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Metalheadz - Marvel Masterworks


Ein Label, eine Clubnacht, ein Sound, der geschieht - an den Metalheadz kommt 1996 niemand mehr vorbei, wenn es um den Drum'n'Bass der Stunde geht. Kein Club hat in den 90er Jahren eine vergleichbare Definitionsmacht in Soundfragen entwickelt wie die "Metalheadz Sessions" im Blue Note. Immer noch getragen von der Begeisterung über den Auftritt der Fürsten des Breaks im Kölner Wartesaal, stellt Oliver von Felberg drei der wichtigsten Produzenten vor: J. Majk, Lemon D und Source Direct .


Das Mutterschiff landete am 16. August um 22 Uhr mitteleuropäischer Zeit im Alten Wartesaal zu Köln. Zweieinhalbtausend Bassheadz, Raver, Drum'n'Bass Freaks und Popkomm-Besucher waren Zeuge der ersten "Metalheadz Session" außerhalb Londons. Leuchtende Augen alleror­ten, und nicht wenige verließen das Haus als Bekehrte.

Man kann viel über Musik schreiben oder lesen und all die richtigen Planen im Regal stehen haben, doch nichts kann das Erlebnis ersetzen, wenn dich die Musik in einem Raum mit ein paar hundert oder tausend Leuten am Kragen packt, durchschüttelt und aufs nächste Level hievt. In der Regel ist ein Branchentreffen wie die Popkomm, der letzte Ort, an dem solche Initiationsriten stattfinden, und doch brauchte es all den Hype und Promo-Terror, um Köln am Rhein den Drum'n'Bass-Arschtritt zu verpassen, den zwei Jahre mäßig erfolgreicher Basisarbeit eines Dutzend lokaler Enthusiasten nicht austeilen konnten.

v l. n. r.: J Majik, Photek, Christian Coral, Lemon D, Doc Scott, L Double, Goldie, Hidden Agenda (2), Source Direct (2)

Kemistry & Storni, Goldie, MC Cleveland Watkiss und vor allem Doc Scott sind die Botschafter eines neuen Club-Konzepts. Ein Club-Konzept, in das man bislang nur als London Reisender reinschnuppern konnte und das besser mit dem hiesigen Vibe korrespondierte, als ich gedacht hatte. Metalheadz mag augenscheinlich ein Label sein, doch bei allem, was Goldie, Doc Scott, Kemistry & Storm und die mit dem Label assoziierten Producer Dillinja, Lemon D, J Majik, Photek, Source Direct, Hidden Agenda, Peshay, Digital und seit kurzem auch Ed Rush tun, geht es letztendlich um den Club, um die "Metalheadz Session". Ziel Ist es, die besten und visionärsten Breakbeat-Tunes zu produzieren, um sie sonntagabends im "BlueNote" von Kemistry & Storni, Doc Scott und Grooverider droppen zulassen.

Das "Blue Note" ist der zurzeit wichtigste Drum'n'Bass Club, weil die Musik dort wie an keinem anderen Ort der Welt geschieht. Und wie in kaum einem anderen Club toppen sich die Qualität der Musik und der Vibe gegenseitig. Man kann ins "BlueNote" reinmarschieren (vorausgesetzt, man kommt früh genug), ohne auch nur einen Menschen dort zu kennen und fühlt sich binnen Minuten besser aufgehoben als auf jedem anderen Floor, den ich in den letzten Jahren besucht habe. Das ist um so erstaunlicher, wenn man weiß, daß der Club der Focus Point für die gesamte Drum'n'Bass Szene ist. Sprich - hier treten sich Producer, DJs und andere Promis gegenseitig auf die Füße.

"Du hast dort eine Crowd, die so open minded, so hungrig und so vertraut mit der Musik ist, daß du einen brandneuen Tune spielen kannst und sie trotzdem nach einem Rewind verlangen. Nicht weil er auf Platz eins der Jungle Charts ist, sondern weil es ein arschguter Tune ist", schwärmt Doc Scott im englischen Mixmag. Und: "Alle Musik, die ich spiele, ist von Leuten, die ich persönlich kenne, ich kann eine beliebige Platte aus meiner Kiste ziehen, und die Chance, daß sie von jemandem stammt, bei dem ich schon zu Hause abgehangen bin, ist ziemlich groß. Es ist eine sehr enge Gemeinschaft, eine Sache von gegenseitigem Respekt. Die Produzenten, die mir ihre DATs geben, wissen, daß ich ihre Musik seit dem ersten Tag spiele."

Goldie nennt ihn den "King Of The Rollers", und es besteht kein Zweifel, daß Doc Scott der so ziemlich beste Drum'n'Bass DJ überhaupt ist. Einer der wenigen, die das gesamte Spektrum der Musik covern und die Crowd auf eine Reise schicken. Touched by the hand of Scott, wird jeder Tune zu seinem Tune. Die Präzision und das Gefühl, mit dem er die Beats ausrollt und den Equalizer rockt (unmerklich), macht ihn so speziell, wie DJ Pierre im House speziell ist.

Im Metalheadz Camp gibt es nur einen DJ, der mehr props auf sich vereint, und das ist "The Rider".Doc Scott: "Als ich meinen ersten Track machte, hatte ich vor allem ein Ziel - daß Grooverider ihn spielt, und daran hat sich bis heute nichts geändert." Wenn Doc Scott der DJ Pierre im Drum'n'Bass ist, dann ist Grooverider mindestens Tony Humphries, wenn nicht Afrika Bambaataa. Letztlich ist das "Blue Note" das Ergebnis von Goldies unstillbarem Verlangen, seine wichtigste Cluberfahrung ein zweites Mal zu machen. Ein zweites Mal ein Zuhause wie das "Rage" haben, jenen seminalen Hardcore-Club im "Heaven", wo Fabio und Grooverider Anfang der 90er Jahre die Transformation von Rave zu Jungle initiierten.

Die "Metalheadz Sessions" sind so ziemlich der nützlichste Luxus, in den je ein Popstar seine Millionen investiert hat, und längst mehr als der verwirklichte Jungstraum eines immer noch nicht ganz erwachsenen Thirtysomethings, der gerade mit Deodato und KRS One an seinem zweiten Album arbeitet. Ein Club, der Dance-Aktivisten rund um den Globus inspiriert und vielleicht schon morgen in deinem Dorf andockt.


J Majik

Apachie 96

Namen: J Majik, Innervisions
Labels: Metalheadz, Infrared, Reinforced
DJs, die seine Tracks auf Dubplate testen: Grooverider, Kemistry & Storm, Peshay, Doc Scott, LTJ Bukem


Goldie nennt ihn den Luke Skywalker des Breakbeat, und in der Tat ist J Majik die Antithese zum Rude Boy Junglist der Booyaka-Phase. Jamie, wie ihn seine Freunde nennen, ist der lebende Beweis, daß auch Kinder reicher Eltern Drum'n'Bass produzieren können. Seine Familie ist im Filmgeschäft, und sein Vater war früher Drummer bei Ronnie Smiths, dem Londoner Traditions-Jazzclub. Jamie mag „Classy Music“ wie Sade und bringt demnächst eine 12-lnch mit langsamen Tracks bei Mo'Wax raus.

Zu jung zum Raven, lernte er die Rave-Szene über Mixtapes und Plattenkaufen kennen. Nach einer 12-lnch unter dem Namen Dexterous für Lemon Ds Planet Label gründete er sein eigenes Outlet Infrared und prometet seit neuestem eine Drum'n'Bass Nacht in Mr. C's "The End". Sein favourite Breakbeat ist "Apache".

Was war der Antrieb, dein eigenes Label Infrared zu starten?

J Majik: Es gab damals (1992) kaum Möglichkeiten, Musik raus zu bringen, wie ich sie machen wollte. Niemand wollte solche Sachen hören. Die einzigen DJs, die den Sound spielten, waren Fabio, Grooverider und Bukem. Metalheadz gab es da noch nicht, und Reinforced war the Cutting Edge of the Scene. Ich wollte unbedingt von Goldie (der zu dieser Zeit A&R bei Reinforced war) für Reinforced gesignt werden. Das war ein Grund, warum ich meine „Innervisions EP“ raus brachte.

Wie bist du schließlich bei Metalheadz gelandet?

Durch Goldie. Ich hatte gerade einen Track namens "Your Sound" gemacht und war in einem Club am King's Cross. Als das Stück gespielt wurde, kam Goldie zu mir und meinte: "Das will ich auf Metalheadz raus bringen, unbedingt." Zu diesem Zeitpunkt gab es erst "Rider's Ghost" und Doc Scotts "Drums"-Remix auf Metalheadz. Als er mir sagte, er wol­le mich auf dem Label haben, war ich super happy. Wie gesagt, genau darauf hatte ich hingearbeitet.

Was bedeutet es für dich, auf Metalheadz zu sein?

Es ist nicht einfach ein Label, das deine Musik raus bringt. Es ist wie eine Familie, wie eine Crew, und das ist einfach besser, als wenn du's allein machst. Musikalisch kannst du machen, was du willst. Goldie vertraut uns, und Metalheadz ist eben ein enorm einflussreiches Label. Wenn du dort mit einem neuen Style raus kommst, ist die Chance akzeptiert zu werden einfach größer als auf einem undergroundigeren Label.

Wie gehst Du einen Track an?

Das wichtigste Element ist für mich Emotion. Ich fange meist bei den Strings an und gehe von da weiter. Ich benutze gern spacige Sounds, doch die Breaks müssen hart sein Ich mag es nicht, sobald es zu ambient wird. Wenn ich an einem Track arbeite, mache ich einen Loop von 15 Takten und höre ihn mir oft eine ganze Stunde an, um sicherzugehen, daß er sitzt. So brauche ich für einen Track im Schnitt eine Woche.

Glaubst du, daß Drum 'n 'Bass sich ähnlich flächendeckend durchsetzen wird wie House?

Ich würde mir wünschen, dass es sich mit Bedacht entwickelt. Die Majors stürzen sich jetzt auf Breakbeat, und eine Menge Alben erscheinen. Das könnte einiges kaputtma­chen. Wenn jetzt jeder ein Album macht, ist die Szene in einem Jahr gemolken. Ich sehe Drum'n'Bass ähnlich wie HipHop, wo die Musik ein Underground-Feeling hat und kom­merziell erfolgreich sein kann, ohne ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren.


Lemon D

Future of the Funk

Namen: Lemon D, In Sync
Labels: Metaltieadz, Planet Records (eingestellt), Conqueror, Hardleaders,Dread, V, Value
DJs, die seine Tracks auf Dubplate testen: Groovrider, Bryan Gee, Doc Scott, Kemistry & Storm


Lemon D zählt zu den Homeboys im Metalheadz-Camp. Der Funkdoctor D ist definitiv einer der unterbewerteten Drum'n'Bass Produzenten und steht viel zu oft im Schatten seines Kumpels Dillinja. Laidback craftet er seine Breaks in einem Geheimlabor in Südlondon. Keine Basswalze hatte in diesem Jahr mehr Funk als „I Can't Stop“, seine Debüt 12-lnch für V Recordings. Merke: Wo Lemon D oder In Sync draufsteht, ist immer Lieblingsmusik drin.

Wie bist du zu Drum'n'Bass gekommen?

Lemon D: Ich beschäftige mich seit den späten 80er Jahren mit Musik, damals war es House, Garage und Techno. Im Grunde geht alles auf dieselben Wurzeln zurück. Drum'n'Bass hat mich von Anfang an interessiert. Meinen ersten Track habe ich 1990 gemacht. Besonders gut war er nicht, aber er ermöglichte mir den Einstieg. Ich machte eine Reihe weiterer Tracks, dann produzierte ich für anderthalb Jahre gar nichts.

Warum?

Die Musik befand sich zu der Zeit in einer Art Schmelztiegel, aus dem sich entwickelte, was dann die Neunziger bestimmen sollte. Ich nahm eine Auszeit, horte mir alle möglichen Sachen an und beobach­tete mehr oder weniger.

Was war die erste Platte, die du nach dieser Phase gemacht hast?

So genau weiß ich das gar nicht mehr. Ein Freund von mir war A&R bei Conquerer. Ich gab ihm ein paar Tracks, die auch ganz gut liefen. Ab da war ich wieder voll dabei und begann mehr zu experimentieren.

Deine erste 12-lnch für Metalheadz war die "Urban Flavor EP" mit einem, wenn man so will, East-Coast Track ("Urban Style Music") und einem West-Coast Track ("This Is LA"). Du hast dort Gang Starr und Run DMC gesampelt, bevor HipHop durch Ragga auf dem Jump-Up-Sektor abgelöst wurde. Gleich­zeitig war die Platte musikalisch viel trickreicher als alles, was heute auf Labels wie Suburban Bass, Formation oder Joker rauskommt. Hast du damit eine bestimmte Idee verfolgt?

Eigentlich nicht. Es ging mir um einen bestimmten Flavor. Ich wollte einen "amerikanischen Sound", ein HipHop Feeling. Ich weiß nicht genau, was es ist, aber amerikanische Produktionen haben diese ganz bestimmte Wärme. Etwas, bei dem du automatisch sagst, das ist amerikanisch. Diesen Sound findest du in Jazz-Fusion-Platten aus den Siebzigern genauso wie in House-Produktionen.

Das Signifikante an deinen Produktionen, vor allem in diesem Jahr, sind für mich die Breaks. Sie sind stets fett aber immer auch funky. Schlagen voll ein, ohne gleich so ultrabrutal wie bei Dillinja zu kommen. Gibt es für dich so etwas wie einen Lemon D Sound?

Ich könnte nicht sagen, dass ich einen Sound habe, aber es passiert oft, dass Leute zu mir kommen und sagen: „Ich wusste, dass der Track von dir ist“. Ich denke, mein Sound hängt vor allem mit dem Equipment zusammen, das ich benutze. Für mich sind die Breaks das Wichtigste, der Bass und die Sounds kommen später. Ich versuche, die Breaks stets so heavy und laut als möglich hinzubekommen, und wahrschein­lich kann man mich daran erkennen.

Was magst du am meisten an der Szene?

Die Musik. Und natürlich, dass so viele Leute die Musik mögen. Es ist einfach toll, wenn jemand sagt: „Ich stehe auf Drum'n'Bass.“ Das liegt daran, dass die Tracks diesen hohen Standard erreicht haben und ihren eigenen Weg gehen. Das Editing und die Programmierung sind so weit fortgeschritten, dass nie­mand umhinkommt, diese Musik ernst zu nehmen.

Source Direct

Atari Beatschmied Riot

Namen: Source Direct, Mirage, Oblivion, Intensity, X-Files, Hokusai
Label: Metalheadz, Source Direct, Odysee, Street Beats, Good Looking, Basement, Razor's Edge, Science
DJs die ihre Tracks auf Dubplate testen: LTJ Bukem, Fabio, Peshay, Kemistry & Storm


Jim und Phil von Source Direct zählen zu jenen Mittsiebziger-Jahrgängen, für die Musik aus dem Computer kommt. Kids, die über Joey Beltram zu Goldies „Terminator“ kamen, um anschließend Lonnie Liston Smith und Weather Report zu entdecken. In ihrem Studio über dem elterlichen Wohnzimmer kann man vom Fußboden essen. Als einziger Schmuck hängt eine gerahmte Urkunde des Verbandes der britischen Tonträgerindustrie an der Wand, und sie bestätigt die Registrierung ihres Labels Source Direct. Über ihren Freund Photek sind sie auf fünf Alben bei Virgin gesignt worden. Drum'n'Bass ist für sie die nächste “hinking Music“ und ihre Platten sind der beste Beweis dafür, dass übertriebenes Beatgefrickel nicht unweigerlich in Jazzrock enden muss.

Habt ihr einen Lieblingsfilm?

Jim: "Dirty Harry" mit Clint Eastwood ist ein Rieseneinfluss für uns.

Phil: Den Soundtrack hat Lalo Schiffrin gemacht. Wie er die Musik um die verschiedenen Szenen strukturiert, ist phantastisch. Die Art, wie er bestimmte Atmosphären schafft, ist unserer Musik sehr ähnlich.


Würdet ihr ihn auch samplen?

Jim: Nein, es geht uns darum, wie er bestimmte Gefühle rüberbringt, nicht darum, einen bestimmten Sound zu finden. Sampling ist eine Kunst. Du musst aus den Sounds, die du nimmst, etwas Neues schaffen. Die meisten Breaks, die du heute hörst, stammen von James Brown und anderen frühen Funk-Sachen. Doch du kannst sie nicht einfach eins zu eins übernehmen. Wir reprogrammieren und editieren sie so, wie wir sie haben wollen.

Nämlich?

Jim: Wir mögen unsere Beats hart und rollend.

Phil: Sie müssen spannend sein, du sollst dich fragen: "Was passiert als nächstes?"

Jim: Wenn du sie dann im Club hörst, kommen die Drums von links und rechts, hauen dir von vorn in die Fresse und geben dir eins von hinten. So muss es sein. Dann kommt die Bassline und trägt dich weg, denn es ist die Bassline, zu der du tanzt. Beim Produzieren müssen wir sie des­halb so laut wie möglich hören. Oft müssen wir Kopfhörer benutzen, doch selbst die sind manchmal so laut, dass sich die Nachbarn beschweren.


Wie beurteilt ihr das Interesse, das Drum'n'Bass inzwischen von anderen Szenen entgegengebracht wird?

Phil: Positiv.

Jim: Ich glaube, die Techno-Leute hören definitiv zu, wegen der Art, wie wir mit Sounds umge­hen. Ebenso die Jazz-Leute, wegen der Seventies Einflüsse. Kürzlich habe ich Courtney Pine auf MTV gesehen, und er hat Drum'n'Bass seinen Respekt ausgesprochen. Oder David Sowie, auch er hat Drum'n'Bass im Fernsehen gedropt. Immer mehr Leute hören wirklich hin und tun es nicht einfach als eine weitere Sorte repetitiver Beats ab. Das ist gut, denn wir machen das hier ver­dammt noch mal nicht zum Spaß Es ist unser Leben, Gottes Geschenk an uns. Dafür sind wir hier, um Beats zu machen.


Text: Oliver von Felbert (1996)
Das Interview erschien 1996 im Spex Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.


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27.11.2014, 09:05 h | 9 Junglists online