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Dillinja


Goldie beschrieb ihn einmal als den „Bassforscher der Neunziger“ und Grooverider sagte, er sei „der Großmeister“ – was im Deutschen durchaus seltsam klingt, aber dennoch die Referenz widerspiegelt, die diese beiden Veteranen der gebrochenen Beats dem DJ und Produzenten aus dem Südlondoner Stadtteil Brixton nachweisen. Sicher ist Dillinja keiner der präsentesten Drum´n´Bass-Akteure, wenn es darum geht, in diversen Medien aufzutauchen – in zahlreichen Plattencases allerdings, werden zur Zeit wohl wenige Produzenten derart präsent sein.

Das Jahr 2000 war bei weitem nicht das Beste in der Geschichte und Entwicklung von Drum´n´Bass. Sicherlich aber wäre die letzte Zeit noch weitaus weniger spektakulär gewesen, ohne Dillinjas Hits, wie „Nasty Ways“, „Rinsin´ Sound“ oder „I wanna Know“. Sicher, Marcus Intalex, Kosheen und Co waren nicht weniger aktiv und progressiv, wurden aber auch schon mehr als gebührend rezensiert, besprochen, diskutiert und angehört. Der produktive Output von Karl Francis, so Dillinjas bürgerlicher Name, scheint schier unerschöpflich, zumindest wenn man auf die Zahl der Veröffentlichungen diesen und letzten Jahres schaut. Ok – jeder kann (theoretisch) 365 Platten im Jahr veröffentlichen, nur darf, wie in diesem Fall, die Qualität der Quantität in nichts nachstehen.

Einerseits scheinen Dillinja die Tracks derart zuzufliegen, dass er sich diverse Pseudonyme wie „Capone“, „Trinity“ oder „Cybotron“ zulegen musste, um seine Produktionen überhaupt noch veröffentlichen zu können, ohne dass auf jeder zweiten Platte im Laden „Dillinja“ steht, andererseits ist er ein ausgesprochener Pedant, dem die Beats nie dick, die Bässe nicht rund genug sind. Unzufriedenheit und Selbstkritik dienen hier allem Anschein nach als Weg zum Fortschritt, zur eigenen Perfektion.

Aufgewachsen mit der umfangreichen mütterlichen Jazz- und Funkkollektion, sowie in früher Jugend mit HipHop, Dub und Reagae, wusste Dillinja sehr schnell, was ihn interessierte: Bässe. Er begann, selbst Lautsprecher zu bauen, variierte immer wieder die Bassboxen, experimentierte mit ihnen, um zu merken, wie sich dies auf den jeweiligen Sound auswirkte. Ein Umstand, eine Erfahrung, die man Dillinjas Produktionen auch heute noch unschwer anmerkt.

Die erste Produktion als solche fand Ende 1990 in dem Studio eines Bekannten statt. Das Stück hieß „Tear off your chest“ und erschien 1991 als limitierte Whitelabel-Pressung, welche für erste interessierte Blicke auf das Treiben Dillinjas sorgte. Im Laufe der kommenden Jahre veröffentlichte er immer wieder Stücke auf seinen eigenen Imprints Cybatron, Waveform, Deadly Vinyl, Target und Logic Productions, um die immer weiter ansteigende Zahl der Tracks überhaupt zu ermöglichen. Die eigentliche „Erfolgsstory“ allerdings begann etwa 1994 mit dem Stück „You don´t know“. Dillinja setzte gänzlich neue Maßstäbe in Sachen Bässe und Beats – waren diese doch bislang nie derart tief, einschneidend und „fett“ gewesen, wie bei diesem Stück und der B-Seite „Deadly Deep Subs“. Auch der Kontakt zu Fabio und Brian Gee, welche Dillinjas Potential sicher bereits erkannt hatten, war bereits hergestellt worden. Dillinja veröffentlichte Platten auf Bryan G und Jumping Jack Frosts Label „Philly Blunt“, und half bei der Produktion von Frosts Klassiker „The Burial“. Daraus entwickelte sich ein ständiger und andauernder Kontakt zwischen den dreien. Nach diversen weiteren Veröffentlichungen erschien, noch im Jahr 1994, Karls erstes Stück auf Hardleaders, „Massive“, unter dem Pseudonym Capone. Motiviert durch die stets positive Resonanz auf seine Produktionen, konnte er bald täglich DATs mit neuen Tracks unter den DJs verteilen. Dillinja selbst erzählt, er habe einige hundert Tracks produziert, von denen er die meisten allerdings im Laufe der Zeit verloren hätte.

In den weiteren Jahren erschienen Dillinjas Produktionen bei so gut wie sämtlichen Labels, die Rang und Namen hatten: Metalheadz, Prototype, V-Recordings, Mo-Wax, Hardleaders und, nicht zu vergessen, Valve. Auch nicht zu vergessen: Dillinjas Beitrag zu Goldies erster LP „Timeless“.

1997 bereits unterschrieb Dillinja seinen Majordeal bei dem Label FFRR (bei uns vertreten durch die gute alte WEA). Endlich – vier Jahre später und vor allen Dingen lange nach dem eigentlichen Hype um Drum´n´Bass - erscheint das lang ersehnte Soloalbum als CD beziehungsweise fünffach Vinyl. Letzteres in Deutschland allerdings nur als Import, will meinen, nicht wirklich preisgünstig. Zehn Stücke, die nirgendwo anders hinzielen als auf die Tanzflächen, mit Bässen, die einzig allein für die Magengegend bestimmt sind.

Dillinja produziert zweifelsohne einen einmaligen Sound. Ob man diesen nun als „eigenen Stil“ oder aber „eintönig“ bewertet bleibt natürlich zu guter letzt jedem selbst überlassen. Wieso es allerdings derart lang dauerte, bis das Album fertiggestellt war, begründet Karl Francis damit, dass er selber sich fortlaufend weiterentwickelt hat, während der Produktion von „Cybotron“. Es sei einige Male komplett fertig produziert gewesen, hätte ihn dann aber immer wieder gelangweilt – so dass er es wieder komplett veränderte. Von Selbstüberschätzung oder gar Größenwahn also keine Spur.

Die Entwicklung der letzten zwei Jahre innerhalb von Drum´n´Bass sieht Dillinja eher skeptisch. Drum´n´Bass sei nun einmal Drum´n´Bass und keine abstrakte Form von Techno (eine Einstellung, die der hier schreibende durchaus teilt – allerdings jedem selber überlassen sein sollte), selbst Garage habe der Zeit mehr Einflüsse in sich vereinigt als Drum´n´Bass. Schon des Jungle-Vibes wegen, den Dillinja („ach was!“ sagt der feinhörige Konsument da) so schätzt. Die Musik habe ihren Vibe eine Zeit lang einfach verloren gehabt und er versuche, diesen zurückzubringen. Eine ehrenhafte Aufgabe, die Karl Francis zweifelsohne gekonnt meistert. Denn wenn Dillinja eins hat, dass ist es eben dieser oldschool Vibe.

Text: Feindsoul (drumandbass.de) (März 2001)
Der Text erschien im März 2001 im Breakbeat Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.
24.11.2017, 11:54 h | 3 Junglists online