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The Ragga Twins


Nach fast dreijähriger Produktionspause haben sich die Ragga Twins vorgenommen, die Sache mit dem Duell: Jungle vs. Ragga richtigzustellen. Die beiden Brüder Deman Rocker und Flinty Badman wollen nämlich wieder Ragga im Jungle-Familienalbum aufnehmen. Und zwar da, wo er hingehört, neben Brother Hip-Hop. Wo er auch damals vor 5 Jahren war, als in England erste genmanipulierte Versuche mit Ragga, Pianos und Brakbeats (auch als Hardcore bezeichnet) in Londoner Schlafzimmerstudios durchgeführt wurde.
Seitdem haben sich die Wege aber getrennt: Hip-Hop ist so audringlich hip wie nie zuvor, Jungle schafft gerade mal in zu engen Versace-Jeans ein delikates Hüftschwingen und Ragga ist einfach zum amoklaufenden Bastard-Sohn herangewachsen. Aber passt auf, denn 1996 ist das Jahr, in dem die Ragga Twins, kuzr gesagt, auf-"mashen" werden!


1993 ist die letzte Jungle/Hardcore-Singe von Euch auf dem Jungle-Ursprungs-Label Shut up and Dance erschienen. Womit habt Ihr Euch die letzten drei Jahre beschäftigt, wenn nicht mit Jungle?

Flinty: Zusammen mit US3 haben wir eine LP, namens "Rinsin' Lyrics" auf EMI produziert, die eher Richtung Jazz, Ragga und Hip-Hop ging. Zur Zeit arbeiten wir an einer neuen LP, die eine Mischung aus Jungle und Hip-Hop wird.

Das wird also Euer erster Versuch mit einer Jungle-Produktion?

Flinty: Nicht unbedingt, denn wir haben ja mit Jungle angefangen ...

Das haben aber schon viele Leute behauptet!

Flinty: Damals, als wir 1991 zu Shut Up & Dance gesignt wurden, nannten wir unsere Mischung aus Ragga und Breabeats Ragga Hardcore.
Das Wort Jungle haben wir nie benutzt, um unseren Stil zu bezeichnen; wir haben aber schon Jungle produziert. Es waren Ibiza Records, die den Begriff das erste Mal gebraucht haben. Zu dem Zeitpunk hatten wir die Hooligan 69 schon längst veröffentlicht.


Glaubt Ihr, dass Ihr in den letzten Jahren Jungle vernachlässigt habe?

Deman: Irgendwie schon. Die letzten zwei Jahre mit EMI waren zwar erfolgreich aber die Resonanz war nicht besonders gut. Ich finde auch, dass die Musik zu lahm war für unsere Lyrics. Wenn die Lyrics hardcore sind, dann sollte auch die Musik hardcore sein.

Es war eine Erfahrung und ein Genuss, mit US3 zu arbeiten, aber wir sind nicht unbedingt für Jazz geeignet gewesen. Ich möchte dahin zurück, wo ich hingehöre: we've gotta get down to business!


Habt Ihr da nicht einiges nachzuholen?

Deman: Wir haben Jungle eigentlich nicht verlassen. Nach wie vor sind wir als MCs auf den Raves aufgetreten. Wir haben vielleicht keine Platten produziert, aber ich glaube dass wir in der Szene noch respektiert und angesehen sind. Ja, wir sind etwas hinten dran, aber auch nicht so viel.

Flinty: Wir sind aber immer noch Künstler und nicht nur MCs. Zudem werden einige Top-Produzenten an der neuen LP mitarbeiten: Ron, DJ Hype, Shy FX. Wir werden auch manche Tracks selber produzieren.


Die neue LP wird bestimmt einen sehr starken Hang zu Ragga Jungle haben. Stört Euch nicht, dass dieses Genre inzwischen in Verruf geraten ist?

Flinty: Auf jeden Fall. Sie versuchen nach und nach, den Ragga Einfluss aufzulösen. Seit 1991 hat sich vieles verändert; es tendiert in Richtng Drum'n'Bass. Ragga wird als schlechter Einfluss gesehen, doch das sehe ich vollkommen anders. Schließlich war es Ragga, dass die ganze Szene geboostet hat!
Man sagt, dass Ragga für die Kriminalität bei den Raves verantwortlich sei, aber ich sehe das so, dass Ragga viele Leute überhaupt erst auf die Raves aufmerksam gemacht hat. Viele Jugendliche konnten sich durch Ragga mit der Musik identifizieren. Heute ist das nicht mehr so: Die Basslines sind noch Ragga, aber die Ragga-Vocals sind verloren gegangen.

Deman: Nicht nur das; viele der Selectors spielen Tracks, bei den die Lyrics schon eingespielt sind. Das tötet den MC. Viele der Leute sind auch auf die Raves gegangen, um die MCs zu hören, wie sie ihre Lyrics flashten oder gegeneinander ankämpften. Das ist alles aus dem Fenster geflogen; ab diesem Zeitpunkt ist es schiefgelaufen für Ragga. Ich bin auch der Meinung, dass das Aufkommen von Hip-Hop viel dazu beigetragen hat.
Als Jungle anfing, war da noch ein starker Ragga/Reggae Einfluss und jetzt ist Hip-Hop in den Vordergrund getreten: Erstens weil man so Platten verkaufen kann, zweites weil sich die Jugend damit assoziieren kann.


Verliert Jungle dadurch seinen britischen Charakter?

Deman: Nein, Jungle ist immer noch ein englischer Sound. Es sind nur die Samples die aus den USA stammen. Wir haben jetzt auch gerade ein Stück produziert mit dem Sample aus "I've got five on it!" Viele der Stücke die wir schreiben, haben einen Swing oder Hip-Hop Einfluss auf die wir unsere Vocals legen. Wir sind noch Vocal-Künstler, wir benutzen nie die Vocals anderer Leute.

Ihr rappt aber nicht auf der neuen LP?

Flinty: Nein, es schon Ragga-Chat sein. Wir wollen die LP nicht zusammenmischen. Es eine Doppel-LP geben: eine Platte Hip-Hop, eine Platte Jungle. Wir wollen Leute aus verschiedenen Bereichen damit ansprechen: Jazz, Soul, Hip-Hop.
Wir werden auch Jazz-Samples benutzen, aber wir werden uns auf die Vocals und auf gute Backing Tracks konzentrieren. Nicht zu viele Samples. Samples brauchen zu lange, bis sie genehmigt werden, und es wenn es 6 oder 7 Monate braucht, bis die Platte endgültig veröffentlicht wird, dann ist sie schon längst für einen gestorben.


Werdet Ihr, trotz dem schlechen Image, das Ragga in der Jungle-Szene hat, es schaffen, Ragga wieder akzeptabel zu machen?

Deman: Ja, unser Chatting-Style ist nach wie vor noch beliebt auf den Raves. Daran wird sich auch nicht ändern. Wir werden die Lyrics wieder in Jungle einführe!

Flinty: Wir werden es zumindest versuchen. Das ist aber ziemlich schwierig, das akzeptieren wir, aber vielleicht kriegen wir die richtigen Zutaten zusammen. Wir würden auch gerne viel live PAs machen.


Würdet Ihr ein Vertragsangebot von einer Majorfirma ablehnen?

Flinty: Das hängt vom Vertrag und von dem Label ab. Wir suchen einen Vertrag, der uns alle Freiheiten erlaubt. Ein Major-Label könnte uns schon helfen; viele Labels zeigen Interesse an Jungle, und sie werden es pushen, wenn sie die richtigen Leute an Bord haben.

Deman: Jungle wird auf jeden Fall immer stärker. Am Anfang dachte ich, dass Jungle für die Sozialhilfe bestimmt war. Jetzt sind mehr Undergroundkünstler in den Charts als je zuvor. Sie sind aber anders als General Levy, weil sie ihre Musik aus Liebe zu Jungle machen. Auch wir haben die Raves nie verlassen. Wir werden auf jeden Fall zurückkommen to mash it up, Germany!


Das Interview führte Oliver Köhler für Pressure
18.11.2017, 20:29 h | 5 Junglists online