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Drum & Bass Jahresrückblick 1995


Wie immer man die Musik nun nennen mag, sei es Jungle, Breakbeat, Hardcore oder Drum & Bass: 1995 hatte mehr gute Platten, als ein Mensch hören, geschweige denn auflegen konnte.


Vergleicht man die Releases von Januar und Dezember, mag man kaum glauben, daß das alles in nur 12 Monaten passiert ist. Jeden Monat wurden neue Prototypen entwickelt, die meist direkt vom nächsten Versuchsmodell abgelöst wurden, anstatt in Serie zu gehen.

Die beiden wichtigsten Strömungen waren die harte Stepper-Schule mit endlosen Dread/Würge-Bass-Variationen im ersten Halbjahr und HipHop- statt Ragga- Samples im zweiten (auf Labels wie Ganja, Frontline, V, und Dread), und die als "Intelligent" mißkategorisierte musikalische Seite: Sie sucht ihre Vibes und Samples eher im Jazz oder Detroit Techno (und ist bei den Labels Metalheadz, Moving Shadow, Looking Good zu Hause).

  Jungle Poll '95
1. DJ Krust - Set Speed (V)
2. Alex Reece -Pulp Fiction (Metalheadz)
3. Dillinja - Angels Fall EP (Metalheadz)
4. Doc Scott - Drumz 95 (Metalheadz)
5. Carlito - Carlito's Way (Creative Source)
6. LTJ Bukem - Horizons (Good Looking)
7. Tek 9 - Bring Everybody Down (Reinforced)
8. Droppin Science - Easy (Droppin' Science)
9. Photek - Seven Samurais (Photek)
10. Peshay - Futurama (Basement)
11. Plug - Plug 2 (Rising High)
12. Hidden Agenda - Is It Love (Metalheadz)
13. Source Direct - Snake Style (Source Direct)
14. Dom & Roland - Definition (Saigon)
15. Adam F - Enchanted (Section 5)

Zusammengstellt von: DJ Olski, Dagmar
Damördarin, Mr. Bleed, BassDee, Metro
Etliche Producer kicken verschiedene Styles und neue Sounds, wobei die allseits beliebten G-Funk-Melodien auf den unterschiedlichsten Produktionen auftauchten. Im DJ-Lager konnte kein Newcomer wirklich in die Klasse der Grooveriders, Fabios, Bukems, Hypes, Randalls, Ronis und Finns aufschließen - nicht zuletzt weil das Dubplate/TestPress/Promo/Release-System nach wie vor wasserdicht ist.

Interessant und wichtig für die Zukunft war, wie die Szene mit dem Interesse von außen umging und versuchte die Auflagen zu steigern. Während die "großeren" Label inzwischen semiprofessionell arbeiten und der Vertrieb zwischen zwei Firmen - Vinyl Distribution und SRD - aufgeteilt ist, blieb Jungle nach wie vor ein "London Someting" mit Enklaven im Süden und Südwesten (Bristol). Dort, und fast nur dort, werden die Tracks gemacht, gespielt und verkauft, was einen durchschnittlich erfolgreichen Track gerade mal um die 3.000 Stück groß werden läßt (zum Vergleich: Der Metalheadz-Bestseller "Pulp Fiction" verkaufte mehr als 10.000 Stück).

Goldie gab der Bewegung mit Hilfe seines Major-Deals ein Gesicht und repräsentierte wie ein Weltmeister, ein "Chart-Thema" war sein Album "Timeless" dennoch nicht. So bleibt fraglich, was die Majors mit ihren Jungle-Signings anfangen werden. Ein Alex Reece ist musikalisch möglicherweise chartskompatibler als Goldie, aber als typischer Bedroom-Producer hat er kaum Starqualitäten. Unter Umständen könnte sich die Kooperation mit den neuen Freunden vom Acid-Jazz-Kiosk als fruchtbarer erweisen. Talkin' Loud und Mo' Wax scheinen inzwischen tatsächlich auf Jungle zu stehen und sind als Major-Dance-Label in einer besseren Position, der Musik breitere Käuferschichten zu erschließen. Nach den Alben von Roni Size und Wax Doctor wissen wir mehr.

Text: Oliver von Felbert (1995)
Der Text erschien 1996 im Spex Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.
20.11.2017, 16:30 h | 6 Junglists online