Home   Stage   Features

Jungle in Deutschland


Jungle steht hierzulande vor ganz anderen Problemen als in England: Die Gruppierungen überschneiden sich nur stellenweise mit denen in England. Es werden gerne von dieser Seite des Ärmelkanals aus Alliancen geschlossen, die in London keiner so richtig zu brauchen scheint, aber zuweilen doch mit einer freundlichen Anerkennung bedacht werden. Sich von Deutschland aus in England als Label zu etablieren, ist ein Traum, den viele träumen, dem allerdings zumindest die englischen Vertriebe und tatsächlich auch das ganze System aus Dubplates, DJs & Szene einiges entgegensetzt.

Jungle aus Deutschland wird dort wohl eher Achtungserfolge erzielen. Deshalb (und erst recht, weil Jungle vieles von seiner Intensität und seiner Innovation gerade aus diesem spezifisch eigenen, spezifisch britischen Sound zieht) stellt sich immer wieder die Frage der Möglichkeit einer eigenen Identität im Jungle. Raggaroots haben wohl die allerwenigsten, und die deutsche Ragga- und Dubgemeinde erkennt meist ihre eigenen Produkte als eher zweitrangig gegenüber den Orginalen an. Die Hiphopper, die es gerade mal geschafft haben, HipHop aus Deutschland zu einer geachteten Musikrichtung zu machen, werden sich hüten, jetzt Jungle zu machen, auch wenn das in Einzelfällen vorkommt. Aber gerade die Form des deutschen Rap's, die lange genug gebraucht hat, um orginär zu werden, werden sie nicht aufgeben wollen - doch genau das müßten sie. Die Verschmelzung von Hardcore und Technohardcore, Breakbeat und Gabba, um es mal platt auszudrücken, bietet einigen die Möglichkeit, etwas eigenes zu machen, droht allerdings, dem reinen Posing und der gefaketen Härte anheimzufallen. Für andere, die notorisch faulen, liegt Happy Hardcore nahe, eine ravekompatible Billigvariante, zu der man ordentlich abgehen kann, und die einen mental selbst dann nicht überfordert, wenn man eigentlich schon im Koma liegt. Einige Nostalgiker hängen auch an dieser Version, weil sie sie am ehesten an die alten Tage erinnert.

Kein Wunder, daß aus dieser Ecke nichts zu erwarten ist, weil Hardtrance und Happy Hardcore aus England das alles längst schon besetzt haben. Man kann natürlich auch diesen ganzen Identitäten- und Grenzenkram vergessen und einfach versuchen, innerhalb des vorgegebenen Rahmens dessen, was gerade zu der sich wirklich immer weiter entwickelnden englischen Szene gehört, zu arbeiten und sich mitzuentwickeln. Alles möglich, alles von vornherein verdächtig, aber man will es versuchen. Deutschland strotzt vor neuen und alten Jungleproduzenten und DJs, und das wird nicht ohne Folgen bleiben.

Wir wollen in dieser Ausgabe einen (unvollständigen) Überblick über die Szene geben. Da vieles neu und unverbunden ist, melden sich hoffentlich alle, die wir vergessen haben, und wir können in der nächsten oder übernächsten Ausgabe ein Update machen.

Labels


Smokin' Drum
ist das Label von Bassface Sascha, dem DJ des legendären Milk Clubs in Mannheim. S.D. versucht seit ca. einem Jahr schlichtweg, den englischen Sound zu machen, der sich immer mehr als der bestimmende herauskristallisiert hat. Intelligent Drum & Bass, mit einer Vorliebe für LTJ Bukem und die eher sphärischen Varianten. Nach mittlerweile 8 Releases werden sie eigentlich immer besser, und man kann nur hoffen, daß die englische Hardcoreszene sie langsam akzeptiert.

Riot Beats
ist ein Sublabel von Force Inc., das die ersten Breakbeat- Platten in Deutschland überhaupt veröffentlicht hat und sich irgendwann durch steigenden Druck der Technomonoköpfe einfach für ein Subabel entscheiden mußte. Je nach Produzent fallen die Releases sehr unterschiedlich aus und tendieren in letzter Zeit gerne zu Ragga-jungle mit extremen Beats. Ihre Compilation Rough & Fast stellt einen ziemlich guten und überhaupt den einzigen Überblick über die deutsche Jungleszene dar.

DHR
, das Label des notorischen Alec Empire, der Jungle in einer härteren, brachialeren Gangart vertritt und auf seinen Veröffentlichungen und denen seines Labels das Problem eines eigenen Sounds eigentlich längst gelöst hat. Stellenweise kommen die experimentelleren Seiten den Engländern wie Industrial vor, Piratensender und Raggajunglefreaks allerdings feiern es schon jetzt als Geheimtip.

Downbeat
sind nicht nur, was die Credibility angeht, die großen Looser. Ihre erste Compilation und die mit Majorgeldern großangelegte Werbekampagne hat sie schlicht zu Symbolen des Jungleausverkaufs gemacht. Und die wenigen hauseigenen Releases haben mit Jungle eigentlich nichts zu tun, sondern sind eher das, was sie Dubhouse nennen. Mit der zweiten Compilation holen sie allerdings etwas auf, tun aber nichts, was die Industrie nicht auch alleine könnte

Now Lo-TZ
ist ein noch ganz frisches Label aus dem Mainzer Now- Umfeld, das bisher eine 10" veröffentlicht hat, die sich ziemlich im Stil der frühen Face Records bewegt, und von dem man sicher noch einiges erwarten kann.

Mask Records
ist, soweit ich weiß, ein CD Label, das eine CD veröffentlicht hat. Ambientjungle. Interessant, zumindest.

Planet Breaks
gibts vielleicht nicht mehr, mir solls recht sein.


DJ's und Events


Berlin
Hier gibt es den vieles bestimmenden Alec Empire und seine Bassterror Crew, aus der eigentlich alles entstanden ist, was in Berlin mit Jungle zu tun hat. Mittlerweile besteht sie aus ihm selbst, Moonraker und Carl Crack, dem MC von ATR, und macht diverse Partys in verschiedensten Locations, von der Insel bis hin zu Open Airs oder gelegentlichen Gastspielen im Silberstein. Stilistisch liegen sie zwischen hart (Alec spielt, wie er produziert), rasant schnell und raggalastig (Carl MCt auch noch gerne und gut zu seinen eigenen Mixen) und brachial (Moonraker, hardest working man in Town).
Im Silberstein hört man auch Terry Belle gerne Jungle auflegen, auch wenn er es nicht erfunden hat. Feed & Bassdee, zwei ExBassterror DJs, machen Parties im Tresor die stilistisch zwischen Empire und England liegen. Eigentlich ziemliche Piratestyle DJs und mixtechnisch gut.
Downbeat Youri legt eigentlich mehr daneben als auf, tut er es aber dennoch, dann immer mit guter Laune, null Gefühl für die Platten und nervigen Samples und Soundeffects.
Pirate/Boom/Shane, auch ehemalige Bass Terror DJs, sind die Happy Hardcorefraktion Berlins und haben ihren Donnerstag in der BunkerHomoPiercingBar. Gut. Soweit.
Platten gibts im New Noise, immer im Hardwax und bei Downbeat.

Köln
Hier hat sich die Szene schon früh um die Cosmic-Orgasm-DJs Bleed & Triple R gebildet, dann allerdings von Triple R gesplittet. Bleed ist übriggeblieben und legt noch immer auf nahezu allen wichtigen Events auf. Meist mit einer ganzen Crew von neuen, technisch sehr guten DJs wie X-Plorer, der zusammen mit Numinus auch Tracks macht und ein eigenes Label plant, und Original Aki, die jeden Samstag im IZ bestreiten. Was hier zählt, sind die Beats und die Innovation.
Sehr stark ist in Köln auch der Einfluß der Raggafraktion. Dagmar Da Mördarin, Papa Skunk & O.v.Felbert vom Mecca Sound System sorgen glücklicherweise dafür, daß hier nicht einfach nur Hits genudelt werden, sondern ziemlich nette Partys stattfinden, die einem Raggajungle von seiner besten Seite zeigen. Einige andere Raggahelden stehen da allerdings ziemlich hinten an.
Eine Happyhardcorefraktion gibt es auch, um die ist es aber ziemlich still geworden in den letzen Monaten. Dafür tauchen diverse eue Crews wie die Bassbanditen und gute MCs wie Benski plötzlich auf und mischen mit. Sehr lebendige Szene, die allerdings wenig mit den Clubs zu tun hat.

Frankfurt am Main
In Frankfurt gibt es außer dem Sitz von Riot Beats eigentlich nur einen Club Abend im Escape mit Bassface Sascha und dem fragwürdigen Pussy Lover. Es mehren sich allerdings die Gerüchte über eine sehr aktive Hiphopszene, die sich voll auf Jungle stürzen soll. White Breaks aus dem PCP-Umfeld ist leider eingestellt worden.

Heidelberg
Heidelberg, das als eine der ersten Städte eine funktionierende Breakbeatszene hatte, hat immer noch viele gute DJs. Allerdings funktioniert auch hier, mal abgesehen vom Vibration Club in Sinzheim, alles nur auf Partyebene. DJ Sirup/-Humpty, DJ Sha-Pay, DJ Fuck MD, DJ Ridoo von der Bassline-Generation sind hier garantiert die Auffälligsten.

München
Die State-of-Riot-Crew sind die einzigen aber wahren Vertreter von gutem Drum- & Bass- Sound in der Stadt. Ihre regelmäßigen Partys mit verschiedensten englischen Gast-DJs sind ziemlich einmalig für die gesamte Gegend. Lausig dagegen die Veranstaltungen der Tanzdiebe donnerstags am Flughafen.

Ruhrpott
Hier läuft nahezu alles über den NTT-Vertrieb, der es ja glücklicherweise geschafft hat, daß wir nicht jeder neuen Platte wochenlang hinterhertelefonieren müssen. Mart von NTT, ein ziemlicher Drum & Bass DJ, scheint es allerdings schwer zu haben, das ganze im Club auch zum Funktionieren zu bringen. Deshalb hat sich die Vision ihres Breakbeatclubs am Donnerstag in Dortmund schon wieder erledigt.
Venus & Kingsley haben in Essen lange Zeit einen Haufen guter Partys und Club Events in wechselnden Locations gemacht und sorgen dafür, daß soetwas wie eine Breakbeatszene langsam in Gang kommt.
Und in Düsseldorf wurde eben der Gee Club von Juicy Snare und Babac eingestellt, dafür legt DJ Felix ab & an, hier & da eins ihrer furiosen Sets ab.

Demnächst mehr über Nürnberg, Hamburg, den ehemaligen Osten und natürlich Österreich und Schweiz.

Das Feature erschien im April 1994 im Frontpage Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt. Thanks to Jürgen Laarmann.
20.11.2017, 14:38 h | 7 Junglists online