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Photek II


Beim Dreh der Lost In Music-Jungle-Dokumentation in London hatte uns Photek, wie einige andere seines Faches versetzt. Doc Scott hinderte das schlechte Wetter, Dillinja hatte Schiß vorm Fernsehen und Photek hatte einfach sein Handy abgestellt.
Dafür kamen seine Kumples von Source Direct. Mittlerweile sind Source Direct, wie Photek beim Virgin Sublabel Science gesignt und mit einem Majordeal in der Tasche muß auch ein Photek raus aus seinem Studio-Versteck in St. Albans und zum Interview-Marathon nach Köln.


Das Photek in London nicht aufkreuzte, nehme ich ihm nun nicht mehr übel, denn der freundliche Rupert entschuldigte sich gleich mehrmals und erklärte, warum das mit den Jungle-Produzenten und den Terminen nicht so einfach ist:


Wenn ich im Studio bin und eine Idee hab', muß ich daran weiterarbeiten. Oft weiß ich, daß ich morgens eine Verabredung habe aber ich kann meist einfach nicht aufhören und arbeite die ganze Nacht bis ich im Studio einschlafe.

Dagmar: Dann hast du ein Feldbett im Studio?

Nein, aber Produzieren ist arbeit. Ich habe in den letzten 4 Jahren fast jeden Tag im Studio verbracht. Seit ich angefangen habe Breakbeats zu produzieren, mache ich nichts anderes mehr. Meistens wache ich auf, trinke einen Kaffee, rauche eine Zigarette und fange an zu arbeiten bis ich wieder einschlafe. Diese ganzen Jahre habe ich an Breaks, Drumpatterns, Basslines und Sounds getüftelt.

Bleed: Zu der Zeit als deine erste Photek auf Photek erschien, kam dein Label ungewöhnlich professionell rüber.

Das war auch der Grund ein eigenen Label zu gründen. Alles was ich wollte, war Platten zu machen, mit einer Artwork die genauso aussah wie sich die Musik anhörte.

Dagmar: Bis heute sind die Cover der meisten Platten nicht so gut wie die Musik es ist. Ziemlich kitschig meist, so wie die Title. 'Horizons' oder so.

Damals haben viele unsere Musik nicht für voll genommen. Das lag auch an der Präsentationsform, den vielen Whitelabels.

Bleed: Es heißt, Bukem hätte Dich zum Produzieren gebracht.

Nein, er war aber einer der ersten Dj´s, der meine Platten spielte. genauso war ich einer der wenigen, die das produzierten, was Bukem auflegen mochte. Bukem reiste damals durchs Land um die Leute aufzusuchen deren Musik er gut fand, bekam so DAT´s von mir, PFM und anderen.

Dagmar: Auf deinen ersten Platten war noch deine Telefonnummer, da hätte Bukem ja einfach anrufen können!

Die Nummer habe ich erst ab Photek 6 weggelassen. auf der 5, "Seven Samurai", ist sie in Japanisch!

Dagmar: Waren die Streetbeats-10"s deine ersten Veröffentlichungen?

Die erste Photek kam im August '94 raus. vorher habe ich hauptsächlich Platten als Studio Pressure auf Certificate 18 rausgebracht. Noch davor habe ich zusammen mit Rob Solomon produziert als Originaton. Wir haben mehrere 12"s gemacht, bei denen Rob die A- und ich die B-Seite produziert hatten.

Dagmar: Was ist mit Rob, produziert er noch? Photek: Demnächst kommt was von ihm als Universal auf Good Looking. Dagmar: Ich hab´den Eindruck, du produzierst weniger für DJ´s, für den Club als für dich selbst?

Schon für DJ's. ich mache sogar manchmal Specials für bestimmte DJ's, z.B. Peshay oder Grooverider, die nicht released werden. Ich mag die Idee, das man nicht alles kaufen kann, was man hört. Das man nicht immer herausfindet, wer was produziert hat. So bleibt es spannend. Eigentlich mache ich aber nur was ich will und produziere für mich selbst, aber weiß einfach welche DJ´s meine Sachen mögen.

Dagmar: Spielen DJ´s denn "Hidden Camera" oder "KJZ"? Photek: Schon, aber oft am Ende eines Sets, ohne es reinzumixen. Bleed: Hast Du absichtlich ein politisches Thema für deine erste Platte auf Science gewählt?

"Hidden Camera‘ ist nicht eigentlich politisch. es geht da nicht um einen "Police State‘ oder sowas. Es ist eher ein Joke zwischen Source Direct und mir. Wir wohnen ganz in der Nähe und da wir meist Nachts produzieren, fahren wir oft zwischen unseren Häusern hin und her. Wir haben keine normalen Jobs, trotzdem können wir ok leben. Wir spinnen oft ein wenig rum und überlegen uns, was die Polizei von uns denkt. das, was wir gemacht haben, bevor wir begannen zu produzieren, hätten sie verdächtig finden können, aber jetzt tun wir nichts Verbotenes. Trotzdem beobachten sie uns.

Die andere Idee ist, daß in der art, in der eine Security Camera einen Bildausschnitt wiedergibt, die normalsten Dinge verdächtig erscheinen, sogar Source Direct in meinem Garten!


Bleed: Wie eng arbeitet ihr zusammen?

Wir sehen uns jeden Tag. Demnächst ziehen wir zusammen in ein Haus. Außerdem haben Jim&Phil auch gerade bei Virgin gesignt. Auf Science haben wir ein gemeinsames Projekt, ™Eight Steps‘, worüber ich aber nicht mehr sagen darf als das es eine irre Theorie ist, Top Secret!

Bleed: Tauscht ihr Samples?

Wir sammeln alle ständig Samples. Wenn ich bei Jim&Phil eins höre, das ich unbedingt benutzen möchte frage ich: Für was braucht ihr das? Habt ihr das schon benutzt? Und Source Direct: Noch nicht, aber...Und so weiter. Wir tauschen Breaks, Sounds behält meist jeder für sich.

Bleed: Siehst du in der Technik Grenzen für das Produzieren?

Nicht wirklich. Ich glaube, die Musik ist auch Resultat der Möglichkeiten, die die Technik bietet. Ich versuche nicht etwas zu produzieren, was über die Möglichkeiten des Equipment geht. es ist eher so, daß du ein neues Gerät hast und die Musik entsteht aus der neuen Technik Ohne Sequenzer gäbe es Jungle nicht. Ohne das Q-Base-Programm gäbe se meine Musik nicht. Ich glaube, von allen Einflüssen ist Q-Base der Wichtigste und Steinberg Ltd sind die Leute, denen ich am meisten verdanke.

Als ich anfing, hatte ich eine Roland W30 Keyboard mit 15 Sekunden Sample-Zeit. Ich habe alle meine Tracks mit diesen 15 Sekunden-Samples gemacht. Viele Sounds waren nur 0,4 Sekunden lang. Also spielte ich eine Platte auf Plus8 bei 45, sampelte sie auf niedrigster Frequenz und so schnell, wie ich konnte, machte dann einen Loop aus dem Sound und belegte ihn mit Effekten, um ihn lang klingen zu lassen. Dabei habe ich mühselig viel über den Umgang mit Samples gelernt.


Bleed: Erwartet Science von dir irgendeine Art Live-Set?

Ich glaube, ich muß mir schon über eine Form der Präsentation meiner Musik Gedanken machen. Goldie hatte Live-Musiker auf seinem Album, also konnte leicht ein Live-Set machen. Dagmar:Fast jeder Jungle-Produzent spricht derzeit davon, mit Live-Musikern zu arbeiten. Ich finde das daneben, das wäre ein Schritt zurück.

Dagmar: Fast jeder Jungle-Produzent spricht derzeit davon, mit Live-Musikern zu arbeiten. Ich finde das daneben, das wäre ein Schritt zurück.

Ich habe schon mit Drummern und Bassisten gearbeitet, habe dann den Live-Bass wie eine Platte gesampelt. Nur um ein gutes Bass-Sample zu haben. Mich interessiert Samplen und das Bearbeiten von Sampeln. es geht um präzise, schnelle Dinge, Drumpatterns, die ein echter Drummer nicht spielen kann. Die sich wiederholenden Abschnitte sind bei gesampelten Breakpatterns identisch. Das mag ich.

Dagmar: Weil die Welt außerhalb der Szene sich für Jungle interessiert, besteht jetzt das Bedürfnis nach einer neuen Darreichungsform neben dem Djing.

Drum&Bass ist aber kein Live-Ding, deswegen ist eine PA Quatsch. Ich habe PA´s als Origination gemacht. Da haben wir ein paar Keyboards und ein Dat mitgenommen und sind auf der Bühne herumgehopst. das ist Zeitverschwendung. Ich glaube, im Studio bin ich nützlicher.

Dagmar: Ist es für dich kein Widerspruch, daß die Szene in London noch so klein ist...

Stimmt, es gibt eigentlich nur zwei Clubs, Speed und Blue Note.

Dagmar: Und die DJs sind Fabio, Grooverider, Doc Scott...

Kemi & Storm und der Rest.

Dagmar: Und gleichzeitig werden immer mehr Major-Deals gesignt und der Rest der Welt interessiert sich für diese verschworene Drum&Bass-Gemeinde?

Ich glaube, mit Detroit-Techno war da genauso.

Bleed: die Szene ist da immer noch klein, die Clubs sind klein. Photek-Platten waren für viele Techno´s der Einstieg in Drum&Bass.

Ich denke, weil ich selber Techno mag. Ich habe viel Techno und frühen House gehört. Viel habe ich im Radio aufgenommen, zu der Zeit, da Randall und DJ Rap House auf Piratensendern spielten.

Dagmar: Die haben House aufgelegt?

Klar, damals war das ja noch alles eine Musik. Lustig ist, das ich, da ich wenig Platten gekauft habe und nur Radiotapes hatte, oft nicht wußte, von wem welche Tracks waren. Erst später habe ich gemerkt, daß alle meine Lieblingsstücke von Carl Craig oder Derrick May waren.

Dagmar: Du samplest Funk- und Jazz-Platten, wie gut kennst du dich damit aus?

Von der Hälfte weiß ich nicht, was es ist. Trotzdem ist Jazz vielleicht die Musik, die ich am wenigsten kenne, aber am meisten mag. Ich bin ein bischen zu jung für das Rare Groove-Ding. Meinen Rare Groove kenne ich hauptsächlich aus dem Radio. Ich habe oft Gilles Petersons Show gehört, als ich so 13, 14 Jahre alt war. Ich hatte einen Schulfreund, der nach London fuhr um Soul- und Funk-Platten zu kaufen.

Dagmar: Und was hälst Du von den sehr jazzigen Drum&Bass-Sachen?

Das, was Leute jazzy Drum&Bass nenne, erinnert mich eher an Jazz, wie er in Housetracks vorkommt, ein nettes Saxophon-Sample, ein Orgelsound und so.

Bleed: Kennst Du die Sachen von Squarepusher?

Nein, aber es gibt viele Leute, Kid Loops und Ähnliche. Ich habe ein paar Sachen von Leuten aus anderen Musiken gehört, die Platten mit Breakbeats machen. deren Breaks sind meistens schlecht. Ich muß lachen, wenn ich deren Basslines höre. Und das soll experimentell sein!

Wenn es darum geht, wie man Breaks macht, mag es für solche Leute experimentell sein, weil sie nicht wissen, wie man das macht. Wenn ich mich an experimenteller Malerei versuchen würde, müßte ich auch experimentieren - heißt aber nicht, das da was gutes bei rumkäme!


Dagmar: Es wird derzeit viel in Trip Hop-Kreisen gemalt!

Aber die jazzigen Stücke waren für viele Leute der Einstieg in die Musik. Diese Entwicklung des Musikalischer-Werdens, die Strings und so, das war wichtig. Damit ist Drum&Bass sozusagen erwachsen geworden. Und der derzeit wichtigste Schritt ist der Backlash gegen diese Seite zum düsteren, harten Sound. Das, was jetzt im Blue Note läuft, die "Darkside‘-sachen, haben mehr von Miles Davis. jazz aus den 60er, 70ern, John Coltrane, Ornet Coleman. Bis hin zu Herbie Hancock.

Dagmar: Viele der Leute, die Drum&Bass mit Alex Reece gut fanden, kommen mit Dillinja oder Source Direct nicht klar.

Ich denke, die Musik passt nicht zu deren Lebensbedingungen. Die Musik, die wir machen ist schon so eine Art Soundtrack zu unserem alltäglichen Leben. Nachts im Studio, auf dem weg nach London zu den Clubs, das ist schon anders als hier. Überall sind die Leute agressiv. Ich wohne außerhalb von London um wegzukommen von der Stadt. Ein bischen Geld verdienen, ein nettes Haus, all das. das ist mein natürlicher Instinkt.

In den Counties um London leben hauptsächlich Leute, die zu ein bisschen Geld geommen sind und ein besseres leben führen möchten. Trotzdem ist es nicht viel besser. In den Counties findet die Kriminalität nur verdeckter statt. Ich könnte wohl in Köln besser leben. Und irgendwie bleibt unsere Musik auch in St. Albans ein "Inner City Life"- Ding.


Text: Dagmar Maziejewski, Interview: Dagmar & Bleed (Dezember 1996)
Das Interview erschien 1996 im Berliner D&B Magazin "easy" und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.
24.02.2017, 04:39 h | 12 Junglists online