Spät, aber doch: Nun erreicht der Jungle die heimischen Clubs
Der neueste Trend in der Tanzmusik ist so neu nicht:
Mit mehrjähriger Verspätung erobert "Jungle" die deutschen
Clubs
Wer erinnert sich noch an Jungle? Im Herbst und Winter 1994 pries die Plattenindustrie
den letzten Schrei aus England als die neueste, tollste und innovativste Musik
seit Erfindung der Tanzfläche an. Die Trendmagazine versuchten Begeisterung
zu schüren. Ihr Vokabular erinnerte weniger an Rezension denn an Frontberichterstattung:
Vom "Alltagskrieg im Asphalt-Dschungel" war da zu lesen, von "Snare-Drum-Stakkatos,
die wie Geschoßgarben peitschen", von "einem Heulen, das wie das
Windgeräusch fallender Bomben klingt".
Allem Mediengetöse und allen Werbekampagnen zum Trotz zeigte das deutsche
Publikum nur wenig Interesse. Die Jungle-CDs blieben wie Blei in den Regalen liegen.
Deutschland schien 1994 noch nicht reif zu sein für die "schwarze Alternative
zu Techno". Gemessen an den teutonisch stampfenden Techno-Produktionen klang
Jungle zu kompliziert und exotisch. Ein typisches Jungle-Stück bestand damals
aus einem verfremdeten HipHop-Rhythmus, den die Produzenten am Computer so lange
beschleunigten, bis sich die Trommeln und Becken zu einem undurchsichtigen Rhythmusgeflecht
verdichteten. Dazwischen knallten Bässe, je tiefer, desto besser, und apokalyptische
Sound-Effekte. Über all dem schwebten beseelte Reggae-Stimmen aus der Konserve.
Oder ein rauher Reggae-Rap, Ragga genannt, verlieh der flirrenden Großstadt-Dschungel-Musik
die nötige Härte.
Als die ersten britischen Jungle-DJ-Truppen mit dieser Musikmixtur im Gepäck
die deutsche Club-Landschaft bereisten, standen die Partygänger wie festgeschraubt
auf der Tanzfläche und konnten nur hilflos mit Armen und Händen wedeln.
Mit den sich ständig verändernden Hochgeschwindigkeits-Rhythmen waren
sie überfordert.
Heute meistern deutsche Jungle-Fans selbst Rhythmen, die mit über 160 Schlägen
pro Minute aus den Lautsprechern rasen. DJ Bass Dee weiß, warum: "Viele
Leute haben zunächst nicht verstanden, daß sie bei Jungle nicht auf
dem Schlagzeugrhythmus, sondern auf dem Baß tanzen müssen. Dann sind
die Songs nur noch halb so schnell." Der 23jährige Bass Dee, bürgerlich
Sebastian Eberhardt, ist in Berlin einer der umtriebigsten Jungle-DJs. Er legt
regelmäßig in Clubs wie "Acud" in der Veteranenstraße
oder "Toaster" in der Neuen Schönhauser Straße Platten auf,
hat beim Privatsender Kiss FM eine wöchentliche Radioshow und gibt mit seinem
Jura-Kommilitonen Uli Wombacher alias DJ Metro das kleine Jungle-Magazin Easy
heraus.
Easy bringt Interviews, Plattenbesprechungen und Party-Ankündigungen und
verbindet so die verschiedenen Jungle-Szenen, die sich mittlerweile in allen deutschen
Großstädten gebildet haben.
Nachdem Jungle seit Anfang der neunziger Jahre im Entstehungsland England Wochenende
für Wochenende Tausende auf die Tanzflächen trieb, ist jetzt, laut DJ
Metro, "der Punkt erreicht, wo es spannend wird und Jungle auch in Schweden,
Norwegen, Frankreich und Deutschland Fuß faßt. Allein in Berlin entstanden
in den letzten Wochen drei neue Jungle-Plattenfirmen."
Warum kann sich Jungle nach jahrelanger Stagnation plötzlich in Europa ausbreiten?
Ein Grund dürfte sein, daß der typisch britische Einfluß von
Reggae und Ragga rapide abgenommen hat. Außerdem hat sich Jungle anderer
elektronischer Musik wie Techno und House darin angepaßt, daß er weitgehend
auf Gesang verzichtet. Die meisten Jungle-DJs und -Produzenten empfinden Vokalisten
als störend, weil sie von der Musik ablenken und besonders die Rapper nie
den Mund halten.
Mittlerweile werden auch HipHop-, House- und Jazzbruchstücke in die Jungle-Rhythmen
eingebaut. Jungle setzt mehr denn je auf stilistische Varianz und verändert
sich permanent: Außer den ratternden Drums und wummernden Bässen steht
alles zur Disposition. Deshalb wird in letzter Zeit anstelle von Jungle häufig
der Stilbegriff Drum 'n' Bass verwendet. Einen Unterschied zwischen Jungle und
Drum 'n' Bass gibt es aber nicht. Die Szene legt nur Wert darauf, ihre Exklusivität
zu bewahren, und ändert Stilbezeichnungen, wenn sie zu populär werden.
Weil die Plattenindustrie jetzt verstärkt mit dem Begriff Drum 'n' Bass wirbt,
flüchten sich manche Jungle-DJs in Bezeichnungen wie Hardcore, Hardstep oder
Breakbeat.
"Individualität spielt bei Jungle eine große Rolle. Eine Veranstaltung
wie die Love Parade, wo 750 000 Techno-Fans in den gleichen Klamotten mit den
gleichen Frisuren den gleichen Tanz tanzen, wäre bei Jungle undenkbar",
erklärt DJ Bass Dee, und DJ Metro fährt fort: "Die Leute gehen
in Jungle-Clubs nicht, um Frauen anzugucken, sondern um die Musik zu hören.
Selbst wenn niemand tanzt, unterhält sich niemand; alle hören auf die
Musik und verfolgen sie im Kopf."
Mehr und mehr Techno- und HipHop-Fans schauen auf der Suche nach neuen Impulsen
in Jungle-Clubs herein. Auch Bass Dee hat als Techno-DJ gearbeitet, bis er sich
unterfordert fühlte: "Im Vergleich zu Jungle transportieren Techno und
HipHop kaum noch neue musikalische Informationen. Jungle ist die einzige Musik,
die die Informationsdichte der heutigen Gesellschaft reflektiert. Im Grunde bietet
Jungle von allem zuviel."
Nicht nur die Jungle-Fans, auch die Produzenten meinen, anspruchsvoller als ihre
Techno-Kollegen zu sein. Sie nennen ihre Arbeit gerne Wissenschaft, "Beat-Science".
Bass Dee sagt: "Um ein anspruchsvolles Techno-Stück zu produzieren,
braucht man vielleicht acht Stunden. Doch an einem guten Jungle-Stück sitzt
man drei bis fünf Tage - a vierzehn Stunden."
Mit welchen Tricks die Jungle-Wissenschaftler die Drums und Bässe an ihren
Computern bearbeiten, ist ihr Berufsgeheimnis. Schließlich stecken in diesen
Verfahren oft jahrelange Experimente. Fast alle populären Jungle-Künstler
mußten mehrere Platten veröffentlichen, bis sie das Mittelmaß
hinter sich ließen.
Auch der 24jährige Rupert Parkes alias Photek, die neue britische Jungle-Hoffnung,
wurde nicht über Nacht zum Star. Seine Kurz-CD "The Hidden Camera"
gilt zur Zeit als die fortschrittlichste Jungle-Produktion. Geschickt verbindet
sie HipHop-, Techno- und Jungle-Elemente zu einem homogenen Sound. Bass Dee und
Metro halten Photeks CD für bahnbrechend: "Doch bis die Leute in den
Clubs zu seinen Songs tanzen, dauert es noch eine Weile."
Momentan kann gerade mal Goldie, der zahngoldige Medienliebling des letzten Jahres,
bundesdeutsche Tanzflächen füllen. Goldie ist nach wie vor sehr einflußreich,
und seine regelmäßigen Metalheads-Nächte im Londoner "Blue
Note Café" gelten als essentielles Jungle-Erlebnis.
Goldies Lebensgefährtin, die isländische Sängerin Björk, sorgt
mit Jungle-Versionen ihrer Hits dafür, daß die gewagten Rhythmen in
die Popwelt Einzug halten. Das Duo Everything But The Girl beispielsweise, lange
Zeit bekannt für flauen Achtziger-Jahre-Jazzpop, schaffte mit dem herausragenden
Jungle-Pop-Album "Walking Wounded" ein Comeback. Und Nicolette, afrobritische
Jungle-Chanteuse der ersten Stunde, hat nun mit "Let No One Live Rent Free
In Your Head" ein sperriges Werk vorgelegt, das selbst aufgeschlossenen Rock-Hörern
gefallen könnte, weil es fiepende Rückkopplungseffekte mit traditionellem
Songwriting verbindet.
Täglich veröffentlichen winzige Plattenfirmen neue Jungle-Scheiben.
Der Namendschungel aus unbekannten Künstlern wird zusehends dichter. Die
großen Plattenfirmen schöpfen wieder Hoffnung und kündigen für
die nächsten Monate wichtige Jungle-Alben an.
Derweil wagen die ehemaligen Londoner Ziegenbart-Jazzer Galliano das Undenkbare:
Bei ihrer Deutschland-Tournee im Oktober wollen sie versuchen, Jungle live auf
der Bühne zu spielen. Ihr Schlagzeuger wird nicht zu beneiden sein.
Text: Stephan Düfel (1996)
Der Text erschien in "Die Zeit" Nr.32 vom 2. August 1996 und im easy
Magazin 1996 wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.