Natürlich ist das hier erst mal kein Artikel über Drum & Bass
in Deutschland. Das letzte was wir hier wollen ist ein Herausfinden der eigenen
Identität von Drum & Bass in Deutschland, und warum es anders sein müsste
als in England, oder irgendein Nationaltäts-Quatsch, sei es D-Jungle Gequassel
oder Elitarismus der Virtuosen. Warum auch.
Eher über eine Einstellung zu, über eine bestimmte Sichtweise von
Drum & Bass, über eins der Netze von Producern, DJs, Labeln, die, obwohl
sie untereinander wiederum die verschiedensten Vorlieben haben, sich auf eine
Art der musikalischen Entwicklung einigen können, die Zusammenarbeit heißen
muß, und die in Drum & Bass mehr sieht als einfach nur einen, oder
den angesagtesten Musikstil. Es geht um das Weiterkommen, nicht darum Techstep
zu machen, oder was immer gerade besonders aktuell ist.
Es geht nicht um ein
härter, aggressiver, darker oder sonst was. Weiterkommen kennt keine Einschränkungen.
Die neue Photek oder Source Direct ist da zuweilen wichtiger als die ultratiefe
Bassline, die neuen Strukturen wichtiger als der nächste Hype. Natürlich
geht es ihnen allen auch um eine Anerkennung in England, aber ein Release auf
irgendeinem UK-Label bedeutet allen weniger als wenn Grooverider ihre Tracks
spielen würde. Natürlich werden wir dabei einige (viele) vergessen.
Was uns Leid tut. Aber Drum & Bass in Deutschland heutzutage vollständig
und bis in jeden (immer auch wichtigen) Winkel auszuleuchten, zu dokumentieren
und zu feiern, würde ein Sonderheft bedeuten, und wäre letztendlich
musikalisch auch ein wenig willkürlich.
Und wir entschuldigen uns schon
jetzt mal bei State Of Riot, Ruff Cutz, den Frankfurtern, Hoyerswerderern, Essenern,
der Ludwigshafen/Stuttgart/Mannheim Szene, bei allen die seit Jahren versuchen
in ihrer Stadt etwas auf die Beine zu stellen, bei den MC's, bei der Jump Up
Posse, bei allen DJs die sich über die letzten Jahre hinweg dafür haben
prügeln lassen müssen, daß sie Drum & Bass auflegen wollten,
bei allen Technoheadz, die Integration der Stile nicht erst jetzt fordern und
natürlich allen Experimentalisten, die einen ganz eigenen Ansatz der Breaks-Kultur
für wichtiger halten.
Auf den beiden Seiten hier dreht sich erst mal alles
um Precision, Don Q, Case Invaders und Off Road, Hanau, Hamburg-Hannover, Köln-Berlin,
Nürnberg, um Kabuki. Megashira in allen Formen, X-Plorer, Dee Pulse, Kingsley,
Nomad, Sunrise, Bass Dee, Feed, Dominik.
PRECISION
Hanau ist keine Wüste. Hier leben so viele Kampfhunde, daß eine Wüste
gar kein Ökosystem mehr hätte, weil die Kampfhunde auch noch den letzten
Gecko killen würden. Lange Zeit Garnisonsstadt, mit vielen Amis, Heimatort
der Gebrüder Grimm, die heute sich Antikindersexparolen vor die Füße
legen lassen müssen, hat Hanau das Flair eines "riesischen Geddos".
Nur die Konsonanten sind da nicht hart.
Die Zeiten in Hanau haben sich geändert,
wie wir erläutern werden. Es war einmal eine blühenden Rock'n'Roll
Szene, mit vielen Massen-Prügeleien, dann eine blühende HipHop Szene,
mit vielen Messerstechereien, jetzt eine Hochburg von Drum & Bass (was noch
nicht so viele wissen), und unter den Jacken steckt die ein oder andere Knarre.
Offensichtlich ändern sich mit den Zeilen nicht nur die Musikstile, sondern
auch die Waffen. Und die besten Sprayer der Stadt ziehen notgedrungen zur Fremdenlegion.
Eine Kleinstadt, die sich von vielen andern nur dadurch unterscheidet, daß die
Kriminalitätsrate hier höher ist, und von einigen dadurch daß sie
neben Frankfurt liegt.
Jan (DJ Kabuki), Frank und Steffan machen sich keine Sorgen
um ihr Studio, groß, schön, mit viel wichtigem Equipment (Sampler
Akai), denn die Nachbarn haben eine Teak-Wan-Do Schule. Sie stehen hinter Powaflex,
Megashira, Makai und Ono Sendai (Ich weiß nicht wer da den Gibson Tick
hat, aber sie haben ihn schon lange, und es gab sogar mal ein Hardcore-Projekt
Namens Tessier Ashpool Clan). Sie halten Steinberg für unzuverlässig,
sehen sich als Tekkenchampions, scheinen E-Plus zu lieben, und produzieren einen
slammenden Track nach dem anderen. Ihre erste LP ist grade bei Infracom erschienen
(„Zero Hour“, nach eigenen Angaben in der CD-Version Drum and Bass
zum hören, und mit älteren Tracks, die jetzt nicht mehr genau dem entsprechen
was sie machen, aber eine sehr gutes Album, das eine gewisse Entwicklungszeit
sehr gut dokumentiert), sie arbeiten an Remixen von Weather Report und anderen,
haben Tracks mit Nico produziert, der natürlich auf sie aufmerksam werden
musste, (einer, lustigerweise „Omen“ genannt, erscheint demnächst
(das was bei Nico demnächst heißt) auf No U-Tum, und ist typischer
Kokain-Style. Ein Makai vs. Nico Track. Ono Sendai ist ihr Elektroprojekt. Klar,
kalt, technoid. Megashira das LP Ding, und Powaflex das ravigste, darkeste.
Ausdifferenzierung
ist wichtig Sie haben sich kennen gelernt, weil zwei von ihnen Jazzgitarristen
waren, (der Legende nach eine Begegnung bei der eifrig die Schlagkraft einer
Plastik- mit einer Holzblockflöte verglichen wurde, und Plastik klar gewann)
als welcher man bekanntlich heutzutage in eine eher unerfreuliche Zukunft sieht.
Sie teilen die Aufgaben im Studio gut auf. kennen die geheimsten Samplequellen
von Source Direct und Roni Size. sind, von rechts nach links: Japanologe, Informatiker
und (tatsächlich) Gitarrenlehrer.
Die Bristoleinflüsse, eine wichtige
Phase, die sie mit X-Plorer teilen, und die immer zu einer besonderen Präzision
der Beats führt, hinter sich lassen stehen sie für weit mehr als die
Ankunft eines Ed Rush Sounds in Deutschland. (Wäre ja auch eine dumme Vorstellung
sich die drei als die deutschen Ed Rushs hinzustellen, sind ja schließlich
keine drei kahlgeschorenen Speedclones). Mit MC Roland als Stimme, dessen Abstraktionsniveau
und Style locker an den frühen Paris heranreicht, bilden sie eine der wichtigsten
Zentralen von Drum and Bass und haben gerade ihr eigenes Label „Precision“ gegründet.
Präzision
Das ist nicht nur ein Schlagwort, sondern auch das Konzept der drei, vier Leute
und Projekte, und die Dubplates sind mehr als ein Versprechen.
CASE INVADERS
Anders als Precision machen (mit viel Mithilfe von allen anderen) Case Invaders
zwei DJs, die (hoffentlich noch) zu faul sind zu produzieren. Bass Dee und Bleed
(ich, deshalb den Eigenwerbungscharakter hier bitte immer gewissenhaft abziehen,
obwohl ich mir Mühe geben werde so objektiv und dezent wie möglich
zu sein), so genannte Veteranen des Business, der eine verantwortlich für
und gutes Gewissen von Drum and Bass in Berlin, mit einer eigenen Radiosendung.
Radio Massive (das er zusammen mit Thaddi von Sonic Subjunkies macht) stellenweise
meist gebookter DJ in Berlin, zusammen mit seinem Bruder Feed. Motor hinter
legendären Partys wie dem Bass Terror, der Brücke, und seit kurzem
hard:edged (zusammen mit Stoffel übrigens, dem ehemaligen Toaster-Mitinhaber)
und der andere Ex-Kölner, Cosmic Orgasm Mitgründer, gebeutelter Musikjournalist
und eben DJ.
Die Tracks kommen bislang von X-Plorer und Dee Pulse aus Köln,
Dominik, Feed und Andy aus Berlin. Aber es werden andere folgen. Ein heterogenes
Label, logischerweise. Im einzelnen: X-Plorer, den Stoffel immer the darkest
nennt, macht eigentlich wenig mehr als produzieren, ein Dubplate nach dem anderen,
die nicht nur in Köln mittlerweile jeder kennen müßte. Warum
so gut wie noch nie bisher eine Platte von ihm erschienen ist, ist eigentlich
nicht nur fragwürdig, sondern ein Verbrechen. Sein Lieblingslebenslauf
fängt in Teneriffa an, wo er von Club zu Club zog, ging dann in Köln,
als „gerngesehener“ (wovon Triple R mit Sicherheit eine eigene Definition
haben wird) Gast-DJ bei Cosmic Orgasm Raves weiter, über Alice Dee (eine
witzige Partyorganisation in Köln, die es wohl nicht mehr gibt) zu Set
Speed von Original Aki, ihm und Schluffka (deren Inc. hinter allem steht), und
er ist wohl unbestritten einer der präzisesten Drum & Bass DJs Deutschlands.
Seine Posse hat in Köln schon manche Party gerettet und obendrein ist er
noch unbestritten einer der besten Producer.
Was mehr? Immer besser werden,
wie alle. Sein Studio teilt er sich mit Dee Pulse und Kingsley, und dürfte
wohl eines Tages mal endlich auch zur Geburt eines eigenen Labels (Projektname:
Propaganja) führen. Die drei interessiert seit weit über einem Jahr
eigentlich kaum etwas außer neuen Tracks. Beats und wie man sie programmiert.
Sie scheinen sich geschworen zu haben an Dillinja, J.Majik und Nico gleichzeitig
vorbeizuziehen.
DeePulse ist so still, daß ich nicht viel über ihn
weiß außer wessen Bruder er ist. Kingsley trieb sich wohl eine ganze
Weile im No U-Turn Umfeld herum. Dominik, dessen erste Platte als Audio-Life
sehr poppig, seltsam und charmant ist, geht einen ganz anderen Weg. Er kam zu
Drum & Bass eher als Musiker, singt im gleichen Chor wie Feed, mit dem zusammen
er Eiweiß produziert, die darkesten Tracks aus Berlin.
Perfektionist eigener
Art, will er erst dann mit seinen Tracks zufrieden sein, wenn auch seine Eltern
sie richtig slammend finden. Was eine vollkommen vernünftige Einstellung
ist - bei seiner Art mit Beats umzugehen aber wohl eher aber noch etwas dauern
wird. Zurzeit arbeitet er mit Feed an ihrer eigenen Version von Nuklearkriegtracks.
Andy ist ganz neu. Mercedes bei allem glücklicherweise immer dabei, doch
genug.
DON Q
Den schwersten Weg sind mit Sicherheit Don Q gegangen, die Bass Dee immer als
die Reinforced Deutschlands beschreibt. Was heißen soll, daß sie
keine Angst vor irrsinnigen Beats haben, keine Angst genau das bisschen neben
der klaren Linie von Drum & Bass zu liegen, was ihre Tracks auf dem Dancefloor
schwierig werden lässt, aber jedem, der es schafft sie so zu integrieren,
daß sie richtig wirken, mehr Hoffnung auf eine Weiterentwicklung von Drum & Bass
geben können als viele UK Tracks.
Pionierarbeit, die sich nicht nur auf
die Perfektion in der Produktion reduzieren lassen will. Eben so wie auch Reinforced
oft wirken. Daneben, aber auf ihre eigene Art ein noch unerklärliches Zeitalter
ankündigend. Mit ihren neusten Tracks stehen sie auf einmal auf eine verrückte
Art Photek sehr nahe und haben es mehr als verdient überall gespielt zu
werden.
Aus ihrem Umfeld kommen nebenher auch noch die (meiner Meinung nach,
klar, was sonst) besten Dubproduktionen Deutschlands, und die Verspieltheit,
zu der ein Echogerät manchmal verleiten kann ist in ihren Tracks nicht
nur deutlich, sondern essentiell. Sie machen Tracks die nicht nur Jiriceiver
mit einem Kopfschütteln der Begeisterung dazu bringt sich zu fragen wie
sie es eigentlich machen. Sieht man die drei aus einiger Entfernung, was bei
der derzeitigen Partylage in Hannover und Hamburg (von dem Dazwischen gar nicht
zu reden), wo sie herkommen, mehr als wahrscheinlich ist, könnte man den
Eindruck bekommen, drei leicht wahnsinnige Jünger Bagwahns tanzen in den
hinteren Winkeln der Augäpfel. Ihre Musik könnte das eher verstärken.
Seit
fast einem Jahr bringen sie regelmäßig im Alleingang 12" nach
12" raus, verbessern sich und die Pressqualität (wie viele Label haben
auch sie in Prag angefangen Platten pressen zu lassen) essentiell und rasant,
und haben grade ihre erste Compilation vor sich. Falls man einen Tip abgeben
sollte wer auf dieser Welt die nächste Platte auf Photek machen wird, dann
würde ich auf irgendjemand bei Don Q tippen, egal ob es so kommen wird
oder nicht, es hätte, in irgendeinem Paralelluniversum so kommen müssen.
OffRoad
Nürnberg ist nicht mal gefährlich. Man befindet sich dort einfach
in einem kulturellen Vakuum, in dem man „mit Kumpels auf dem Zimmer hockt,
mitten in der Provinz, sich die Platten anhört, die man bekommen kann, seine
Informationen noch suchen muß, und sich alles über die Musik entwickeln
muß, weil die Partyebbe seit 3 Jahren anhält“. (Dafür haben
sie aber dann auch logischerweise ein Internetcafé, was es in Berlin selbstverständlich
nicht gibt). Hier ist der Ort wo man anfängt als MC zu den Tracks zu jodeln.
Wo man sich allerdings auch, jenseits der etwas realeren Szenen, eher auf die
Musik konzentrieren kann, auf das was sie immer wieder an neuem bringt. Kommt
mal ein Engländer bringt das eigentlich, nicht viel mehr als ein Tape aus
London, weil die Szene (nicht zuletzt ob Inexistenz) ihre eigenen DJs trotzdem
nicht kennt. Die Producer vermutlich noch weniger, denn Headbanger z.B., sitzt
immer zuhause, hört Grindcore und Speedmetal und bringt Darkness dazu ein
besserer Ersatz dafür zu sein.
DJ Nomad und DJ Sunrise haben sich geschworen
das und einiges mehr zu ändern. Hans (aka Nomad), der noch vor kurzem für
den ortsansässigen Vertrieb Hyperium neben schwierigster Pressearbeit ein
Drum & Bass Label „Pure“ gemacht hat und im Stereo Deluxe Laden
arbeitet, will nun doch lieber den finanziellen Druck selber tragen und dafür
releasen was ihm wirklich wichtig ist. Daß genau das auch allen anderen
wichtig sein wird, zeigen die ersten Dubplates.
Noch im Gründungsstadium,
kann man sicher sein, daß OffRoad so off road das ganze Projekt auch sein
mag, in diesem Jahr noch einiges von sich hören lassen wird. Ob Tracks von
Nomad, oder von Sunrise, der schon einen sehr schönen Remix auf einer Stereo
Deluxe EP untergebracht hat, und sich seltenst mal dazu hinreißen läßt
einen Track als fertig zu erklären, von Headbanger, falls er nicht zu rock
wird, oder von wem auch immer, es kann einfach nur gut sein was in ihrem Umfeld
entsteht.
Shoutouts - gestern zufällig getroffen …
Precision: Dr. Bleed & Mrs Mercedes Hard Edged Crew, Halluzinas
Crew, Gap Posse aus Köln, Olski, Dagmar, Lars Vegas, Infracom, Ed Rush,
Nico, Rider, DJ Die, die Hanau Massive, MC Ronin, MC Glacius. und natürlich
alle unsere Mütter.
Don Q: The entire force (look around), Berlin Underground
Section, Mud Commander & Lady Nasty, Ruff Cutz Cru, 10vorne members, Happy
(Hippos), Bauminista, Jah-Nett, Burn-Heart, 16th Floor Productions, Dagmar
da Mördarin & Olski,
Fe. Mark!, Monoloop, Kidd Fu & and the Bubblegumr Gangstas, B*Scale, Sgt.Fee-Mix,
Frank Müller, Tropf & Lumox, X-Plorer, Dominik Sprungala, Crazyr Sisters
(H), Bomba Plata, Gurusaurus, sowie mein gesamtes Kamerateam und die Mechaniker,
thanks for being involved.
X-Plorer & Dee Pulse: Original Aki. Kingz; Ben.ji,Bass
Dee & Feed, Case Invaders, Bleed, Sweet Reinhard, Toby & Michael, Mike & Burger
Ink., Robert, Sascha, Basic, Motor Novack & Löle Kru, Jamie White & Al-Cap-1,
Groove Attack Cru, Cologne Massive, and last but not least: The Propaganja Cru.
Peace!
OFF ROAD Franken Shout outs: Ernst Master X, Dave S, Miraculix, Headbanger,
Whizzkar, Techem, DJ Mookie, 3rd Mode, Sunrise, Phos4, Nomad, Sulrider, Modem,
(Ex-) IDD Crew, Feed with the Bass die Posse und alle anderen hier vergessenen.
Bleed & Mercedes: Tok Tok, The Innovators, Friseur Crew, Kai Party, Junglemania
Crew, hard:edged, Set Speed Crew, Heavy Com Inc, Schluffka Inc, Sade, Stefan
Endres, Ute, llga, Dagmar, Oliver Köhler, Easy, Achim, Alec, Dr. Zieqler,
Tommy, Sascha, Elli & Uta, Jesper, Jacques Derrida, Tilman & Leigh,
DJ V.A.D.I.M., Rather Interesting, Mike, Ingmar, Liquid Sky & Delirium Cologne,
Paule, Planet Pixel, Rikus, Acari, Mark, Charlotte, Triple R, Andreas, Jutta
K. the coolest chick in the World. Amen.
Text: Bleed (1997)
Das Feature erschien 1997 im Frontpage
Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.
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