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Back 2 Live! - Part 1: Various Bands


Spätestens seit London Electricity ist klar, dass Drum & Bass nicht nur aus Nullen und Einsen besteht. Pendulum, Jungle Drummer & Co spielen regelmäßig große Events und die Zahl der Livebands, die außerhalb des herkömmlichen Rock & Roll-Frequenzspektrums agieren, steigt von Jahr zu Jahr. Höchste Zeit für eine Bestandsaufnahme in Sachen Live Drum & Bass. Angefangen hat alles in den frühen 90ern in New York. Auf Mixtapes gelangte der Original Jungle Sound über den großen Teich und inspirierte Schlagzeuger wie Marque Gilmore aka „The Inna-Most” (Drum-FM) und Jojo Mayer (Nerve). 1993, vier Jahre bevor Roni Size mit seiner Band Reprazent den Mercury Prize gewann, kam Gilmore nach London und spielte mit DJ Kemistry (RIP) und Cleveland Watkiss. Die komplette Geschichte über diese Pionierzeit findet ihr in der nächsten Ausgabe.

Heute gibt es allein in England 14 D&B Bands und auch auf dem Festland gibt es eine Menge interessanten Live Sound. Die Bandbreite reicht von „akustischer Clubmusik“ von Trio Elf (D) bis hin zum rewindverdächtigen Drum & Bass von F.U.K.T. (DN), von denen bereits 2 Tracks auf Viper Records erschienen sind. Ihr Drummer Anders Meinhardt – mit Sicherheit einer der heißesten Jungle Drummer diesseits des Kanals - schaffte es sogar in den Werbespot einer dänischen Bank.
Schauen wir uns also ein paar der derzeit aktiven Bands genauer an.
Wer sind sie und wo machen sie was? Die meisten sieht man eher selten live auf D&B Partys, da sie auf technische Voraussetzungen angewiesen sind, die DJ-orientierte Clubs oft nicht bieten können.


Epoc Live

Mit einer Ausnahme: EPOC LIVE - Maria (Vocals/Keyboards) und Nick (Drums/Vocals) aus London haben ihr Setup speziell für den DJ Markt konzipiert. 100 % elektronisch, 100% live passt es in jeden Club und auf jede Bühne. Die haben sich die „White Stripes des Drum & Bass“ bereits mit Andy C, Grooverider und Pendulum geteilt.
2007 wurden sie zweitbester Liveact der Insel und waren als erste Band live bei dem beliebten Radiosender Kool FM - ohne eine einzige Veröffentlichung.

Im Dezember erschien bei Live Era Records ihre erste EP „Ruffneck Soul“, auf der sie ihre ganze Palette ausspielen, von Liquid bis Jump Up. Trotz eines hektischen Tourplans arbeitet das Powerduo aber regelmäßig an neuen Tracks und Remixen.
„Die Produktion zu verbessern ist das wichtigste, wenn man D&B spielt“.
Und selbst im Tourbus vertreiben sie sich die Zeit mit Akapellaversionen von „96 Thing“ (Dillinja) oder „Pieces“ (Chase & Status) - D&B 24/7.

» www.epoclive.co.uk
» www.youtube.com/epocuk


Miloopa

Ihre Labelkollegen bei Live Era, MILOOPA rollen das Feld von der anderen Seite auf: „Faszination und Neugier, wie man elektronische Musik mit herkömmlichen Instrumenten umsetzt“ spielen eine entscheidende Rolle für das „audio-visuelle Kollektiv“ aus Polen. Dabei merkt man Bassmanipulator Bond kaum noch an, dass er vier Saiten bedient. Auch seine Bandkollegen spielen sich stilsicher durch die urbane Clubkultur, wobei Keyboarder Zlazu auch hin und wieder seine jazzigen Wurzeln durchblicken lässt.

Abgerundet wird dieser Cocktail aus Downtempo, Dubstep und Drum & Bass von der souligen Stimme der Sängerin Natalia Lubrano und den Visuals von VJ Spectribe. Bei einem ihrer Konzerte begegneten sie Jojo Mayers Band Nerve und konnten dessen Toningenieur ROLI MOSIMANN für ihre neue Platte „Unicode“ gewinnen.

» www.miloopa.com
» www.live-era.com


Jojo Mayer

Bei Nerve hat Mosimann die Rolle des Tontechnikers neu def niert. JOJO MAYER über den kreativen Ansatz des Schweizer Produzenten: „Er ‚spielt’ quasi mit unserem Sound, kreiert in Echtzeit was oft in stundenlanger Postproduktion im Studio passiert. Die Band kreiert den Input, Roli den Output“. Sein eigenes Spiel beschreibt Jojo Mayer als „Reverse Engineering“ - ein Begriff aus der Industriespionage – „man erschafft mit einem alternativen Kreationsprozess ein ähnliches Produkt“.
Er ist praktisch ein lebendiger Sampler, in dessen Speicher sich alle klassischen Drum-Loops wieder finden, von Amen Break bis Funky Drummer.
Damit wurde er für viele Schlagzeuger zu einer wichtigen Inspiration in Sachen D&B.

» www.jojomayer.com


Alienbeatzcollective

So auch für Hendrik Strehl, seit 5 Jahren Schlagzeuger beim ALIENBEATZCOLLECTIVE, der „Hausband“ der HiVITALITY Partys in Hildesheim bei Hannover. Die Band ist voll in das Partykonzept integriert und sorgt mit regelmäßigen kurzen Livesets für Abwechslung. Dabei übernimmt das Quintett oft direkt mit dem letzten Stück vom DJ, um mit Future Funk und Soul die Tanzfläche zu beschallen. So war denn auch Gast DJ Young Ax hellauf begeistert von der Liveversion seines Klassikers „January“.

» www.hivitality.de


Spielwiese

Die süddeutsche Band SPIELWIESE spielte anfangs ebenfalls zu Platten. Schon bald verarbeiteten die sechs Musiker aus Mainz und Wiesbaden „Elemente aus Reggae, Funk und Jazz auf 176 bpm“ zum Click synchron laufender Visuals.

„Wir versuchen uns selbst als Sample zu betrachten […] Spielzeuge wie Megaphon, Theremin und singende Säge waren eine logische Entwicklung“.
Ihnen geht es bewusst nicht um produzierten Sound. Den überlassen sie ausgesuchten Remixern wie Er.ic, Mad Vibes oder - auf ihrer neuen EP „Brighter then it seems“ (Producers Network Rec.) - Skyence aus Hamburg. In Zukunft wollen sie ihr Spektrum noch erweitern und „werden auch mit Dubstep, Elektro, und Downbeat am Start sein.“

Dafür sucht die Band momentan einen Bassisten und einen Live-VJ.

» www.die-spielwiese.org


Boombaker

Visuals spielten von Anfang an eine zentrale Rolle bei BOOMBAKER. Ich traf die Hobnox/Evolution Gewinner bei den Vorbereitungen zu ihrer Live-DVD, für die nicht nur ein Konzert, sondern auch eine Rahmenhandlung aus Ego-Shooter- Perspektive gedreht werden sollte.

„Es geht um unterschiedliche Ebenen der Wahrnehmung“ - und der Interaktion, denn „es kommt auch vor, dass die Band zum Video spielt“ erzählt VJane Regina Teichs.
Und wie die spielt: Jan Burkam und Nadim Helow trommeln sich auf drei Plastiktonnen, diversen Schrott- und Schlagzeugteilen plus Triggerpads durch ihre eigene loopfreie Mischung aus Industrial Breakbeat und D&B – Schleifmaschinensolo inklusive!

Da muss Keyboarder Charly Matuschewski alle Register ziehen, „um dieser Metallansage was entgegenzustellen“ - und spielt allein sämtliche Melodien und Bässe inklusive Filter live! Frontmann MC Deko aus New York setzt vor allem auf Inhalt und Verständlichkeit. Mehr davon!

» www.myspace.com/boombaker
» www.youtube.com/user/BAKEdaBOOM


Human Sampler

Ein paar Stunden später steh ich vor dem Café Zapata in Berlin Mitte: die Fenster wackeln. Als ich zur Tür hereinkomme, verlangt der MC gerade den Reload.
Intro, „Lighter inna de air“, und dann droppen die Bässe als gäbe es kein Morgen.
Drum & Bass mit allem was dazu gehört – und genau darum geht es bei HUMAN SAMPLER seit 6 Jahren. Electric Buddha (Gitarre/Bass/Sounds) und Jan Pfennig (Drums) haben sich ihre Version von Live D&B auf stundenlangen Livejams erspielt.

Um dem produzierten Vorbild gerecht zu werden, tauschte Electric Buddha seine Gitarreneffekte bald gegen 2 Loopmaschinen und DJ-Mixer, während Jan sein Set quasi verdoppelte: 3 Snares, 5(!) HiHats, nur die Kick blieb allein - darauf spielt er live schon mal zwei Grooves gleichzeitig. Seit zwei Jahren gehört auch MC Zhi fest zur Band und schätzt vor allem die neuen kreativen Möglichkeiten der Life-Situation.
Nach Unterschieden zum Party MCing gefragt, sagt Zhi: „Die ganze Show ist viel präsenter. Live […] ist die ganze menschliche Energie zu spüren und macht einfach noch mehr Druck“. Ist die erste Neugier bei den Leuten überwunden „kommen die meisten mit und wir steppen in die nächste Dimension“.

» www.humansampler.de


Fazit

Das alles passiert jedoch nach wie vor in einem Paralleluniversum, und wird von der ‚Szene’ hierzulande nur langsam wahrgenommen. „Viele haben noch nie zuvor eine D&B Band gesehen“, erzählt MC Zhi. Woran liegt das? Nun zum einen sind Bands wie die Spielwiese oder Miloopa nicht explizit darauf aus, D&B-Events zu spielen.
Zum anderen bedeutet eine Veranstaltung mit Liveband(s) grundsätzlich mehr Aufwand und dafür haben Veranstalter, die mit den Extrawünschen und verpassten Flügen mehrerer englischer Stars und Sternchen beschäftigt sind, oft keine Kapazitäten übrig. Abgesehen von Acts wie Pendulum, die regelmäßig auf Vinyl veröffentlichen,
sind die meisten Bands in der hiesigen D&B-Szene auch nach wie vor unbekannt.
Dafür ist ihr Sound frisch und erzeugt eine andere Energie als DJ und MC.

Was tun? Frank, Veranstalter im Rosi’s (Berlin): „Immer wieder mal Abwechslung ist schon nicht schlecht […] Mir ist wichtig, dass der Bandauftritt in die Party integriert ist, also keine Pause entsteht zwischen DJ und Band.“ Das Rosi’s gehört ebenso wie der Pushkin Club (Dresden) und die Rhythm Factory (London) zu den Clubs, die auf Partys wie BASSPORT und NO REST FOR THE WICKED Live D&B regelmäßig eine Plattform bieten. Human Sampler haben den Spieß einfach umgedreht, und veranstalten sich selbst mit ausgesuchten Gast-DJs einmal pro Monat im Café Zapata.

Auf Festivals à la Fusion (D) oder Glastonbury (UK) kommt es außerdem immer häufiger vor, dass D&B Bands zusammen mit bekannten DJs gebucht werden, die - wie auch das Publikum - oft sehr angetan auf den Live Sound reagieren. So tanzte Shy FX erst kürzlich ein ganzes Boombaker Konzert durch und John B steht auf Epoc Live.
Hier gibt es definitiv Potential für weiterführende Konzepte und großartige Freundschaften, verfolgen doch alle dasselbe Ziel: PARTY FOR THE PEOPLE!

» www.myspace.com/bassport_berlin
» www.nrftw.com


Part 2: History

Text: Claas Sandbothe, Fotos: Joanna Woodrow, Mike Kruschke
Der Text erschien im Headliner Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.


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23.11.2017, 04:57 h | 7 Junglists online