Roni Size & DJ Krust und der Bristol-Vibe
Der Herzschlag ist der Baß!
In den letzten anderthalb Jahren hat sich das Breakbeat/Jungle/Drutm-&-Bass-Universum
durch zahllose Beatverschiebungen und Basslinekrümmungen fast ins Unendliche
ausdifferenziert. Selbst den Aficionados fällt es oft schwer, die Neuentdeckungen
zu kartographieren. Für alle bleiben jedoch die Heavy-Listening-12-lnches
rund um das Label-Mutterschiff Füll Cycle lebenswichtig. Die Musik von Roni
Size, DJ Krust und der dritten Bristol-Generation ist 1996 gleichzeitig bodenständiger
und futuristischer als viele Londoner Produktionen. Von Oliver von Felbert
"Ich liebe diese Musik mehr als jeder andere. Mehr
als du, mehr als Krust, mehr als Goldie.“ Roni Size hat, wie sagt
man doch so schön, eine Mission. Er ist besessen von seiner Kunst, von Beats
und von Basslines, und er mochte diese Besessenheit gern mit Dir teilen. Wie es
der Zufall will, treffe ich ihn wenige Wochen nach unserem Bristoler Interview
in Wien wieder, wo wir Teil desselben Line-Ups sind. Seit einer Woche ist Roni
bereits mit DJ Krust „on the road“. Die Cote d'Azur und die französische
Schweiz liegen hinter ihnen, und die langen Nächte haben Spuren hinterlassen.
Nach Kaffee und Cognac an der Hotelbar steuern wir deshalb zur allgemeinen Stärkung
ein Schnitzelrestaurant an. Doch statt des erhofften Red Meat sind sämtliche
Kalbfleischgerichte auf der Karte durch garantiert BSE freie Puter ersetzt.
Ronis Laune kann das freilich nicht tangieren. Knapp 1,70 Meter, mit Dreads bis
zum Hosenbund und einem angehenden Vollbart im Gesicht, wird er von einer Art
körpereigenem Speed angetrieben, das sämtliche Anwesenden gleich mit
unter Strom setzt. Will er einmal wirklich relaxen, muß er für vier
Wochen nach Jamaika fahren. Derart animiert, erzählt Roni von den mal lustigen,
mal kuriosen Erlebnissen der letzten Tage und davon, wie die „Punter“
am Mittelmeer die Musik aufgenommen haben.
Berührungsängste kennt er dabei nicht: "Wir sind nicht anders drauf
als ihr, we're just kids off the block, mate", sagt er und zeigt auf sein
baggy Jeans- und Sportswear Outfit, das er seine „Uniform“ nennt.
Wie bei den meisten Drum&Bass Produzenten der ersten und zweiten Generation
fand auch für Roni und Krust die musikalische Sozialisation in der Zeit vor
Rave statt. Krust geht noch heute als HipHop Mann durch, und Roni produzierte
früher Reggae.
Wann, will ich von ihm wissen, wurde ihm klar, daß Breakbeat seine Musik
ist? "Vor zwei Tagen", lacht er, „nein, im Ernst, letztens hörte
ich ein Tape mit Musicbox, and it just killed me. Ich hörte Sachen in dem
Stück, die die Leute heute machen. „Musicbox“ war ein echter
Wendepunkt, genau wie „Jazz Thing“. Ich weiß noch, wie ich es
zum ersten Mal bei Jungle Fever (dem Rave) hörte. Frost und Brockie droppten
es, und es klang so völlig anders als alles, was in dieser Nacht lief. Da
wußte ich, wir sind in der Zukunft.“
„Jeder sagt, wie talentiert wir seien und überhaupt. Aber ich glaube,
die anderen sind einfach ein bißchen langsam, sie hinken hinterher. Wir
sind der Zeit irgendwie voraus. Manchmal können wir unserem Sound selbst
nicht ganz folgen. Wie könnten wir also erwarten, daß es jemand versteht,
der nicht sieht, was wir sehen. Wenn sich die Arrangements auf deinem Computer
verändern, dann weißt du, daß sich die Musik verändert.“
Breakbeat Era
Wie oft hat sich die Musik in den letzten 18 Monaten verändert? Hat jemand
mitgezählt? Und wenn ja, spielt es überhaupt eine Rolle? Die Musik -
und immer mehr Leute sprechen einfach von „der Musik“, wenn sie Breakbeat/Jungle/Drum&Bass
meinen - hat heute so viele Gesichter, daß selbst die Leute, die sie seit
Jahren machen und spielen, damit manchmal nicht klarkommen. Ausdifferenzierung
geht automatisch mit Abgrenzung einher, doch wie Roni Size ganz richtig sagt,
„nicht die Musik hat sich gespalten, sondern die Szene“.
Je nachdem, an welchem Ende der Szene man sich befindet, ob man als Raver in der
Sturm-und-Drang-Phase teilnimmt oder als ehrgeiziger Studiofrickler der nächste
Photek sein will, ist entweder die neue Ganja oder aber die neue Source Direct
lebenswichtig.
Den funktionalen Jump-Up-Style, der sich über hittige Samples und simple
Basslines definiert, als blöd abzutun, wenn er gleichzeitig die wirklich
großen Raves rockt, ist so falsch wie elitär, gerade im Hinblick auf
die Geschichte von Drum & Bass. Eine Entwicklung, die ich inzwischen aber
in Frage stelle, ist der Trend hin zur Schmusigkeit. Die ersten „jazzy“
Tracks waren toll, weil Jungle plötzlich weich und musikalisch sein konnte.
Doch je mehr Streicher, Standbässe und gestopfte Tröten die Drums umschmeicheln,
desto deutlicher lugt die fiese Fratze von Acid Jazz um die Ecke.
Zur Offenlegung meiner Parteilichkeit muß ich allerdings hinzufügen,
daß ich auch Bukem nicht für Gott halte. Daß er zurzeit mit Vollgas
in die Super-Clubs drängt, ist eine Sache - daß sich der von ihm protegierte
Sound über kurz oder lang tatsächlich in ambientöse Trance-Sauce
verflüchtigen könnte, eine andere. Oder wie es Nico No U-Turn nach einem
Bukem-Set auf den Punkt brachte: „Wo sind die Beats?“
Musicbox
Meine Beats kommen '96 von Photek, den sich derzeit die progressiven Techno-und
Rock-Fraktionen als ihren Drum&Bass-Act teilen, der aber einfach zu cool und
zu schräg ist, um sich von wem auch immer vereinnahmen zu lassen. Von Doc
Scott, Grooverider, Ed Rush & Nico, Dillinja, Lemon D und den anderen „Dark
Soldiers“, die die Heavy-Listening-Sessions im Londoner Blue Note zu einer
Grenzerfahrung mit der dunklen Seite der Macht machen. Und natürlich von
Roni Size, DJ Krust und der Full Cycle Crew um DJ Die, Bill Riley, Suv und MC
Dynamite, die in Bristol ihre ganz eigene Sorte Drum & Bass ziehen.
„Wenn die Leute jetzt
von Jazzy Jungle reden und wie toll das sei, kann ich nur sagen: Quatsch.
Wir haben einfach nur die Ragga- und HipHop-Vocals durch einen Jazz-Loop
ersetzt. Aber genauso kriegt man die Leute. Oft reicht ein einziges Stück.“
Eine Full-Cycle-12-lnch erkennt man zehn Meter gegen den Wind. Sie hat eine Attitüde
und einen Vibe, der sie gleichzeitig bodenständiger und futuristischer als
viele Londoner Produktionen macht. Die Beats sind ruffer und scheinbar nachlässiger
gechoppt, erst im Club merkt man, daß gerade die scheinbaren Fehler und
überstehenden Enden den Groove machen. Und dann die B-Lines: Von klassischen
Reece-Monstern über gutgeölte Dreiton-Flummis bis zu scharf furzenden
Acid-Linien switchen die Bässe, bis der Subwoofer aus dem letzten Loch pfeift.
Die Hooks und Samples stammen bevorzugt aus den Hip-Hop-Jahrgängen '86 bis
'90, sind aber meist zu obskur oder verfremdet, um als Hitmacher zu taugen. Trotz
dieser, für den Full-Cycle-Aficionado leicht identifizierbaren Stilmittel,
sind Roni, Krust & Co extrem versatile (auch so ein HipHop-Prädikat von
vor sechs Jahren). Krust remixt Alex Reece und Shy FX, Roni veröffentlicht
bei Talkin' Loud und spielt trotzdem gerne DJ-SS-Produktionen.
Ihre besten eigenen Tracks veröffentlichen sie auf vier verschiedenen Labels:
Full Cycle ist das Mutterschiff für die deepen, ausgefeilten Tracks, Dope
Dragon das Label für harte Jump-Up-Tunes. „Auf Full Cyde bringen wir
Musik raus“, erklärt Roni, „auf Dope Dragon puren Terror, tearin',
rippin' Business. Das sind meist Warm-Up-Tunes, die entstehen, wenn wir gerade
ins Studio gekommen sind und uns erstmal abreagieren.“
Daneben stellen sie die meisten Releases auf V und Philly Blunt. Beide Labels
wer den von Bryan Gee und Jumping Jack Frost in London gemanagt und haben den
Bristol-Sound in der Hauptstadt populär gemacht haben. „V-Platten gehen
meist ziemlich nach vom, nicht so relaxt wie Full Cycle, aber ähnlich experimentell.
Philly Blunt ist dagegen genau wie Dope Dragon direkt für die Straße“,
sagt Krust.
Auf V Recordings erschien vor zwei Jahren auch „Jazz Thing“, die Roni
Size Platte, die viele auf den Geschmack brachte und das immer noch nicht ganz
ausgeräumte Mißverständnis begründete, hier seien Jazz-Leute
am Werk. Bloß weil „Jazz Thing“ auf derselben catchy Lonnie-Liston-Smith-Bassline
basiert, die schon Omar für seinen Hit „There's Nothing Like This“
recyclte.
Roni nimmt das mittlerweile gelassen: „Wenn die Leute mich als Jazz-Mann
sehen wollen, dann bitteschön, ich bin ein Jazz-Mann. Ich bin aber auch ein
Reggae-Mann, ein Soul-Mann, ein Hip-Hop-Mann. Doch zuallererst bin ich ein Musik-Mann.“
DJ Krust dagegen, der mit seinem „Jazznote“ eine noch frühere
Blaupause lieferte, regt sich über die Kategorisierung nach wie vor auf:
„Wir sind keine Jazz-Typen, und wir sind auch keine Jungle-Typen, wir sind
überhaupt keine Typen. Wir machen Beats und Basslines und packen alles drauf,
was uns gefällt. Manche Leute nehmen Jazz-Samples, andere HipHop oder Ragga.
Dabei geht es lediglich darum, einen Hook zu finden, der deine Aufmerksamkeit
erregt. Wenn die Leute jetzt von Jazzy Jungle reden und wie toll das sei, kann
ich nur sagen: Quatsch. Wir haben einfach nur die Ragga- und HipHop-Vocals durch
einen JazzLoop ersetzt. Aber genauso kriegt man die Leute. Oft reicht ein einziges
Stück.
Mein Bruder hörte früher nichts als HipHop. Tagein, tagaus HipHop, HipHop,
HipHop. Ich machte meine Beats, meinen Jungle, doch er wollte es nicht hören,
„zu schnell, nichts für mich“, meinte er, also sagte ich mir
cool und ließ ihn in Ruhe. Dann hörte er ein, zwei Tracks mit Samples,
die er vom HipHop oder Ragga kannte - und bang, schon war er drauf. Jeder kann
in dieser Musik etwas für sich finden. Als Produzent heißt das für
dich, daß du auf deine gesamten Einflüsse zurückgreifen kannst.
Wir befinden uns im Moment in einer Perlode, wo es heißt, zeig deine Skills,
zeig deine Geschichte. Wenn du eine Geschichte hast, laß sie sehen, laß
sie hören.“
Diggin’ in the Crates
Black Market Records in Wien ist die Traditionsadresse für Vinylimporte
und Stammsitz von G-Stone Records, dem Kruder & Dorfmeister Label. Roni und
Krust haben tief in die Kisten geguckt und checken ihre Selection - Funk-LPs und
HipHop Instrumentals - auf 45 rpm (!) über die Hausanlage aus. „Das
Motto für das Jahr 2000 heißt: Stick to what you know. BDP, Kool G
Rap, Roxanne Shante, Queen Latifah, das war unsere Ära“, sagt Roni.
„Es gibt Platten, die habe ich '89 gesampelt und tu es heute immer noch“,
ergänzt Krust, „manche Beats kommen einfach wieder, damals hast du
sie langsam im HipHop benutzt, und jetzt hörst du sie im Jungle wieder. Letztens
haben wir für ein Magazin eine Top 10 der Breaks gemacht, das waren Sachen
wie Apache, Hot Pants, Funky Drummer, Soul Pride, der Lyn Collins Break, Helicopter
und so weiter. Bestimmte Breaks nimmst du immer wieder, well du ihre Wirkung genau
kennst. Bei anderen Breaks braucht es länger, ihren Puls zu finden, zu checken,
wann sie rollen, und wann nicht.“
Welche Musiker oder Produzenten schätzt Du und weshalb?
Krust: „Bei den ganz Alten vor allem Leute wie Bob James oder Roy Ayers,
wegen der Art, wie sie ihre Instrumente eingesetzt haben. EPMD dafür, wie
sie sich auf den Bass konzentriert, und Public Enemy dafür, wie sie mit den
Breaks gearbeitet haben. Oder Labels wie Chicago Trax oder Nu Groove mit ihren
wirklich schrägen Sounds, genau wie die alten Warp-Sachen.“
Wie hast du House kennen gelernt? Ober die Rave Szene?
Irgendwie schon, ich war dabei, als es losging. Ich stand schon immer auf verschiedene
Arten von Musik. Als House Music raus kam und ich Sachen wie Adonis hörte,
sagte ich mir „Ja, das bin ich, das ist anders! Als ich jünger war,
spielte mein Bruder heute die Specials und morgen Parliament. Im Moment kaufe
ich wieder viel HipHop, weil ich dort gute Sachen höre.
„Inzwischen gibt es im Drum & Bass eine Generation von Produzenten,
für die Rave die erste Musik war, die sie miterlebt haben. Als ich zum Beispiel
kürzlich mit Source Direct sprach, erzählten sie, wie sie erst vor kurzem
die ganzen Jazz- und Fusion Sachen für sich entdeckt haben.“
„Wir befinden uns im
Moment in einer Periode, wo es heißt, zeig deine Skills, zeig deine
Geschichte. Wenn du eine Geschichte hast, laß sie sehen, laß
sie hören.“
Klar, sie müssen versuchen, so open minded wie möglich zu sein und Ihre
eigenen Samples und Ressourcen finden. They have to play catch-up. Für andere
ist das alles ganz natürlich, sie sind damit aufgewachsen. Ich weiß
noch, wie ich in einer Autowerkstatt arbeitete und im Radio immer Loose Ends mit
„Hanging On A String“ lief. Ich kann mich genau an das Gefühl
erinnern, ölbeschmiert in dieser Garage rumzuschrauben und dann dieses Lied
zu hören. It was the lick! Oder Old-School-Jams wie Jimmy Spicers „Dollar
Bill“, das Cash-Money-Album, die erste Kurtis Blow, du kannst mich nach
jedem HipHop-Künstler fragen. Die ersten vier Def-Jam-Maxis, ich habe drei
davon, das sind längst Sammlerstücke. Ich war am Start, als Def Jam
vor zehn Jahren anfingen. Die 19-jährigen Kids heute waren damals neun, was
wissen die? Die wissen nicht, wer die Hollis Crew war, sie haben keine Ahnung
von T La Rock und „lt's Yours“. Ich war dabei, als Wild bunch „Rebel
Without A Pause“ von Public Enemy bei einem Straßenfest droppten und
die Menge ausrastete. Das war ein brandneuer Sound. Oder „Eric B For President“,
als ich das zum ersten Mal hörte.
We live in Bristol, Baby!
St.Pauls, Bristol, ist ein leicht hippiesker Stadtteil, fünf Autominuten
von der der City entfernt. Die Mieten sind billig und die Häuser bei weitem
nicht so schnuckelig wie im alten Stadtkern. Ein multikulturelles Viertel mit
schlechtem Ruf, in dem es sich augenscheinlich ganz okay leben läßt.
Und dessen Bewohner uns die Klischees über die Stadt, in der es niemand eilig
hat, gern bestätigen: „In Bristol lebt jeder nach dem Prinzip, okay,
laß uns das morgen machen, besuchen wir erstmal meinen Kumpel. Das hat natürlich
einen starken Effekt auf die Musik, die hier gemacht wird, ich würde sogar
sagen, es hat einen dramatischen Effekt.“
Der das sagt, muß es wissen: Flynn ist eine Hälfte des Drum-&-Bass-Duos
Flynn & Flora und war zusammen mit seinem jüngeren Bruder Krust Teil
der Fresh 4, die zur Bristol Old School gehörten. Ihre Version von „Wishing
On A Star“, produziert von Rob Smith und Ray Mighty, zählt zu den Klassikern
der Blue Lines Ära. Die Single brachte ihnen einen Major-Deal, der sich allerdings
genau wie bei Smith & Mighty und dem längst vergessenen Lovers-Sänger
Carlton als Sackgasse erwies. Die Gruppe löste sich auf, die einzelnen Mitglieder
zogen sich für ein paar Jahre in ihre Bedrooms zurück und bilden heute
den Backbone der Drum’n’Bass-Szene im Südwesten.
DJ Krust wohnt schräg gegenüber von DJ Die, einem jungen Skater und
Producer, der sich in diesem Jahr mit einer Reihe exzellenter 12-inches endgültig
aus dem Schatten von Roni und Krust gelöst hat. Während sich DJ Die
mit Skateboard als Skunk-Kurier nützlich macht, zeigt uns Krust zwei leer
stehende Warehouses am anderen Ende der Straße, in denen der Wildbunch,
jenes legendäre Prä-Massive-Attack-Sound-System, Mitte der 80er Jahre
seine illegalen Jams abhielt.
Und dann die B-Lines: Von klassischen
Reese-Monstern über gutgeölte Dreiton-Flummis bis zu scharf furzenden
Acid-Linien swit-chen die Basse, bis der Subwoofer aus dem letzten Loch
pfeift.
"Wildbunch war mein Ding", erinnert sich Krust, „Ihre Parties
zogen bis zu 4.000 Leute. Der Sound war in erster Linie HipHop und Soul, aber
immer sehr bassorientiert, mit einem unglaublichen Sound System. Es war eine echte
Show, die Writer besprühten die Wände, die B-Boys legten ihr Linoleum
aus, und wenn sie dann den Sound aufdrehten, bließ es dich förmlich
weg. Ich glaube, das Drum’n’Bass-Element geht auf diese Zeit zurück,
denn jede Musik, die aus Bristol kommt, ist an Drum & Bass orientiert, egal
ob sie up- oder downtempo ist.“
Der Katalysator, der aus den Downbeats der Wildbunch-Posse den Drum&Bass-Sound
von 1996 werden ließ, hieß auch in Bristol Rave. Die Free Party Scene
mit ihren illegalen Freiluft-Raves, die Ende der 80er Jahre Hunderttausende auf
die Felder trieb, brachte auch die Full Cycle Crew in ihrer heutigen Besetzung
zusammen.
„Es scheint, als hätte sich der Kreis wieder geschlossen“, meint
Flynn. „Der Buzz, den wir im Moment erleben, ist derselbe wie damals. Du
siehst auf den Parties zum Teil dieselben Leute wie damals beim Wildbunch. Die
Zeiten sind sich schon sehr ähnlich, es ist dieselbe Energie, derselbe Enthusiasmus,
und es sind dieselben Einflüsse.“
Bristol ist mellow...
Ein Interview mit DJ Die und Bill Riley
Wie habt ihr euch kennengelernt?
Bill Riley: Übers Skaten...
DJ Die: ... als Kids, irgendwo auf der Straße. Wir fuhren ein paar Sessions
zusammen, und seitdem sind wir Kumpels.
Welche Musik habt ihr damals gehört?
DJ Die: Ganz früher Ska und ein bißchen Punk. Dann Rare Groove, Funk,
Electro und HipHop.
Bill Riley: Meine erste Musik war HipHop, das kam übers Breakdancen.
DJ Die: Breakdance hat mich auf diese Sorte Beats und elektronische Musik überhaupt
gebracht.
Habt ihr die Wildbunch-Ära noch mitbekommen?
DJ Die: Für die wirklich legendären Parties waren wir zu jung, aber
die eine oder andere Warehouse-Jam haben wir schon ausgecheckt. Ich erinnere mich
noch an die Zeit, als ich zum ersten Mal sah wie DJ Milo zwei Copies cuttete und
ein Typ dazu am Mikro abging. Das war damals der Vibe.
Bill Rilley: Danach kam Acid. Jedes Wochenende gab es eine andere Party. mal draußen
auf der Wiese, mal bei irgendwem zu Hause.
DJ Die: Wenn du 13 bist, ist eine Haus-Party für dich wie ein Rave. Bis morgens
um sechs auf den Beinen sein und sich den Arsch abtanzen.
Welche Crews haben euch rückblickend um stärksten beeinflusst?
DJ Die: Fresh 4, Flynn & Flora und Smith & Mighty.
Bill Rilley: Der spezielle Bristol Vibe, geht auf jeden Fall auf diese Zeit zurück.
DJ Die: Leute wie Smith & Mighty und Wildbunch haben einen Pfad vorgegeben,
dem wir irgendwie automatisch gefolgt sind.
Bill Riley: Bristol ist einfach mellow. Hier ist jeder ständig stoned. Und
das beeinflusst die Musik natürlich, egal ob es Drum’n’Bass ist
oder Massive Attack.
Egal mit wem man in Bristol spricht, stets wird der Bass als das wichtigste Element
hervorgehoben. Woher kommt diese spezielle Affinität?
DJ Die: Musik aus Bristol war immer bass-heavy. Es war immer der lauteste Teil
im Mix - just turn it up. Woher das kommt? Keine Ahnung, vielleicht von der 808
Beat-Maschine. Wie Smith & Mighty sagten: „Bass is eternal“, es
ist der Herzschlag.
Text: Oliver von Felbert
Der Text erschien im Spex Magazin (1996) und wurde future-music.net freundlicher
Weise zur Verfügung gestellt.