Roni Size & DJ Krust
Repräsentieren auf der Graswurzel-Ebene
Nach knapp zweijähriger Wartezeit scheit es nun soweit zu sein. "New
Forms" das Talkin' Loud-Album der Bristol-Crew um Roni Size und DJ Krust
steht in den Startlöchern - übrigens die erste Drum'n'Bass Veröffentlichung
auf Gilles Pertersons ehemaligen Acid Jazz-Flagschiff.
Obwohl das Unternehmen unter dem etwas irreleitenden Projektnamen Reprazent feat.
Roni Size firmiert, ist in Wirklichkeit die ganze Full Cycle-Crew an der Entstehung
beteilig gewesen. Doch Krust und Roni Size wären wohl nicht sie selbst, hätten
sie nicht in letzter Minute beschlossen, aus "New Forms“ eine Doppel-CD
mit insgesamt 23 Tracks zu machen. Fast zeitgleich ist zufälligerweise "V
Classics" erschienen - die erste Compilation von Bryan Gees und Jumpin Jack
Frosts Label V Recordings. Neben Londoner Kollegen wie dem alten Haudegen Ray
Keith oder Dillinja und Lemon D spielen da nämlich Roni Size, DJ Krust und
Co. nicht gerade eine Nebenrolle.
Roni Size ist ein Mann, der seinen Redeschwall, wenn er denn einmal ins Rollen
gekommen ist, nicht mehr bremsen kann. Es geht ihm darum, verstanden zu werden,
weshalb er den Sinn einer Promo-Ochsentour auch überhaupt nicht in Frage
zu stellen wagt. Es gehe ihnen dabei aber auf keinen Fall darum, lediglich das
Produkt Reprazent zu verkaufen. "I'm a genuine person", stellt er
klar. "I'm talking to you an a grassroots leven, man." Und DJ Krust
kann sich bei einer der wenigen Gelegenheiten, wo er mal zu Wort kommt, einen
kleinen Seitenhieb auf mich nicht verkneifen: "Obwohl du hier mit deinen
Zigaretten die Luft verpestest, hähähähä." Ich denke
mir dabei meinen Teil und beschränke mich darauf, die beiden zu fragen,
ob sie bei ihrer Kifferei ganz auf Tabak verzichten, was sie bejahen –
Dreadlocks eben.
Reprazent war eine schwere Geburt - und zwar so schwer, dass aus dem Kind unerwarteter
Weise Zwillinge geworden sind. "Wir hatten einfach so viele Tunes angehäuft,
dass uns eine einzelne CD zu wenig Spielzeit bot", erklärt Roni Size.
"Also entschlossen wir uns kurzfristig, zwölf weitere Tracks draufzupacken.
Wir das haben Material zum Teil aus Stücken, die Kurst, Suv, Die und ich
während der letzten drei Jahre produziert hatten, ausgewählt. Manche
sind schon drei Jahre alt, klingen unserer Meinung nach aber so frisch, als
hätten wir sie eben erst gemacht. Vor allem aber passen sie genau in der
Reprazent-Konzept. Und dass es überhaupt so lange gedauert hat, bis das
Album in den Läden steht, liegt ganz einfach daran, dass es leider nicht
damit getan ist, im Studio irgendwelche Knöpfe zu drücken. Das ganze
Konzept an sich muss gut überdacht werden. Wen man mit einbezieht, dass
die richtigen Leute den richtigen Job übernehmen, und wie man die Sache
live angehen soll. Für die Musik selbst haben wie im Vergleich zu dem Rest
zur relativ wenig Zeit benötigt. Wir wollten halt sicherstellen, dass die
Rahmenbedingungen und das Timing stimmen. Und zu unserem Gefühl nach ist
erst jetzt der richtige Zeitpunkt für die Veröffentlichung gekommen
ist. Oder denkst du, dass die Leute schon vor zwei Jahren für so etwas
bereit gewesen wären? Ich glaube das jedenfalls nicht."
Da hat er sicherlich irgendwo Recht. Ein derartiger, fast schon beängstigender
Konsens, wie er haute über Drum & Bass besteht, war damals definitiv
nicht gegeben. Und mit Reprazent sind die Crossover-Aussichten denkbar günstig
- zumal der gut geölte Apparat von Talkin' Loud im Hintergrund steht. Doch
wer im Vorfeld "New Forms" schon als faden Aufguss des Full Cycle-Sounds
im schlaffen Acid Jazz-Schläuchen apostrophiert hat, muss sich eines besseren
belehren lassen. Obgleich man dem Talkin' Loud-Rahmen irgendwo entgegengekommen
ist, indem man sich reichlich Raperin Bahamadia sowie der Sängerin Onallee
- zusammengearbeitet hat, lässt die Bristol-Crew in den Beats wie gewohnt
die Muskeln spielen. So plakativ wie unoriginell es sein mag, dass sie ihr Tun
auf "New Form" als "21st Century Soul" bezeichnen, so zutreffend
ist es andererseits.
"Ja, Mann. Die Leute hatten angesichts von Talkin' Loud so einiges erwartet",
sagt Roni Size. "So dachten viele, dass die Reprazent-Geschichte bestimmt
komplett kommerziell ausfallen könnte, also nicht mehr als eine Ansammlung
von billigen Popsongs sein würde. Aber genau da kommen wir nun mal nicht
her. Wir könnten so was niemals machen - auch wenn wir es wollten. Unsere
Musik kommt direkt aus unserem Inneren. Sie ist roh, und die Beats sind ungehobelt.
Manche Tunes bestehen nur aus einer Bassline und den Drums. Und genau das ist
das grundlegende Konzept hinter unserer Musik. Unsere Musikinstrumente bleiben
der Sampler und der Technics 1210er. Das war schon so, als noch gar kein niemand
an Jungle oder Drum & Bass dachte. Jetzt haben wir zwar mit Sängerin
zusammengearbeitet, aber trotzdem gehen wir mit den Stimmen nicht anders um
als mit Samples. Sie sollen mit den Beats verschmelzen. Okay, jetzt sind wir
halt Talkin' Loud - na und?! Leute wie Paul Martin und Gilles Peterson sind
schließlich nicht ohne Grund in der gesamten Musikwelt angesehen."
Und Krust fügt hinzu: "Genau, sie sind wirklich ernsthaft bei der
Sache. Wir haben da schon ganz andere Erfahrungen gemacht. Mit Talkin' Loud
konnten wir von Anfang an auf einer 1:1 Basis verhandeln. Wenn du mit ihnen
über Musik - egal, was es ist - sprichst, wissen sie im Allgemeinen gleich
Bescheid." Man fühlt sich bei Talkin' Loud gut aufgehoben. Schließlich
hat man es mit aufrichten Musikliebhabern zu tun, als solche sie sich auch verstehen.
"Wir machen einfach nur Musik. Am Ende kann
alles mögliche dabei herauskommen. Dieses Stil- und Schubladendenken
ist uns viel zu beschränkt."
"Wie James Brown seine Stücke arrangiert hat, wie Lyn Collins ihre
Gesangeinsätze gedroppt hat, das ist immer noch ziemlich einzigartig",
erzählt Roni Size ganz begeistert. "Für unsere eigene Musik ist
das ein riesen Einfluss gewesen, weil es rein gar nichts mit einer konventionellen
Songstruktur zu tun hat - also nicht erst die üblichen vier Takte und dann
den Bass kommen lassen oder so. Wir haben immer versucht, so abzugehen, wie
es James vorgemacht hat - 1,2,3,4 und dann: bäng! Diese ganze Soul-Ära
ist für uns ungeheuer wichtig gewesen – genauso wie in den Achtzigern
die Rare-Groove Zeit. All diese Rare-Groove Tunes hatten so derart abgefuckte
Basslines. Und trotzdem waren sie irgendwo immer sweet. Billig wirkte das dennoch
nie. Die besten Stücke waren die, wo sie nur mit einer HiHat, einer Snare
und der Bassdrum gearbeitet hatten. So minimal wie es war, so unglaublich war
der Effekt."
Krust murmelt versonnen: "Ja, Mann - da gas es schon ganz bestimmte Tunes."
Was folgt, ist eine hübsche, kleine Namedropping-Lawine inklusive Vorsingen
und Beat-Imitieren - bis sich Roni Size mit "Paul Revere" von den
Beastie Boys in die Achtziger vorgearbeitet hat: "Das hat nämlich
genauso funktioniert." Von "Paul Revere" ist der Weg zu viel
gesampleten Helden wie Schoolly D natürlich nicht mehr weit. Doch genau
hier setzt Roni Size die Generalabrechnung der heftig mit der Geschichte umspringenden
ein. "Wir können uns mit all diesen Sachen noch identifizieren, weil
sie Teil unserer Vergangenheit sind", das ist klar. Aber überleg'
doch mal - die nächste Generation verwendet auch Schoolly Tracks. Nur wissen
die wenigsten von ihnen dass das, was sie da im Sampler haben ursprünglich
ein Schoolly- D-Break ist. Ich finde, man sollte nur dann etwas benutzen wenn
man zu dem Vibe des Originals ein Verhältnis hat. Ich mag es nicht, wenn
man sich so unverfroren und gedankenlos in der Geschichte bedient."
Womit wir wieder bei Reprazent wären. Was da repräsentiert werden
soll, ist nichts weniger als die gemeinsame Vergangenheit von Roni Size, DJ
Krust, DJ Die und Suv. Ähnliche Erfahrungen und eine nicht gerade in üppigen
Verhältnissen zugebrachte Jugend haben die vier über die Jahre fest
zusammengeschweisst. Reprazenz hat also den Anspruch, jene Geschichte zu erzählen,
nach der sie auf der ganzen Welt gefragt werden - Stichwort Bristol. Da kommt
man an den fast schon romantisch verklärten, von den späteren Massive
Attack organisierten "Wild Bunch"-Parties oder an Traditions-Crews
wie Smith & Mighty natürlich nicht vorbei. "All das ist in Reprazent
drin", so Roni Size. "Das Album ist nicht allein ein Statement zum
Hier und Jetzt. 'New Forms' repräsentiert die Ära, aus der wir kommen
- all die Festivals, den Notting Hill Carnival, den Funk, die Breakbeat-Ära,
die verdammte Soul II Soul-Zeit oder die frühen HipHop-Tage."
"'New Forms' repräsentiert die Ära, aus der wir kommen
- all die Festivals, den Notting Hill Carnival, den Funk, die Breakbeat-Ära,
die verdammte Soul II Soul-Zeit oder die frühen HipHop-Tage."
Und was ist mit diesem bis zum Erbrechen wiedergekäuten Pressemärchen,
dem viel beschworenen Bristol-Vibe? Liegt der da wirklich für jeden greifbar
in der Luft? Oder ist für den Full Cycle-Sound nicht doch eher - so nüchtern
das jetzt erscheinen mag - die schnöde Tatsache der Randlage abseits der
Hauptstadt verantwortlich? Wenn überhaupt... Roni Size lacht: "Stop!
Bevor Du jetzt weiter irgendwelche Mutmaßungen anstellst... Bei diesem
Thema wollen uns nämlich Leute aus der ganzen Welt erzählen, was sie
darüber denken. Punkt eins ist: Wir haben es nicht geplant, in Bristol
geboren zu werden. Bristol bietet sehr wenige Möglichkeiten zur Ablenkung
- ich würde sogar sagen, dass es wahrscheinlich kaum einen Platz auf der
Welt gibt, wo weniger geboten wird. Große Plattenfirmen, Magazine oder
Radiosender gibt es bei uns sowieso nicht. Wir hatten nicht mal Piratensender
oder Fanzines, und die Clubszene ist auch noch nie überwältigend gewesen.
Eigentlich ist Bristol eine langweilige Stadt. Natürlich gibt es hier und
da etwas. Aber alles bewegt sich in einem sehr überschaubaren Rahmen. Alle
Leute, die etwas mit Musik zu tun haben, kennen sich persönlich. Dass es
so wenig gibt, kann einen logischerweise ganz schön abtörnen. Aber
genau diese Frustration kann wiederum die Triebfeder dafür sein, dass mein
seinen Arsch bewegt. Und dass es keine Radiosender oder Zeitschriften gibt,
hat insofern etwas Gutes, als dass man in dieser Stadt weitaus weniger dem Geschmacksdiktat
eines kleinen Personenkreises ausgesetzt ist. Außerdem fällt die
Hektik der Großstadt, wo jeder gegen jeden arbeit, weg."
Krust fügt hinzu: "In Bristol hat man traditionell so eine "scheiss
drauf"-Haltung. Wenn schon nichts los ist, müssen wir eben selbst
dafür sorgen, dass etwas passiert. Seit jeher haben wir unsere eigenen
Parties veranstaltet. Wir haben uns eine Anlage geliehen und dorr, wo es sich
gerade angeboten hat, hingestellt - ganz gleich ob das nun ein Warehouse oder
der Keller einer Privatwohnung ist. Wir haben von A bis Z alles selbst gemacht
- die Werbung, die Flyer und so weiter. Daraus haben sich über die Jahre
die Strukturen einer Szene herauskristallisiert. Für die Grundhaltung der
Leute in Bristol ist dieses Do-it-yourself-Ding noch heute ganz entscheidend."
Die Szene war weit weg. Hilfreiche Kontakte waren nicht in Sicht. Folglich häuften
Roni Size und DJ Krust einen Track nach dem anderen an - über eine etwaige
Veröffentlichung machte man sich nicht allzu viel Gedanken. Das änderte
sich erst, als Bryan Gee vom London V Recordings über einen gemeinsamen
Frund an ein Tape der beiden gelangte. Das Resultat waren auf Vinyl gepresste
Smashs wie "Jazz Thing" oder "Music Box" - beide wirbelten
in der Hauptstadt einigen Staub auf. Nachdem man festgestellt hatte, dass sich
nicht alles, was man produziert, für eine Veröffentlichung auf V Recordings
anbot, beschloss man, mit Full Cycle den Schritt zum eigenen Label zu wagen.
"Bryan Gee hat uns von Anfang an geholfen, wo es nur geht. Mittlerweile
sind wir in der Szene vollkommen akzeptiert", sagt Roni Size. "Tja,
so wie es aussieht, haben wir ein Monster erschaffen."
Inzwischen haben sowohl V Recordings als auch Full Cycle Nachwuchs bekommen
- ersterem wurde die auf die Jump-Up-Crowd zielende und eher Hipop-orientierte
Plattform Philly Blunt beigefügt, und auf dem hauseigenen Sublabel Dope
Dragon produzierte DJ Krust und Roni Size unter den Pseudonymen Mask und Gang
Related wahre Feuerwerke von Rave-Slammern. Roni Size umschreibt den Dope Dragon
Sound mit seinen rollenden Beats schlicht als "the music of now".
Und DJ Krust legt offenbar großen Wert darauf klarzustellen, dass sie
niemals eines der vier Label im Kopf haben, wenn sie die Knöpfe ihres Studioequipments
bearbeiten. "Wir machen einfach nur Musik", sagt er. "Am Ende
kann alles mögliche dabei herauskommen. Dieses Stil- und Schubladendenken
ist uns viel zu beschränkt. Überhaupt: Die Musik und die Vibes sind
im Grunde auf allen unseren Labels die gleichen. Die Unterschiede liegen in
den einzelnen Elementen, die wir betonen."
Momentan plant man die Büros von V und Full Cycle in London zusammenzulegen
- der größeren Effizienz wegen. Das sei schließlich ohnehin
nur die logische Konsequenz des sehr regen Austauschs. "Für uns ging
es darum, eben nicht mit einem Major zusammenzuarbeiten", erklärt
Krust. "Wie schon gesagt, wir sind seit jeher daran gewöhnt, alles
selbst zu machen. Wir tragen die Boxen und die Plattenspieler selbst rein, sortieren
die Platten und spielen sie. Genauso läuft es bei den Labels: vom Faxen
bis zum Produzieren machen wir alles selber." Um das Imperium zu komplettieren,
leistet sich die Full Cycle Crew neuerdings sogar zwei je einmal im Monat stattfindende
Clubs - einer ist in Bristols "Lakota", der andere im Londoner "The
End". Man hat sich etabliert und will zeigen was man hat.
Text: Holger Klein (1997) Ihr habt Kommentare / Fragen? Diskutiert das Feature im
Future Forum!