Stressed Out!
Wenn es im dritten Jahr nach dem Urknall nicht mehr ganz so heftig im Karton
rappelt, spricht man gerne von Konsolidierung. Nicht so bei Drum'n'Bass.
Die Musik war in '95 und '96 irgendwie spannender, weil frischer, doch in London
und Umgebung ist alles andere als Ruhe eingekehrt DJs und Producer nehmen das
Geld, die Gigs, den Ruhm und die Major-Deals, und weigern sich dennoch, Teil der
internationalen Dance-Industrie zu sein. Als die britischen DJ-Magazine diesen
Sommer Speed Garage zum nächsten großen Ding ausriefen, war die verordnete
Euphorie fast immer mit hämischen Spitzen in Richtung D'n'B gespickt. Von
wegen: "Jetzt seid ihr nur noch der heiße Scheiß von gestern."
Speed Garage war denn auch eines der wenigen Reizthemen aus der Außenwelt,
die innerhalb der Szene für Diskussionen sorgten (Pro: ausgeruhte Old Schooler
wie JJ Frost, Grooverider und Mickey Finn, aber auch Photek; Contra: alle unlockeren
young guns). Ansonsten beschäftigte man sich wie gehabt am liebsten mit sich
selbst.
Allerdings schwächten Politics, Egos und der keineswegs immer sportliche
Wettkampf um Stücke, Plates und dicke Deals selbst Camps wie Metalheadz und
Moving Shadow: Cleveland Watkiss beendet seine Residency im "Blue Note",
Goldie und Rob Playford trennen sich im Streit, und das komplette Labelpersonal
verläßt Moving Shadow. Interner Dauerstreß und permanenter Jetlag
auf der einen und zuviele Klone auf der anderen Seite führten zu einem extremen
Qualitätsgefälle bei den Releases: die wirklich großen Tracks
kamen fast immer von denselben Verdächtigen. Nachdem No U-Turn im Frühjahr
Darkness zum Höhe- und Schlußpunkt führten, rulten für den
Rest des Jahres zwei Camps: der Bristol-Bunch und Grooverider feat. Optical. Während
Roni & Co auf V, Full Cycle und Talkin' Loud Soul, Jazz, Funk und Acid in
neue Umlaufbahnen schössen (und nebenbei ein paar riesengroße Vocal-Tracks
produzierten), steppte Grooverider mit seinen Techno-Prototypen ins nächste
Jahrtausend.
Neue Namen, die Eindruck hinterließen, waren Optical und Technical Itch.
Jonny L kam zurück, Dillinja und Lemon D rulten wie gewohnt. Doc Scott blieb
unantastbar und 4 Hero waren wie immer bereits ganz woanders. Label-Compilations
(V-Classics, Enforcers - The Beginning Of The End, Metalheadz Metal Box, Torque)
blieben die besseren Drum'n'Bass-LPs. Und wer doch Alben reden wollte, konnte
eigentlich immer nur wieder "New Forms" sagen .
Tracks 1997
1.Dillinja - Acid Track
2. Reprazent - Share the Fall
3. DJ Krust - Soul in Motion
4. Optical - To Shape The Future
5. Jonny L - Piper
6. Doc Scott - Shadow Boxing Rmx
7. Ed Rush & Nico - Technology
8. DJ Krust - Future Unknown
9. Lemon D - Going Gets Tough
10. Optical - Dark Skies
11. Dom & Optical - Quadrant
12.Capone - Friday
13. Optical - The Shining
14. Makai - Northstar
15. DJ Krust - Warhead
Zusammengestellt aus den Jahres-Playlists von
Bassface Sascha, Blowpipe, Dagmar, Dominik,
Fauna Flash, Jan Sirup, Kabuki, Lars Vegas,
Metro, Miguel Ayala, Olski, Steve Stitt
Roni Size
War das die Lösung des Dauerproblems "Acid Jazz"?
Kaum ein Drum'n'Bass-Track wurde dieses Jahr im Nachtleben häufiger gespielt,
und in keinem anderen Stück als "Brown Paper Bag" steckten so idealtypisch
all die Ingredienzen, die den Sound von Roni Size, DJ Krust, DJ Die samt Konsorten
zur Zeit ausmachen. Das alles dann noch auf Talking Loud: Kurioserweise haben
Roni Size und Reprazent auf dem Acid-Jazz-Label schlechthin das Problem "Acid
Jazz" dialektisch gelöst, indem sie ihre ohnehin schon mit Jazz, Funk,
Soul genährten Breakbeat-Gebilde so lange genetisch manipulierten, bis viele
Kinder herauskamen, die Chartslieder singen; eine Drum'n'Bass-Band mit "richtigen
Instrumenten", die Gauloises raucht; aber auch zahlreiche neue Formen, die
jenseits von Darkness und Post-Darkness irritierten Wenn das keine mitreißende
Form der Transgression ist.
Roni Size und Reprazent blieben Hardcore, eroberten einen Platz im Mainstream,
um nebenbei auch noch den solitären Home-Listener zu bedudeln. Der ging aber
bei einem Roni-Size-Gig schnell wieder nach Hause, weil er nicht wissen konnte,
daß die Herren beim Club-Event immer noch auf heftig-funky Jump-Up-Standards
setzen. Genau zum richtigen Zeitpunkt im Sommer waren Roni Size und Reprazent
mit ihrem geschichtsbejahenden und zukunftsoptimistischen Körperbefreiungsprogramm
zur Stelle - als die "bösen Buben" einen U-Turn machten und sich
ihre Epigonen in die Studios verzogen oder in den Konformismus flüchteten.
Vielen, die noch ein Vierteljahr vorher Tech Step zur revolutionärsten Tanzveranstaltung
seit Donald Ducks Silvesterparty erklärt hatten, war zu diesem Zeitpunkt
bereits ihre Welt abhanden gekommen.
Wahnsinn! Die Neophilie hatte ihre eigenen Kinder gefressen - eine Entwicklung,
die Drum'n'Bass bis heute kaum verdaut hat. Neben wenigen blieb die Bristol-Posse
von Zerfallserscheinungen und Verfallsdaten verschont, weil sie von Anfang an
auf behutsame und deepe Renovierung gesetzt hatte. Ihr Programm ging in die Breite
und die Tiefe: Wirkung durch Wiederholung, nix Ikarus-Airlines. Und sie sind immer
noch am Ruder. Das scheint man in Coolhausen zu genießen: Im Video-Clip
zu "Brown Paper Bag" ziehen Roni, Krust und Kollegen durch die Straßen
von New York. Autos fahren, Menschen spazieren, Basketbälle fliegen, Fernseher
werden aus dem Fenster geworfen. Plötzlich dreht Roni Size an einer eiförmigen
Uhr, mit dem Effekt, daß sich alles nur noch im ständigen Wechsel bewegt
- vor, zurück, vor, zurück. Einzig Roni Size und seine Crew bewegen
sich weiter. In Besitz des geheimnisvollen Techno-Gadgets haben sie allein die
Macht, die Dinge laufen zu lassen oder als Perpetuum mobile zu justieren. Sicher
Hybris, aber toll.
Text: Oliver von Felbert und Olaf Karnik (1997)
Der Text erschien 1997 im Spex Magazin und wurde future-music.net freundlicher
Weise zur Verfügung gestellt.