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History of the Future - Part 1




Es ist eine grossartige Zeit für gebrochene Beats und ihre Erzeuger. Die Möglichkeiten zu sampeln, zu programmieren und zu manipulieren sind im digitalen Zeitalter vielfältiger denn je. Das war nicht immer so. Drehen wir das Rad der Zeit zurück.


New York Ende der 70er. Amerikanische Hip-Hop Legenden wie Kool Herc und Grandmasta Flash wiederholten Drum-Breaks alter Funk- & Soulplatten, indem sie auf zwei Plattenspielern die selbe Platte auflegten. Durch Cuttenund Scratchen erschufen sie in Echtzeit neue Beats für die MC's. Damit griffen sie live dem Sampeln und Schneiden von Beats vor, wie wir es von den Jungle Platten der frühen 90er kennen. „Crate Digging“, die Suche nach Platten mit interessanten Breaks und Instrumentals war Pflicht. Bereits in dieser Zeit etablierten sich die heute klassischen Drum-Breaks wie Amen (The Winstons / Schlagzeug: G.C. Coleman), Apachee (The Incredible Bongo Band / Schlagzeug: Jim Gordon) oder der Funky Drummer von James Brown (Schlagzeug: Clyde Stubblefleld). Vom Godfather of Soul stammen auch Cold Sweat und Humpty Dump. Diese beiden Breaks waren vor allem für den Drum and Bass der Post-Jungle-Ära prägend..

Aber der Reihe nach. Zur selben Zeit, als Grandmasta Flash das Scratchen erfand, machte erstmals eine deutsche Band namens Kraftwerk auf sich aufmerksam. Ihr Einfluss auf die elektronisch eMusik ist bis heute ungebrochen. Für die Schlagzeugsounds verwendeten sie vor allem Geräte der Firma ROLAND, die für Kraftwerk immer wieder individuell Geräte modizierte. Roland stellte 1981 den Drumcomputer TR-808 vor, der sich schnell zu einem Klassiker unter den Rhythmusmaschinen mauserte. Und auch die HipHop-Produzenten jenseits des großen Teichs entdeckten den analogen künstlichen Sound schnell für sich. Schließlich kam jemand auf die Idee aus der Bassdrum der 808 den berühmten 808-Bass zu basteln, davon später mehr.

Zurück nach New York: 1986 startet Breakbeat Lenny, ehemaliger Angestellter bei Downstairs Records in NYC, die Bootleg-Reihe „Ultimate Breaks and Beats“. 1987 bringt die Firma EMU mit dem SP 1200 den ersten Sampler auf den Markt. Nun sampelten die HipHop-Produzenten Breaks und kombinierten sie, anstatt sie zu programmieren. Wieder ein Jahr später erblickt die MPC 60 von AKAI das Licht der Welt, eine Mischung aus Sampler und Drumcomputer. Diese Mutter aller „Grooveboxen“ mit den klassischen 16 Triggerpads in der Mitte, war ein wahres Swingmonster. Ihr Nachfolger, die MPC 3000 (*1994), steht bis heute in den Studios von Dr. Dre & Co.

Mitte der 80er entstand House in Chicago und wenig später Techno in Detroit. Die Urväter des „Detroitsound“ Juan Atkins, Derrick May und Kevin Saunders, auch bekannt als „Belleville Three“, standen vor allem auf die TR-909. Ihre prägnanten Hi-Hats und der trockene Bassdrum-Sound sind auch bei D&B-Produzenten sehr beliebt.

In England waren es vor allem Sampler der Firma AKAI (S900, S1000, S2000 etc.) mit denen sich die Produzenten der noch jungen Breakbeatszene zu neuen Ufern aufmachten. Auf einigen Technoplatten waren Anfang der 90er bereits hochgepitchte Funkbreaks zu hören. Vor allem der bereits erwähnte Amenbreak wurde gern benutzt, um der monotonen 4/4-Bassdrum etwas entgegenzusetzen. Irgendwann ließen einige Produzenten die Bassdrum einfach weg. So erblickten Breakbeat/Jungle und Happy Hardcore fast zeitgleich das Licht der Welt. Während bei Happy Hardcore noch Techno und Rave den Ton angaben (hochgepitchte Vocals, Synthesizer, fröhliche Pianomelodien), war Jungle vor allem stark von Reggae-Musik geprägt. Basslinien, die klangen, als kämen sie direkt aus Jamaika, wurden entweder mit dem bereits erwähnten 808-Bass oder der ähnlich klingenden Sinuswelle eingespielt. Und ebenso wie schon in Jamaika und Amerika dienten die Platten vor allem MCs als Begleitung.

Bis Mitte der 90er ging es vor allem darum Amen & Co in jeder nur erdenklichen Art zu zerschneiden und wieder zusammenzusetzen. Tom Jenkinson aka Sqarepusher trieb dieses Prinzip auf die Spitze: Melodie und Bassline waren nur noch Begleitung. Dazu programmierte er ein Schlagzeugsolo nach dem anderen. Photek begeisterte auf seiner „japanischen“ Single („Ni ten ichi ryu“) mit Breaks, die klangen, als hätte er sie mit dem Samuraischwert geschnitten. Er baute sogar Melodien aus Schlagzeugsounds. Plaid und Amon Tobin vom Ninja Tune Label (s. letzte Ausgabe) waren ebenfalls Pioniere experimenteller Tracks.

Auf LTJ Bukems Label Good Looking waren die Beats meist etwas gerader und wurden mit verträumten Streicherakkorden und jazzigem E-Piano kombiniert. Big Bud, Blame und einige andere machten hier mit sehr musikalischen Stücken auf sich aufmerksam. Auf diversen Unterlabels veröffentlichte das Good-Looking- Team auch Produktionen bei 120-130 bpm – sehr funky und zum Teil wesentlich jazziger, als die Produktionen auf dem Mutterlabel.

Schließlich etablierte sich auf den Labels von Goldie (Metalheadz) und Grooverider (Prototype) ein wesentlich härterer Sound. Produzenten wie Dillinja, Fierce, Ed Rush und Optical verzerrten und komprimierten jedes einzelne Kick- und Snare-Sample. Anschliessend setzten sie die so generierten Sounds zu dem bis heute typischen Drum-and-Bass-Beat zusammen. Meistens bearbeiteten sie dann noch einmal die gesamte Schlagzeugspur mit Kompressoren und Effekten. So entstand ein extrem druckvoller geradliniger Sound. Von nun an hieß es „Jungle is dead, we play Drum and Bass!“

In Köln und Düsseldorf bildete sich unterdessen eine neue Szene, die elektronische Musik weniger als Clubmusik verstand. Künstler wie Mouse On Mars oder Funkstörung stellten Komposition und Sounddesigns in den Vordergrund. Ihre Auftritte fanden teilweise sogar in bestuhlten Sälen statt. Nicht so die Parties von Jazzanova in Berlin. Ihre Mischung aus House, brasilianischer Musik und Jazz bereitete in Deutschland den Weg für Nu Jazz und Broken Beat Ende der 90er.


Text: Claas Sandbothe
Der Text erschien im Headliner Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.


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22.11.2017, 20:54 h | 10 Junglists online