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Hüpfen um zerbrochene Blöcke


Vertrackter Jungle:
In einigen Berliner Clubs geht es zu wie auf dem Londoner Notting Hill Carnival


Kein Kinderzimmer mehr ohne pumpende Bassdrum, "marushamäßig", wie die Kids sagen. Das Goethe-Institut geht mit selbiger auf Welttournee, und die Love Parade wird derweil offiziell zum Berliner Kulturerbe erklärt. Spätestens dieses Jahr ist Techno endgültig massenkompatibel geworden und damit den Zwängen der Entertainmentindustrie unterworfen. Während die einen Ramsch für Supermarktregale produzieren, sind die anderen inzwischen zu ernsthaften Musikern geworden, inklusive freundlicher Zurkenntnisnahme in den Feuilletons.

Im freigewordenen Vakuum zwischen Business und Kultur wird schon seit geraumer Zeit relativ unbehelligt an der nächsten musikalischen Revolution gebastelt. Das Kind heißt Jungle, ein Bastard aus Techno und HipHop, dessen komprimierte Energie versucht, aus der Umstrukturierung des medialen Informationsoverkills einen Mehrwert zu gewinnen. Schon in den späten 80ern hatten die DJs einiger Londoner Clubs und Piratenradios in der Zeit nach dem großen Acid-Beben mit Vorliebe Technotracks gespielt, deren rhythmische Grundlage aus HipHop importierte und beschleunigte Breakbeats waren. Später wurden die Stücke immer noch vertrackter, komplexer, geometrischer und schneller. Wirklich groß wurde Jungle mit dem Notting Hill Carnival 1992. In der Nachbarschaft traditioneller Reggae-Soundsystems hüpften jetzt ganze Schulklassen zu den Rhythmen superschneller Breakbeats um die Blöcke.

Noch vor den ersten Chartnotierungen auf der Insel und dem folgenden kontinentalen Medienhype startete im selben Jahr mit Bass Terror in der Turbine das erste Berliner Jungle-Unternehmen. Spätestens jetzt konnte man sich fragen, ob Jungle tatsächlich die erste authentische Musik der Söhne und Töchter der karibischen Immigranten und damit nicht exportierbar ist. Oder vielmehr das Ergebnis einer multikulturellen Gleichung aus Black- und White-Faktoren sein könnte.

Während Teile der Bass-Terror-Crew später aus dem Breakbeatbusiness ausstiegen, machten andere weiter. Auf Digital Hardcore Recordings veröffentlichen Leute aus dem Umfeld von Alec Empire heute militante Platten, die mit Jungle nur noch die Breakbeats gemeinsam haben.

Mit Empires "Low on Ice" wurden neue Maßstäbe gesetzt: tiefgefroren, aber Funk. Auch im verschwägerten Suicide versucht man sich clubseitig konsequent allen Erwartungen, Zuschreibungen und Verwertungsstrategien zu entziehen. Hier werden alte Soulstücke neben Punkhits und den neuesten Errungenschaften elektronischer Musikproduktion auf den Plattenteller gelegt.

Donnerstags im Acud und freitags im Toaster erweitern Jungle Mania und Super Sharp Shooters inzwischen regelmäßig die Grenzen des bekannten Audiospace. Im Sommer wurden im kleinen Keller des Acud schon mal 300 Junglists gezählt. Neben diesen beiden wöchentlichen Basis-Abenden mit korrekten Eintrittspreisen finden immer wieder Parties in anderen Clubs statt. In Technoland werden inzwischen temporäre Drum 'n' Bass-Zonen errichtet, wobei in der Szene bezweifelt wird, daß die etablierten Technoclubs durch das Buchen von Jungle-DJs mit Hip- Faktor imstande sein werden, den nötigen Vibe zu erzeugen. Auch das WMF setzt seit kurzem donnerstags in der kleinen Kellerbar mit DJ Sebel auf Jungle.

Die lokalen Aktivisten müssen sich aber immer noch mit allgemeiner Ignoranz und dem Vorurteil herumschlagen, daß "die Berliner das nicht können". Größere Parties scheinen nur zu funktionieren, wenn englische Stars importiert werden. Dabei sind viele DJs auch hier schon seit Bass Terror aktiv und arbeiten an eigenen Tracks. Die werden im Augenblick noch in Dubplates geritzt, Einzelstücke aus Metall, die während des Sets in den Mix integriert werden können.

Gleichzeitig ist auf dem im Sommer neu gegründeten Label Come Correct mit DJ Rescues EP "Surround Sound" die erste Berliner Jungle-Produktion erschienen. Mit easy haben die Berliner im Oktober auch gleich noch das mutmaßlich erste Jungle-Magazin der Republik vorgelegt, das seit Ausgabe 2 auch im Internet zu haben ist.

Bass-Dee, Mitherausgeber und Radio-Massive-Macher (Kiss 99, jeden Dienstagmorgen um 1.00 Uhr), zieht angesichts der positiven Entwicklung denn auch Parallelen zu den Pioniertagen von Berlin-Techno, und easy verkündet das sympathisch größenwahnsinnige Programm: "The future's so bright, we gotta wear shades." Wer auf der Downbeat-Umzugsparty die enthusiastischen MCs gesehen und gehört hat, mag das gerne glauben. "SO 36! Booyaka! Booyaka!"

Text: Ulrich Gutmair (1995)
Der Text erschien in der "TAZ" vom 14.12.95 und im easy Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.
20.11.2017, 16:37 h | 6 Junglists online