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Rob Playford und Moving Shadow


Seit wann gibt es Moving Shadow und was hast Du vorher gemacht?

Moving Shadow gibt es seit ungefähr fünfeinhalb Jahren. Vorher war ich DJ, das war zu der Zeit als Raves in England noch illegal waren. Wir waren ziemlich gut organisiert und haben den Behörden manches Schnippchen geschlagen. Doch dann setzten Polizei und Behörden alle Hebel in Bewegung um diese Art von Parties zu stoppen. Am Ende wurde es sehr schwierig für uns, denn ihre Maßnahmen wurden immer drastischer. Ich erinnere mich an eine Draussen-Party, bei der ich aufgelegt habe, wo die Polizei unglaublich brutal vorging. Sie setzten Suchscheinwerfer ein und hetzen Hunde auf die Leute. Das war überhaupt nicht mehr lustig, vor allem wenn man bedenkt, daß da nur ein paar Kids waren,die eine Party haben wollten.


Was hast Du damals gespielt ?

Frühen Rave-Stuff, eben das was nach dem Acid-Boom so lief. Im Grunde war es House und für mich ist das was wir heute machen immer noch House.
It's an engineer's type of music.


Aber angefangen hast Du als Hip-Hop-DJ.

Zuerst habe ich Hip-Hop und Soul gespielt. Das war das genau das richtige, um zum Mixen zu kommen. 86, 87 kam dann House nach London. Es war schneller, was mir sehr gefiel und ich ging in diese Richtung. Dann kam Acid und nahm mich komplett gefangen. Es war ein Riesenspaß.

Was für Musik wolltet Ihr rausbringen, als Ihr mit Moving Shadow anfingt ?

Wir waren ein Haufen von Leuten, die immer auf den Parties waren, die am besten abgingen und am weitesten vorn waren. Und die Musik, die dort lief war unsere Musik. Das geht bis in die 80er zu- rück: Soul Parties, Blues Dances (= Reggae-Parties) und Haus Parties - also Parties in Privat-Häusern. Mit der Zeit wurden die Parties größer und mit ihnen die Musik. Als wir mit dem Label anfingen, war Acid gerade vorbei und House entwickelte sich in Richtung Rave.


Eine der ersten Moving Shadows, an die ich mich erinnern kann, war die 2 BAD MICE-Platte. Die klingt ziemlich anders als Eure heutigen Sachen.

Stimmt, das komische ist, daß wir sie immer noch lizensieren. Die zweite 2 Bad Mice wird demnächst sogar re-releast. Sie ist bis heute die meistverkaufte Moving Shadow-Platte.

Was ist die Philosophie von Moving Shadow?

Unsere Philosophie heißt ständige Weiterentwicklung. Wir sind immer an der forefront dessen, was gerade in der Szene passiert. Wir reflek- tieren was sich in dieser ComÐ munity entwickelt. Wenn ich eine Platte rausbringe, habe ich gern ein bißchen von heute mit einem bißchen von morgen.

Und wo ist der Moving Shadow- Sound heute?

Wir konzentrieren uns im Moment auf einen Sound, der sich in den letzten 12 bis 18 Monaten entwickelt hat. Moving Shadow macht diesen Sound schon eine ganze Weile und es gibt andere Labels wie Good Looking und Metalheadz, die auch diesen Vibe haben. Einige andere Labels, die lange auf demselben Level wie wir waren, kacken jetzt ab, weil sie nicht an der Entwicklung dranbleiben. Wie ich schon sagte, für mich ist das, was wir machen im Grunde House. Und House hat sich in verschiedene Richtungen von Happy Hardcore bis Techno verästelt. Unser Stil ist im Moment sehr musikalisch mit starken Jazz-Einflüßen. Ganz anders als vor zwei, drei Jahren, wo es nicht viel Musik brauchte.

Moving Shadow-Platten klingen nie sehr offensichtlich und bauen nicht auf Gimmicks auf. Eine Platte wie "Dread Bass", die 1994 den Würge-Bass einführte, finde ich vom heutigen Standpunkt aus eher untypisch.


Als sie rauskam war sie einzigartig und deshalb haben wir sie auch gemacht. Sie wurde erst gimmickhaft, als alle anderen anfingen, auf diesen Sound abzudröhnen. Das passiert immer. Mit dem "Helicopter Tune" von Deep Blue war es genauso.

Magst Du den Dread Bass-Bass-Sound heute noch?

Nicht besonders, er ist ein wenig ausgespielt. Als ich ihn zum ersten Mal hörte, war ich mit meinem Freund Andy C im Paradise Club. Kenny Ken spielte ihn und die Leute kamen überhaupt nicht darauf zurecht. Andy C und ich standen da und waren baff: "Was zum Teufel ist das?". Zufällig traf ich in derselben Woche die Typen, die den Track gemacht hatten (Asend & Ultravibe). Sie selbst waren gar nicht so überzeugt von dem Stück und wollten es höchstens als Teil der "2 on 1"-Serie rausbringen, die wir zu dem Zeitpunkt laufen hatten. Ich sagte zu ihnen: "Auf keinen Fall, der Track ist so massive, den bringen wir richtig raus".

Ich mag den Track nach wie vor, aber es ist wie mit dem "Amen"-Breakbeat: Die Leute packen ihn auf eine Platte und glauben, sie machen Jungle. So läuft es aber nicht; zumindest nicht bei uns. Wenn etwas durch ist, ist es durch und wir sind schon wieder ganz woanders. Was natürlich auch problematisch sein kann, denn oft sind wir einfach zu schnell. Wir haben immer schon Sachen rausgebracht, mit denen erst niemand etwas anfangen konnte und die am Ende echte Klassiker wurden. Doch inzwischen kapieren die Leute, daß sie uns vertrauen können.

Wer sind zur Zeit die wichtigsten Leute bei Moving Shadow?

Letztes Jahr sind eine Menge neuer Leute dazugekommen. Wir signen Leute, die wir respektieren und von denen wir glauben, daß sie etwas zu zeigen haben. Aber auch Leute, die noch nichts draussen haben, die uns Tapes schicken und einfach Potential haben. Am größten waren 1995 Omni Trio und Foul Play mit ihren Alben.
Auch Deep Blue arbeitet an neuem Material.

Er ist gleichzeitig unser Graphiker - Sean O'Keefe. Er macht unsere ganze Graphik und je mehr passiert, desto beschäftigter ist er. Er hat einfach noch keine Zeit für ein follow-up zu "Helicopter Tune" gehabt. Dann haben wir Aquasky, ein paar Typen aus Bournemouth gesignt und Hyper on Experience aus Jarmouth. Momentan sind es meist Leute von ausserhalb. Sie kommen Donnerstags oder am Wochende nach London, gehen in die Clubs, saugen alles auf und machen zu Hause ihren eigenen Kram. So bringen sie ihren eigenen Flavor rein und das ist genau was wir wollen.

Was ist das Konzept Eurer Voodoo Magic Parties im Equinox ?

Mit Voodoo Magic versuchen wir das gesamte Spektrum von Jungle rüberzubringen. Wir wollen eine ähnliche Stimmung rüberbringen wie 89/90. In den letzten zwei Jahren hat das irgendwie gefehlt. Für die Promoter ist es zu serious geworden, seit es wirklich um Geld geht.
Voodoo Magic versucht so zu sein wie damals, als wir einfach eine gute Zeit im Club um die Ecke hatten.


Das kann ich nur bestätigen. Ich war im Sommer auf einer Voodoo Magic-Party und die Stimmung war super-angenehm. Obwohl bestimmt anderthalbtausend Leute da waren, hatte es doch eher ein Club-Feeling. Was ich außerdem bemerkenswert fand, war das DJ-Line-Up . Mit Doc Scott, Andy C, Fabio, Hype und Kenny Ken war quasi jeder Style, von harten Stompern bis zu schmooven Funk-Sounds vertreten.

Das ist meine Philosophie bei allen Unternehmungen: giving people value for money. Die Tickets sind nicht billig, aber für einen der besten Clubs im Westend angemessen. Und das DJ-Line-Up ist kaum zu schlagen.


Findest du es nicht problematisch, das manche DJs so viel spielen und oft in einer Nacht bei zwei, drei Parties auflegen?

Problematisch für wen?

Für die Qualität.

Nein (lacht). Die Leute sind absolut dedicated, sie lieben ihre Arbeit und bekommen einen Haufen Geld dafür. Klar, sie rasen durchs halbe Land und das ist schon stressig. Aber dafür schlafen sie auch den ganzen Tag und haben Leute die sie fahren. Sie spielen ihre ein-bis anderthalb Stunden und weiter gehts zum nächsten Gig.

Bleibt denn dabei genug Zeit um den Vibe der Party auszuchecken?

Jeder DJ hat seinen eigenen Flavor und ein bestimmtes Set. Selbst wenn er einen Track spielt, der bereits glaufen ist, macht das nichts, denn die Art wie er ihn spielt ist entscheidend. Ich bin am Wochende viel mit Andy C unterwegs und in der Regel sind wir eine halbe bis ganze Stunde vorher da, so daß genug Zeit bleibt, die Crowd auszuchecken und sich ein Set zurechtzulegen. So that you can just kill them with a few tunes.

Aber es gibt doch sicher auch DJs, die gern drei, vier Stunden und länger spielen, so wie es klassische House-DJs tun.

Klar und in die Richtung geht es im Moment auch. Vor allem mit dem neuen Style, der sich gerade durchsetzt. Und es hat auch schon immer solche DJs gegeben; Fabio und Bukem sind da die klassischen Kandidaten. Sie können ihr Set über Stunden ausrollen und tun dies äußerst gern. Der Nachteil ist nur, daß sie dadurch weniger mobil sind und die Nachfrage ist riesig.

Welche anderen Clubs kannst Du zur Zeit empfehlen?

Eigentlich gibt es nur zwei Clubs in die ich im Moment gehe und das sind Speed im Mars und Goldie's Metalheadz Club im Blue Note Cafe. Sie haben dieses neue Etwas das sich gerade durchsetzt. Wenn ich könnte würde ich selbst so einen Club machen, aber ist ziemlich schwer ein Venue zu finden.

Warum?

Der Sound der bei Speed und im Blue Note wird immer beliebter, so daß es dort inzwischen hoffungslos überfüllt ist. Man bräuchte größere Venues doch dann ist man in Konkurrenz mit den House-Clubs.

Die House-Clubs sind also auch in London immer noch größer?

Ja, House ist der kommerziell erfolgreichste Sound.

Ich bin immer ein wenig überrascht wenn ich in London bin. Auf der einen Seiten ist Jungle absolut präsent und entspricht total der Stimmung der Stadt. Club-mäßig aber ist das Angebot an House viel größer.

Das liegt an den Promotern die in den House-Clubs sind. Sie haben ihre nette House-und Garage-Crowd und wenn Du sie auf Jungle ansprichts, kriegen sie irgendwie Schiß. Ich weiß nicht was sie von einer Jungle-Crowd erwarten, denn es gibt da überhaupt kein Problem. Sie denken es sei wie Hip-Hop was den Streß angeht, aber das ist Quatsch.


Warum zieht Ihr jetzt mit Moving Shadow von Stevenage nach Soho?

Unsere alten Räume waren einfach zu klein und auf Dauer nervt es jeden Tag 35 Meilen nach London reinzufahren. Deshalb verlagern wir die gesamte Organisation ins Zentrum. Für mich hat das aber auch eine persönliche Komponente. Denn genau dort, in Clubs wie Astoria und Rage fing für mich alles an.

Ist es ein bißchen so wie: Die Musik der Vorstädte erobert sich das Zentrum?

Ja, wir schlagen zurück. Am Anfang wurden wir von den Behörden und den Clubs unterdrückt, doch wir haben uns nicht beirren lassen, weil wir wußten was wir wollten. Heute füllen wir einmal im Monat den besten Club im Westend und können unsere Büros nach dorthin verlagern. Nicht das wir das wir das so geplant hätten, aber es ist schon schön etwas zurück zu bekommen.

Text: Dagmar Maziejewski, Interview: Dagmar & Bleed (Dezember 1996)
Das Interview erschien 1997 im Berliner D&B Magazin "easy" und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.
18.11.2017, 11:19 h | 7 Junglists online