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disco continuity


Für den siebten Tag der Woche hat der Schöpfer dieser Welt bekanntlich einen Ruhetag vorgesehen. Für den sechsten Tag hat der Teufel, folgt man der Mutter des amerikanischen Präsidenten, Lillian Carter, die Diskothek erfunden.


< der discjockey >
Die zentrale Person in jeder Diskothek ist der Discjockey, von Kennern der Szene zärtlich Dj genannt. Dieser Discjockey ist keineswegs nur eine Art menschlicher Plattenauflegeautomat, sondern vielmehr ein sensibles Barometer, das sofort reagiert, wenn die Stimmung sinkt und die Tanzfläche nur mäßig frequentiert wird. Die Aufmerksamkeit, die er ständig auf sich lenkt, schlägt sich nieder in der hierarchischen Besucherstruktur des Diskothekenpublikums, an deren Spitze der Dj selbst steht.

Nach unten ist die hierarchische Ordnung gegliedert nach dem Grad der persönlichen Freundschaft mit dem Discjockey. Wer bei Betreten des Lokals von jenem gar über die Tonanlage begrüßt wird, wird von den anderen Gästen als In-Person erkannt. Selbstverständlich sind auch die Möglichkeiten des Discjockeys, Sexualpartner zu finden, sehr groß. Das Prestige eines jeden Mädchens wird enorm gehoben, wenn sich der begehrte, im Mittelpunkt der Diskothek stehende Mann mit ihr beschäftigt.

< die besucher >
Von männlichen Discobesuchern wird in erster Linie finanzielle Potenz erwartet. Bei weiblichen Gästen genügt es, wenn sie schön genug sind, um weitere zahlende Männer anzulocken.
Nur solche Leute, denen die Spielregeln bekannt sind und die sie auch aktiv beherrschen, werden akzeptiert. Man kann sich in der Disco allem Anschein nach genauso leicht und peinlich daneben benehmen wie im First-class-Hotel. Wer viel redet, ist ohnehin uninteressant; wesentlich stärker kommt es darauf an, das komplizierte System der nonverbalen Signale zu beherrschen, die in der Disco von Bedeutung sind: Blicke, Bewegungen, Gesten. Sie verraten den erfahrenen Discotyp.
Die einzelnen Altersgruppen sind darauf bedacht unter sich zu bleiben. An dieser Abgrenzung scheinen nach unseren Beobachtungen vor allem die männlichen Discobesucher interessiert zu sein. Im Teens-Alter fürchten sie nämlich, daß ältere und erfahrenere Männer ihnen "die Frauen ausspannen" könnten. Und nach dem Erreichen der Vollhährigkeit wollen sie wiederum nichts mit "Babies" zu tun haben, da man, wie ein Bundeswehrsoldat sagte, "mit den kleinen Lolitas noch nichts anfangen" könne, weil "bei denen noch der Staatsanwalt die Hand davor" habe.

< der tanz >
Der Partner, ob vom anderen Geschlecht oder vom eigenen, ist nicht wichtig beim Disco-Tanz. Deshalb sieht man auf den Tanzflächen auch häufig Jungen oder Mädchen, die völlig alleine vor sich hinzucken. Der Gesamttrend: In international renomierten Lokalen tanzt eine weltweit uniformierte Masse einen von Kontinent zu Kontinent ähnlich gehandhabten Einheitstanz.
Unsere Zeit ist gekennzeichnet durch eine Reizüberflutung, von der man annehmen muß, daß sie durch den Traum alleine nicht mehr bewältigt werden kann. Es sei hier nur an vordergründige Reize wie etwa die permanente Berieselung durch Massenmedien, die allgemeine Zunahme des Lärms, die fortschreitende Verringerung der Dunkelheitsphase durch immer weiter um sich greifende Beleuchtung der nächtlichen Landschaft, die Überbevölkerung und ähnliches mehr erinnert. Hier nun könnten Musik und Tanz eingreifen und die Abreaktion von emotionalen Spannungen fördern.

< die musik >
Der stets gleichbleibende, geradezu mechanisch wirkende Grundschlag wird mit kurzen, einprägsamen Melodieabläufen kombiniert, die sich meist penetrant wiederholen. Dieser in der U-Musik an sich nicht neue, hier jedoch intensiver eingesetzte Plugging-Mechanismus gestaltet das Hörerlebnis so, daß der Konsument von der verstandesmäßigen Bewältigung des Dargebotenen nach und nach abrückt, allmählich in eine Art Rauschzustand verfällt und sich unter Umständen sogar regelrecht in Ekstase versetzen läßt. Ohne den modernen Stand der Musikmechanisierung wäre ein solcher Verzückungseffekt beim Publikum wohl kaum herbeizuführen.

Musik wird als Rauschmittel zum sogenannten "Anturnen" und schlichtweg als Kommunikationsersatz in den Diskotheken kalt und berechnend eingesetzt. Platten zum Zuhören gibt es kaum, denn zu sagen hat die Diskomusik wenig. Es wird ein endloser Lärmteppich von hoher Intensität erzeugt, der die momentanen Erregungsphasen der Hörer in einen permanenten Trancezustand überführt und der letztlich dafür sorgt, daß die Discobesucher einen ganzen Abend lang nicht mehr zur Besinnung kommen. Dieser Effekt ist für das Zustandekommen eines die Besucher zufriedenstellenden Discoerlebnisses wesentlich mit entscheidend. So erklärt beispielsweise ein 17 jähriges Mädchen: "Es kommt darauf an, daß der Dj keinen Scheiß macht. Wenn der zwischendurch pennt und nicht gleich die nächste Scheibe bringt, wenn's Löcher zwischendrin gibt, dann ist alles futsch. Das macht total miese Stimmung."

<die sexuelle misere>
Sowohl unsere Beobachtungen als auch unsere Gespräche ergaben, daß der mit Abstand wichtigste Dreh- und Angelpunkt der gesamten Discokultur der Bereich der Sexualität ist. Der Hamburger Disco-Kritiker Birger Dulz spricht sogar von einem regelrechten "Sex-Leistungsterror", der in den Diskotheken herrsche. Es gibt eigentlich nichts in der Discokultur, was nicht irgendwie sexbetont wäre. Discosex ist in erster Linie fürs Auge da. Es ist kein Sex zum Anfassen, sondern der sterile Sex der Peepshows, der zwar allerlei Wünsche weckt, sie aber unerfüllt läßt.

Manche Mädchen machen sich geradezu einen Spaß daraus, Männer zunächst anzulocken, um ihnen dann eine Abfuhr zu erteilen. Birger Dulz berichtet z.B. von der 20jährigen Studentin Barbara, die das männliche Discowunschklischee "anmachen, aufreißen, abschleppen" in ein "anmachen, anspringen, abblitzen" ummünzt und dabei ihren Triumph regelrecht genießt: "Toll die aufgeblasenen Typen erst heißzumachen und hinterher stehenzulassen." Schon hier zeichnet sich ab, daß die partnerschaftliche Beziehung zwischen den Geschlechtern in der Disco beiderseitig gestört ist.

Wie zu allen Zeiten gibt es auch in der Discogeneration Mädchen, die bereitwilliger mit Jungen sexuellen Kontakt aufnehmen, und andere, die zurückhaltender sind. Die erste Gruppe bildet wahrscheinlich die Mehrzahl, und männliche Discogänger machen von der Bereitwilligkeit solcher Mädchen regen Gebrauch.

Während durch HWG, gemeint ist häufig wechselnder Geschlechtsverkehr, das Sozialprestige des Mannes steigt, sinkt das der Frau. Wir haben Szenen erlebt, wo ein Mädchen solange geduldig wartete, bis der begehrte Junge, in diesem Fall der Dj, mit einem anderen Mädchen fertiggeknutscht hatte, um selbst an die Reihe zu kommen. Bei unseren Discogesprächen zeigten außerdem junge Männer nicht selten mit Kennermiene auf dieses oder jenes Mädchen mit und teilten uns im Vertrauen mit, daß sie "bumse". Lässig und stolz wurde uns klar gemacht, daß der Gesprächspartner mit der einen oder anderen "könne, wenn er wolle".

<der ablauf des discoabends>
Wenn der Discobesucher die Schwelle einer Diskothek und damit den Türsteher erfolgreich überschritten hat, sieht er sich sofort neuen Bewährungsproben ausgesetzt. Es beginnt schon im Vorraum, wo die Ankommenden gewöhnlich erst einmal "die Lage peilen". Routiniers versuchen bereits hier durch kumpelhafte Begrüßung möglichst vieler Gäste und durch saloppe Sprüche für jedermann erkennbar ihr Insidertum zu demonstrieren. Die erste Aktvität besteht in der Regel darin, sich ein Getränk zu besorgen, "damit man was hat, woran man sich festhalten kann".

Dann ziehen sich die Neuankömmlinge zunächst einmal in die halbdunklen Randzonen zurück, um von dort aus erneut, diesmal ganz dicht am Geschehen, die Szene zu überblicken. Diejenigen, die sich fürs Tanzen entscheiden, tun dies aus recht unterschiedlichen Gründen. Die im Alltag vielfach unterdrückte Motorik des Körpers kann in der Disco auf ihre Kosten kommen und sich nach Belieben entfalten.

Andere Besucher wiederum tanzen weniger zur Abreaktion überschüssiger Energie als vielmehr zur reinen Selbstdarstellung. Erst wenn der Discjockey die Musik auf langsamere Titel umstellt und das Licht heruntergeschaltet wird, tritt die Beziehung zwischen den Geschlechtern mehr in den Vordergrund: "Vor allem möcht ich mich da erstmal austoben. Nebenbei lins ich n bißchen rum, und vielleicht gefällt mir ne Frau. Die schau ich mir dann ne zeitlang an, wie sie sich bewegt und was sie so bringt. Und je nachdem, wenns später nicht mehr so hektisch zugeht, ich mein halt, wenn die so langsames Zeug spielen, Befruchtungsblues, so Sachen, geh ich ran."

Die Rituale der Partnersuche und -findung können also, zumindest wenn sie sich des Mediums Tanz bedienen, sehr langwierig sein. Männliche Discoroutiniers, die eine Frau "aufreißen" wollen, vermögen allerdings schon nach erstaunlich kurzer Zeit mit ziemlicher Sicherheit zu sagen, welche Mädchen keine Begleiter bei sich haben und welche als spätere Sexobjekte ansprechbar sind. Bei der Kontaktaufnahme mit dem anderen Geschlecht erfüllt die Bar für den männlichen Besucher einen mindestens dreifachen Zweck. Zum einen gibt sie ihm die Gelegenheit, mit Geld zu prahlen und durch Großzügigkeit zu imponieren. Zum anderen ist sie ein Ort, an dem der Aufreißer in ein Mädchen das investieren kann, was er später auf andere Weise wieder zurückfordert. Und schließlich eröffnet ihm die Bar sogar noch die Möglichkeit, sein weibliches Investitionsobjekt mit alkoholischen Getränken zu berauschen, daß es zu Gegenleistungen sexueller Art willig wird.

Das Imponiergehabe mit der eigenen Finanzkraft nimmt mit steigendem Alter der Besucher zu und treibt zum Teil, wie wir beobachten konnten, makabre Blüten. So kann man etwa in vielen Diskotheken eine Flasche Whiskey hinter der Theke deponieren und dann lässig vor seinem Mädchen sagen: "Du, Frank, gib mir mal meine Flasche!" Die Bouteille kostet dann zwischen 60 und 120 DM, ein gutes Objekt also zum Angeben.

<der toilettenvorraum>

So seltsam es klingen mag, immer wieder spielt der Toilettenvorraum als Hauptumschlagplatz verbaler Kommunikation eine entscheidende Rolle. So kann man sich etwa als Mädchen über die frisch geknüpfte Beziehung zu einem Jungen im Zweifelsfall stets rasch mit der Freundin beraten, der Vorraum der Toilette eignet sich dafür besonders. Auf der Suche nach neuen Bekanntschaften kann das Mädchen auch, ohne daß der Begleiter etwas merkt, Blickkontakt aufnehmen. Geht sie dann zur Toilette, wird ihr der Auserwählte, wie wir oft beobachten konnten, wie zufällig folgen und im Toilettenvorraum ein Dating mit ihr vereinbaren.

<dissco & politik>
Die Zugeständnisse der Politiker und Wahlkampfstrategen ans Discozeitalter hätten kaum noch vorbehaltloser sein können. Zumindest streckenweise schienen Webesprüche mehr zu zählen als Argumente. Am deutlichsten kam die Kapitulation des kritischen Denkens vor der Geistlosigkeit der Discokultur wohl dort zum Ausdruck, wo es im "Pro Lothar"-Prospekt hieß: Der Disco-Sound bringt volle Kraft. Full Power. Das trifft. Was die Politiker bringen, hat nicht immer Full Power. Scheint, der Schwung ist raus. Oder? Kunststück, wenn die Jusos beispielsweise auf einen Propheten bauen, der 100 Jahre Klassenkampf predigte. Marx ist Murks."

<öffnungszeiten>
Was die Öffnungszeiten angeht, so gibt es von Diskothek zu Diskothek erhebliche Unterschiede. Einige dieser Tanzlokale öffnen bereits um 11 Uhr vormittags, um die Kinder und Jugendlichen direkt nach der Schule zu erfassen, und schließen um 1 Uhr morgens. Dort arbeiten die Angestellten in der Regel im Schichtbetrieb. Wieder andere Lokalitäten kann man erst ab 21 Uhr besuchen; sie bieten dann die Möglichkeit, sich bis in die frühen Morgenstunden zu vergnügen. Gewöhnlich lohnt sich ein Discobesuch frühestens ab 21 Uhr. Das wirkliche Leben beginnt sich ohnehin erst ab etwa 22 Uhr zu entfalten. Die wenigsten Diskothekenbesitzer legen Wert darauf, vereinzelten Jugendlichen schon vom Vormittag an das Geld aus der Tasche zu ziehen, sondern sie vertrauen lieber auf das Stoßgeschäft am späten Abend.

<der schluss>
Ist die Disco das wirkliche Leben, das durch den Alltagsstreß erst ermöglicht wird, oder lebt man doch in erster Lienie für den Alltag und macht sich in der Disco wieder fit? Auf jeden Fall empfindet sich der männliche Besucher der Diskothek eben nicht als der unwichtige Jüngling, den keiner so recht ernst nimmt, und der an seinen Pubertäts- bzw. Nachpubertätsproblemen laboriert; sondern er sieht sich als gutaussehender Discotyp. Und ebenso ist Petra hier nicht das kleine Lehrmädchen, das jeder herumschikanieren kann, sondern ein gutaussehendes Sexualobjekt, um dessen Gunst gebuhlt wird, und das die Männer je nach Lust und Laune abblitzen lassen kann.

Text: mercedes bunz (1996)
Der Text erschien 1996 im easy Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.
24.11.2017, 02:42 h | 8 Junglists online