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Minimal vs Dubstep - Der große Rundumschlag


Logo Debug MagazinDas Feature erschien im De:Bug Magazin 117 und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt. Nochmal Schwein gehabt. Nach dem Zusammenbruch der Breakbeatunion und dem Zerwürfnis elektronischer Zwergenstaaten schien die gerade Bassdrum zum totalitären Ideal des kollektiven Freudentaumels zu werden. Dancefloor-Dialektiker beschwörten schon das Ende der Geschichte zweibeiniger Tanzmotorik herauf. Doch mitten aus dem Wurmloch des "Hardcore Continuum' ist da dieses Londoner Hybrid namens Dubstep aufgetaucht, und auf einmal geht wieder was.

Schritt Eins: Polaritäten überwinden

In einer Zeit, in der nur noch Erfolgsrezepte durchdekliniert werden, jedes Geheimnis der Clubkultur bei eBay katalogisiert ist und ein Google Ad mehr wert ist als ein radikaler Beat, knüpft Dubstep an eine verschüttete Mythologie an, von der man schon glaubte, sie sei nichts weiter als eine Jugendspinnerei gewesen. Vielleicht gibt es ja doch das Gegengift zur allgemeinen neoliberalen Ernüchterung, zum Minimalsonstwas-Konsens und dem freien Fall der Vinylkultur. Dafür muss man wieder ein Stück weit zum Detektiv werden und tiefer graben als bis zu den nächsten DJ-Charts. Als Belohnung wartet eine Kreuzfahrt auf der "Black Ark" durch "Blade Runner"-Szenarien.

Nun soll es hier nicht darum gehen, Techno und Dubstep gegeneinander antreten zu lassen - im Gegenteil. Zumal das mit den Schubalden mittlerweile eh eine ziemlich verhakte Sache ist. Wo das eine Genre nicht mehr greifbar ist, weil es zu weit ausdifferenziert die Welt regiert, wehren sich die Aktiven des anderen vehement gegen eine Stildefinition.

Schritt Zwei: Impulse abgreifen

Jene Gestrandeten der Clubkultur, die mit dem Dub-Virus infiziert sind, wissen nur zu gut, dass auf die Kategorie der Ausverkauf folgt. Demnach wird an runden Tischen im Königreich gerade heiß diskutiert, was ein "Incredible" aus der Szene anrichten könnte, also ob Dubstep wie Jungle damals mit einem Chart-Hit dem sicheren Untergang entgegensteuern würde - und ob die Aufbruchsstimmung der ersten Dubstep-Welle nicht sowieso schon verflogen sei.

Völlig unbeeindruckt vom aufkommenden Schwanengesang nimmt das Reservoir an eigensinnigen Dubstep-Produzenten weiterhin munter Fluchtlinien, um dem Tod durch Erstarrung zu entgehen. So ist die vermeintliche Polarität von Reggae-Vibes und Lagerhallen-Darkness längst überwunden und verästelt sich in alle möglichen Richtungen. Im Wobblestep sehen zwar einige schon erste Ermüdungserscheinungen und eine dominante Formel um sich greifen.

Deren Erfinder vom DMZ Label aber präsentieren mit jedem Release eine neue Facette ihrer Soundvielfalt und rekrutieren neue Originale wie Goth-Trad aus Tokio. Lovestep mit R'n'B-Flavour und Bootlegs mit Justin Timberlake oder Alicia Keys tauchen auf. Und in den U.S.A. manifestiert sich u. a. mit Matty G. die Verwandtschaft zum 808-Funk der HipHop-Achse Old School, Miami Bass und Dirty South. Nicht zuletzt hallen in den weiten Echokammern immer deutlichere Flashbacks zu den frühen Metalheadz wider.

Die frischesten Impulse kommen zur Zeit aus dem technonahen Spektrum. Der Londoner Eigenbrötler Shackleton ist mit seiner apokalyptisch perkussiven Subbass-Musik aus dem Halfstep-Trott ausgebrochen und hat gleich Eingang in die Minimal-Sets von Cassy oder Onur Özer gefunden. Sein Label Skull Disco genießt seit dem Ricardo-Villalobos-Remix von "Blood On My Hands" auch Kultstatus im Land der heiligen Bassdrum. Von der Technoseite aus haben es die Tracks der Minimal-Producer Jay Haze und Michael Ho ins Herz der Londoner Szene geschafft.

Als Sub Version haben sie schon ein ganzes, aus Dub destlliertes Album herausgebracht und sind mit zwei, von Paul St. Hilaire besungenen Stücken auf der amtlichen "Box Of Dub"-Compilation vertreten. Ansonsten kann die herrschende und homogenisierende Macht auf dem Dancefloor nur mit Einverleibung auf die Experimentierfreude und Innovationsflut von den Rändern reagieren, um sich aus dem schwelenden Stillstand nach dem Minimal-Boom zu befreien. Wie Techno zuvor macht sich Dubstep dabei die Reduktion auf das Wesentliche zunutze, um Platz für neue Bewegungen zu schaffen.

Umso befreiter spielt die Dubstep-Seite auf, wenn sie mit Techno und House flirtet. Mala taucht in den Swing, Schmutz und die Wucht von Chicago und Acid House ein. "Broken Dub House" hat der Digital Mystik seine deepen, polyrhythmischen Beatgebilde getauft. Skream remixt virtuos bretternd Minimal-Techno-Tracks von Marc Ashken. Derweil hat Kode9 - dem Pack immer ein paar Schritte voraus - eine fließende Ästhetik eingeführt, die der testosterongetriebenen Monsterbass-Attitüde von Dubstep leichtfüßig davon tänzelt. Das hypnotisierende "Magnetic City" des Szene-Mentors und Hyperdub-Chefs ist schon jetzt eines der wichtigsten Dance-Stücke in diesem Jahr. Von Bristol aus veröffentichen Peverelist auf Punch Drunk und DJ Pinch auf Tectonic detroitaffinen Dubstep mit Subbass-Antrieb und Minimal-Techno-Texturen.

Darunter finden sich neben eigenen Produktionen gerade voranschreitende Tracks von Cyrus und dem Random Trio, sowie die Groove-Offenbarungen von 2562 aus Utrecht. Ebenfalls mit niederländischer Liebe zur Motor City erweitert Martyn mit jedem neuen Release den Radius seines mitreißenden Strudels aus den Tiefen des Black Atlantic. Während dessen hat Kevin Martin aka The Bug erstmals eine kongeniale Szene für seinen Future Dub Reggae gefunden. The Bugs "Night Steppa"-Version von 2003 antizipierte die Geistesverwandtschaft zum Berliner Dub-Techno des Basic-Channel-Universums, die mit dem enigmatischen Burial zur ersten Blüte gekommen ist. Über den Kultstatus, den Rhythm Sound, Basic Channel, Maurizio, etc. im Dubstep genießen, ist Mark Ernestus zwar ein wenig erstaunt. Als Hard-Wax-Gründer und Reggae-Afficionado kann er die jüngste Wiedergeburt von Dub aber nur begrüßen. Und Stefan Betke aka Pole ließ sich gleich von Shackleton und Peverelist remixen.

Dubstep erweist sich dabei immer mehr als das Genre für die Zeit nach den Genres: unfassbar, frei kombinierbar und immer neu. Wäre ja auch zu traurig, sollte sich Techno als Krönung der Schöpfung innerhalb einer linearen Evolution von Dance Music behauptet haben. Nun eröffnet sich ein Feld, in dem alle Formen der Dance Music - ob gebrochen oder gerade, schnell oder langsam, zart oder hart - gleichzeitig präsent und im ständigen Werden begriffen sind.

Statt sich voneinander abzugrenzen, beziehen sich die verschiedenen Spielarten, Tempi und Stimmungen aufeinander. Diese virtuellen Potentialitäten, die im Grunde in jedem Dance Genre veranlagt sind, können sich nun aus einem basslastigen Geflecht heraus in den weiten Räumen und offenen Zählzeiten des Dubstep aktualisieren. Die Amen-Breaks des Jungle, die technologisch maximierte Physis des Drum and Bass, der Drum-Machine-Einschlag von HipHop, die zuckenden Hihat-Entladungen des UK Garage, die manische Präzision von Electronica und eben auch die gerade Bassdrum of Techno/House fame - sie alle schwingen unterschwellig bis konkret mit und betreten durch das Meta-Genre Dubstep wie frischgeboren das Licht der Welt.


Checkt auch das "Minimal vs Dubstep" Roundtable-Interview mit Shackleton, Pole, Kode9, Orson, DJ Pinc, Mark Ernestus, Olaf/Tandem und Kevin Martin.
Text: Uh Young Kim
Der Text erschien im De:Bug Magazin 117 und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.


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21.11.2017, 11:22 h | 6 Junglists online