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Bassline Generation


Es ist Dienstagnachmittag. Mein Weg führt mich nach Nußloch einem kleinen verschlafenen Städt­chen an der badischen Bergstraße. Verschlafen? Nicht ganz. Bei einer Familie dieser Gemeinde ist man ganz und gar ausgeschlafen.
Ich besuche den Heinstein–Clan. Eine Klingel gibt es hier nicht, man reagiert auf. Klopf­zeichen. Christian öffnet mir die Tür. Gleich hinter ihm kommen mir zwei kleine Kätzchen entgegen, die auf den Namen Hänsel und Gretel hören.
Wie ein Märchen erzählt sich auch die Geschichte der Bassline Generation, die im nachfolgenden Interview genauer unter die Lupe genommen wird.


Wie viele Mitglieder hat Bassline Generation (BG)?

M: Wir sind zu fünft. Das sind erst mal die vier Heinstein Jungs, Emanuel, Alex, Christian und ich und dann noch der Oliver, wobei der Oliver in letzter Zeit nicht mehr so ganz aktiv am Geschehen teilnimmt, well er viel arbeiten muß.

Welche Funktion hat jedes einzelne Mitglied?

C: Matthias (Music Master Mat) und ich (MC C) sind die Hauptproduzenten, wobei der E mittlerweile stark aufge­holt hat. Von uns ist dal bisher veröffentliche Material. Alexander trommelt sowohl im Studio, als auch bei live PAs.

Seit wann gibt es die BG?

M: Wann es genau angefangen hat, kann man schlecht lagen, aber Platten machen wir seit 2 Jahren und Equipment haben wir leit 3 Jahren. Also kann man lagen die BG gibt es seit wir Equipment zum produ­zieren haben. Vor 2 Jahren hatten wir unsere erste VÖ auf Smokin Drum.

Eure Eltern sind ja auch musikalisch. Euer Vater spielt in einer Reggae Band. Wurdet ihr von Euren Eltern beeinflusst?

M: Heine Mutter hat früher Gitarre gespielt und wir haben immer viel zusammen gesungen.

Ihr habt mit sehr wenig Equipment angefangen zu produzieren. Erzählt doch mal von den Anfängen. Woher habt ihr die Sounds, sind sie kopiert oder habt ihr sie selbst eingespielt?

C: Das Problem war, all wir mit Jungle anfingen gab es im Prinzip gar niemanden, der Jungle produziert hat. D.h. wenn wir irgendwelche Sounds haben wollten, mußten wir suchen, suchen, suchen. Wir haben eine Kiste mit Platten gehabt, da war alles drin, von AC/DC, über Depeche Mode bis zu Michael Jackson. Wir fingen an alles zu verwurschteln.

Wie seid ihr zu DnB und Jungle gekommen?

Durch Tapes. Haben kurz darauf eine gebrauchte Plattensammlung von DJ Naughty (inzwischen Fillipo Moscatello, der auf Gigolo House / Elektro produziert) aufgekauft. Haben übrigens direkt mit Hardcore / Jungle begonnen aufzulegen, wo wir sehr starke Unterstützung in den DJs Tek & Sniper (inzwischen Marlon Brandow, der auf Pavlek Downbeat produziert) fanden.

M. Dann haben wir begonnen mit Bässen zu experimentieren und bauten unseren eigenen Basssound. Unser Equipment bestand zuerst aus einem Atari mit Cubase Programm, Akai S 1100, JD 800, den wir allerdings gar nicht mehr als Keyboard verwenden. Low Budget Equipment also.

C: Wir haben am Anfang ca. 5.000 bis 6.000 DM ausgegeben.

Von was habt ihr das denn alles finan­zieren können?

M: Teilweise haben wir Unterstützung von unseren Eltern erhalten und wir haben gearbeitet.

Was sagen eure Nachbarn eigentlich. wenn ihr hier tagtäglich rumdröhnt?

M: Tja, die haben versucht uns zu verklagen. Unsere Nachbarin hat behauptet, wir sind verantwortlich, dass sie Schizophren geworden ist. Die denkt Ihre Familie ist die Familie Gottes, ihr Sohn ist Jesus und wir sind vom Teufel gesandt und unsere Musik ist Teufelsmusik. Unterschwellige tiefe Sounds kommen aus unserem Haus, die ihre Seele verändern würden.

Welchen Unterschied seht ihr zwischen der englischen und deutschen Szene?

C: Die englische Jungle Szene ist halt schon total etabliert. Da ist alles relativ gefestigt. Es gibt die etablier­ten Produzenten und DJs. Die lassen auch wenige andere nach. Vom Publikum her gibt es die Leute, die denken, Jungle ist cool. Auf der anderen Seite gibt es die harte Crew, die richtigen Rude Boys. Man kann sagen, daß in England auf den Raves, wo mehr Schwarze sind, die bessere Musik läuft.

M: Im Gegensatz zu England ist die Musik bei uns noch Underground. Die Leute gehen auch wirklich nur wegen der Musik auf die Parties und weil sie eine gute Zeit erleben wollen. In England ist das nicht mehr so, weil die Musik einfach schon zu etabliert ist. In Deutschland kann unheimlich viel daraus werden. Die ganzen Engländer schwärmen nur davon. wie die Stimmung hier auf den Partys ist. Es erinnert sie immer an die Anfangszeiten in England. Am Samstag war ich bei Sven Väth auf der Party. Da war einfach kein Vibe drin. Dann hat er ein Lied gespielt, PFM "Western". Die Leute sind ausgerastet. Ich hab nur gedacht die Leute rennen zu Sven Väth, der spielt den ganzen Abend nur Wummertechno. Und dann legt er eine Drum'n'Bass Scheibe auf und die Leute rasten aus.

Die deutsche Szene ist auf jeden Fall ziemlich positiv zu bewerten. Die Leute haben unheimlich viel Energie. Die sind nicht so festgefahren. Du kannst verschiedene Styles an einem Abend spielen. Die Leute fahren immer darauf ab. Es gibt ziemlich viele Leute, die jetzt anfangen Musik zu Machen. Es ist alles noch ziemlich unfertig, aber das wird was, auf jeden Fall.
Man kann frühestens in einem Jahr richtig was sagen. Jeder Produzent braucht mindestens ein Jahr bis er richtig reinkommt. Z.B, der E.Decay hat jetzt angefangen Musik zu machen. Da waren willelose Tunes dabei. Der letzte Schliff fehlt noch, aber das Potential ist da.

Wie ist eurer Verhältnis zu den engli­schen DJ Kollegen? Warum z.B. ist Randall Eurer Liebling?

M: Weil Randall die geilste Musik spielt.

C: Wir haben Randall noch gar nicht gekannt, da haben wir schon die Tapes von Randall bekommen. Randall ist immer einen Schritt weiter als die Anderen.

M: Randall hat auch seinen eigenen Stil. Er richtet sich nicht nach Hype' s Style. Er spielt, was cool ist. Der weiß, was gute Musik ist. Wir haben eine Woche bei De Underground rumge­hockt und uns mit ihm unterhalten. Der Randall hat mal was total Interessantes gesagt: Wenn er auflegt, dann ist das für ihn, als wenn er ein Buch schreibt. Er schreibt eine Einleitung, dann kommt der Spannungsbogen und die Pointe. Er macht sich total Gedanken beim Auflegen. Es mag sein, daß er nach außen hin der Rude Boy ist, und viele Leute ihn nicht leiden können, aber wenn man ihn kennt, ist er ein total netter Mensch.

Wie ist das Verhältnis zu den anderen Künstlern?

Respekt haben wir für die meisten. Aber manche sind halt schon scheiß arrogant. Ich will jetzt keine Namen nennen, aber es gibt ein paar, die meinen, sie wären was Besseres. Wen wir gut leiden können ist Mickey Finn. Der hat uns schon immer Respekt entgegen gebracht. Für uns ist es wichtig, daß die Leute sich unsere Sachen vorurteilslos anhören. Ich kann eigentlich nur mit Leuten was anfangen, die keine Vorurteile haben. Wir verstehen uns auch sehr gut mit Cool Hand Flex, Shy FX und SS, der schon immer positiv auf die deutsche Szene eingestellt war. Zinc ist auch ein netter Typ. Eigentlich sind die meistenO echt nette Jungs.

Wir haben jetzt Spätsommer 1996. Wo seht ihr euch im Spätsommer 1997?

M: Wir machen jetzt ein Album, das auf Downbeat erscheinen wird. Dann noch zwei Singles.

Ihr habt bei einem Major unterzeich­net Warum?

M: Ganz einfach. Wegen der Kohle. Wie leben von der Musik, die wir machen. Wir können gerade mal unser Studio damit finanzieren. Die Musik und die Live PAs sind ein fulltime job. Die einzige Möglichkeit weiter zu kommen ist eben, auch mal mit einem Major zu arbeiten. Die Musik muß deshalb auch nicht schlecht werden. Wir machen einfach, was uns gefällt.

C: Die Leute, mit denen wir bei dem Major zusammen arbeiten, sind die, die wir in unser Vertrauen gezogen haben. Wir haben sie auch nicht kennen gelernt, weil sie uns was angeboten haben, sondern wir haben sie über unsere Arbeit kennen gelernt. Die wissen, was für eine Qualität wir liefern. Und deswegen sind wir angespro­chen worden und nicht, weil wir jetzt irgendwie gut zu vermarkten sind, oder weil jetzt der Hype da ist.


Wann ist eure kreativste Phase?

C: Immer wenn der Computer frei.

M: Nee, Spaß beiseite. Wir arbeiten viel nachts.


Wie stehen Eure Eltern zu Eurer Musik?

M: Unsere Eltern sagen selber, daß sie teilweise keine andere Musik mehr hören. Wenn du mal auf diese Musik eingeschossen bist, sei es jetzt Hip Hop, Jungle, Ragga, bleibt es dabei. Ich würde mal behaupten, daß wir schwarze Musik machen, obwohl wir weiß sind. Wir sind jedenfalls stark davon beeinflusst. Mit reinem weißen Techno können wir nichts anfangen.

Der Rückhalt durch die Familie ist besonders wichtig. Jedes Familienmitglied hilft bei Euch mit. Eure Mutter hilft sogar bei der Bühnengestaltung. Nach dem letzten Auftritt auf der Meditation werdet ihr es schwer haben, Euch selbst zu über­bieten. Was habt Ihr neues geplant?

C: Wir wollen die Bühnenshow weiter perfektionieren. Unsere Tänzerinnen sind auch gerade dabei, mehr Choreographie auszuarbeiten. Die knien sich da auch wirklich hinein. Dann arbeiten wir noch mit Freunden zusammen. Die machen auch Pyro-Shows. Weiterhin wol­len wir auch mit Leuten zusammenarbeiten, die auf der Bühne etwas darstellen können.

Was war euer tollstes Erlebnis bei einem eurer Auftritte?

M: Die geiste PA war auf der letzten Meditation. Wie die Leute abgefahren sind war einfach unglaublich. Das war die fetteste Party in Deutschland mit der geilsten Musik, den geilsten DJs und dem besten Publikum.

Wann war Emanuels erster öffentlicher Auftritt?

M: Der Emanuel hat mal auf einer Party in der Bording-Halle aufgelegt. Da wurde er nur gedisst. Also gingen wir her und haben unsere eigenen Partys ver­anstaltet u.a. im Schützenhaus in Wiesloch mit E.Decay zusammen. Die ganzen DJs die damals in der Jungleszene auflegten, haben sich von der Mannheimer Crew losgelöst und haben mit uns zusammen ihr Ding gemacht. Die Leute reden immer von Mannheim. Aber die Roots sind auf jeden fall in Sinsheim, Wiesloch, Nußloch. Die Mannheimer, die früher ins milk! gingen, sind total auf House hängen geblieben, was ich über­haupt nicht verstehen kann.

Wie würdet ihr Emanuels Style beschreiben?

M: Emanuel hat schon immer seinen eigenen Style gespielt. Da wir in letzter Zeit sehr viele Dubplates cut­ten, entwickelt sich der Style von Emanuel als absoluter Bassline Generation Style. Er legt zu 1/3 unsere eige­nen Produktionen auf. Früher hat Emanuel eher Happy aufgelegt. Wir konnten alle irgendwann diese Mickey Mouse-Stimmen und Pianos nicht mehr ertragen

Welches war für Euch - gerade in der Anfangszeit des Breakbeats - die wich­tigste Veranstaltung?

M: Das Vibration war extrem wichtig. Das hat die Szene hier mitbegründet und weiter zusammen geführt. Auch die Anfangspartys in Sinsheim oder Wiesloch waren extrem wichtig.

Seht ihr Euch als Pioniere in der Jungle Szene?

M: Ja, auf jeden Fall. Als wir angefangen haben, diese Musik zu machen, war damit absolut kein Pfennig zu verdienen.

C: Wir waren die ersten, die ein Schlagzeug und ein Mikrophon mit in einen Club genommen haben. Das, was der Alex macht, das gibt es noch nicht einmal in England. Als die anderen DJs Happy Style aufgelegt haben, hat Emanuel schon mit Darkside angefangen.

Fördert Ihr neue junge Talente?

M: Ja, z.Z. helfen wir E.Decay mit neuen Samples. Wir remixen zusammen Sachen etc. Du willst ja auch, daß andere Leute so denken wie du. Wenn wir uns unterhalten, kann niemand mitreden, der nicht auch selbst Musik macht. Folglich suchst du den Kontakt zu den Leuten. Da gibt es auch kein Konkurrenzdenken. Konkurrenz gibt es vielleicht bei den DJs oder den A&Rs aber bei uns, den Producern, ist das nicht der Fall.

Wer hat meistens von Euch das letzte Wort?

C: Keiner

M: Es kann sein, daß ich einen Tune habe, den ich total geil finde, aber die anderen sagen, der ist scheiße, dann wird der Tune nicht genommen auch wenn ich ihn gut finde. Ich unterwerfe mich dann dem Kollektiv. Wir entscheiden auch alle gemeinsam, was auf den PA's gespielt wird. jeder bringt seine Qualitäten mit. Wir streiten aber auch sehr viel untereinander, aber das ist auch wichtig. Du mußt dich auch trauen, dem anderen fett ins Gesicht zu sagen, was du wirklich denkst. Ich finde übrigens auch schade, daß sich die Veranstalter untereinander häufig dissen. Wir wollen mit allen Veranstaltern zusammenarbeiten. Mittlerweile sind wir exklusiv bei der Meditation Crew, weil wir eine gewisse Dankbarkeit empfinden, daß die uns geholfen haben, uns zu verwirklichen. Wir haben die gleichen Roots, die haben mit uns angefangen, Partys zu machen und seither sind wir eng befreundet. Wir haben aber auch Respekt vor anderen Veranstaltern.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft? Was wollt ihr eventuell noch ändern oder anders machen?

C: Wir wünschen uns endlich wieder einen Club. Es muß kein großer Club sein. Eher einer wo 500 - 600 Leute reinpassen. Vor allem sollten dort mehr deutsche DJs auflegen können. Man muß nicht immer die Engländer hier herholen. um gute Partys zu machen.

M: Ich wünsche mir, daß das Denken von den Promotern dahingeht, nicht immer nur die englischen DJs zu hypen und fett auf die Flyer zu drucken und die deutschen DJs werden klein gedruckt. Die Veranstalter denken, die Engländer sind wichtig. weil die Leute ziehen. Aber du mußt den Deutschen genauso die Chance geben zu einer guten Zeit aufzulegen und nicht nur im Vorprogramm.

Wo habt ihr bisher eure Stücke veröf­fentlicht?

M: Angefangen hat es mit Smokin Orum, dann Mask Records, Dope Records, Kickin Under Ground, dann auf einem Sampler der bei Formation erschienen ist, bei Rap auf Low Key und auf Downbeat.

Was ist mit Siren, Eurem Label in England?

M: Siren ist gegessen. Da hat die Zusammenarbeit mit England nicht so geklappt. Im Moment setzen wir auf jeden Fall auf Downbeat und Chameleon Rec. Was halt bisher gefehlt hat, war gute Promotion. Unser erster Release auf Siren hat eingeschlagen wie eine Bombe. Wäre die Promotion damals besser gewesen, hätten alle Beteiligten mehr davon gehabt. Zumindest hätte man noch welche nachpressen können, weil die ersten Scheiben sehr schnell weg waren.

Welche Aufträge würdet ihr absolut ablehnen?

C: Wir würden jeden Auftrag annehmen. Wir haben schon die unmöglichsten Stücke bekommen zum remixen, und daraus sind dann richtig geile Jungle-Tracks geworden.

Ok, was würdet ihr gerne mal remixen?

M: Levis, für Sportartikelfirmen. Sportartikel passen irgendwie voll gut zu Jungle. Die Musik hat viel Energie und Bewegung. Ich würde auch gerne mit guten deut­schen Technoproduzenten zusammenarbeiten.

Text: KCS (Oktober 1996)
Das Interview erschien in Pressure Nr.2 und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.
21.11.2017, 01:51 h | 6 Junglists online