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Goldie - Innercity-Ghetto-Music


"Innercity-Ghetto-Music" ist nicht tot. Dies will Goldie mit seiner Doppelmix-CD "Goldie.co.uk" (Trust The DJ/PIAS) beweisen. Zwischen Betonwänden, Hektik und Gewalt einer Großstadt ist für Goldie Drum'n'Bass "Innercity-Ghetto-Music", mit der er in die Herzen zahlreicher Menschen dringt und diese mit Freude erfüllt. Die Tracks erzählen die Geschichte der Stadtmenschen, mit all ihren Gefühlen und ihrem Streben, den Momenten des Glücks und der Trauer. Nach seinem ersten Longplay-Debüt "Timeless" wurde Goldie von der Presse hochgelobt und konnte mit dem vier Jahre später folgenden Album "Saturn Returnz" den hochgesteckten Erwartungen nicht gerecht werden. Goldie, der Künstler, lässt sich jedoch nicht einengen von Erwartungen Fremder, sondern entfaltet seine Kreativität nicht nur als Produzent und DJ in der Musik, sondern auch bei seinem Label "Metalheadz", sowie diversen Film- und unlängst auch Buchprojekten.

Bevor Goldie dem Drum'n'Bass verfiel, war er als Graffitisprayer in der New Yorker South Bronx und Miami unterwegs und spielte dort unter anderem in Africa Bambaata's Film „Bombing“ als englischer Top-Sprayer mit. Im Jahr 1989 kehrte er als selbsternannter B-Boy wieder nach England zurück, wo er im "Heaven"-Club zum ersten Mal mit Drum'n'Bass (damals hieß es noch Jungle/Hardcore) in Berührung gekommen ist.
"Die Clubnacht hieß Rage im Heaven. Jeder war gerade dort anzutreffen. Das Adrenalin floss und floss rund um diesen Ort. Ich hörte da DJs, die einen verrückten, hybriden Sound spielten. Natürlich war dort auch noch dieser aktuelle Rave-Sound, aber da war auch etwas Neues – eine verrückte Fusion aus Altem und Neuem. In diesem Moment dachte ich, dort bin ich zu Hause."

Fasziniert von diesem neuartigem Sound, in Clubs verbreitet von DJs wie Grooverider und Fabio, brachte Goldie bald darauf unter dem Pseudonym "Rufige Kru" seine erste EP "Killa Muffin" auf Reinforced Records heraus. Ein Jahr später nahm Goldie das Pseudonym "Metalheadz" an, unter welchem er das Stück "Terminator" herausbrachte, welches die damals außergewöhnliche Technik des Time-Stretching beinhaltete. Als 1994 sein Debüt-Album "Timeless" auf dem Major-Label London Records veröffentlicht wurde, landete es rasch in den englischen Top 10 Charts und wurde mit einer Reihe von Awards ausgezeichnet. Der Weg für den Erfolg und der Verbreitung des Musikstils, der sich langsam vom Begriff "Jungle" löste, war geebnet und Goldie gründete das Label "Metalheadz". Dieses kann mittlerweile auf zahlreiche erfolgreiche Releases zurückblicken und nach einer zirka zweijährigen Pause erschienen im Jahr 2001 wieder Dancefloor-Killer-Tracks u.a. von den Metalheadz-Artists John B, Total Science und Marcus Intalex.

Doch zurück zur von den Medien auserkorenen Galionsfigur des Drum'n'Bass. Nachdem es produktionstechnisch einige Jahre still geworden war um Goldie (in dieser Zeit widmete er sich dem Label und zwei Filmauftritten bei "James Bond" und "Everybody loves Sunshine") erscheint 1998 sein zweites Album „Saturn Returnz“. Auf diesem waren neben dem amerikanischem Rapper KRS One auch noch Noel Gallagher von Oasis und David Bowie vertreten. Die Presse reagierte dieses Mal nicht durchgehend positiv und obwohl die Singleauskoppelungen relativ oft auf MTV gespielt wurden, blieb sie den Plattenkisten vieler DJs dennoch fern. „Saturn Returnz“ wurde zumindest Goldie's Meinung nach total verkannt, so versuchte er doch der Presse zu erklären:
"Die Alben 'Timeless' und 'Saturn Returnz' sind zwei völlig verschiedene Sachen. 'Timeless' ist eine externe Platte, welches immer extern bleiben wird: Da ist dieses Kind im Ghetto, das in das Ghetto gedrängt wurde und auf einmal realisiert hat, worum das Leben handelt. Anstatt zu realisieren, worum es im Leben geht, merkt es, dass er einfach da ist und alles, was ihn beschäftigt, ist: Warum? Was? Wer? Wann? Warum leben? 'Saturn Returnz' dagegen ist ein Album wie: Darüber ist mein Leben. Es ist intern."

Goldie's letztes Album liegt jetzt bereits wieder drei Jahre zurück und man darf gespannt sein, wann uns das nächste präsentiert wird. Neben ein paar Singles („Mother“ auf London Records im Jahr 2000 und unter dem Pseudonym „Rufige Kru“ „Stormtrooper/VIP“ auf Metalheadz im Jahr 2001), wurde es wieder ruhiger um Goldie und seine nächstes Longplay-Album.

"Da möchte ich mich gleich mal entschuldigen für diese Verspätung. Ich habe gerade eine ziemlich schlechte Zeit mit meiner Plattenfirma durchlebt. Ich habe ihnen Tracks vorgespielt, die ihnen nicht gefallen haben. Und ich habe gesagt: „Aber das bin ich, Mann!“. Das ist, was ich mache: sehr deeper Drum'n'Bass, nicht kommerziell-orientiert, obwohl ich die Tatsache, dass ich kommerziell bin in dem Sinne, dass die Leute mich und meine Musik mögen, gerne habe. (...) Allerdings gab es da noch ein Problem: Während ich an dem Album arbeitete, wurde ich immer abgelenkt von meinem Filmprojekt. Seit ich mit dem Album (Anmk: dessen Arbeitstitel übrigens „Sonik Terrorism“ lautet) beschäftigt bin, denke ich mir: da läuft etwas falsch, irgendetwas irritiert mich. Jetzt weiß ich, was: der Film. (...) Ich habe so viele Ideen auf meinem Computer, wo ich mir denke „great!“ Da ist z.B. eine großartige Ballade, die ich mit Sting machen wollte, die er für mich sogar live eingesungen hat, einfach wunderschön! Jetzt ist sie fertig, aber weil sie auf dem Soundtrack von meinem Film „Sine Tempus“ drauf sein wird und nicht auf meinem Album. Weißt du jetzt, was ich meine?“

Im Oktober 2001 ist auf dem Label „Trust the DJ“ eine Mix-Compilation von Goldie erschienen, die den einfachen Titel „Goldie.co.uk“ trägt, welcher auch gleich auf die dazugehörige Webseite aufmerksam macht. Auf dieser Seite findet man neben diversen tagebuch-ähnlichen Einträgen auch eine kurze Autobiographie, Samples zum Anhören und Downloaden und sogar seine E-Mail-Adresse (ob Goldie dann auf Fragen auch tatsächlich selbst antwortet, wurde von mir nicht ausgetestet). Die Mix-CD umfasst eine Auswahl von aktuellen sowie auch älteren Drum'n'Bass-Tracks von angesehenen Produzenten wie Photek, Klute, Ed Rush & Optical, sowie den Metalheadz-Produzenten Marcus Intalex, Adam F und Goldie himself (aka Rufige Kru). Goldie hat bei dieser Mix-CD weniger seine DJ-Skillz unter Beweiß gestellt, als dass er eine Zusammenstellung von Tracks vollzogen hat, die er mit vielen Soundflächen aneinandergereiht hat. Er selbst spricht von sich jedoch auch nicht als Top-DJ, sondern mehr als Künstler. "Ich suche die Musik persönlich aus, und zwar die Musik von anderen, die mich mit Gedanken und Emotionen erfüllt. Ich bin nur der Künstler, der ein Bild malt mit all den Farben, und diese Farben sind all diese Leute, die Teil der Szene sind. (...) Ich bin sicherlich kein auffallend guter DJ – Leute, die gut sind beim Mixen sind Menschen wie Storm und Fabio, die sind echt gute DJs. Ich bin dagegen mehr ein Künstler –I'm like it's what I choose to mix.“

Die Auswahl der Platten ist für Goldie entscheidender, als der eigentliche Übergang und mit dieser Mix-CD wollte er ein Zeichen setzen, dass seine „Innercity Ghetto-Music“ noch lange nicht tot ist. „DJs sind nur berühmt für die Musik anderer Leute, die diese gemacht haben. (...) Diese Platten machen uns (DJs) berühmt: Rewind, großartige Platte, laß sie uns noch einmal hören. Die Musik ist großartiger als jeder von uns.“

Goldie's Motivation, auch weiterhin selbst Musik zu produzieren, ist nach wie vor sehr hoch, jedoch hat sich seine Einstellung bezüglich der Dancefloor-Kompatibilität etwas geändert. „Ich möchte, dass sich die Leute meinen Sound anhören und sich verändern. Als ich anfangs Musik gemacht habe, war alles, was ich wollte, dass sie tanzen. Als ich dann später meine Alben gemacht habe, wollte ich aber, dass sie nachdenken. Zurückzugehen und zu sagen: ich will jetzt, dass sie wieder tanzen, wäre mir zu einfach.“

Ein Traum von Goldie, den er auch bald verwirklichen kann, ist es, einen Film zu produzieren. Bei „Sine Tempus“ (der Film handelt von einem kleinen Jungen) tritt er neben einer kleinen Rolle als Onkel auch als Co-Regisseur auf. Weiters arbeitet er an einem Buch mit dem Titel „Nine Lives“, in dem er sich mit seiner eigenen Kindheit und Jugend auf einer fiktionalen Ebene auseinandersetzt. Mit was uns Goldie als nächstes überraschen wird, bleibt abzuwarten.

Text: Barbara Wimmer aka Shroombab (Februar 2002)
Der Text erschien im Februar 2002 im Breakbeat Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.
23.11.2017, 04:55 h | 6 Junglists online