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Dubstep - Bass macht sexy


Mit Dubstep explodiert in den Clubs ein Sound, der in seiner Zerworfenheit und Energie derzeit eine der aufregendsten und formenreichsten Spielarten der elektronischen Musik darstellt.

Es scheint, als gäbe es wenig, was Dubstep wirklich eingrenzt. Selbst von den darin involvierten Künstlern erhält man im Durchschnitt nur ein »No one can really agree« oder den halbherzigen Verweis auf Wikipedia. Gleichzeitig möchten viele Dubstep-Künstler dieser dort veröffentlichten offiziellen Definition gar nicht folgen. Sie vernachlässigt die Grenzenlosigkeit, und eine Menge Musik »würde damit einfach draußen im Kalten stehen gelassen«, was nicht nur für Barry Lynn, der als Boxcutter seine eigene Break-Variante des Dubstep erschafft, gelten würde.

Grundsätzlich kann sich nur auf eines geeinigt werden: die einschüchternde Präsenz des Basses. Milanese, der bereits auf Warp Records seine sehr abstrakte Version mit Verweisen auf Grime und IDM veröffentlicht hat, bringt es am knappsten auf Punkt: »Dubstep beinhaltet eine gefährliche Menge Subbass, ist um die 140 bpm schnell und im Halbtakt angelegt, kommt mit einer tödlichen Snare und einem skurrilen Swing.«

Die leicht synkope Betonung der 4/4-Zählzeiten – eine versetzte Bassdrum, während der Clap nicht auf dem zweiten und vierten, sondern nur auf dem dritten Beat erscheint – drückt den Rhythmus auf die Hälfte seiner eigentlichen Geschwindigkeit, wodurch ein seltsame Dynamik zwischen Downtempo-Langsam-keit und Jungle-Schnelligkeit entsteht.

Aus den Elementen

Ansonsten ist, wie Hotflush Records-Betreiber Paul Rose (alias Scuba) ergänzt, »Dubstep einfach Fusion«, die ihre Einflüsse aus allen möglichen Richtungen bezieht. Der Electro und Acid der frühen 1990er Jahre findet sich genauso wieder wie Drum & Bass, Breakbeat, IDM, Rock, Roots Reggae, Industrial und natürlich Dub. Die Grundstruktur entwickelte sich dabei aus 2-Step und UK Garage, dessen Rhythmusgefüge (der synkope Halbtakt) zeitgleich auch der aggressivere Bruder Grime entwich, der bereits vor zwei Jahren einige Clubs zerlegte.

Insbesondere die Südlondoner Szene um Horsepower Productions, Hatcha, Zed Bias und El-B trieben um die Jahrtausendwende den klassischen 2-Step immer weiter in einen düsteren Sound, den die zweite Welle um Digital Mystikz, Skream und Loefah immer stärker zum Dub führte, in dessen unendlichen Hallräumen der Tiefstfrequenzen die Klänge langsam unter Basswellen verschwanden. Unterstützt von der Londoner Clubnacht FWD>>, der seit 2001 pulsierenden Stammzelle der Bass-Veranstaltungen um Garage, Grime und Dubstep – ab 2004 auch durch die DMZ Night und Dubloaded in Brixton und Bristol – erhielten die ersten Label nach Tempa und Big Apple stetig wachsende Aufmerksamkeit und wurden durch die Radio DJs Kode9 und später Hatcha auf Rinse FM auch auf Airplay geschickt. Mittlerweile ist die Anzahl der Dubstep-Labels unübersichtlich geworden, überall tauchen neue Veröffentlichungen und Namen aus verschiedensten Ecken auf.

Ultimative Basswelt

DJ Maxximus, der mit Basstheworld das größte deutsche »Bassmusik-Event« in Berlin, Köln und Hamburg organisiert und FWD>> aus England nach Deutschland holte, sieht gerade die Variabilität der Produzenten als ausschlaggebend. »Es gibt so viele verschiedene ethnische Wurzeln, so dass dermaßen viele Einflüsse in die Musik geflossen sind. Und es wird immer vielfältiger.« Für Cyrus, der mit seinem Random Trio seit den Anfängen dem Bass folgt, ist es schlichtweg »die derzeit beste Sache, die aus Großbritannien kommt (neben Kate Beckinsale).« Auch wenn Cyrus übersieht, dass bereits 2002 mit »Killah (Different Drummer)« der Stralsunder Al Haca einen deutschen Dubstep-Blueprint vorgelegt hatte und auch in New York längst durch Künstler wie Nebulla Verknüpfungen mit z.B. Crunk Rap florieren, ist das Zentrum nach wie vor im Empire verortet. Wenige Labels haben in Deutschland derzeit einen Vertrieb oder gar ihren Sitz, obwohl die Fühler des Dubstep unaufhaltsam tastend sind und die Nachfrage wächst. Mit diesem alles erfassenden Klang, dem auf collagen-artigem Sampling basierenden Ansatz, kommt Dubstep somit der Idee der ultimativen, endgültigen und allumfassenden Musik nahe, die El-P erst kürzlich für HipHop formulierte. Das zeigt sich auch in den Clubs, in denen nicht nur eingefleischte Nerds einander die Hand geben, sondern auch immer mehr Neulinge in die Basswellen eintauchen.

Ja/Nein

Dennoch bleibt die Unsicherheit und die teilweise Ablehnung des Dubstep-Stickers vieler Musiker offensichtlich. Einige seiner Ersterkunder wie Kode9 oder Digital Mystikz wollen gar nicht mehr unter das Dubstep-Banner fallen. Shackleton, der mit seinem orientalisch-perkussiven Ansatz ein paar der interessantesten Veröffentlichungen vorweist, lehnte gar ein Interview ab, das im Dubstep-Kontext erscheint. Sein Kollege Appleblim, mit dem Shackleton das Label Skull Disco betreibt, spricht im Gegensatz gerne und begeistert darüber. An einigen Stellen scheinen die Grenzen fließend, zwischen Ablehnung und Bejahung. Der Nord-Londoner Produzent Elemental erklärt dieses »Yes and No« mit der Entwicklung des Dubstep vom Sound zum Genre. »Es hat anfangs eine große Freiheit bei der Produktion gegeben, die sich in den letzten ein, zwei Jahren verengt hat. Viele Produzenten machen jetzt einen sehr minimalen Subbass-Sound. Einige davon sind wirklich abgefahren, aber langsam wird es eben doch eintönig.« Das erinnert leicht an die Entwicklung des HipHop und Jungle, gar an die Experimentelle Electronic um Glitch & Co., die gerade Ende der 1990er Jahre durch eine extreme Fokussierung auf Kleinstelemente und feste Grundstrukturen eine Trockenphase erlebten (und teilweise noch erleben).

Seit der Sound in Großbritannien die Runde gemacht hat, sind immer mehr vermeintliche Musiker auf den Zug aufgesprungen (und einige gute deshalb umgestiegen). Quantität statt Qualität entsteht an einigen Ecken. Dabei bedarf die Produktion auf den ersten Blick nur eines Subbasses, einer einfachen Snare und vielleicht etwas Synthesizer-Beiwerk. Aber genau da trennen sich die Wege der wahren Dubstep-Köpfe. Die wenigsten Produzenten seien sich, so Boxcutter, der Komplexität eines Dubstep-Tracks bewusst. »Es ist schwierig, Dubstep überzeugend zu gestalten, denn der Trend geht dahin, sehr wenige Sounds zu verwenden. Somit müssen die dann natürlich alle grandios klingen.« Für Elemental ist denn auch gerade der Punkt, den Bass richtig hinzubekommen, am problematischsten. »Es ist im Studio einfach schwer, ihn richtig zu beurteilen.« Einige Dubstep-Platten hören sich daher eher nach lieblosen Fließband-Produktionen an. Schnell für den Dancefloor produzierte 12inches, die einer immer größer werdende Nachfrage nach dem Sound im Club nachkommen wollen.

Ja!

Hier sieht Milanese, der auf »Adapt« einen seiner ältesten Dubstep-Tracks »Barry Dub« erstmals veröffentlicht – einem Stück, das 2005 noch alle Tanzflächen leer fegte und nun regelrecht auf Vinyl gefordert wurde – die größte Herausforderung. »Ich möchte mehr Alben hören. Natürlich sind fette Beats und dreckige Bässe die Killer auf der Tanzfläche. Aber ich möchte mehr zu Hause hören können, ohne gleich nach zwei Minuten weiterzudrücken, weil das Stück auf der Stelle tritt.« Mittlerweile sind viele Künstler dem Wunsch Milaneses nachgekommen.

Einer der wichtigsten Protagonisten der Szene, Skream, hat auf Tempa inzwischen vier spannende, abwechslungsreiche Alben (»Skream!«, »Skreamizm Vol. 1-3«) veröffentlicht. Kode9 produzierte 2006 zusammen mit Spaceape ein sehr zurückgezogenes, verhalltes Poesiewerk (»Memories Of The Future«, Hyperdub) und legte jüngst unter seinem Moniker Burial (»Burial«, Hyperdub) nach. Cyrus macht dagegen den minimalen dunklen Sound über Spielfilmlänge hörbar, während Distance auf seinem »My Demons« fast eine Band anführt, wenn sein Live-Schlagzeug einsetzt. Boxcutters »Oneiric« (Planet µ) erhält dagegen seine Home-Listening Spannung durch den Grenzgang zwischen Breakbeats, IDM, Downtempo und Dub, also ganz im eklektischen Sinn. Noch in diesem Jahr soll sein zweites Album »Glyphic« erscheinen. Die für den Clubgebrauch vorgesehenen Singles werden damit dennoch nicht vernachlässigbar.

Auch wenn die Clubanlage der Lackmus-Test einer jeden Dubstep-Produktion ist, neue Veröffentlichungen – ob 12inches, Compilation CDs, Alben oder frei erhältliche Live-Mixe auf den Webseiten – pulsieren auf dem Markt. Und der besticht noch immer durch seine Diversität, denn, wie DJ Pinch erklärt, »Dubstep versucht nicht, irgendwo rein zu passen. Also hat er alle Freiheiten, anders zu klingen.«


Text, Interview: Jens Pacholsky Foto: Gene Glover (Cover), Cloe Musker (Elemental)
Der Text erschien im goon Magazine und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.


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24.11.2017, 11:57 h | 2 Junglists online