Santorin - Man muss sich ja steigern, oder?
An seinem Mundwinkel bildet sich fast ein Gähnen aus, als ich Lightwood danach befrage, wer, wie oder was denn eigentlich den Labelnamen inspirierte. Die Geschichte hat er öfters erzählt, ich kenne sie aber nicht. Die griechische Kykladen-Insel war das Erste, was ihm beim Brainstorming anno 98/99 in den Kopf kam. Die Vulkan-Insel ist „gewaltig, vielseitig, samt der Atlantis-Geschichte sagenumwoben“ und frei nach dem bei dieser Aussage schmunzelnden Lightwood passt all das „irgendwie zu Drum&Bass und dem Labelstandort Tübingen“. Das sonnenverwöhnte Kreisstädtchen südlich von Stuttgart ist auch „eine Insel“, für die „Santorin“-Macher „eine Oase“. Hier ist die Welt beschaulich, und „alle basteln unbeeinflusst an ihren Zauberformeln“. So reiht sich „Santorin“ herrlich in die Standort-Koordinaten der Stadt ein.
Die ‚eine Zauberformel’ für Drum-n-Bass will man in Tübingen dabei nicht unbedingt finden. Drum-n-Bass reduziert sich bei „Santorin“ nicht auf eins-zwei Styles sondern umfasst das ganz große, für alle Einflüsse offene Bild der Drum-n-Bass-Kultur und Breakbeat-Forschung. Wer Tübingen nicht kennt, mag behaupten, nichts verpasst zu haben. Für Lightwood und Co. ist das gemütliche Pflaster der jungen und offenen Stadt genau richtig. Das Leben der Stadt von unter 100.000 Einwohnern bestimmen die Studenten. Das Stadtbild bevölkern 23.222 Studierende, und heute hat Tübingen den niedrigsten Altersdurchschnitt aller Städte in Deutschland.
Die „Santorin“-Events („Pressure Sessions“) in der Heimat erhöhen erfolgreich seit Jahren den Druck auf dem heimischen Tanzboden. In Tübingen funktioniert, was anderswo seit Jahren bejammert wird. Lightwood und das Team schöpfen hier ihre Kraft: „Wir schaffen es ja auch tatsächlich fast tagtäglich mit dem Label und monatlich mit den Pressure-Events neue Leute zu binden. Es ist alles eine Frage, wie man andere begeistert, mit seiner eigenen Leidenschaft mitreisst. Wir sind die Botschafter der Leidenschaft“.
Die Compilation-Reihe „Ambassadors“ geht in diesem Frühsommer unter dem mustergültigen Titel „From Amen To Z“ in die vierte Runde. Über die aktuelle Compilation sagt Lightwood: „Wir haben es endlich geschafft, das komplette Spektrum einzufangen, für das Santorin steht und somit das Santorin Bild endlich vervollständigt. Man kann nicht mit 3-4 VÖs das vielfältige Spektrum von D&B wiedergeben, vielleicht aber mit 30 plus einer dicken Compilation.“ Das „Spektrum“ auf der neuen Kopplung umfasst so viele Styles, dass ich lange überlegen muss, wann es eine solche D&B-Compilation zuletzt gab. Von kantigen Breaks-Sounds zu dubsteppigen Experimenten, Liquid-Vocaltunes, rassigen Rollern oder deep bis minimalen Entwürfen reicht Drum-n-Bass bei der Jubiläums-Botschaft des Labels.
Lightwoods
Maxime für interessanten Sound steht auf vielen
Füssen und geht nicht unter. Ich erinnere: „gewaltig,
vielseitig, sagenumwoben“, so sieht und sah
Lightwood Drum-n-Bass und Santorin. Vielseitigkeit
ist freilich Internationalität. Und ob ein guter
Tune aus dem ‚familiären’ Umfeld, dem schönen
Wien, dem sunshine state California oder vom
russischen Ende der Welt stammt, ist dabei
gleich. An die 100 neue Demo-Tracks senden die
weltweiten Producer und Fans pro Woche ein. In der Aufarbeitung zählen badischer
Eifer und Passion. Lightwood hört alles durch. „Erregt etwas
meine Aufmerksamkeit, also hält mich vom
Arbeiten ab,
dann steckt Potential drin.
Feedback
gebe ich aber nur noch bei Tracks/Künstlern, wo
ich eben irgendeinen Anhaltspunkt finde, daß
es mir gefällt.“
Santorin entdeckt regelmässig
neue Künstler und baut sie auf. Young Ax wäre
hier wohl der bekannteste Name, der unter diesem
Prinzip wächst.
Der Drummer ist ein klassischer
Album-Artist, mit ganz eigenem Style.
„Mit Young Ax starten wir dieses Jahr noch ein
neues Label: Sugaphonic Records - sweeeetest
music!
Alex hat so viel Potential und macht einfach
einen so eigenen Sound mittlerweile, daß er
dringend seine eigene Plattform braucht.“ Heiße
neue Namen gibt’s zu Hauf zu entdecken. Tyler
Straub, Parhelia oder auch Dan HabarNam sind
nur ein paar davon. Tyler Straub selber entdecken
derzeit, nach dem ‚coming out’ auf „Santorin“,
auch verstärkt die UK-players auf BBC Radio One.
Übersichtliche 27 Maxis verbucht „Santorin“ in
zehn Jahren Labelhistorie. Katalognummer 26
war ein großer Hit. Der außergewöhnliche „Flute
Tune“ zeichnete seine Macher J-Cut und Kolt
Siewerts als humorvolle und ins globale Herz der
Feiernden zielende Producer aus, ihr Werk selber
würdigten die User des „Future Forums“. „Best
Track National“ titelt der virtuelle Award. Daneben
hat sich die Maxi mit dem betörend-beschwörenden
Flöten-Lick für heutige Zeiten sehr
gut verkauft. Überall auf der Welt. Dass letztlich
der Weg bis zu solchen Erfolgen mal zehn Jahre
dauert, macht Lightwood nicht nervös. „Man
muss sich ja steigern, oder?“
Die Steigerung ist
drin, immer.
Kann Leitwolf Lightwood eigentlich
von „Santorin“ leben? „Eines Tages ja, haha.“
Im
Klartext heißt das, Oli bekleidet eine 50%-Stelle
an der Uni als Mediengestalter für Bild und Ton.
Und wer sich für amtliche Drum-n-Bass-Science
aus Deutschland interessiert , muß nicht lange
suchen. „Santorin“ ist bereit. Auch, wenn ein
„Südafrikaner im Onlineshop mal kurz alle Santorin-
Platten bestellt.“ Prima, der Mann bestellt
sich garantiert demnächst die Laufnummer 27
aus Tübingen. Deutschlands Drum-n-Bass Urgestein
Bassface Sascha und Concept & Shnek
gehört die Vorab 12“ der „Ambassadors 4“. Und
was Saschas Titel verspricht, hält „Santorin“ gerne
bereit:
„Livin Music“!
Text: Frank Eckert
Der Text erschien im Headliner Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.
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