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DJ Brockie & Kool FM


Are you ready for the DJ Brrrrockie...
Bei Raves und im Radio tau­send Mal dieses Intro gehört, und tausend Mal wie elektrisiert alles stehen & liegen gelassen um von MC Det's heiserer Nebelhornstimme durch Brockies Set navigiert zu werden. Wie Grooverider, wie Frost oder Hype ist Brockie einer der DJ-Godfathers, Leute, ohne die Jungle fast nicht denkbar gewesen wäre. Noch undenkbarer wäre Jungle ohne Kool FM 94.5. Aber das ist eigentlich ein & dieselbe Geschichte.


Kool FM beherrscht East London. Hackney, Tottenham, Edmonton, Walthamstow, Shoreditch, Bethnal Green, Epping Forest. 1m Süden forciert Choice FM eher HipHop, Swingbeat und Ragga. Aber East London ist uneinnehm­bares Kool Territorium. East London ist Jungle. Kids von 13 aufwärts kleben an ihren Radios wenn Brockie Sonn­tagnachts auflegt, Wannabe-Producer schneiden gewohn­heitsmäßig Bryan Gee's Shows mit, von denen jede eine Premiere für neue Beats aus Bristol ist. DJ Ron's neue MC-lose Donnerstags-Show und jeweils zwei Stunden Jump Up von Pugwash, DJ Ash, Swift und Younghead sind ande­re Highlights in den vier Tagen pro Woche, an denen Kool von wechselnden Hochhäusern in Hackney aus sen­det. Eine ganze Reihe von Razzias hat Kool in seinen improvisierten Studios hinter sich, die zwei, dreimal im Jahr verlegt werden, aber Equipment für mehr als 1000 Pfund kann heute kaum noch beschlagnahmt werden. Die Technics 1210 machen den teuersten Posten aus, dazu kommt für den jeweils anwesenden DJ der Verlust an Platten und Dubplates (bei DJ Ash waren bei der letzten Razzia 16 Plates futsch!).

 
... I seriously heard people say that I play too black. I mean, I am black, so I love that. Cool! But it shows me that some people are just fuckin' stupid. Me and Hype play similar, but they wouldn't say that to Hype...
Aber nach jedem Sturm aufs HQ ist das Studio meist schnell wieder installiert. Rude FM, Eruption und Kick FM (ehemals Rush FM) sind andere etablierte Jungle-Piraten, aber kein Sender wird so stark mit seinen DJs und MCs identifiziert wie Kool. Und kein DJ bringt es dabei auf einen so hohen Identifikationsfaktor wie Brockie.



DJ Brrrrrockie, wie es MC Det, sein Running mate, jeden Sonntag um Schlag Elf in ihrer gemeinsamen Kool Show herauskrakeelt, ist Londons populärster Jungle DJ. Ich wiederhole: LONDONS POPULÄRSTER JUNGLE DJ! Schluß. Punkt. Aus. Nicht unbedingt bei allen Promotern, nicht bei der Presse, schon gar nicht bei Leu­ten, die Drum'n'Bass gegen Jungle positionieren.

Hype, Randall, Mickey Finn und Kenny Ken mögen mehr internationale Bookings abstauben, aber bei jedem Popularitäts-Poll unter schwarzen Ravern in London läge Brockie einsam an der Spitze. Zu der Einschätzung käme jeder, der mit ihm eine halbe Stunde durch Upper Clapton bummelt, die High Road entlang, am Jungle Fever Office und Plattenladen vorbei, und mitbekommt, wie er alle Nase lang angehalten wird, Hände schütteln muß oder zur letzten Sendung gratuliert bekommt, von Kids, von Hoodies, von Dreads, von Ravern, aber genauso von Leuten, die bei Roast, bei Telepathy, bei One Nation oder irgendeinem anderen Event, den Brockie am Wochenende gerockt hat, völlig deplaziert wirken würden. Es ist nicht die Technik, die ihn als DJ ausmacht - er boxt die ein­zelnen Tracks manchmal mehr herein als er sie mixt, und spielt, wie es Shy FX einmal ausgedrückt hat, "beinahe wie ein Selecter" - sondern einfach der Aufbau seiner Sets, kribbelig funky, in Wellen auf & ab rollend, einen im Schleudersitz von einem Jump Up-High zum nächsten mitschleifend.

Aber Brockie ist mehr als nur DJ. Er ist, zusammen mit Smurph und Eastman, einem ehemaligen Sound System Operator, Gründer und stiller Teilhaber von Kool FM und Jungle Fever, der DJ Booking Agency und Rave-Organisation. Als er zuletzt bei Telepathy gebucht war, stand auf dem Flyer unter seinem Namen in Klammern "Hood Homie" und irgendwie bleibt er das auch zuallererst, auch wenn viele in ihm eher einen Elder Statesman (als 33jähriger mit zwei Kindern muß er sich das gefallen lassen') der Rave-Szene sehen, der schon Jungle gespielt hat, als der Begriff noch gar nicht existierte.

An einem sonnigen Montagmorgen sitzen wir im Haus von Brockies Eltern in Clapton, sein jamaikanischer Vater kippt unsere Wassergläser mit Rum voll, schimpft über das Klima und erzählt, daß er sich nächstes Jahr nach Westmoreland zurück trollen wird - auf Nimmerwiedersehen. Über Interna von Piratensendern zu reden, darüber, wer auf Hochhausdächern herumkraxelt und die gemeingefährlichen Verkabelungsarbeiten übernimmt, oder wie weit Studio und Sender auseinander liegen, ist spannend aber top secret. Leider. Also drücke ich erst die Aufnahmetaste meines Recorders, als Brockie bei der Entstehungsgeschichte des Senders angelangt ist.

"Eastman, Smurph und ich haben '91 mit Kool FM angefangen. Wir sind also fünf Jahre dabei. Der Anfang war furchtbar. Wir waren völlig pleite. Ich hab' nicht gearbeitet. Hatte sowieso nie einen richtigen job. Wollte niemand mit meiner Arbeit reich machen... Am Anfang gehörte noch ein Partner zu uns, er war der einzige, der Geld aufbrachte. Ihm gehörte der Palm Tree Club (ein alteingesessener Reggae Club in Tottenham) und er setzte ein paar Ragga DJs bei uns durch. Aber nach einer Weile spürten wir, daß vor allem Hardcore lief. Wir hatten Hardcore auf die Shows unter der Woche verteilt und Ragga und Soul für die Wochenenden reserviert. Aber dafür schien sich niemand richtig zu interessieren. Der Entschluß, völlig auf Hardcore umzustellen, fiel uns also leicht."

Hardcore, Darkcore, Ragga.Techno, Jungle, wie bist du in die Chose reingeschlittert?

"Ich bin DJ seit meinem dreizehnten Lebensjahr, mit 17 war ich Professional. Ragga, Rare Groove, HipHop, alles. War bei 'nem Sound System und habe illegale Parties mitorganisiert. Wir haben uns eine Two-Speaker Box besorgt, Billig-Flyer gedruckt, irgendwo 'ne Tür eingetreten, die Box rein geschoben und angefangen. Später bin ich auf Detroit Techno umgesriegen, auf Acid, Garage, Hardcore. Als wir bei Kool begannen, habe ich sogar noch den MC bei meiner eigenen Show abgegeben. Dann angelte ich mir Co Gee. Aber er zog sich beim Fußball eine schwere Verletzung zu und fiel für ein halbes Jahr aus. Ansch­ließend war ich wieder mein eigener MC. Mit Det hab' ich mich 1992 zusammengetan. Er wohnte ein paar Blocks entfernt und schwafelte mir die Ohren voll, wie gut er ist - du kennst ja sein Talent sich selbst zu promoten! Selbstbewusstsein hat ihm nie gefehlt. Manche Leute ver­wechseln es mit Arroganz."

Aus Det's Debut.Album scheinst Du dir nichts zu machen. Ich hab' dich nie einen Track spielen hören...

"Hahaha... das mußte ja jetzt kommen! Okay, ich hab' ihm schon gesagt, daß mir nicht viel an der Platte liegt. Ich brauche bessere Beats. Basslines. Drums. Aggression. Tracks wie "Junglist Massive" funktionieren einfach nicht. Zu spät für so was."

Euer Format - DJ plus MC - hat Kool überhaupt erst gemacht…

"Würde ich auch so sehen, ja. Unsere Szene wäre längst tot ohne MCs, glaube mir. Deswegen ist es schwachsinnig Ragga zu dissen. Wenn damals nicht dieses Ragga-Element gewesen wäre, ich glaube nicht, daß Jungle je so groß geworden wäre. Das heißt nicht, daß ich bereit bin MCs in \chutz zu nehmen, die in diesem Fake-Patois quatschen. Es gibt ein paar, die das können, Navigator, Flinty & Deman (Ragga Twins), aber bei den meisten anderen klingt es einfach idiotisch. Ich bin nicht besonders gut, wenn es darum geht MCs zu beurteilen. Aber ich weiß, daß es zu viele Scheiß MCs gibt. Als DJ mußt du dich auf deinen Job konzentrieren, viel Geld für Platten ausgeben, immer hinter neuen DATs herjagen... Viele MCs hampeln einfach nur vor dir herum, sabbeln Nonsens, kennen die Platten nicht, machen sich lächerlich und haben keinen Schimmer, was einen Jungle MC ausmacht. Ich fälle kein so vernichtendes Urteil über MCs wie Hype, der die ganze Sache zu persönlich nimmt. Es gibt schließlich auch Leute wie Skibadee, einer unserer jüngsten, unverbrauchtesten MCs. Er bekommt mittlerweile 'ne Menge Jobs zugeschanzt. Trotz. dem sind wir dabei, das MC Element beim Sender etwas zurückzufahren."

Es hängt wahrscheinlich auch damit zusammen, daß Bryan Gee's Show so ein durchschlagender Erfolg geworden ist.
Bei ihm lenkt eben nichts & niemand von der Musik ab.


"Sicherlich. Dabei ist Bryan eher zufällig bei uns ins Pro­gramm gerutscht. (DJ) Trace fragte ihn, ob er ihn vertritt, als er nach Amerika ging. Als Trace dann zurückkam und sah, daß Bryan's Show der lick war, hatte er einfach nicht den Mut ihn zu fragen, ob er seinen Platz wieder räumt. Ich bin eigentlich der DJ-Manager und entscheide wer, wann und wo spielt, aber mit der Sache hatte ich wenig zu tun. Dazu kam, daß Trace seinen Stil völlig verändert hatte. Plötzlich ging es nur noch: BRRRRRRRR.. BRRRRRRR... BRRRRRRR.
Du weißt, was ich meine (lacht). Krach. Er hätte sich ja die Zeit nehmen können, seinen neuen Sound langsam einzuführen, die Leute dran zu gewöhnen. Aber er wollte von heute auf morgen nichts anderes mehr spielen. Wir sagten: "fuckin' hell, Trace' Die Realität ist hier. Nicht in Amerika." Aber wenn jemand anders sein will, werde ich ihn nicht fallen lassen.

Ich gab ihm eine neue Show. Samstagmorgens, immer noch eine gute Zeit. Bis er zurück in die Staaten ging (Trace lebt mittlerweile in Philadelphia). Unser mate wird er immer bleiben. Er war schließlich vom ersten Tag an dabei!"


Kool ist immer noch so etwas wie eine Familie, richtig? Eastman sieht es jedenfalls so.

"Natürlich. Von unserem Original Team ist jeder eng miteinander befreundet. Wir sind eine Clique, genau wie Metalheadz. Du kannst der beste DJ auf der Welt sein, aber wenn wir dich nicht ausstehen können, dann legst du bei uns nicht auf.
Wir sind als Radio Station lange etabliert, Kool FM gibt es letzt sogar in Birmingham, wir veranstalten unsere eigenen Raves (Kool Kool und Jungle Fever), wir haben unseren Plattenladen aufgemacht, betreiben ein neues Label zusammen (K.Power - Brockie hat drei Tracks in der Warteschleifel)... Wir können heute nicht mehr jeden bei uns aufnehmen. Du mußt tief in der Musik drinstecken, um bei uns einen Break zu bekommen."


Vor welchen DJs hast du den meisten Respekt?

"Wenn du nach unseren Boys fragst, vor Swift. Letztes Jahr hat er angefangen sich einen Namen zu machen, dieses Jahr kommt die große Abrechnung! Er hat einen klaren Kopf und ist technisch unschlagbar. Dann muß ich Footloose nennen. Vor seiner Hingabe zieh ich den Hut, er fährt nach Schottland, wenn du ihm sagst, daß er sich dort ein gutes DAT abholen kann. Er ist 20 und manchmal noch etwas. . nicht unbedingt kindisch, sagen wir: „jungenhaft“. Wenn wir von den Godfathers reden, dann gehört mein Respekt Grooverider. Er arbeitet unglaublich hart. Sein Input in die Szene ist enorm. Er ist jahrelang dabei, du müßtest ihn für viel, viel älter halten als er ist (28). Für Frost gilt das auch. Und für Ron. Er hat immer zu seinem Sound gestanden. Als er vor Jahren dieses Ragga-Element in die Szene schleppte, haben sie ihn regelrecht bekämpft. Vor Bukem hab' ich aus denselben Gründen Achtung. Er hat immer gespielt, was er wollte und sich nie um andere geschert.

"Ich kann Ihn nicht ertragen", unterbricht uns einer von Brockies Homies, der uns bisher schweigend Gesellschaft geleistet hat. "Wenn ich Bukem und seine Leute auf einem Rave vorgesetzt bekomme, bilde ich mir immer ein, auf Toilette gehen zu müssen, Star..."
(Brockie biegt sich vor Lachen).

"Hör zu, Mann: it takes a lot only to play what you fuckin' like” Bukem tut das. Wenn er bei einem Rave aufläuft, wo alles wie vom Teufel geritten herumhüpft, denkt er nicht daran Kompromisse zu machen. Für so eine Haltung bringe ich ein Maximum an Respekt auf. Okay, es ist chill out Musik. Klingt gut beim Autofahren, wenn du einen Spliff dazu rauchst... Obwohl ich glaube, daß es schwieriger ist, einen harten, aggressiven Jungle Track zu produzieren, als den Sound, den er favorisiert. Nimm Roni Size und Krust. Nimm Pascal, Shy FX, Chris (Potential Bad Boy), Andy C, Dillinja..."

Als ich (DJ) Ron vor ein paar Tagen das Line-Up vom nächsten Soundclash Rave vorlas (ehemals Jungle Sound­clash, aber die Promoter haben das Wort Jungle fallenge­lassen), der Flyer war voll mit DJs der zweiten Wahl, den Swan E's und Ellis Dee's da hat er nur aufgestöhnt und hervorgestoßen: "Typisch! Das Line-Up möglichst weiß, möglichst schwach, möglichst so, daß nicht zu viele Schwarze auf die Idee kommen, Tickets zu kaufen."

Ist es der blanke Rassismus von Promotern, der für den Split in der Rave-Szene verantwortlich ist?

"Definitiv! Sie stereotypisieren dich. Ich habe Leute sagen hören, dass ich zu schwarz auflege, versteht Du? Ich bin schwarz, also könnte ich das auch als Kompliment auffassen. Cool! Aber es zeigt mir nur, wie elend dumm manche Leute sind. Ich und Hype spielen beinahe dasselbe, aber Hype würde keiner so kommen. Ich hab' kürzlich ein Interview gegeben, wo es um die Spaltung der ganzen Szene ging. Aber das Problem sind weniger harte Drogen oder Gewalt, sondern Promoter und deren Booking-Praktiken. Sie stellen ihr line-Up zusammen und sagen sich: "cha, für den Rave kommt Brockie nicht in Frage. IT'S GETTING TOO DARK THEN!!! Tausende von schwarzen Ravern stehen vor der Tür und schlagen ihr weißes Studenten Publi­kum zusammen. Vollidioten!

Als ich mich in die Szene hereinspielte, hab' ich noch mei­nen Ragga aufgelegt. Da sind nur Schwarze gekommen. Wurde mir langweilig, außer­ dem war Ragga zu der Zeit völlig vor die Hunde gegangen, pure gun and pussy and stupidness.. Ich will mir kein Label mehr verpassen lassen. Ich spiele für indische Kids in der Ministry of Sound (Süd London), wo sie Jungle mit Bhangra und HipHop mischen. Vor ein paar Tagen war ich mit Hype in Kanada, kurz davor bei der Meditation in Deutschland (wo Brockie abgeräumt hat wie noch nie ein DJ vor ihm), das war einer der besten Raves, wo ich dieses Jahr aufgelegt hab!. Egal wo es ist: I play for all the youth in the street. Und zwar solange ich denken kann."


Text: Uli Güldner (Oktober 1996)
Das Interview erschien in Pressure Nr.2 und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.
24.11.2017, 04:41 h | 5 Junglists online