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The Green Man - You Decide LP


Der Klassizismus des Drum'n'Bass. Ein Mann der ersten Stunde hat sein mit Spannung erwartetes Solo-Album fertiggestellt.

Heiner Kruse a.ka. The Green Man a.k.a. TGM, bekannt als DJ, Produzent, Remixer und Labelchef von Basswerk und Junglegrowers, bringt sein Longplayer-Debut auf Combination Records heraus, nachdem er hier mit seinem Beitrag "Philtry" für die "Traffic"-Compilation einen vielbeachteten Einstand gegeben hat. Vorher hat er jahrelang mit seinen bekannten Vinyl-Maxis Vorarbeit geleistet. Mit der 12" CORE 005 ist ihm dann ein Teaser ganz anderer Art für sein Album gelungen, mit dem er sich nahtlos in die (kleine) Reihe der bisher veröffentlichten Maxis auf Combination eingefügt hat.

TGM hat sich für sein erstes Album viel Zeit gelassen. You Decide ist nicht bloß ­ wie im Drum'n'Bass oft passiert - eine Ansammlung weniger Hits, mit Füllmaterial augeblasen. "You Decide" ist 14 Drum'n'Bass Hits...und bricht immer wieder die Grenzen von Drum'n'Bass. Reich an allem, was elekronische Tanzmusik ausmacht. Kein Ei gleicht dem Anderen. Futuristisch kühl, melancholisch, vertrackt, brachial hart und locker fließend ­ TGM knüpft da an, wo vor 3 Jahren die Basswerk Sessions aufgehört haben...alles ist erlaubt im Jungle.

Wie zum Beispiel bei "I go". Ein Track, der aufgeht wie eine Blume. Die Blume blüht schon lange auf den Plattentellern zahlreicher DJs des Genres. Genauso wie "Illegal", der vielleicht grösste internationale Basswerk-Hit. Ein Pop-Hammer, der auf den Tanzflächen des Drum'n'Bass einen Stammplatz hat. "Musik ist  ein Strom, der irgendwie in der Luft, liegt in den man sich mit seinen Instrumenten nur einklinken muss" (Jerry Garcia). Spätestens nach dem Übergang von "Illegal" zu "51063" überkommt einen bei "You Decide" ein ähnliches Gefühl. Und wir dürfen jetzt Zeuge sein. "51063" fügt sich mit vertrackten Mundbeatbox-Beats nahtlos ein, obwohl es wohl der elektroideste Track auf der Platte ist. Die Worte Jazz und neu nehmen wir hier nur in den Mund, weil die Programmierung nach Improvisation riecht, und nicht weil 1:1-übernommene Fragmente aus alten Tagen irgendwelche Nostalgien hervorufen sollen.
Die auf-und abtauchenden Stimmen, die TGM in manchen Übergang der CD-Version gemixt hat, vermitteln Körperlichkeit. Szenen von Flughäfen, oder von Auf-und Abbauten der Basswerk-Sessions. Da sind nämlich auch noch Menschen. Der Rest ist ein Reise. Die Welt des Heiner Kruse in Beats und Sounds. Obwohl wir alle wissen, dass hier mit dem Skalpell seziert wird, wirkt TGMs Musik nie konstruiert. Alles ist an seinem Platz, aber  tausende Schichten aus Bässen, Flächen, Beats, Percussion, kleinen und grossen Melodiefetzen halten alles in Bewegung. Seine Beats hören sich nie im nächsten Track gleich an ­ jedes Stück ist ein Unikat aus der langen Entstehungsgeschichte des Albums.

Das ist die analytische Seite der Musik. Perfektion in Sound und Arrangement bleibt essentiell in der Liga des Drum'n'Bass ­ das ist nichts Neues. Gewisse Skills sind Voraussetzung, um der ersten Liga anzugehören. The Green Man ist fit genug für die Champions League. Und um da richtig mitspielen zu können, bedarf es weiterer Qualitäten. Durch die jahrelange DJ-Tätigkeit (seit 1984, seit 94 als Junglegrowers, seit 97 als Basswerk-Sessions, immer im Duo mit Cheetah), weiß er was sich auf der Drum'n'Bass-Tanzfläche gehört. Kraftvoll rollt "Ruff", eher melancholisch "Separation", klinisch "Lost", seine letzte Kooperation mit Klute, brachial "Tender Suicide". Aber immer für den Floor. Seine Stücke sind ein Destillat der Nächte. Gesegnet mit dem Mut zur grossen Geste. Komplett. Atmosphärisch. Verspielt. Schön. Funk. Brett. Immer packend und in sich selbst kompromisslos. Mit den Bestandteilen tiefer Bass, schnelle Beats und manchmal auch Rave. "Kabelwerk" und "Damn Wire" sind Rave-Hymnen, die nicht auf Wettbewerb (lauter, schneller, härter) setzen, sondern selbstbewusst ihre eigene Trillerpfeife in den Mund nehmen.

Mit "Chicks" (ebenfalls mit Klute) und dem Extended Vocal Remix von "Infinity" lässt er auf  "You Decide" den Frühling wieder herein. Die Sonne geht auf, die Party ist vorbei. Ein Album wie eine Nacht und sein Morgen. TGM macht Drum'n'Bass und dabei modernsten Pop. Denn TGM bleibt auch außerhalb des Genres verständlich ­ weil er die Drum'n'Bass-Sprache universell und verbindlich einzusetzen vermag, ohne auf ihre Wurzeln und ihre Härte verzichten zu müssen. Nennen wir es den Klassizismus des Drum'n'Bass. Eine Musik, die sich immer der Zukunft verschrieben hat, ist ausnahmsweise mal angekommen. Die Zeit macht Pause. Eine laute, schnelle Pause.

Text: Drumbase (September 2001)
25.11.2017, 00:54 h | 5 Junglists online