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Digital ins nächste Jahrtausend - Jungle in Berlin: Eine Musik setzt sich durch


Der Rauch hat sich verzogen, und die Botschaft ist angekommen. Jungle bzw. Drum & Bass bzw. Breakbeats ist die interessanteste und intelligenteste Musik der Gegenwart, der Soundtrack für die Neunziger und darüber hinaus, ein komplexer Klangkosmos an der Schnittstelle von Mensch und Maschine. In den letzten Monaten hat sich die Berliner Jungle-Szene so weit gefestigt, daß sie nun vor dem großen Sprung nach vorne steht. Blitz und Donner, digital: Ein Bericht von Johannes Waechter mit Fotos von Thomas Purwin.

Wovon wir nicht sprechen, sind Hypes. Die hat Jungle schon hinter sich. Zum Beispiel den Goldie-Hype vom letzten Jahr, als versucht wurde, der vielfältig pulsierenden Jungle-Szene das Goldgebiß als einzig prägenden Übervater anzudrehen. Oder den zwei Jahre zurückliegenden Ragga-Jungle-Hype, als die original nuttahs um UK Apachi und Shy FX zu Repräsentanten der gesamten Szene erklärt wurden und jene Junglisten, die nicht "Booyaka" riefen, plötzlich im Abseits standen.

Beide Hypes sind kläglich abgesoffen. Jungle ist eine Musik, die sich nicht vereinnahmen läßt: zu schwierig, zu progressiv, zu mindblowing. Jenseits aller Hypes und Aufkaufversuche ist Jungle definitiv hier, um zu bleiben. Sechs Jahre, nachdem in London erstmals Breakbeats auf ein wahnwitziges Tempo beschleunigt und subsonische Bassfrequenzen digital dazwischen getupft wurden, hat sich Drum & Bass als unabhängige Subkultur in Berlin durchgesetzt.

Natürlich gab es schon von Anfang an findige Audiofreunde, die sich auf Umwegen die einschlägigen Platten besorgt und diese bisweilen in Berliner Clubs gespielt haben. Doch erst in den letzten Monaten haben sich jene Strukturen gebildet, die man aus anderen Dance-Szenen kennt und an denen letztlich die Eigenständigkeit einer Subkultur abzulesen ist.

Die Basis: Es gibt einen harten Kern von 500 bis 1000 eingefleischten Jungle-Fans. Die Künstler: Es gibt Berliner DJs, MCs und Producer. Die Events: Es gibt in jeder Nacht der Woche Drum & Bass in Berliner Clubs, außerdem immer mehr Jungle-Raves mit Londoner Junglisten.

Die Info-Strukturen: Es gibt ein Jungle-Fanzine mit News und Gedanken zur Szene, außerdem Radioshows und Internet-Seiten. Das Drehmoment: Die Szene wird ständig stärker und vielfältiger, das Gefühl besteht, daß 1996 das Jahr ist, in dem sich Jungle in Berlin durchsetzen wird.

 
Alles gut gemixt, alles Easy: Bass Dee, Rikus, Metro
Die Identität: Die Junglisten wissen, daß der Sound, auf den sie abfahren, die intelligenteste, interessanteste und relevanteste Tanzmusik der neunziger Jahre ist.
"Acid Jazz, HipHop, TripHop, House, Techno - das ist in die Sackgasse gelaufen. Jungle ist die einzige Musik, die aufgrund des Entwicklungsstands, den sie erreicht hat, darüber hinausgeht", meint Bass Dee, Drum & Bass-DJ der ersten Stunde und Mitherausgeber des Jungle-Fanzines Easy.

"Die Grundidee der ganzen Musik ist: Es darf keine Stagnation geben, es muß immer einen Schritt weitergehen. Jungle steht für das Prinzip, daß alle Musik gehört werden sollte." Der Begriff Jungle bezeichnet nicht nur eine unverkennbare Stilistik, sondern steht auch für eine Art des Umgangs mit Sounds, Einflüssen und Ideen, die sich durch totalen Eklektizismus und digitale Umsetzung auf höchstem technischen Niveau auszeichnet und dabei eine Stufe des Spiels und der Möglichkeiten erreicht, die in der Popmusik bisher nie die Regel war. "Jungle vereint alles", meint Gloria Lockwe vom WTF. "Jungle ist die Zusammenfassung der neunziger Jahre, da kommt alles drin vor."

Konsequenterweise kommen die Jungle-DJs aus den verschiedensten Ecken der DJ-Kultur: von Techno (Bass Dee, Feed, Rescue), Ragga (T-Frost, Pantha) und HipHop (Sebel, Apollo, André Langenfeld). Momentan gibt es ca. 20 bis 30 DJs in Berlin, die regelmäßig Jungle auflegen und von denen sich manche wiederum auf Sub-Stile wie Jazz-Jungle oder Intelligent Drum & Bass spezialisieren.

Stars gibt es im Moment noch nicht, doch einer der profiliertesten Berliner DJs ist sicherlich Mixmeister Sebel, der mit seinen Elephant Sounds einen roughen Underground-Style fährt. Gute Verbindungen nach London garantieren, daß Sebel über genug Dubplates und rare Promos verfügt, um anderen DJs in punkto Plattenauswahl oft eine Nasenlänge voraus zu sein.

Am häufigsten zu hören ist hingegen Bass Dee, der neben regelmäßigen Gigs im Toaster, Acud, Friseur und Suicide auch noch Berlins einzige Strictly-Drum & Bass-Radiosendung moderiert: Radio Massive auf Kiss FM. Weitere Jungle DJs, die man auschecken sollte: CBG-1, Bym, Metro, The Chemist, Tricky Dicky.

Als nach dem Ende des Ragga-Hypes die lokale Szene ihre ersten vorsichtigen Schritte unternahm, waren es nur die Kellerclubs Acud und Toaster, die Jungle-Nächte zu veranstalten wagten. "Es war eine urwüchsige Kraft, die mich angesprochen hat", meint Stoffel vom Toaster zur Attraktion der Musik. "Ich wußte, ja, das isses, und versuche seitdem Aufbauarbeit zu leisten. Aber es hat ein halbes Jahr gedauert, bis zu unseren Jungle-Abenden 300 Leute kamen." Noch heute sind Acud und Toaster die Locations, wo die besten Jungle-Parties steigen; die Crowd weiß, was sie will, und es kann durchaus passieren, daß unangemeldet ein paar MCs wie die lokalen Cracks Jamie White und Al Capone vorbeikommen.

Doch auch die meisten anderen Clubs haben zumindest mal getestet, inwieweit ihr Publikum auf Drum & Bass abzufahren bereit ist. Im Tresor und WMF sind die Jungle-Experimente schief gegangen, im Friseur, Suicide, WTF, Eimer und in der Schnabelbar nicht: In diesen Läden wurden regelmäßige Termine eingerichtet.

Seit kurzem nehmen sich auch die anfangs zögerlichen Schlachtschiffe des Discogewerbes den neuen Sounds an. "Ich habe jahrelang zu den Bremsern gehört", bekennt Christof vom Boogaloo, wo im Februar der Mittwochs-Jungle-Club Smoke'n'Bass eröffnet wurde, "doch jetzt bin ich zuversichtlich, daß wir da Leute für interessieren können."

 
DJ Sebel mit wundgescratchtem Mittelfinger
Selbst im bisher nur durch ein dezidiertes Desinteresse an Jungle aufgefallenen E-Werk scheint man die Zeichen der Zeit erkannt zu haben: Ende März wurde im Keller des Techno-Tempels der Jungle-Club Desire eröffnet, wo Fetisch und Kaos die Techno-2-4-Crowd für raffiniertere Rhythmen zu begeistern versuchen. "Wir wollen den kleinen Jungle-Club machen, damit zu Techno und House noch die Komponente von der modernen Musik dazukommt", erklärt Bookerin Alexandra Dröner den Sinneswandel der E-Werk-Macher.

Außer den Clubs organisieren auch unabhängige Veranstalter Jungle-Raves. Das professionellste Team dieser Art besteht aus Thomas Uecker und Marco Kiewitz. Ihre Firma Domino wurde aus der Not heraus geboren, daß die beiden Fans partout keine Jungle-Parties fanden, die so waren, wie sie sich das vorstellten.

Also nahmen sie die Sache selber in die Hand und holen nun seit letzten September alle sechs bis acht Wochen Londoner DJs und MCs zu rundum gelungenen Raves nach Berlin. "Wir schielen nicht nach großen Namen, sondern holen die, die uns zusagen", erklärt Thomas die Booking-Prinzipien. "Gleichzeitig willst du aber schon die hier haben, die das seit Jahren geprägt und vorangebracht haben."

Am 27.4. schicken Domino auf der Insel DJ Krust an den Start. "Die Zusammenarbeit mit Londoner DJs und MCs ist durchweg angenehm", meint Thomas. "Die haben nicht die DJ-Allüren, die man aus der Techno-Szene kennt, sondern sehen sich als Botschafter ihrer Musik, die die Leute begeistern wollen."

Als Botschafter ihrer Musik verstehen sich auch DJ Metro und der allgegenwärtige Bass Dee, die Macher des Jungle-Fanzines Easy. Metro: "Irgendwie fanden wir, daß alles zu klein ist. Von einer guten Platte haben sich in Deutschland zehn Stück verkauft, und wir wollten eine Informationsstruktur schaffen, damit sich das ändert." Easy, das bisher dreimal erschien, ist als zentraler Informationspool für alle Drum & Bass-Aktivitäten in Deutschland gedacht und hat alles, was ein gutes Fanzine braucht: direkt abgeschöpfte Szene-News, kundige Interviews, schön subjektive Plattenkritiken und eine gehörige Menge an frei flottierenden Zeichen von subtilem Humor und hoher Einsicht.

Der Clou des Hefts ist die grafische Gestaltung, die sich darum bemüht, mit einer eigenen schwarz-weiß-grau-Ästhetik die Prinzipien von Jungle visuell nachzuempfinden. "Ich habe versucht, aus den grafischen Elementen einen Fluß zu schaffen, der sehr konfus ist, aber immer wieder die gleichen Versatzstücke verwendet", beschreibt Grafiker Ricus sein Konzept. "Das ist so ähnlich wie bei der Musik. Du hast eine sehr große Linearität und eine sehr große Komplexität mit wiederkehrenden Versatzstücken."

House und Techno sind einfach zu produzierende Musikstile. Jungle nicht: Breakbeats erfordern ein hohes Maß an rhythmischer Kreativität und Programmier-Intelligenz. Der hohe Standard und die schnelle Drehzahl von Londoner Produktionen machen es für hiesige Produzenten doppelt schwierig, Schritt zu halten. Und auch doppelt notwendig, wie Bass Dee meint: "Es kann hier nur etwas an den Start kommen, wenn es eine Berliner Geschichte wird, wenn eigene Produzenten und eigene DJs arbeiten, wenn der Sound nicht mehr so an England orientiert ist, sondern Nuancen kriegt, die hier nach Berlin, Deutschland gehören."

Die erste pure Drum & Bass-Veröffentlichung aus der hiesigen Szene war die Surround Sound EP von DJ Rescue, eine letzten November auf Rescues eigenem Label Come Correct herausgebrachte 10''. "Ich hatte die Gelegenheit, das spontan herauszubringen und habe es dann einfach gemacht", meint Rescue. "Ich hatte eigentlich damit gerechnet, daß noch mehr Leute was hinterherschmeißen, aber bisher kam nichts."

 
"Jungle ist die Zusammenfassung der neunziger Jahre" - Gloria Lockwe vom WTF
In der Tat operieren die Berliner Jungle-Produzenten momentan überwiegend im Verborgenen. "Es gibt viele Leute, die zu Hause am rumfrickeln sind, aber man hört nie etwas", meint Bym zum Dilemma der Heimwerker. "Ich finde es ziemlich traurig, daß es kein Label und kein Geld gibt, um das zu veröffentlichen." Einer dieser talentierten Bastler ist General Electrix, der im Umfeld des Eimer zu Hause ist und im eigenen Studio zusammen mit Tricky Dicky und Stanislas schon jahrelang Drum & Bass-Tracks programmiert.

Wenn dieses Team auflegt oder auftritt (sie sind Berlins einziger Jungle-Live-Act), spielen sie natürlich eigene Tracks, doch um diese herauszubringen, fehlen ihnen Zeit und finanzielle Rückendeckung. Immerhin gibt es in Berlin seit letztem Jahr ein Studio, in dem man Dubplates schneiden kann (Dubplates & Mastering, Tel. 831 24 78) - unverzichtbar fürs Funktionieren einer lebendigen Jungle-Szene.

Antimatter heißt die EP, die Turntable Terranova (DJ Fetisch und DJ Kaos) gerade auf Compost veröffentlicht haben. Dabei handelt es sich zwar nicht um Jungle, sondern eher um Electro-TripHop, es gibt jedoch einen knackigen DJ-Krust-Remix eines Tracks. Des weiteren haben die beiden Sonic Pioneers ein Projekt beim belgischen Kultlabel R &S in der Mache, das in einem Photek-Remix gipfeln soll.

Ebenfalls auf Compost kommt demnächst eine Doppel-LP von DJ Bym und Partner heraus. Der Projektname ist Four Ears und angekündigt ist "Drum & Space"-Musik mit orientalischen Einflüssen und DJ Peshay-Remix. Auch DJ Sebel wird demnächst eine Maxi veröffentlichen, und zwar auf dem neuen Downbeat-Sublabel Horizons. Mit neuem Material von Rescue kann ebenfalls gerechnet werden. "Man sollte sich überraschen lassen", meint Rescue. "Sicher ist nur, daß in den nächsten 24 Stunden keine Veröffentlichung kommt."

Der einzige Berliner Produzent, der in diesem Bereich ein eigenes Profil entwickelt hat, ist natürlich Alec Empire. Empire hat 1992 die ersten Breakbeat-Produktionen außerhalb Englands gemacht. Er war seiner Zeit voraus - und ist es auf seine Art immer noch, denn mit Club-Jungle hat Empire, der im Lauf der Jahre ca. 60 Platten veröffentlicht hat, nichts mehr zu tun. "Ab '94 verloren die UK-Scheiben sehr an Energie und Wut", sagt er. "Alles wurde tranciger, cleaner und somit langweiliger. Die Musik mußte in den Clubs ,funktionierbarer' werden, ähnlich wie bei Soul am Ende der Sechziger oder Rap in den Achtzigern. Ab da trennten sich unsere Wege."

Heute unterlegt Empire die Alpträume von Nicolette mit gemeinen Horrorsounds, dekonstruiert den Jazz auf seinem neuen Album Hypermodern Jazz 2000.5 (siehe Besprechung im Musikteil) und verhandelt mit den Beastie Boys über die US-Lizenzierung seines Digital Hardcore-Labels, auf dem er Bands wie Ec8tor und Sonic Subjunkies veröffentlicht. Digital Hardcore bedeutet wahnwitzig beschleunigte Breakbeats, Computernoise und aggressive Parolen - eine zu weiten Teilen symbolisch scheinende Musik, die sich als zeitgemäße Form von Punk versteht. Mit Jungle hat das nichts zu tun, denn "Digital Hardcore entsteht aus Hass und Wut auf diese Gesellschaft, Jungle entsteht aus Pfeifenrauch und Goldkettchen", wie Empire findet.

Für den kompromißlosen Atari-Rebellen Alec Empire ist Jungle schon wieder vorbei, da kommerzialisiert und seines antisozialen Widerstandspotentials entleert. Das ist jedoch eine Minderheitenmeinung: Allgemein wird Jungle immer noch als Underground gesehen, und es herrscht die Ansicht vor, daß der Verlust an Härte durch den Gewinn an musikalischer Vielfalt mehr als aufgewogen wurde. Ist es nicht schon ein radikaler Akt des Widerstands gegen die Entertainment-Industrie, eine Form von Popmusik zu erfinden, die man nicht versteht, wenn man nicht richtig zuhört? "Den großen Ausverkauf wird's bei Jungle nie geben, denn du kannst Drum & Bass nicht machen, ohne eine eigene Idee zu haben", meint Thomas Uecker.

Diese eigenen Ideen gilt es, in Zukunft zu kultivieren, damit die Berliner Jungle-Szene zur kreativen Zelle wird. Die Chance besteht, es liegen ungeahnte Sprünge und Entwicklungen in der Frühlingsluft. Bass Dee: "Wir haben so viel Freiheit, daß wir sie auch nutzen sollten."

Text: Johannes Waechter (1996); Fotos: Thomas Purwin
Der Text erschien in "Zitty" 4/96 und im easy Magazin 1996 wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.
22.11.2017, 12:09 h | 6 Junglists online