Folgendes Interview erschien in Breakbeat Ausgabe 22
und wurde future-music.net freundlicher Weise exklusiv zur Verfügung
gestellt.
Wenn eine Band aus Bristol stammt, dann fallen den Leuten heutzutage eine Menge
Bezeichnungen ein, mit der die Musik dieser Band belegt wird. Die Worte "innovativer
Pop", "Trip Hop" und "Breakbeat" sind nur einige davon,
doch eigentlich stimmt diese Aussage nicht, denn Bristol hat noch mehr zu bieten
als Portishead, Massive Attack und Roni Size.
Kosheen stammen aus Bristol, doch sie selbst sehen sich dadurch nicht als stigmatisiert,
können aber auch nicht leugnen, dass die Stadt einen Einfluss auf ihr musikalisches
Werk hat.
Die Produzenten Darren Decoder und Markee Substance ebenso wie die Sängerin
Sian Evans leben zur Zeit in Bristol und im Falle von Darren, der mir übers
Telefon Rede und Antwort steht, konnte Bristol 15 Jahre lang Einfluss nehmen.
"Jeder von uns hat seine eigenen musikalischen Einflüsse mitgebracht,
aber ganz klar wird man auch von dem inspiriert und beeinflusst, was um einen
herum ist. Wenn wir in Australien oder in London gelebt hätten, dann hätte
das Album womöglich anders geklungen. Fuck me, wenn wir in Island gelebt
hätten, dann wäre das Album völlig anders geworden, wahrscheinlich
ziemlich düster und trostlos."
Doch was genau der Einfluss von Bristol auf die Musik ist, das konnte Darren auch
nicht beantworten: "Ich weiß noch nicht mal was Bristol-Sound eigentlich
heißen soll. Es ist nur ein verdammter Ort. Ich glaube, eine Menge Leute
kommen hierher, weil es eine lebendige Musikszene gibt, viele Produzenten, viele
Songwriter, viele Musiker.
Da wäre zwar noch London, aber dort sind meist nur Arschlöcher unterwegs,
hier ist zwar auch ne Menge Scheiße, aber die Leute erscheinen mir einfach
echter. Auch hier gibt es Arschlöcher die viel Mist erzählen, aber das
ist überall in der Musikindustrie so."
Darren beweist mit typisch trockenem Humor eine verquere Form des Lokalpatriotismus,
denn für ihn ist "Bristol einfach der nettere Ort zum Leben. Hier wirst
du nicht in jeden neuen Trend verwickelt, du brauchst dem Hippen nicht ständig
nachrennen. Hier bist du abgeschnitten vom Rest und deine Arbeit ist weniger stark
beeinflusst von Anderen.
"Vielleicht hat sich der Bristol-Sound, dessen Definition
wir ja immer noch jagen, deshalb so kontinuierlich über die letzten
10 Jahre entwickeln können, relaxt und ohne den Einfluss störender
Trends.
"Das ist doch Scheiße, ich meine, ich habe Freunde in Punkbands,
die hier aus Bristol kommen. Ich kenne einen Typen hier in Bristol der die
verfickt härtesten ElektronicBeats der Welt produziert. Die spielen
auch Bristol-Sound.
Es gibt ne Menge unterschiedlicher Musik in Bristol, nicht nur Massive Attack."
Darren macht deutlich, dass der Ursprungsort einer Band nicht gleich die
Musik festlegt.
Doch das Album "Resist" von Kosheen hat schon einige klischeehafte Züge,
denn ebenso wie Reprazent, verbindet Kosheen elektronisch cluborientierte Beats
mit Soulvocals.
Die Stücke spannen jedoch einen weiteren Bogen, der von relaxten und sehr
mellow gestimmten Trip Hop Stücken über den gerade modernen Acoustic-Guitar
Popstil á la Tittiyo bis hin zu fetzigen Clubstücken im Breakbeatgewand
reicht. Eben doch das, was gemeinhin als Bristol-Sound bezeichnet wird, nur weitaus
offener interpretiert. hat.
Darren selbst hatte seine ersten musikalischen Erfahrungen in einem ganz anderen
Genre, nämlich in diversen Punkbands in seiner Heimatstadt Weston-Upon-Supermare.
Erst auf der Uni in Bristol begegnete er Geoff Barrow (Portishead), der ihm die
Liebe zur Elektronik vermittelte.
Nach ersten Versuchen im Bereich des Hardcore, die Geschwindigkeit war vermutlich
näher an Punkrock, wechselte Darren zu Breakbeats, dann zu softeren Tönen,
um danach düsteren Industrial-Breakbeat zu produzieren.
"Als Songwriter und Produzent wird mir schnell langweilig, deshalb ändere
ich meinen Stil so oft. Ich bin, positiv gesehen, unruhig wenn ich produziere,
daher war es für mich eine tolle Abwechslung nach so viel instrumenteller
Arbeit mit einer Sängerin zu arbeiten.", sagt Darren über seinen
Wandel und das Album "Resist".
Seinen musikalischen Partner Markee traf er in Bristol, wo die beiden Anfang der
90er eine Partyreihe organisierten und zu Szenekennern wurden. Auf diesen Partys
war Sängerin Sian Stammgast und so führte über Jahre eines zum
anderen und aus den drei Musikern wurde Kosheen.
"Das Projekt ist ein Versuch unsere musikalischen Karrieren voranzutreiben,
als Produzent sein eigenes Talent herauszufordern. Ich hatte zuvor noch nie Gesangsaufnahmen
gemacht."
Sian hatte es ein paar Jahre zuvor aus genau den selben Gründen
nach Bristol verschlagen. Sie hatte die letzten Jahre in Wales in einer
alternativen Kommune auf einem Berg verbracht und ein Zelt ihr Heim genannt.
Dort sind dann auch die meisten Songs entstanden, die sich nun in modernem
Gewand auf der Platte befinden.
Kurz nachdem sie in Bristol angekommen war, um hier nach geeigneten Mitstreitern
auf dem Weg der musikalischen Selbstverwirklichung zu suchen, traf sie auf
die beiden Partymacher und Produzenten.
"Als wir das erste Mal zusammen im Studio waren, gab es keinen großen
Plan ein Album zu produzieren. Wir hatten unseren Spaß und haben einfach
drauflos gebastelt. Es war schön mal mit einer Sängerin zu arbeiten.",
erinnert sich Darren an die ersten Aufnahmen. "Wir haben versucht den Stücken
Vibe einzuhauchen, ihnen Tiefe zu verleihen und hatten eine gute Sängerin
dazu." Und das erscheint angesichts der vorliegenden CD auch gelungen, schöne,
tief emotionale Musik ohne das offensichtliche Schielen nach Plattenverkäufen,
keine alles überrollende Marketingkampagne, kein Künstlerego, das nach
Platinplatten lechzt.
"Die Idee war es, den Leuten ein Album an die Hand zu geben, das voll ist
mit vernünftiger Musik, nicht mit dem ganzen Bullshit der in den Charts rumfliegt.
Ich bin leidenschaftlich was Musik angeht und möchte, dass die Leute meine
Musik hören und Spaß daran haben. Das ist alles, was ich möchte.",
sagt Darren. Und so versteht sich dann auch der Titel "Resist", denn
mit diesem Album fällt es einem leichter dem Einheitsbrei der Hitparaden
zu widerstehen.
"Im Leben muss man lernen nicht immer "Ja und Amen" zu sagen, nicht
immer wie ein getretener Hund rumzulaufen. Darum geht es auch in der Musik. Wenn
es dir nur ums Geld geht, dann nenn es nicht Kunst. Und Resist bedeutet für
uns, dem allen zu widerstehen."
Herausgekommen bei den widerständlerischen Basteleien ist ein wunderschön
zusammengestelltes Album mit 17 Songs, die musikalisch so vielseitig sind, dass
"Resist" kaum einer Schublade gerecht wird. Das Album schwebt über
den Sphären von Pop und Dance oder anderen Kategorien und verbreitet atmosphärisch
dichte Songs voller Gefühl.
"Ich mag Musik nicht in Genres, sondern einfach einen guten Song. Mir ist
dann egal von wem er ist oder welchem Stil er entspricht, ich schätze einfach
einen guten Song, wenn ich ihn höre."
Einem solchen Schlusswort kann ich mich nur anschließen, denn auf "Resist"
haben Kosheen bewiesen, dass sie gute Songs schreiben können, egal ob Bristol-Sound
oder nicht.
Text: Lars Schmeink
Das Interview erschien in Breakbeat Ausgabe 22 und wurde future-music.net freundlicher
Weise zur Verfügung gestellt.