, die splittern dann auch besser.
Auf jeden Fall war Musik machen irgendwie immer schon unsere Leidenschaft. Wir kennen uns jetzt acht oder zehn Jahre lang und machen zusammen Musik. Und der Frank ist so vor sechs sieben Jahren dazu zu kommen. Wir haben zusammen versucht was auf die Beine zu stellen. Das schwierige ist in so einem Metier, würde ich mal so sagen, Fuß zu fassen. Es ist ziemlich unrealistisch mit einem normalen 9 to 5 Job, sich absolut um die Musik zu kümmern, da fehlt einem dann wahrscheinlich die Energie dafür. Wir haben irgendwie gesagt, wir müssen uns da einen Platz schaffen, weil wir sonst das ganze nicht so voranbringen können, wie wir wollen.

Stefan: Wir wurden dahingehend auch sehr von unseren Familien unterstützt, allein finanziell gibt es da noch jede Menge abzuzahlen.

Jan: Unsere Mütter verdienen unsere ganze Hochachtung.


Wie kommt es zu eurer Zusammenarbeit mit Nico von No U Turn?

Kennengelernt haben wir den über Groove Attack. Wir waren da in Köln und haben uns mit dem dann die Dubplates und DATs um die Ohren gehauen. Nico meinte danach, er möchte gerne was mit uns machen, wir haben das am Anfang gar nicht so ernst genommen. Aber in der Woche drauf hat er uns angerufen und meinte: Hey, ich komme vorbei. Und dann kam der, zusammen mit seinem Publisher. Und das waren dann zwei wirklich intensive Tage.

Wie wichtig ist es für Euch, drüben anerkannt zu sein?

Jan: Für die Akzeptanz auf dem englischen Markt ist das wichtig. Das Problem sind nicht die Tracks, sondern es ist einfach eine ziemlich geschlossene Clique da drüben. Es ist einfach einfacher, wenn Nico dem Doc Scott unser DAT gibt und der sich dann das cuttet, als wenn wir das tun. Und das ist für uns ein ziemlicher Vorteil, daß jetzt Ed Rush unsere Zeug spielt, Bailey, Grooverider hat sich den Omen Track mit Nico gecuttet.

Nico hat sich da einfach eingeschaltet und gesagt, das ist gute Musik, ich kümmere mich darum, daß das ein paar Leute zu hören kriegen. Es liegt einfach nicht nur an der Qualität, sondern auch daran, daß man da jemanden vor Ort hat, der da auch involviert ist.
Das Problem ist als erstes, daß die Leute einen ernst nehmen, dann kann man auch auf einer anderen Ebene mit ihnen umgehen.


Das Problem ist vielleicht auch, daß man in Deutschland erst richtig ernst genommen wird, wenn man in England jemand ist, oder?

Jan: Das stimmt, in Bezug auf deutschen Drum n Bass ist der Markt wirklich mehr als zögerlich. Eher noch, daß es ein Hinderungsgrund gewesen ist, wenn bekannt war, daß das ein deutsche Act ist. Dann haben sich die Leute das prinzpiell nicht angehört.

Im Moment passiert zum Glück an allen Ecken und Enden ziemlich viel. Die Tracks von X-Plorer auf Case Invaders 03, die ich gerade gehört habe, beispielsweise. Dann Yalvation aus Frankfurt sind auch schon ziemlich weit. Die erste war ziemlich progressiv, wir waren ziemlich überrascht, daß sich das jetzt hier entwickeln kann. Don Q, das Label aus Hamburg, Off Road von Nomad aus Nürnberg, der auch ziemlich umtriebig ist.
1997 werden die Leute auf jeden Fall den Regionalsnobismus ablegen und sich gegenseitig featuren. Die Kölner haben uns auch ziemlich geholfen, Groove Attack hat mit uns einen Distributiondeal gemacht. Darauf baut das auf, jeder hat ein anderes Talent und alle sollten sich untereinander featuren. Das ist das A und O. So funktioniert das ja auch nur in England.


Bis vor einem halben oder dreiviertel Jahr waren wahrscheinlich die Producer hier auch einfach noch mit der Bedienungsanleitung ihres Samplers beschäftigt oder?

Stimmt, da gebe ich Dir recht. So jemand wie Dillinja, der kann wahrscheinlich besser auf dem Akai tippen als auf der Schreibmaschine. Vor so jemanden haben wir auch einen heiden Respekt. Ich fände das auch unsinnig, überheblich an die Sache heranzugehen. Die haben einfach was ganz neues ins Leben gerufen, von der Struktur her, vom Sound, das ganze drum und dran.

Kannst Du Dir erklären, wieso es diese Zeitveschiebung zwischen dort und hier gibt? Auch hier haben die Leute ja schon länger mit Breakbeats gearbeitet.

Jan: Mmmh... Es gab auch keine Infrastruktur für so etwas...
Die Kommunikation England Deutschland war einfach so,... ich habe Satellitenradio gehört, da war dann so ein Gerappel, und dann wurden wir aufgeklärt, daß das eben Jungel ist. Dann gab es irgendwann die ersten Whitelabel und es war hier einfach schwierig die Musik zu kriegen oder sich ein Bild zu machen. Was passiert da, wie funktioniert das. Vom Produzieren her alleine schon, da hat man schon ziemlichen Blödsinn gemacht. Uns war es irgendwie wichtig, erst an die Öffentlichkeit zu gehen, wenn der Sound auch wirklich rund ist. Deswegen haben wir einfach lange im Verborgenen rumgebastelt. Und jetzt ist es soweit.

Es war vielleicht auch irgendwie erst ein Regionales Ding, die haben sich ziemlich in London konzentriert, und so etwas wie das Frankfurter Trance Ding, was jetzt hoffentlich endlich mal vorbei ist, das hat auch seine Zeit gebraucht, bis es woanders Fuß gefasst hat. Eine Szene und auch die Infrastruktur, das ist einfach das A und O. Du brauchst Clubs, Radio, Printmedien, die die ganze Sache voranbringen, und vor allem brauchst Du auch Leute, die sich dafür interessieren, sei es indem sie weggehen oder Platten kaufen. Wenn keiner in die Clubs kommt oder keiner die Sachen kauft, dann funktioniert das ganze nicht. Schon wieder ein Stück Marktwirtschaft, ob man will oder nicht.

Stefan: Trotz alledem war diese Zeit für uns sehr wichtig. Da haben wir gelernt, das Stücke wachsen müssen, das machen wir heute über Dubplates auch nocht. Das Dubplate von Faking Moves wird jetzt noch einmal überarbeitet. Das ist jetzt schon das dritte Mal.

Jan: Die Mühe sollte man sich ruhig machen, das zeigt sich dann am Schluß. Wenn man sich jetzt Shadow Boxing von Doc Scott anhört, das ist alles andere als ein komplexes Arrangment, aber es bringt die Sache auf den Punkt. Da muß man hinkommen, das man nicht ein Kasperletheater abzieht und sich selbstverwirklicht, sondern man muß wissen, was man macht. Unser Ding war dabei auch immer zu sagen, wenn das dann keinen interessiert, dann akzeptieren wir das und dann machen wir das eben für uns weiter. Lange Zeit gab es ja auch wirklich überhaupt keine Response. Da war keiner da, der diese Musik hören wollte, wenn wir irgendwelche Veranstaltugen gemacht haben. Da sind dann hundert Leute gekommen und damit war das irgendwie gestorben.
Na gut, warten wir erstmal, was passiert. Jetzt überrollt einen das richtig, ständig trift man jemanden, der von Anfang an dabei gewesen ist und deshalb glaubt, er dürfe irgendein Gerappel machen, das er einem dann vorspielt. Das gesunde zum Glück ist, daß es überschaubar genug ist, und die Leute, die es ernst meinen, gut unterscheiden kann.


Wie beurteilst Du den Umgang mit Begriffen bei Drum n Bass, beispielsweise Jazz?

Jan: Da läuft ja so einiges falsch. Es wird immer gesagt, der Drum n Bass, der so Eindruck gemacht hat auf die Acid Jazz Konsumenten und der jazzy sein soll, da wurde dann gesagt, dort ist Drum n Bass mit Jazz verbunden. Das hat aber überhaupt keine Intensivität. Wenn man sich einen darken Track anhört Armoured D oder so, dann hat das einfach mehr von Coltrane. Ich denke, das hat Darkness so groß gemacht und deshalb geht das auch weiter. Es ist absolut intensive Stilistik, da liegt sehr viel Energie im Ausdruck der Musik. Es muß nicht immer so böse sein, Photek zum Beispiel hat das auch in seinem Understatement.

Wie wichtig ist die Technik für die Musik?

Jan: Sehr. Drum n Bass ist irgendwie auch eine Geheimwissenschaft, wie man die Beats cuttet, das ist alles ewiges Forschen. Oder dann kommt Frank an mit der neuen Bassline und wir denken: Ja, die ist es jetzt, und dann spielen wir sie und, nee, die ist es doch nicht und so geht es immer weiter, immer weiter. Es ist eine extrem penible Musik.

Jemand wie Photek, wie der seine Beats cuttet, oder J. Majik, der dann dreieinhalb Stunden sich den Loop anhört, bis er rund ist... man wird manchmal wahnsinnig. Man überlegt, ja, ist der Beat jetzt nicht richtig gestrecht, ist der Startpunkt falsch gewählt, habe ich im Sequenzer was falsch arrangiert, oder so. Es ist extrem akribisch. Da sind wir auch wirklich sehr genau. Wenn etwas nicht rollt, wenn es irgendwo hängt, dann wird das nochmal gemacht. Egal wie groß die Mühe ist.


Kann man sagen, daß Sachen kicken und gut sind, weil sie extrem genau gearbeitet sind?

Jan: Auf jeden Fall. Mit der Attitude, ja wir lassens rollen, und dann rauchen wir eine dicke Tüte, das ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, daß selbt so Leute, die so drauf sind, extrem penibel sind, die nehmen das extrem ernst. Egal wie sie es sonst das mit dem Vibe halten, wichtig ist, das es wirklich auf dem Punkt ist. Wenn ein Track auseinanderläuft, dann spielt den auch keiner. Das ist Fakt.

Beruhigend. Macht die Konzentration auf Drum n Bass es einem unmöglich, etwas Unverwandtes wahrzunehmen, wie manchmal geschrieben wird oder ist das ein Märchen?

Jan: Drum n Bass ist eine Collagenmusik, da geht es darum Elemente aus anderen Musiken herauszunehmen und in einen anderen Kontext zu setzen. Von daher ist der Vorwurf, daß man sich nur auf Drum n Bass spezialisiert, völliger Humbug. Unsinn. Es ist ja weiter ein musikalisches Spektrum das Du bedienst, und dazu brauchst Du auch ein Spektrum von Stimmungen, daß Du kennst und in einen anderen Kontext setzen kannst.

Wie wichtig ist eigentlich die Plattensammlung der Eltern für Drum n Bass Producer?

Jan: In Deutschland ist das allgemein schwierig. Eigentlich haben es da die Amerikander sehr viel leichter, da haben die Eltern die ganzen Curtis Mayfieldplatten und so. Wir haben beispielsweise den Apachi Second Hand gehabt und haben ihn trotzdem von der Originalplatte genommen, die Franks Vater 1978 gekauft hat, die Bongo Rock. Weil es darum geht.

Ihr habt schon relativ viele Remixe gemacht, wie kam es dazu?

Jan: Alles hat mit dem Cosma Remix angefangen. Infra.com, bzw. Cosma persönlich haben uns angerufen und gesagt, macht mal was für unsere Maxi, die aus unserem Album ausgekoppelt wurde. Da haben wir uns dann rangesetzt, das war ein wenig schöngeistig, aber okee, kann man gut spielen. Das war sogar die erste Presseresonanz, die wir bekommen haben.

Den zweiten Remix, den wir gemacht haben, das war das Soul Control Ding, das sind Freunde von uns aus Frankfurt, die haben eine EP gemacht und Bonmont haben Interesse angemeldet, die machen eigentlich eher so Abstrakt Hip Hop und Sound Control hat ihnen dann einen Megashira Track vorgespielt und das fanden die dann ganz gut und meinten, wir sollten den Remix machen. Für den haben wir mit Halftime Break und Vocals gearbeitet, nicht so üblich für Megashira, ein Remix eben. Der kommt sogar in England raus, auf der EP.

Die Weather Report Remixe hat der Keyborder Joe Savino persönlich bei uns in Auftrag gegeben, zu seiner neuen LP, da sind wir auch ziemlich stolz drauf.
An der LP, die hat uns 15 Monate gekostet, wir haben an der CD alleine drei Monate gemastert, damit alle Tracks stimmig ineinander übergehen, man kann die einzeln anwählen, aber es sollte auch durchgehen. Das war wirklich unser Baby.
Das hat unsere Entwicklung repräsentiert, über 15 Monate, und auch die Entwicklung der Musik an sich, mit was man konfronitert wurde. Da waren wir jetzt an dem Punkt: in welche Richtung soll das denn jetzt weitergehen, wirklich einen Schritt voran. Durch Frank und Stefan kamen dann viel Detroit, so Robert Hood, die ganze Underground Resistance Sache und diesen Crossover wollten wir da machen, eine Detroit Ästhetik, aber eben Drum n Bass. Da kam uns das Savino Ding gerade recht, weil das ein sehr schwieriger Track ist. Das war live mitgeschnitten, so ein Obertongesang und eine obskure Flöte und wir dachten erstmal, was machen wir jetzt damit. Das haben wir dann aufs maximale verfremdet, wie man eben in dnb mit Samples umgeht und wollten dann massiv einen Detroittechno Sound dazu haben. Also haben wir massiv 808 oder 909 Beats drin, irgendwie auch gar keine Loops mehr, auch die Basslines sind Roland S 101, sehr moody.

Das ist auch unser Ziel, wo wir mit der nächsten Megashira hinwollen, Detroit- dnb Crossover, das ist auch das, wo wir mit der nächsten Megashira hinwollen. Weg von dem, was wir bis jetzt gemacht haben und mit aller Energie durchgezogen haben, mit Loops und Collagen arbeiten, sondern einen Schritt weiter und noch intensiver. Und der Remix war ein wirklich guter Indikator. Und der läuft auch ganz gut, der ist noch nicht so alt und ich habe ihn erst ein paarmal spielen können, aber der rockt richtig gut.


Welche Probleme kann es bei einem Remix geben?

Jan: Wenn man da dann einen Piano Dur-Akkord liefert und dann sagt, macht da mal son darkes Ding drauß, so ein Kokainteil, was will man da machen. Mann kanns umdrehen, man kanns scratchen, es klingt immer noch nicht gut, also...

Ich wußte noch nicht, daß Kokain dark sein soll...

Jan: Bei uns in Hanau, da schnüffelt man Klebstoff.

Und wie klingt ein Klebstofftrack?

Jan: Der ist echt paranoid wie das Klebstoffzeugs. Nee, aber... Bei Remixen hat man eine gewisse Verantwortung demjenigen gegenüber, der es bei einem in Auftrag gegeben hat. Irgendwie mag der ja, was man tut, möchte aber natürlich auch, daß man ihn dabei ein bißchen berücksichtigt. Von da her ist das immer so ein bißchen eine Gradwanderung. Wir hatten auch oft schon ein Ding vor uns, da dachten wir dann, ne, das wollen wir nicht weggeben, da wollen wir lieber selber weiter dran arbeiten. Aber irgendwann muß man ja was abgeben....

Stefan: Das Problem ist eigentlich mit Remixen, daß es nicht als künstlerische Tätigkeit gewertet wird. Es ist Leistung. Das ist eine ziemlich dumme Kategorisierung.

Jan: So ne Remix-Geschichte ist ja auch immer noch son Promo Ding. Wenn die Phantastischen Vier sich Wax Doctor kaufen, ohne sich mal umzuschauen, aber davon mal abgesehen, meistens ist das dann einfach ein Namedropping, weil viele sich mit den Künstlern überhaupt nicht mehr auseinandersetzen. Das ist dann ziemlich schaden. Wenn jemand sagt, ey, ich mag euerZeug, ich mag dies, und den Beat und der Break gefällt mir total gut, dann ist man selber auch schon viel mehr involviert, als wenn dann einfach jemand anruft, ja Tag, hier Intercord oder so, Makarena Remix. Was auch passiert ist. Auf der PFM ist nämlich ein Makarena Sampel drauf. Möchte ich ja nur mal feststellen. Jan: Von der Akzeptanz her ist es schwierig. Mechanische Verwertung, die Gema sagt, nö.

Stefan: Die Gema kennt keine Rechte an Remixen an und Du kriegst keine Tantiemen, obwohl Du da Dein ganzes Herz reingegeben hast.

Bleed: Im Grunde könnte die Gema, wenn sie richtig frech wäre, sagen, nee, also Drum n Bass und so...

Jan: Alles Collagen, klar.
Was ich noch sagen muß: Wir wollen unbedingt für Techen 3 die Musik machen. Wir kennen alle Moves und fordern auch alle heraus.


Interview: Mercedes Bunz (Februar 1997)
Das Interview erschien im Berliner D&B Magazin "easy" und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.
21.11.2017, 20:04 h | 5 Junglists online