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Disco des Jahres: milk!




Ein der positivsten Phänomene, das die deutsche Houseszene zu bieten hat: Mannheim und das milk! Und die dazugehörige Posse...


Einer der historischen Fehler der Frontpage 1992 war es tatsächlich gewesen, als wir anfingen, über den Breakbeat-Boom in Deutschland zu berichten, das Milk in Mannheim dabei gänzlich zu übergehen. Spätestens seit dem grandiosen Wagen auf der Love Parade, auf dem nur superschnelle Breakbeatscheiben liefen und die Stimmung aller bestens war, wurde dem aufmerksamen Beobachter klar, das in Mannheim ein anderer Film läuft als anderswo in der Rave-Republik, und das dort Breakbeats nicht als Modeerscheinungen, sondern als echte Partykultur begriffen wurde (es gibt in Germany auch keine Rave-Crowd die so "englisch" im Sinne von ravy gestylt aussieht).

Wer das Phänomen Mannheim verstehen will, muss immer auch die spezielle Relation Mannheims zu Frankfurt beachten. Bevor es das Milk gab, pilgerten die Mannheimer ebenso wie der Rest des Rhein- Mai n Umlandes in die Metropole und die dortigen Tanztempel Dorian Gray, Omen inklusive aller damit verbundenen Rituale ins besondere der Toughness, die hinter dem Frankfurter Nightlife steht. Wer die Mannheimer kennenlernt, wird verstehen warum sie darauf nicht so standen und versuchten eine eigene Kultur zu entwickeln, die zu einem gewissen Prozentsatz auch immer eine Gegenkultur zu Frankfurt war. In Mannheim ist man einfach anders drauf, man hörts bereits an der Sprache. (Die meisten zwei Worte: "willenlos" als Ausdruck für besonders Gefallen ("obergeil"), "zu arg" als Ausdruck für ziemlich heftig). Die Mannheimer haben ein Underground Ideal und ein Party Feeling, wie es das sonst kaum noch gibt; man gefällt sich in der Rolle der cooleren Underdogs (gern gehörtes Zitat: Mannheim ist das Manchester von Deutschtand), hat aber gleichzeitig eine Attitude von fast schon naiv wirkend r Herzlichkeit bis zu trotziger Conciousness und ein bewundernswertes, aber auch vollkommen berechtigtes Selbstbewusstsein. Man tat das Beste, was es bedarf um eine eigene Identität t aufzubauen, man tat etwas Eigenes!

Irgendwann kam dann mal der allerseits anerkannte und von allen verehrten Mann heimer Szeneinovator Dirk Mantei auf die Idee, dass etwas getan werden müsse und beschloss, eine heruntergekommene Discodisco in der Innenstadt zu okkupieren und in einen Houseclub umzuwandeln. Eine Gruppe von Freunden (die auch heute noch den Grundstock der Milk-Posse bildet) begann, in wochenlanger Arbeit den Laden zu renovieren, allen Discodiscoschrott herauszuschmeißen und ihn wieder auf Vordermann zu bringen. Niemand bekam Geld, alle arbeiteten freiwillig, es ging nur um das eine Ziel "endlich einen eigenen Club" zu haben und so ist es zu verstehen, mit wie viel Herzblut die Posse an ihrem Milk hängt. (Milk im Übrigen kommt von Muttermilch, dem Ursprung alter Lebendigkeit und Bewegung - wer einmal auf der Milk-Tanzfläche war, wird zugeben, dass der Name genial ist). Auch musikalisch schlug man nicht den in seinerzeit in Germany üblichen Trend ein, man lud zwar auch Guest-DJs ein, allerdings nicht die großen Namen, sondern meist DJs, die irgendwer von der Posse irgendwo im Urlaub oder sonst wo kennengelernt hatte. Und so kam es dann ein Schlüsselerlebnis für die Milk Posse der Abend war, an dem ein englischer DJ (den man wahrscheinlich in seiner Heimat nicht mal in der Top 1oo findet) die Nacht lang nur kickende Partybreakbeats spielte und die Posse zum Kochen brachte. Auch die Mannheimer Haus-DJs standen auf diese Musik und obwohl sie zunächst auch noch ein gemischtes Set spielten, entwickelten sich Sascha (Bassface) und Holger (Groover Klein) zusehends zu den deutschen Breakbeat-Spezialisten, die fanatisch nach UK Importen suchten und sich nach und nach die Connections aufbauten, um die richtigen Scheiben auch zu bekommen. Seitdieser Zeit ist der Samstagabend im Milk vielleicht der schweißtreibendeste Abend in der deutschen Clublandschaft.

Der kleine Club (für ca. 400 Leute) ist meist brechend voll, es ist extrem heiß und feucht, die nackte-Oberkörperquote der männlichen Besuche geht gegen 70%. Lustigstes Phänomen eines typischen Milk abends: da der Club gegen 4 Uhr regulär schließen muss, wird um diese Zeit das Licht angemacht. Die normalen Gäste verlassen den Laden, die "Posse" (ca. 50-100 Leute) verkriecht sich in den Chill Out Room. Wenn der letzte "normale" Gast gegangen ist, stürmen die DJs wieder ans DJ Pult und es wird weitergefeiert, meist bis ca. 7-9 Uhr, wobei die Tür verschlossen bleibt (Privatparty) und alle dann erst zum Schluss gemeinsam gehen, und keinen Krach machen, damit niemand gestört wird, damit niemand daran Anstoß nehmen kann. Allein diese Community ist ein Phänomen, was es wahrscheinlich sonst nirgendwo in diesem Rahmen gibt.

Clubhit des Milk ist immer wieder das Lied "Scandies", das auf "One from the Posse - Milk EP" auf Force Inc. erschienen ist, und das zeigt, dass die Breakbeats im Mannheimer Umfeld inzwischen auch die Producer inspirieren und hervorragenden Tracks entstehen lassen. Unter der Hand wird bereits von einem Milk Record Label gesprochen, was nur allzu begrüßenswert wäre.
Neben ihrem Triumph auf der Loveparade und der After Hours Party zur Mannheim Space Dimension, die sich nach dem mäßigen Geschehen im Rosengarten ebenfalls zur Legende entwickelte, erlangte das Milk einige Berühmtheit und nun war es erstmals soweit, dass einige Frankfurter Raver zum Feiern kamen. Besonders zwischen dem XS und der Milk Posse entstand eine regelgerechte Freundschaft, famous wurden vor allen Dingen die Parties, bei denen die gesamte Milk Posse im XS einfiel und dort gemeinsam richtig gefeiert wurde.

Spätestens seit dem grandiosen Auftritt der beiden Milk DJs auf Mayday 3 ist das Milk Team allgemein bekannt, wobei Sascha vielleicht der technisch perfektere ist, Holger jedoch von seiner Crowd als der Original-Milk DJ noch mehr gefeiert wird.

Inzwischen finden auch in anderen Städten Milk Parties statt und nicht selten kommt die Idee von Club-Promotern, die hoffen, dass sie mit der Einladung eines Milk DJs auch gleich 2 Busse Mannheimerin Laden haben. Die Crowd in Mannheim aber weiß um die Gefahr der plötzlichen Popularität und dass nun eine Gefahr darin besteht, das man sie nun überall vereinnahmen will. Darauf angesprochen, zuckte man mit den Schultern - "dann machen eben etwas ganz neues." Zuzutrauen wär es ihnen. Bis dahin kann das Mannheimer Beispiel tatsächlich Vorbild für alle anderen Szenen abseits der Metropolen Berlin, Frankfurt und Köln sein, eine ganz eigene Kultur zu erschaffen, was dann auf für die gesamte Housenation besser ist, als einige Köpfe und dutzend Kopisten.


Der Text erschien 1993 im Frontpage Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.

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22.11.2017, 03:03 h | 16 Junglists online