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hard:edged - X-plorer & Dee Pulse


Die deutsche Drum’n’Bass-Szene formiert sich mehr und mehr, Grenzen werden durchbrochen und der Konsens neu definiert. Die Berliner Hard:Edged-Gang um Stoffel und Metro spielt dabei eine nicht ganz unwichtige Rolle. Jüngst konnten sie das Kölner Label Shake Up als kleine Schwester gewinnen, das auch weiterhin X-Plorer & Dee Pulse (Oli & Volker) als Plattform dienen wird. Diese legen momentan letzte Hand an ihren ersten Longplayer im Album-Format. Drum’n’Bass - wir läuten die nächste Runde ein.

Warum kommt die LP von X-Plorer & Dee Pulse auf Hard:Edged und nicht auf Shake Up raus? Shake Up steht doch eigentlich für X-Plorer & Dee Pulse.

Stoffel: Zunächst mal ist Shake Up natürlich ein reines X-Plorer & Dee Pulse-Label. So sollte ein reines X-Plorer & Dee Pulse-Album dort erscheinen, um das Profil von Shake Up zu stärken. Da wir aber mit unserem gesamten Standing weltweit noch zu schwach sind, ist es sinnvoller die Energie erst in einen Namen zu stecken. Wir werden zuerst Hard:Edged auf ein gewisses Level bringen, so daß wir weltweit gehandelt werden und dann können wir alles drumherum mitziehen.

Warum seit ihr mit eurem Clubabend raus aus dem WMF?

Stoffel: Was man als erstes mal richtigstellen sollte, ist die Aussage, die in dem sehr unwichtigen alten neuen Blatt Frontpage geschrieben wurde („... Das Gemurmel, dass Drum’n’Bass demnächst gehörig wieder zurückkommen wird, kann man echt nicht mehr hören. Selbst das WMF hat ja seine Hard:Edged-Partyreihe abgesägt, weil niemand mehr hingegangen ist.“ (JL Frontpage 01/2002)) Das ist natürlich falsch und auch schön, daß eine Berliner Zeitung sich nicht mal die Mühe macht und beim Veranstalter anruft und sich erkundigt, was genau der Fall ist. Nein, sie saugen es sich aus den Fingern. Auf jeden Fall haben wir im WMF gekündigt. Wir haben seit 1997 dort mehr oder weniger jede Woche gearbeitet und nach vier Jahren hast du irgendwann mal das Gefühl, es muß sich was ändern. Ich habe schon nach der Trennung vom letzten WMF im Johanneshof schwer mit dem Gedanken gespielt, mich selbständig zu machen, weil es einfach total schwierig ist eine Underground-Veranstaltung, einen Drum’n’Bass-Abend à la Hard:Edged Mode in einem Club wirtschaftlich erfolgreich durchzuführen. Wenn man jede Woche einen Club mietet, die Getränkeeinnahmen nicht bekommt und rein auf den Eintritt arbeitet, ist das faktisch nicht möglich. Da muß der Laden nonstop brummen. Das funktioniert nur bei One-Offs alle zwei Monate, wenn du etwas spezielles bietest. Aber das ist ja auch kein spezielles Handling vom WMF, sondern das macht jeder Club landein landaus so. Daraus hat sich die Konsequenz entwickelt, daß man entweder alles hinschmeißt oder sagt: Jetzt geht’s erst richtig los!

Habt ihr schon eine geeignete Location gefunden?

Stoffel: Zu diesem Zeitpunkt kann ich noch nichts definitives sagen. Aber es wird dieses Jahr noch auf jeden Fall was passieren.

Momentan ist also eher Labelarbeit an der Tagesordnung?

Stoffel: Ja, macht gerade auch Sinn. Erstens hat der Umzug des Büros viel Zeit gekostet. Zweitens haben wir uns gesagt, wir müssen die Labelarbeit forcieren. Wir müssen regelmäßig Releases rausbringen, damit wir regelmäßig im Gespräch und als Name konstant präsent sind. Die Platteneinkäufer in den Läden müssen sehen, daß da kontinuierlich gearbeitet wird.

Was ist noch wichtig, außer kontinuierlicher Arbeit, um als Underground-Label erfolgreich zu sein?

Stoffel: Wir leben in einer Zeit, in der das Geld wieder ziemlich knapp ist. Das zeichnet sich von unten nach oben durch alle Bereiche ab. Wenn du z. B. einen Plattenladen hast und die Leute haben kein Geld, dann ordert der Plattenladen natürlich nicht viele Platten und somit verkauft der Vertrieb nicht viel von deinem Label. So mußt du es irgendwann schaffen, deinen Namen so zu etablieren, daß du einfach zu den Labels gehörst, bei denen alle sagen: das müssen wir bestellen, das ist bekannt, das hat Qualität, das geht ab. Ansonsten bist du immer einer von denen, die zwar was rausbringen, denen aber das Geld nicht reicht, um das Label am Leben zu erhalten.

Welche Strategie fahrt ihr, um präsent zu sein?

Metro: Den Promoverteiler erweitern, schauen, daß die Platte überall am Start ist, Newsletter schreiben, einfach den Namen regelmäßig unterbringen. Das kannst du aber auch nur, wenn du regelmäßig Platten releast. Ich denke, daß du auch bei einem Underground-Label eine gewisse Professionalität an den Tag legen mußt, um nicht hobby-mäßig zu versumpfen. Heutzutage ist es nicht mehr möglich, daß du hier und da mal eine Maxi rausbringst und die trotzdem ihre Beachtung findet. Die wird dann vielleicht in de:bug und irgendwelchen anderen "Nerd"-Zeitschriften erwähnt werden, aber die Allgemeinheit hat kein großes Interesse mehr daran.

Reicht also Kontinuität und das gewisse Quentchen Professionalität aus?

Stoffel: Es reicht wahrscheinlich noch nicht ganz. Wir haben mit Hard:Edged 1997 angefangen und unsere Intention bestand zunächst darin, nur deutsche Artists zu featuren und möglichst auch aus einem persönlichen Umfeld. Das hatte einen ganz bestimmten Sinn, denn man wollte sich zuerst eine eigene Identität erarbeiten. Das haben wir vier Jahre lang gemacht, haben zehn Maxis und eine Compilation rausgebracht, haben den eigenen Club gemacht, haben durch die Bank hinweg gute Kritiken bekommen. Jetzt haben wir uns gesagt, wir müssen die Sache ein wenig erweitern. So haben wir uns entschieden, die Japaner zu signen, Pentagon, die wir selber kennengelernt haben. Ich war in Tokyo und habe sie besucht, war mit ihnen unterwegs. Auch Total Science haben wir im Club gehabt und gefragt, ob sie nicht Lust haben, Remixes für uns zu machen. Auf diesem Weg muß man internationaler werden und mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Daß der Name Hard:Edged durch einen Total Science-Remix eher in den Fokus gespielt wird und dadurch dann das nächste Release von One:Soul oder X-Plorer auch mehr Aufmerksamkeit findet, weil sich jeder sagt: ach ja, Hard:Edged, habe ich doch schon einmal gesehen. Skunkrock hat das nicht anders gemacht.

Metro: Wobei das so auch nicht gedacht sein soll. Wir haben keine Lust, das Label nur mit Hilfe von Remixen zu pushen. Jemand wie One:Soul, der hat hier eine Plattform und wird immer wieder bei uns releasen. Das hat auch keinen Sinn, One:Soul zu pushen und letztendlich werden dann doch nur die Remixes gespielt. Es hat sich eher dadurch ergeben, daß man durch den Club internationale Gäste kennengelernt hatte. Und warum soll ich mich auf Deutschland beschränken, wenn ich auch andere Leute kenne?


Wie sieht die Hard:Edged Zielgruppe aus?

Metro: Im Moment ist es noch reines Drum’n’Bass-Publikum. Bei One:Souls Produktionen z. B. war es aber schon immer so, daß sich Leute aus anderen Gebieten dafür interessiert haben. Hier in Berlin bist du ständig mit Leuten wie Kosma oder den Jazzanovas in Kontakt. Die waren immer daran interessiert, was bei One:Soul passiert und haben nachgefragt: „Mach mal einen Downtempo-Track für uns“. Seine Soundästhetik ist stilübergreifend und sehr eigen. Es wird auch bei der Vorabmaxi der X-Plorer & Dee Pulse LP einen Downtempo-Track geben. Das Label soll auf Dauer kein reines Drum’n’Bass- oder auch DJ-Tool-Label sein, sondern es soll einfach gute Musik veröffentlicht werden. Drum’n’Bass ist stilübergreifend. Da ist viel möglich. Gerade über das Thema Remixes kannst du unglaublich viel machen. Ich will aber auch nicht diesen Compost-Vibe bekommen. Hard:Edged soll ein Label bleiben auf dem hauptsächlich Drum’n’Bass erscheint, aber wo die Links zu anderen Leuten geschlagen sind. Das haben wir mit dem Club auch immer verfolgt. Auf dem zweiten Floor war immer ein Kontrastprogramm, das angelehnt war: Downtempo, Reggae, Jazz, Hip Hop. Es mußte eben erdig' sein und kein Technogefrickel.

Stoffel: Ich finde, daß ist auch alles eine natürliche Entwicklung. Wenn du in jungen Jahren auf Drum’n’Bass flashst, machst du das eben vier, fünf oder sechs Jahre extrem intensiv. Dann entwickelst du dich weiter. Das ist total natürlich, daß du dann anfängst auch andere Geschichten zu produzieren und ich möchte dann nicht als Label sagen: jetzt ist dein Platz nicht mehr bei uns. Ich will mich mit den Leuten gemeinsam weiterentwickeln. Bei uns geht es auf jeden Fall nicht um Riecher oder marketing-strategische Entscheidungen, sondern eher um eine Posse-Geschichte.


Gibt es eine Label-Philosophie?

Metro: Es ging bei Hard:Edged immer darum, Musik rauszubringen, die in meinen Ohren wirklich auch Musik ist und nicht irgendwelche Effekte. Ich habe ebenso wenig Interesse daran, irgendwelche Floorschieber rauszubringen.

Stoffel: Am Anfang war mir wichtig, Berlinern oder allgemein deutschen Artists die Möglichkeit zu geben, auf einem deutschen Label zu releasen. Nicht immer nach England zu schielen, sondern den deutschen Standpunkt zu festigen. Ich finde, daß es immer noch extrem wenige DJ-/Produzenten-Crews mit hoher Qualität gibt. Da kann man immer noch viel machen.

Metro: Qualität ist auch etwas, was mir extrem wichtig ist. Das Label muß weiterhin einen gewissen Anspruch haben und nicht so ein One-Off-Prinzip sein oder Hits rausknüppeln. Deswegen gab’s auch nie so viele Releases. Ich möchte immer, daß eine gewisse Deepness bewahrt wird. Wenn wir mal einen Hit haben, dann ist es ein schönes Zufallsprodukt. Hard:Edged muß etwas sein, was man immer wieder gerne aus dem Regal zieht, auch noch zwei Jahre später. Zeitlose Musik eben.

Stoffel: Wir können den "heißen Scheiß" nicht neu erfinden. Die Fragen, die uns irgendwelche Zeitungen stellen, haben sich in den letzten Jahren auch nicht großartig geändert.

Was würdet ihr denn z. B. mal gerne von der Presse gefragt werden?

Stoffel: Ich finde es im allgemeinen total schwierig, überhaupt im Printmedium über Musik zu philosophieren. Das ist nicht meine Stärke und passiert bei mir eher instinktiv oder spontan.

Warum ist Drum’n’Bass aus den Medien verschwunden, z. B. nahezu aus der Groove?

Stoffel: Ganz einfach: Musikjournalisten sind oft nur Funktionsträger. Anfangs haben sie noch einen gewissen Anspruch. Irgendwann müssen sie aber weiterkommen und davon überleben. So setzen sie sich oft gar nicht mehr wirklich mit der Geschichte auseinander, sondern erzählen nur das weiter, was "common sense" ist. Es stellt sich aber kaum einer quer und sagt: ich kreuze jetzt die Linie und sage das stimmt doch alles gar nicht. Ich sehe da auch Parallelen in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen. Irgendwann hat man einen Posten erreicht, versucht den Posten auszufüllen, aber wagt sich nicht mehr wirklich vor. Es werden oft Drum’n’Bass-Platten besprochen und total zerrissen. Dieser Mensch hat die Platte dann zu Hause angehört, wo kein Bass und kein Nichts ist, nebenher haben fünf Leute mit ihm gequatscht und er hat letztendlich gar nicht kapiert, was in dem Track abgeht. Erst wenn er ihn abends im Club gehört hat, kann er darüber schreiben. Es geht nicht mehr um die Musik an sich, sondern nur noch darum, was die Leute darüber reden.

Metro: Im allgemeinen schlägst du heute die Zeitschriften auf und schaust, ob deine Reviews drin sind. Du liest das aber schon gar nicht mehr, weil es sich eh immer wiederholt. Andererseits ist die Szene zu einem Großteil auch selbst daran schuld, weil sich Drum’n’Bass in Deutschland irgendwann extrem verkopft hat. Die Funktionsträger in Deutschland haben sich unglaublich auf diesem intellektuellen Anspruch von Drum’n’Bass und diese ewige Neuerfindung des Genres versteift, bis es dann den normalen Hörer überhaupt nicht mehr interessiert hatte. Dadurch hast du in den Medien ein Geschreibsel, das die anderen Leute gar nicht mehr interessiert oder eben so ein Pseudo-Rave-Geschreibsel à la „Die knallt gut, aber die ist dann auch nur für die Knallraver“. Letztendlich hat sich auch die Szene musikalisch nie geöffnet. Die einzigen Leute, die in Deutschland mit Drum’n’Bass oder mit dem Kontext ein Forum haben, sind z. B. Philipp Maiburg oder Kabuki. Sie machen nebenher noch andere Sachen und sind sehr offen. Du kannst Drum’n’Bass auch nur zu seiner alten Popularität oder zu einer neuen, zu einer akzeptierten, normalen Popularität verhelfen, wenn du dich nach anderen Seiten hin öffnest. Wenn ich manchmal lese, was in den Foren auf Drum’n’Bass-Sites abgeht... Die kapseln sich alle völlig ab. Die reden von Kommerzialisierung, wenn einer mal ein Vocal verwendet.
Und was ist wenn ihr irgendwann nur noch Downbeat-Tracks rausbringt? Diese Öffnung könnte für die Entwicklung von Drum’n’Bass in den Medien ja auch schädlich sein.

Stoffel: Sind 4hero eine Gefahr?


Sie werden jedenfalls nicht mehr unbedingt mit Drum’n’Bass in Verbindung gebracht und bringen demnach Drum’n’Bass nicht zurück in die Printmedien.

Stoffel: Die Jungs sind einfach älter geworden, haben jahrelang Drum’n’Bass gemacht und mögen’s jetzt eben ein bißchen softer. Ist doch völlig in Ordnung. Aber die Presse sagt dann natürlich: Ah, selbst 4hero machen keinen Drum’n’Bass mehr. Das zeigt uns: die Musik ist tot.

Metro: Man muß sich in so einer Musikgesellschaft einfach als offener Mensch präsentieren.

Stoffel: Jazzanova z. B. bringen jetzt ein Drum’n’Bass-Stück von Kabuki raus. Das wäre doch ein super Aufhänger: Titelseite: „Jazzanova releast Drum’n’Bass - what happened to this music? Wasn’t it dead?“

Metro: Es gibt ein unglaublich großes Publikum für Drum’n’Bass. Wir haben Clubabende gehabt, da waren jede Woche zwischen drei- und fünfhundert Leute da. Die Platten verkaufen sich - wenn du z. B. nach England schaust - verdammt gut sogar, selbst in den USA. Die ganze Sache ist viel größer geworden, nur die Presse interessiert sich nicht mehr dafür.

Stoffel: In der Presse sitzen eben Leute, die sich aus anderen Umfeldern rekrutieren. Die ganzen Zeitungen sind doch eine Art Inzuchtblätter. Da gibt’s den Chef, der steht für das und jenes und dann gibt’s noch die Posse drum herum, die meistens dem Chef meinungsmäßig angepaßt ist. Einen Kritiker im eigenen Haus gibt es eben nicht. Mit der de:bug haben wir gottseidank noch eine Presse, die Drum’n’Bass featured. Die Groove und Raveline sind aus einer ganz anderen Geschichte heraus entstanden. Da gibt es keinen, der mal auf eine Drum’n’Bass-Party geht. Lies dir doch mal die Partyberichte durch. Seit zwanzig Jahren gehen die auf die selben Parties und erzählen aber im Jahrespoll, bei Drum’n’Bass entwickelt sich nichts.

Metro: Früher gab es eine Dancefloor-Szene und ein Dancefloor-Movement. Auch bei Techno wurde immer über das Dancefloor-Erlebnis und das Tanzengehen gesprochen. Dann ist die ganze Musik erwachsener geworden. Nur bei Drum’n’Bass ist es ganz lange auf so einer Tanzschiene geblieben, während die Presse auch viel mehr Interesse an schönen Listening-Geschichten gefunden hatte. Das hat Drum’n’Bass ganz lange nicht erfüllt.

Stoffel: ... und die Presse interessiert sich natürlich auch immer - und da ist jede Zeitung von abhängig - für Musik, die sich verkauft. Sie sind abhängig von der Industrie. Wenn ein bestimmtes Musikprodukt von der Industrie veröffentlicht wird, siehst du auf einmal in jeder Zeitschrift das selbe Bild, oftmals sind nicht einmal Interviews geführt worden, sondern der Text stammt vom Label selbst. Das drucken dann auch alle brav ab, damit sie eine Anzeige von dem Label bekommen.

Metro: Drum’n’Bass in Deutschland - Was haben wir denn für Key-Figuren, die du abbilden kannst, die eine Aura haben, die etwas ausstrahlen? Uns fehlt hier so eine Art Goldie. Man muß sich verkaufen können. Die DJs, die hier ordentlichen Sound machen, kann ich immer noch an einer Hand abzählen.


Braucht Drum’n’Bass also mehr Idole oder Gesichter in Deutschland?

Metro: Natürlich! Das ist genau die gleiche Diskussion wie im Club. Warum gehst du tanzen? Gehst du ausschließlich tanzen, weil du die Musik so toll findest? Sehr oft sind eben auch der Suff und die Bräute wichtig. Drum’n’Bass hat nicht diese Key-Figuren, bei denen die Frauen sagen: Wow, ist der smart! Bei House hast du diese ganzen gegelten Models. Bei Techno gibt es ziemlich viele, die alle so einen Mythos um sich herumschleppen. Bei Drum’n’Bass sind alles Homies und Kumpels. So ein Startum wurde eben immer negiert, weil wir eine Musik sind, bei der alle equal sind usw. Gerade in Deutschland hat man versucht, an so etwas vorbei schippern zu können. Es muß so eine Art ‚untouchable’ Figuren geben. Jemanden mit Aura und Ausstrahlung, der über der Sache steht, sie repräsentiert und nach außen tragen kann. Du kannst nicht jeden zum Kanzler machen, aber du brauchst einen. Sobald du erkennst, daß du mit DJ XYZ auch ein Bier trinken kannst, schwindet der Respekt. Dann pinkelt dir auch viel eher einer ans Bein. So etwas kann sich nur bilden, wenn du einen kleinen Zirkel hast und nicht eine einzige Brotherhood. Kellerkind kann jeder sein. Ein bißchen Glamour kann nicht schaden.

Stoffel: Bei Drum’n’Bass ist es oft so: „Hier wir machen eine Party, kannst du für 150,- DM auflegen?“ ... „Wie? Für 150?“ ... „Ja, wir müssen das ganze Drum’n’Bass-Ding weiterbringen“ usw.

Metro: Es hat dazu geführt, daß man für wenig Geld durch die Gegend fährt, obwohl man schon zehn Jahre in die Sache investiert und langsam mal andere Maßstäbe setzen sollte. Von diesen ganzen Austauschgeschichten mal ganz zu schweigen à la „Ich spiel bei dir, dafür spielst du bei mir“. Und wenn ein Veranstalter viel Geld für das Booking bezahlt, hängt er sich auch rein.

Stoffel: Wir haben immer versucht so ein Ding nach dem Motto zu kreieren "Wir sind ein bißchen heißer als der heiße Scheiß".

Metro: Und was ist passiert? Wir mußten uns ganz lange anhören: Oh, diese arroganten Berliner. Und wir machen eigentlich nach zehn Jahren immer noch genau diese Basisarbeit, wo ich denke, die müssen andere machen. Wir reißen Parties auf, machen einen Club, hängen uns rein, legen jedes Wochenende irgendwo auf und schlagen uns für wenig Geld die Nächte um die Ohren. Viele möchten gleich bei den amtlichen Events auflegen, anstatt daß sie sich erstmal eine eigene Basis aufbauen. Alle wollen immer schnell den großen Erfolg haben. Es würde keiner zu Westbam hingehen und sagen: So, jetzt bin ich mal dran.

Stoffel: Ich weiß gar nicht, warum ihr alle so Angst habt, was Drum’n’Bass angeht. Ich habe das neue Limp Bizkit Album angehört, da sind Stücke mit Drum’n’Bass-Ästhetik drauf.

Wenn du Timbaland im Interview fragst, ob er Drum’n’Bass kennt, kommt die Anwort: Nein, er hat sich alles selber ausgedacht...

X-Plorer: Drum’n’Bass scheint immer eine gute Inspiration für neue Musikarten zu sein oder um bestehende Musikarten wieder aufzupeppeln.

Stoffel: Das einzige was passieren kann, ist, daß die Leute, die gar nie mit Drum’n’Bass zu tun hatten, auf einmal die Props bekommen.

X-Plorer: Aber ich glaube es fehlt auch die ganze Infrastruktur dahinter mit Promotion, Agenturen usw.

Stoffel: Nach dem Hype 95/96 gab’s erstmal einen Zusammenbruch. Danach haben die meisten Clubbesitzer, Promoter, Journalisten usw. aufgehört, diese Musik weiterzubringen. Wer hat dann noch Parties gemacht? Die DJs nämlich, die ihre Kumpels eingeladen haben. Das ist aber bloß der Anfang einer Struktur...

Metro: Hier in Berlin sieht es auch anders aus. Hier werde ich nicht arbeitslos als DJ. Im früheren Westdeutschland ist mittlerweile alles ziemlich abgekackt. Ich kann mich an Clubs erinnern, wo Drum’n’Bass lief und jetzt nicht mehr.

X-Plorer: In Köln ist es aber auch nicht gerade schlechter geworden. Du kannst viermal im Monat auf eine Drum’n’Bass-Party gehen: Phonogenic, Shake Up, Basswerk Session, Tatort und weitere.


Im Raum Stuttgart sieht es momentan aber auch nicht gerade schlecht aus. Es gibt viele Parties und eine sehr lebendige Szene.

Metro: Was bezeichnend ist für die Entwicklung, die wir uns alle erhoffen, zeichnet sich im Osten ab. Wenn ich nach Dresden, Leipzig, Erfurt oder Jena zum Auflegen hinfahre, habe ich das Gefühl, daß Leute wegen mir kommen, weil da Metro bzw. Hard:Edged auf dem Flyer steht. Das ist viel natürlicher wie bei einem Austauschbooking, wo du hinkommst, die Party eh einigermaßen gefüllt ist und ob jetzt du oder die Residents auflegen, ist
völlig egal.


Woran liegt das?

Stoffel: Meiner Meinung nach ist das eine ziemlich deutsche Mentalität, wo vielleicht der Ostdeutsche ein bißchen anders ist. In Westdeutschland ist die Mentalität so, daß man totale Schwierigkeiten hat, jemandem Erfolg zuzugestehen. Man möchte den Erfolg bei sich selber sehen. Bevor man einen anderen Deutschen bucht, bucht man lieber einen Amerikaner, Engländer oder von mir aus auch einen Schweizer, aber bloß keinen Deutschen. Das zeichnet sich aber schon seit Jahren so ab. Ich komme aus der Punkszene und bei einer deutschen Punkband hat abends kein Mensch getanzt. Wenn der Ami kam, oder der Engländer, sind alle abgegangen. Die Deutschen waren nicht schlechter. Erst als eine deutsche Punkband im Ausland Aufmerksamkeit bekommen hatte, haben die Deutschen gemerkt, wir haben ja Leute, die sind gar nicht schlecht.

Metro: Gesund gewachsen ist es meiner Ansicht nach nie. Es gab viel zu viel Hype, viel zu viel Leute, die dachten, sie könnten es auch machen. Dann gab es Trend-DJs aus anderen Musikrichtungen, die plötzlich angefangen haben, sich auch mal ’ne LTJ Bukem zu kaufen. Es ist eine gewisse Konstanz da. Die Welle geht auch nicht mehr auf Ebbe. Dazu sind die Parties zu voll. Es ist nur endlich mal an der Zeit, die Spreu vom Weizen zu trennen. Und ich stehe in so vielen Clubs, wo ich denke, mein Gott, warum darf sich dieser Typ da überhaupt hinstellen. Wie kann es sein, daß ich um elf Uhr in einen Club komme, und der DJ ballert schon los? Es gibt in Deutschland wenige, die dieses gewisse Feeling dafür entwickelt haben. Aber mit diesen Leuten will ich was zusammen machen. Man muß einen Abend aufbauen und einen Höhepunkt kreieren. Letztendlich möchte ich auf die Sache zurückblicken und sagen können: OK, es hat vielleicht nicht geklappt, aber ich stehe voll dazu, ich habe geliebt, was ich gemacht habe. Wenn wir nicht 100%ig dazu stehen würden, würden wir doch längst nicht mehr diesen ganzen Aufwand betreiben, wo ich eigentlich schon mein Studium hätte beenden können.

DeePulse: Es gab auch nie jemand, der sich das hauptberuflich angeeignet hatte, der gesagt hatte, ich will von Drum’n’Bass leben.


Bassface Sascha hat mal auf der Mayday aufgelegt. Ein Highlight?

DeePulse: Exotische Bookings gab’s immer.Und es gab eine Zeit, in der jeder Rave einen Drum’n’Bass-Floor haben mußte.
Das waren dann so Durchgangsräume neben dem Klo, nebendran die improvisierte Garderobe...


(Allgemeines Gelächter und der smoothe Übergang zum Produzententeam X-Plorer & Dee Pulse, die sich bereits nahtlos in die Interviewrunde eingefügt haben.)
Teneriffa - Köln - Berlin, wo fühlst du dich am wohlsten? Wo gefällt es dir am besten?


X-Plorer: Momentan fühle ich mich in Köln am wohlsten, aber so alle zwei, drei Monate nach Teneriffa wäre optimal und dann zu den Parties nach Berlin...

Du bist auf Teneriffa aufgewachsen?

X-Plorer: Als ich acht Jahre alt war, bin ich dort mit meinen Eltern hingezogen. Mit 14 war ich bei einem Schulfreund, der immer Tapes mit Clubmusik gemixt hatte. Da habe ich gemerkt, daß das mein Ding ist. So habe ich angefangen wegzugehen und mit 15 habe ich in einer Jugenddisco von Salsa bis hin zu kommerziellen Sachen alles mögliche aufgelegt. Im Süden von Teneriffa gab es eine Straße mit unzähligen Clubs, in denen auch englische DJs aufgelegt hatten. Zu der Zeit wurde mehr und mehr Underground-Stuff gespielt, House-Tracks, bei denen der Schwerpunkt mehr auf den Beats lag.

Es gab einen Import-Recordshop, wo ich anfing Platten zu kaufen, die ersten Reinforced-Platten, die ich dann auch in der Jugenddisco aufgelegt hatte. Mit 16 1/2 bin ich dann wieder nach Deutschland gezogen. In Köln habe ich Bleed und Triple R kennengelernt und auf ihren Cosmic Orgasm Parties aufgelegt. Strobo, Nebel und Boxen in einer Lagerhalle - sonst nichts. Ein großes Problem war, daß ich hier keine Platten bekommen habe. Es gab zu der Zeit einfach nicht die Platten zu kaufen, die ich auf Teneriffa kaufen konnte. Erst als dann hier in Köln das Delirium aufgemacht hatte. So bin ich teilweise nach Teneriffa in den Urlaub und habe mir dort wieder Platten geholt.


Wann hast du dich entschieden, das ganze Vollzeit zu machen?

X-Plorer: Da bin ich noch in die Schule gegangen. Für mich war es schon immer klar, daß ich auch Musik produzieren wollte. Ich habe mir gedacht, du schaffst es locker als DJ und Produzent durchs Leben zu gehen. Es lief immer OK, aber auch nie so, daß man wirklich davon leben konnte. Es geht immer rauf und runter. Man kann sich immer irgendwie halten. Wenn ich jetzt die sieben, acht Jahre so zurückdenke, hätte ich es nicht nochmal so radikal gemacht. Es ist schon krass, daß man so lange bei einer Sache ist und immer noch extrem motiviert ist.

Wie sieht es bei dir aus, Volker?

DeePulse: Ich habe eigentlich immer im Kölner Raum gewohnt und habe früher ein paar HipHop-Projekte mit Kumpels gemacht. Das lief mehr schlecht als recht, aber ich habe meine ersten Erfahrungen mit dem Sampler gemacht. Es sind irgendwann erste Breakbeat-Tracks entstanden, inspiriert von frühen Reinforced-Releases. Bei HipHop war eben produktionstechnisch gesehen lange Zeit leider nur die Stimme im Vordergrund. Die Beats haben das Ganze eher getragen. Zudem haben die Leute nichts auf die Reihe bekommen. Ich hatte irgendwann keine Lust mehr, immer darauf zu warten bis irgendein Kiffer ankam und seinen Text geschrieben hatte.

Siehst du dich auch als Fulltime Drum’n’Basser?

DeePulse: Ich studiere mittlerweile nebenher noch Design hier in Köln. Das kann man zeitlich gut an das Musikmachen anpassen. Nebenher arbeite ich noch in einem Tonstudio als freier Toningenieur.

Du hast damit keine Probleme Im Schatten von X-Plorer zu stehen (Vgl. Marcus Intalex & ST Files)?

DeePulse: Nein, überhaupt nicht. Wenn ich das ganze DJ-Business von Oli hier immer mitbekomme, dann bin ich schon ganz froh, daß ich mich da raushalten kann. Das nimmt doch ein gewisses Grad mehr an Energie in Anspruch. Die stecke ich lieber in andere Dinge.

Ihr macht schon sehr lange zusammen Musik. Wie ist eure Herangehensweise? Wodurch zeichnet ihr euch aus?

DeePulse: Wir gehen sehr ins Detail. Dadurch, daß wir immer zu zweit alles hören, geben wir uns vielleicht mit einer Stelle nicht zu schnell zufrieden oder der andere hat noch eine Idee. Dadurch hast du ein viel präziseres Arbeiten, als wenn du alleine dran sitzt. Eine zweite Person kann dich immer dazu bringen, noch dranzubleiben. Man gibt sich gegenseitig Impulse. Du kratzt nicht nur an der Oberfläche, sondern gehst mehr ins Detail.

X-Plorer: Man sitzt z. B. längere Zeit alleine an einem Track, der halb fertig ist, und der andere kommt herein. Er hört sich dann den Track an, sieht ihn mit ganz anderen Augen und kann mit viel mehr Abstand seine Kritik äußern. Vor allem ist er jemand, der genau weiß, wohin man will, weil er dich schon lange kennt und den Style kennt, den man kreieren will. Alles ist ein Ausgleich. Volker ist auch ein ganz anderer Mensch als ich. Beim Musik machen explodiere ich und er absorbiert alles.


Ihr werdet oft in eine Schublade mit Optical/Matrix gesteckt? Wie seht ihr das?

X-Plorer: Natürlich läßt man sich von Quellen inspirieren, gerade wenn du deine ersten Versuche startest. Man hat immer einen Ansporn. Wenn Flugzeug-Ingenieure heute ein Flugzeug bauen, schauen sie sich auch erstmal um, was es bereits gab und was funktioniert hat. Die fangen nicht an, die Vögel zu beobachten.

DeePulse: Es gibt immer Leute, an denen man sich orientiert und wenn man mit diesen verglichen wird, liegt das nahe. Die deutschen Sachen werden sowieso immer doppelt kritisch betrachtet. Wenn ein englischer Produzent so klingen würde wie wir, dem würde man das gar nicht so schnell vorwerfen. Man sucht immer das englische Pendant und stellt dann fest, ob es besser oder schlechter ist.

X-Plorer: Wir waren schon immer sehr selbstkritisch. Teilweise habe ich nicht mal meine eigenen neuen Tracks gespielt. Erst wenn sie reif waren, spielte ich sie. Wenn dann die Reaktionen positiv waren, bekommt man mehr Selbstvertrauen beim Produzieren und fängt an, seinen eigenen Style zu entwickeln. Das war bei uns vor ca. eineinhalb Jahren.


Wie kam der Deal mit Renegade zustande? Auch ein Zeichen dafür, daß jetzt der richtige Zeitpunkt ist?

X-Plorer: Wir haben nie etwas nach England geschickt. Wir haben Clayton (Anm. d. Red.: Chef der T.rouble O.n V.inyl Music Group, die auch Renegade und Renegade Hardware beheimatet) schon damals einfach so die ersten Shake Ups gezeigt. Das war jetzt alles Zufall mit dem Deal. Wir saßen zusammen mit Darrel von Future Cut hier im Hard:Edged Office und der hat „Desert Nights“ gehört. Das fand er cool und meinte, es würde auf die Compilation passen, die Clayton gerade zusammenstellt.

Die Norweger Teebee und Polar (weiteres Beispiel vielleicht jetzt die Essener Tronik 100) veröffentlichten zuerst auf zahlreichen renommierten englischen Labeln und starteten dann erst das eigene Outlet. Angenommen ihr würdet noch einmal von Null anfangen - würdet ihr es jetzt auf diese Art und Weise machen?

DeePulse: Wir sind jetzt da wo wir jetzt sind, weil wir diesen Weg gegangen sind. Man sieht ja auch bei den Leuten, die sich stark nach England orientieren, daß diese keinen eigenen Sound haben. Wenn man von England diktiert wird, hat man die Angewohnheit, sich anzupassen.

Sind deutsche Drum’n’Bass-Produktionen zu verkopft?

X-Plorer: Sie haben meiner Ansicht nach zu wenig im Kopf und zu wenig in den Füßen. Es gibt viele vertrackte Tracks, die niemand begreift und niemand hören kann und dann gibt es Ravetracks, denen der Charakter fehlt, weil sie zu gewollt klingen. Man findet oft viele gute Ideen, aber die Tracks klingen dann nicht fett genug im Club. Das ist schade.

Welche Einstellung habt ihr zum Mastering?

X-Plorer: Man muß zunächst unterscheiden zwischen CD-Mastern und Vinyl-Mastern. Beim Vinyl steht ein Track mehr oder weniger für sich alleine. Da muß der eine Track fett klingen. Bei der CD versuchst du mehrere Tracks gut, aber auch gleich klingen zu lassen. Sonst hast du keinen Fluß drin. Und der Mann bei Calyx Studios hier in Berlin hat aus unserer CD noch einiges rausgeholt. Beim Vinylschnitt solltest du außerdem unbedingt dabei sein. Erst dann hängen die sich richtig rein.

Metro: In englischen Mastering-Studios ist Drum’n’Bass an der Tagesordnung. Die haben die Grundregeln drauf und es kommt lediglich auf’s Finetuning an.

X-Plorer: Was auch wichtig ist: die englischen Mastering-Studios machen einen Testcut und reizen somit alles voll aus.

Metro: Der Durchschnittsmensch hört die feinen Unterschiede vielleicht gar nicht, aber im Unterbewußtsein merkt man es doch. Wenn du im Laden stehst und das ganze auf Kopfhörer anhörst, merkst du wie z. B. bestimmte Sounds Raum bekommen.

X-Plorer: Viele Produzenten denken, daß ihre Platten nicht gut genug gemastert worden sind. Im Endeffekt lag es dann aber zu 80% am Produzenten selber, weil sie einen schlechten Mixdown abgeliefert haben. Wenn der Mixdown nicht gut ist, wird es auf Platte nie amtlich klingen.


Was würdet ihr sonst noch angehenden Drum’n’Bass-Produzenten mit auf den Weg geben?

X-Plorer: Nicht immer denken, daß man ein fettes Equipment mit achtzigtausend Knöpfen braucht.

DeePulse: Gut Ding braucht Weile. Ein Track hat verschiedene Stadien, durch die du dich durchkämpfen mußt. Das Produzieren geht ja auch in ganz viele Bereiche rein, wie z. B. Arrangement, Abmischen oder dann auch das Mastern, was eine sehr komplexe Angelegenheit ist. Als Produzent mußt du viele Bereiche beherrschen können. Das dauert seine Zeit bis du mit der Technik alles so formen kannst, wie du es haben willst und nicht ausschließlich mit Zufallsprodukten arbeitest.

X-Plorer: Es kann aber auch sein, daß du zufällig etwas besseres findest, was dich dann überzeugt. Man kann nicht immer sagen, daß man es nicht dem Zufall überläßt.


Euer Album steht an. Was können die Zuhörer erwarten?

DeePulse: Wir wollten Tracks machen, die nicht nur im Club, sondern auch auf CD noch Sinn machen.

Wird das Album eine bestimmte Aussage haben?

X-Plorer: Pleasure Principles - das ist und war schon immer meine Lebensphilosophie. Ich war schon immer der Typ, der nicht unbedingt an morgen gedacht hat, sondern immer versucht hat zu leben.

DeePulse: Man macht den Sound, der einen glücklich macht...


Wie sind die Downbeat-Tracks auf eurem Album entstanden?

DeePulse: Da haben wir ein klein wenig anders gearbeitet als sonst. Wir haben mit Live-Musikern zusammengearbeitet, die einzelne Instrumentalpassagen eingespielt haben. Das hat sich eher zufällig ergeben.

Wie kam es zu dieser Idee?

X-Plorer: Wir haben fünf Jahre lang Drum’n’Bass gemacht und nichts anderes. Man ist da eben sehr eingefahren gewesen. Ich höre privat nur Funk oder eben Drum’n’Bass. Wir produzieren Drum’n’Bass, weil wir Drum’n’Bass produzieren können. Wir sind älter geworden und als das Album anstand, hatten wir Lust auch mal einen Downbeat-Track zu produzieren. Volkers Bruder ist ein sehr guter Percussionist mit einer Band im Hintergrund, die wir kennen. Uns standen also alle Möglichkeiten offen. Von „Equilibrio” gibt es auch eine andere Version auf der ein Sänger singt, mit dem ich auch auf Tour gehen will - also DJ & MC.

Wird es ein Video zu einem der Album-Tracks geben?

DeePulse: Ja, zu „Trust“. Wir dürfen allerdings die Sängerin nicht zeigen, da sie bei einem Major unter Vertrag ist.

X-Plorer: Sie wird auch unter einem anderen Namen bei uns auftauchen, da der Major gerade versucht ihr ein bestimmtes Image zu verpassen, das wir mit einem Drum’n’Bass-Track zerstören würden. Clayton z. B. wollte den Namen „X-Plorer & Dee Pulse“ auch exklusiv haben. Dann hätten wir aber nirgendwo anders releasen können und das wollten wir nicht. Zuerst haben wir uns ein paar andere Namen überlegt. Währenddessen ist uns aufgefallen, daß wir das gar nicht wollen, da wir mit Neutrik und 4 Red Eyes schon zwei andere Namen hatten, die wir gar nicht mehr haben wollen. Es ist schwierig genug, einen Namen be-kannt zu machen.

DeePulse: Man war eben auch verunsichert, hat mehrere Styles ausprobiert und für jeden einen anderen Künstlernamen benutzt. Jetzt haben wir eben unseren Style gefunden.


Ihr habt euren Style gefunden, ihr habt euren Namen gefunden, ihr habt ein starkes Label im Hintergrund... Die Zeichen stehen günstig. Was fehlt noch zum Nr. 1 Hit, wie das Kosheen z. B. mit „Hide U“ in den Benelux-Ländern geschafft haben?

DeePulse: Du kannst Erfolg haben, wenn du aus Brasilien, Australien oder Japan bist. Das ist der Exotenbonus. Wenn die Engländer denen gegenüber Akzeptanz zeigen, erhoffen sie sich, selber vielleicht ein paar Gigs in diesen Ländern zu bekommen.

X-Plorer: Bryan Gee und JJ Frost zum Beispiel haben schon überall in Deutschland gespielt und werden immer noch ständig nach Mannheim gebucht. Die haben dort schon ihren BMW bezahlt bekommen. Die bringen doch lieber eine Brasil EP raus und touren dann durch Brasilien.


Was glaubt ihr warum Mannheim oder Bremen von vielen deutschen Künstlern eher gemieden wird?

X-Plorer: LifeLine aus Bremen z. B. versuchen eine Szene aus England zu verkaufen. Die wollen den Laden voll bekommen, indem sie DJs von außerhalb buchen, genau wie in Mannheim. Die haben sich nie für eine deutsche Szene interessiert. Was irgendwo auch wieder dumm ist. Denn deutsche DJs kosten im Vergleich weniger. Wenn sie vor Jahren angefangen hätten, eine lokale Szene zu pushen, wäre das auf Dauer für sie finanziell gesehen besser und ebenso für die deutsche Szene. Wenn ich mehr Bookings habe, habe ich mehr Geld und dafür kaufe ich mir keinen BMW, sondern einen neuen Kompressor, um meinen Sound zu verbessern. Die schenken den Engländern das Geld, anstatt die eigene Infrastruktur zu verbessern.

Metro: Sie haben leider irgendwann den Fehler gemacht, es einseitig zu lassen. Der eine hat sich mit dem anderen gezofft, es ging darum, wer hat bessere Line-Ups, größere Events usw. Ich habe es selber miterlebt, wie es auf der Meditation abläuft und das war einfach traurig. Diese Großevents haben sie irgendwann nicht mehr unter Kontrolle. Groß-Raves dürfen eigentlich nur One-Offs sein. Wenn du dich darauf aber versteifst, botest du dich selber aus, ohne es zu merken.

X-Plorer: Als DJ konntest du immer besser auf die Leute eingehen als ein Engländer. Der haut dir ein London-Set mit zehn exklusiven Tracks um die Ohren, die die Masse eigentlich nicht versteht. Mit einer coolen Selektion, zu wissen was man spielt und was man nicht spielt, kannst du viel mehr erreichen als ein Engländer. Dieser ist oftmals sogar noch völlig überarbeitet, weil er seine vier Gigs pro Woche hat und ein halbes Jahr im voraus ausgebucht ist. Das Problem ist auch, daß du jetzt als DJ dafür bluten mußt. Wenn sie dich dann irgendwann mal buchen wollen, sagen sie, wir haben so viel Geld für die Engländer ausgegeben, wir können dir nicht mehr bieten als so und so viel.

Metro: Das artet dann wirklich in Perversionen aus. DJs legen auf bekannten Großraves für Fahrtkosten und Unterkunft auf, nur damit sie dort auflegen können. Und die Promoter sagen dann auch noch: die können froh sein, wenn sie hier spielen dürfen. Ich fühle mich persönlich gedisst, wenn mir einer so etwas erzählt. Dafür mache ich das alles einfach viel zu lange.

X-Plorer: Und was machst du dann? Ich will ja auch mein Album promoten. Da gehört verdammt viel Straightness, Dickköpfigkeit oder auch Blauäugigkeit dazu, um das wirklich alles weiter durchzuziehen und nicht zu sagen: ich habe jetzt die Schnauze voll, gehe nach Teneriffa und helfe meiner Stiefmutter beim Alte-Menschen-Pflegen.


Wie sieht eure Zielsetzung aus? Wo wollt ihr alle eines Tages angelangt sein?

Metro: Wenn du anfängst darüber nachzudenken, wirst du eher pessimistisch. Allein die Verschickung der LP kostet schon so viel, wie im schlechtesten Fall reinkommt. Du machst es aber trotzdem, weil du daran glaubst. Was Promotion, Budget für’s Video usw. betrifft, versuchen wir das in einem kleinen Rahmen zu machen, was ein Major in einem großen Rahmen machen würde. Bei einem Major ist eben immer die Gefahr, daß du ganz schnell fallen gelassen wirst. Das Budget ist verbraucht, keiner kümmert sich mehr um dich und im Underground hast du auch deinen Status verspielt. Man sollte nicht versuchen, sich irgendwelche Ziele zu setzen, von denen man dann so maßlos enttäuscht ist, weil man sie nicht erreicht hat. Gerade bei Drum’n’Bass kann es sehr lange dauern, bis der Durchbruch kommt.

Vielen Dank für das Interview!


Discographie Hard:Edged (Hedge):
001 - One:Soul - gold / Gold (03.98)
002 - Interrupt - Fairyland / Paralyzing Substance (05.98)
003 - 4 Red Eyes - Another Way / Rhythm Beast (Sunstrip) (09.98)
004 - One:Soul - Devils / Beaty (07.98)
005 - Hexer - Paradoxon1 / Paradoxon2 (10.99)
006 - 4 Red Eyes - Oblivion / Just 4 Fun (11.99)
007 - Neutrik / Kabuki - Full Contact / Vendetta (05.00)
CD 001 - V. A. - Berlin Revelation Mode (06.00)
008 - X-Plorer & Dee Pulse / One:Soul - Helium / Insekz (08.00)
009 - 4 Red Eyes - Revolve / Robotalk (10.01)
010 - One:Soul - Spend The Night / Buggin’ (11.01)
Forthcoming:
010R - One:Soul - Spend The Night
(Total Science Rmx / Kabuki Rmx) (04.02)
011 - Pentagon - Zero Gravity / Friday Night (05.02)
X-Plorer & Dee Pulse - Reflect / Equillibro
X-Plorer & Dee Pulse - Pleasure Principles CD/LP

Discographie Shake Up:
X-Plorer & Dee Pulse - 2nd Round / Voices (Shake Up 01)
R:A vs. Hexer - Compress / Compress (S’Apex Rmx) (Shake Up 02)
Neutrik - Blind Date / Drops (Shake Up 03)
(Blind Date Videoclip von Almost Sync.)
X-Plorer & Dee Pulse - 1999 / Escape (Shake Up 04)
Neutrik - D-Generation / X-Generation (Shake Up 05)
4 Red Eyes - Signal / Profile (Shake Up 06)
X-Plorer & Dee Pulse - El Nino / Funkemotions (Shake Up 07)
X-Plorer & Dee Pulse - Joker / Orkwalk (Shake Up 08)
V. A. - Shake Down 2001 (Shake Up 09 CD)
Neutrik - The Rock / Solar Storm (Shake Up 10)

+ X-Plorer & Dee Pulse / Neutrik / 4 Red Eyes:
Hard:Edged & Shake Up s. o.
X-Plorer / Dee Pulse - The Message / In The Air (Case Invaders 01)
X-Plorer & Dee Pulse - Mad Skillz / Trainspotting (Case Invaders 03)
Neutrik - Psycho Flash / Code 2001 (Case Invaders 05)
X-Plorer & Dee Pulse - Re-Build / E-Razor (Gyration 03)
X-Plorer & Dee Pulse - Avalanche (Renegade)
Compilations (Selection) :
X-Plorer & Dee Pulse - Difference (Motor / Case Invaders)
X-Plorer & Dee Pulse - Urban Takeover (Groove Attack)
X-Plorer & Dee Pulse - Escape (Sound of Cologne II)



Interview by Lightwood & Simon.
Erschienen in ouk 036, April/Mai 2002. www.ouk.de [1]


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