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Potential Bad Boy (Ibiza Rec.)


Nico arbeitet für das Label No U-Turn, ein Label, das eigentlich durch einen Finanzgeber im Hintergrund ins Leben gerufen wurde. Der Geldgeber überließ Nico, einem sehr schlacksigen, hyperaktiven, großen, irre nervösem smarten Collegetyp, der nie ein College gesehen hat, einfach die gesamte musikalische Kompetenz, vor allem das Engineering. Er zog sich dann vor kurzem zurück und ließ Nico mit dem Studio und seinem Label alleine.

Nico arbeitet nie alleine. Nicht einmal auf den ganzen Trouble On Vinyl Veröffentlichungen, die auch alle von ihm stammen. No U-Turn steht für den Sound, den man vielleicht gerne Future Dub nennen möchte. Atmosphärische Breakbeats für die Science-Fiction-Fanatiker, die sich in Kanäle vertiefen, dessen Aus-gänge immer ungewiß sind. Sehr groovige, schwerfällig brutale Tracks, die er nie alleine machen möchte. Er ist ein Studiotüftler, dem es einfach auf die Nerven geht, dem typischen Hacker- image anheimfallen zu können. Der Buzz ist einfach anders, wenn irgendein DJ zu ihm ins Studio kommt und sie zusammen an neuen Tracks arbeiten.
Es ist dieser Clash von Persönlichkeiten, der ihm Spaß macht, das Zusammentreffen von Kulturen. Er arbeitet mit schwarzen DJs, mit Thai-DJs und seine Freundin ist Fillipina. Daß dabei seine Identität, sein Sound immer durchscheint und dem Label einen Stil gibt, geschieht immer zur Zufriedenheit beider Seiten. Wer nicht zufrieden sein darf, das ist die Zukunft, die unerschöpften Möglichkeiten. "You aint heard nothing jet", ist nicht nur seine Antwort darauf, wenn man ihm sagen möchte, wie gut die Tracks sind, die bei ihm entstehen. "Bis jetzt war das alles noch sehr sehr einfach. Ich habe einfach Tracks rausgebracht, weil ich die Möglichkeit hatte. Jetzt werden sie immer besser sein müssen, weil ich das Label alleine machen möchte. Ich muß euch noch etwas vorspielen."

So geht das immer weiter. Wir sitzen in diesem cyberpunkartig geairbrushten Loftstudio und hören einen Track nach dem anderen. Ein Stückchen Puzzle nach dem anderen fügt sich zusammen in der Vision dessen, was die Zukunft ist, die Dub- plates. Es ist diese seltsame Zeitverschiebung in der Szene, die Raum gibt für Future Dub und ein Verständnis von Ragga des nächsten Jahrtausends.

Potential Bad Boy hat nun über Jahre hinweg "Ibiza" fast ganz alleine gemacht. Ab Nummer 13 waren fast alle Platten auf "Ibiza" und den diversen Sublabels von ihm. Und so muß man ihm praktisch den gesamten Ruhm und die Entwicklung des Labels zuschreiben. Die Jungleszene im allgemeinen, die über Jahre hinweg von "Ibiza" fast im Alleingang gepusht wurde, schuldet ihm faktisch mehr als irgendeinem anderen Label (Noise Factory mal ausgenommen). Allerdings dürfte man sich wundern über das,was er jetzt plant, nachdem er mehr mit S.O.U.R., die ja nicht zuletzt für den Erfolg von Shy FX verantwortlich sind, zusammenarbeitete, und er zusammen mit Chatterbox sein eigenes Label (Jeckyl & Hyde) gegründet hat.

Die beiden Seiten des Lebens: Eine, die sich zurechtfindet und sich in der Szene nach ihren Regeln bewegt, die andere ist immer auf neue überraschende Experi- mente aus. Die erste Platte hält durchaus, was man von ihm erwartet. Die immer irreren Drumarran-gements und die absolut ausgefallenen Samples und seltsamen Struk-turen haben den gesamten Stil, der heutzutage als Raggajungle firmiert beeinflusst, und das ist ja wesentlich abgehackter und verdrehter als die Sachen aus der Intelligent Jungle Szene. Aber auch hier wendet man sich immer mehr Funk- und Soul-Samples zu, und daß es dabei nicht zu einem Hitrecycling wie vor drei Jahren kommt, dafür werden Leute wie Potential schon sorgen.

Er ist natürlich der letzte, dem gefallen könnte, was jetzt grade passiert. Aber seine Ausgelassenheit bringt ihn da ziemlich drüber weg. Er tritt einfach zu locker auf, und wenn ihm etwas gut er-scheint, dann ist es ruff, auch wenn er im ganzen eher so rüberkommt, als hätte ihn seine Afrocentri-city eingeholt. Er trägt dicke Wollpullis und hält die Hände die ganze Zeit beschäftigt mit diesen schweren chinesischen Kugeln, die die Sensorik pushen sollen und das innere Gleichgewicht stärken. Er sieht gerne zurück auf die Zeit, in der alles anfing, und viele der Tracks, die er damals auf "Ibiza" oder "Planet E" gemacht hat, sind für ihn immer noch sehr wichtig. Es ist irgendwie seine Jugend, sein Lernen, das sich in den Tracks bewahrt hat. Und darauf ist er stolz.

Es ist Kid Andys großer Wunsch einmal den Break zu schaffen, nur mit einer Platte, einmal kurz zu zeigen daß er da ist und seit 4 Jahren nicht verschwindet. Sein Label Boogie Beat ist mittlerweile bei fast 50 Veröffentlichungen und die Schnulze `Girl If Ever´ soll es machen. Aber danach will er wieder zurück in den Underground. Der kleine Engländer in dem kleinen englischen Reihenhäuschen hat alles andere als große Pläne wenn er in die Charts will, es geht ihm einfach um Respect. Wie allen in der Szene. Boogie Beat hat es immer etwas schwer gehabt in der Szene, weil Kid Andy nun mal ein Happy Piano Hands In The Air White Glove Raver ist. Ein typisches weißes Reverkid der ersten Stunde.

Sein Engineer ist Ben Intellekt, ein Raggamann und ein Freund von Potential. `Es hat sich einiges geändert durch die Vermischung mit der Raggaszene, ich habe Messer auf Raves gesehen, Stabbings, Crack, das ist nicht grade die beste Entwicklung.´ Für ihn war Jungle auch immer eine Verständigung zwischen schwarz und weiß, eine Szene in der alle nebeneinander einer Normalität menschlichen Umgangs fröhnen konnten die es so nicht unbedingt immer gibt in London. Sein Happy Jungle Label Hi Poison ist da der wichtigste Zeuge.

Ins Leben gerufen um neuen Artists die möglichkeit zu geben ihre Tracks rauszubringen ist es mit seinem trashigen Junglesound schnell zu einem der wenigen Kiddielabel geworden, die den Spirit der ersten Ravezeiten ungebrochen weitertragen ohne sich einerseits in die waghalsigen Soundexkursionen der Intelligentszene zu begeben und ohne andererseits Jungle einfach nur als Raggatrack mit Breaks zu verniedlichen. Gleichzeitig aber wird ihm anerkannt immer wieder Tricks drauf zu haben die, obwohl sie an allen Standart vorbeispielen, immer wieder neues einfließen lassen. Go with the Flow heißt in der Jungleszene nie daß man etwas rein wiederholen sollte, oder nicht eine andere Auffassung vertreten darf. Die Zukunft ist nicht bestimmbar.

Das Feature erschien im November 1994 im Frontpage Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt. Thanks to Jürgen Laarmann!
25.11.2017, 00:54 h | 4 Junglists online