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Drum & Bass Jahresrückblick 1997


Stressed Out!
Wenn es im dritten Jahr nach dem Urknall nicht mehr ganz so heftig im Karton rappelt, spricht man gerne von Konsolidierung. Nicht so bei Drum'n'Bass.


Die Musik war in '95 und '96 irgendwie spannender, weil frischer, doch in London und Umgebung ist alles andere als Ruhe eingekehrt DJs und Producer nehmen das Geld, die Gigs, den Ruhm und die Major-Deals, und weigern sich dennoch, Teil der internationalen Dance-Industrie zu sein. Als die britischen DJ-Magazine diesen Sommer Speed Garage zum nächsten großen Ding ausriefen, war die verordnete Euphorie fast immer mit hämischen Spitzen in Richtung D'n'B gespickt. Von wegen: "Jetzt seid ihr nur noch der heiße Scheiß von gestern."

Speed Garage war denn auch eines der wenigen Reizthemen aus der Außenwelt, die innerhalb der Szene für Diskussionen sorgten (Pro: ausgeruhte Old Schooler wie JJ Frost, Grooverider und Mickey Finn, aber auch Photek; Contra: alle unlockeren young guns). Ansonsten beschäftigte man sich wie gehabt am liebsten mit sich selbst.

Allerdings schwächten Politics, Egos und der keineswegs immer sportliche Wettkampf um Stücke, Plates und dicke Deals selbst Camps wie Metalheadz und Moving Shadow: Cleveland Watkiss beendet seine Residency im "Blue Note", Goldie und Rob Playford trennen sich im Streit, und das komplette Labelpersonal verläßt Moving Shadow. Interner Dauerstreß und permanenter Jetlag auf der einen und zuviele Klone auf der anderen Seite führten zu einem extremen Qualitätsgefälle bei den Releases: die wirklich großen Tracks kamen fast immer von denselben Verdächtigen. Nachdem No U-Turn im Frühjahr Darkness zum Höhe- und Schlußpunkt führten, rulten für den Rest des Jahres zwei Camps: der Bristol-Bunch und Grooverider feat. Optical. Während Roni & Co auf V, Full Cycle und Talkin' Loud Soul, Jazz, Funk und Acid in neue Umlaufbahnen schössen (und nebenbei ein paar riesengroße Vocal-Tracks produzierten), steppte Grooverider mit seinen Techno-Prototypen ins nächste Jahrtausend.

Neue Namen, die Eindruck hinterließen, waren Optical und Technical Itch. Jonny L kam zurück, Dillinja und Lemon D rulten wie gewohnt. Doc Scott blieb unantastbar und 4 Hero waren wie immer bereits ganz woanders. Label-Compilations (V-Classics, Enforcers - The Beginning Of The End, Metalheadz Metal Box, Torque) blieben die besseren Drum'n'Bass-LPs. Und wer doch Alben reden wollte, konnte eigentlich immer nur wieder "New Forms" sagen .


  Tracks 1997
1.Dillinja - Acid Track
2. Reprazent - Share the Fall
3. DJ Krust - Soul in Motion
4. Optical - To Shape The Future
5. Jonny L - Piper
6. Doc Scott - Shadow Boxing Rmx
7. Ed Rush & Nico - Technology
8. DJ Krust - Future Unknown
9. Lemon D - Going Gets Tough
10. Optical - Dark Skies
11. Dom & Optical - Quadrant
12.Capone - Friday
13. Optical - The Shining
14. Makai - Northstar
15. DJ Krust - Warhead

Zusammengestellt aus den Jahres-Playlists von
Bassface Sascha, Blowpipe, Dagmar, Dominik,
Fauna Flash, Jan Sirup, Kabuki, Lars Vegas,
Metro, Miguel Ayala, Olski, Steve Stitt

Roni Size

War das die Lösung des Dauerproblems "Acid Jazz"?
Kaum ein Drum'n'Bass-Track wurde dieses Jahr im Nachtleben häufiger gespielt, und in keinem anderen Stück als "Brown Paper Bag" steckten so idealtypisch all die Ingredienzen, die den Sound von Roni Size, DJ Krust, DJ Die samt Konsorten zur Zeit ausmachen. Das alles dann noch auf Talking Loud: Kurioserweise haben Roni Size und Reprazent auf dem Acid-Jazz-Label schlechthin das Problem "Acid Jazz" dialektisch gelöst, indem sie ihre ohnehin schon mit Jazz, Funk, Soul genährten Breakbeat-Gebilde so lange genetisch manipulierten, bis viele Kinder herauskamen, die Chartslieder singen; eine Drum'n'Bass-Band mit "richtigen Instrumenten", die Gauloises raucht; aber auch zahlreiche neue Formen, die jenseits von Darkness und Post-Darkness irritierten Wenn das keine mitreißende Form der Transgression ist.

Roni Size und Reprazent blieben Hardcore, eroberten einen Platz im Mainstream, um nebenbei auch noch den solitären Home-Listener zu bedudeln. Der ging aber bei einem Roni-Size-Gig schnell wieder nach Hause, weil er nicht wissen konnte, daß die Herren beim Club-Event immer noch auf heftig-funky Jump-Up-Standards setzen. Genau zum richtigen Zeitpunkt im Sommer waren Roni Size und Reprazent mit ihrem geschichtsbejahenden und zukunftsoptimistischen Körperbefreiungsprogramm zur Stelle - als die "bösen Buben" einen U-Turn machten und sich ihre Epigonen in die Studios verzogen oder in den Konformismus flüchteten. Vielen, die noch ein Vierteljahr vorher Tech Step zur revolutionärsten Tanzveranstaltung seit Donald Ducks Silvesterparty erklärt hatten, war zu diesem Zeitpunkt bereits ihre Welt abhanden gekommen.

Wahnsinn! Die Neophilie hatte ihre eigenen Kinder gefressen - eine Entwicklung, die Drum'n'Bass bis heute kaum verdaut hat. Neben wenigen blieb die Bristol-Posse von Zerfallserscheinungen und Verfallsdaten verschont, weil sie von Anfang an auf behutsame und deepe Renovierung gesetzt hatte. Ihr Programm ging in die Breite und die Tiefe: Wirkung durch Wiederholung, nix Ikarus-Airlines. Und sie sind immer noch am Ruder. Das scheint man in Coolhausen zu genießen: Im Video-Clip zu "Brown Paper Bag" ziehen Roni, Krust und Kollegen durch die Straßen von New York. Autos fahren, Menschen spazieren, Basketbälle fliegen, Fernseher werden aus dem Fenster geworfen. Plötzlich dreht Roni Size an einer eiförmigen Uhr, mit dem Effekt, daß sich alles nur noch im ständigen Wechsel bewegt - vor, zurück, vor, zurück. Einzig Roni Size und seine Crew bewegen sich weiter. In Besitz des geheimnisvollen Techno-Gadgets haben sie allein die Macht, die Dinge laufen zu lassen oder als Perpetuum mobile zu justieren. Sicher Hybris, aber toll.

Text: Oliver von Felbert und Olaf Karnik (1997)
Der Text erschien 1997 im Spex Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.
24.11.2017, 12:05 h | 6 Junglists online