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Fabio

Von der Freestyle Anarchie der Piratensender und illegalen After Hours im Mendoza's in Brixton, London, zu den matschigen Feldern der britischen Rave-o-lution zu der Schöpfung des Drum'n'Bass Sounds im Rage @ Heaven zur Rettung des Sounds im Speed bis zu eines der stolzesten Momente Englands, die Metalheadz Crew, DJ Fabio ist derjenige, der's gesehen, getan und mit geschaffen hat.

Mit seinem Namen muß man mehr verbinden können als eine bloße Vorliebe für weit ausgerichtete, ozeanische Hoch- und Tiefgänge des Typus LTJ Bukem. Von Fabio kann man nicht behaupten, daß er nur zur alten Garde gehört, Fabio ist die alte Garde auf die sich alle, Goldie inklusive, beziehen!

Als Mitstreiter des großen DJ Grooveriders und Kollege von LTJ Bukem fungierte Fabio zu den Schlüsselzeiten in der musikalischen Evolution als Mitverantwortlicher für neue Richtungen. Er ist Zeuge der Veränderungen und Verzerrungen eines Beats, das in den späten Achtzigern entstanden ist und in den letzten sieben Jahren solch dynamische Formen wie selten eine andere Musikkultur annahm.

Er hat erlebt, wie die Musik seinen Credits enterbt wurde und wie sie zu spät auf einen oberflächlichen Thron von den Heeren von "Möchtegerns" emporgehoben wurde. Er hat am eigenen Leib gespürt, wie hart man um Anerkennung und Integrität kämpfen mußte und wie aus einem Tag in einem kleinen Piratensender im Süden von London zehn Jahre wurden über die er kein Resümee ziehen vermag.

Fabio ist der leibhaftige Jazzman, der Blueser, der uns irgendwann aus der Seele spricht, vorausgesetzt wir sind noch auf unsere Seele eingestimmt, denn Märchen sind nichts für Erwachsene!

Seit über zehn Jahren bist Du Zeuge des Werdegangs der elektronischen Tanzmusik, insbesondere der Variante Drum'n'Bass oder Breakbeat, was auch immer... Wenn Du so zurückblickst: wo sind die Hauptunterschiede zwischen damals und heute?

Fabio: Heutzutage ist es richtig harte Arbeit! Ich liebe es zwar immer noch und ich freue mich über was aus Drum'n'Bass geworden ist. Die Liebe ist immer noch vorhanden, nur befindet sich das Ganze auf einer völlig anderen Ebene.

Damals als ich und Grooverider im Mendoza's in Brixton gearbeitet oder auf den Sunrise Raves aufgelegt haben, bekamen wir teilweise nur 40 Pfund (umgerechnet: ca. DM 120,-) für den ganzen Abend. Es kümmerte uns nicht wieviel Geld wir für das Auflegen bekommen würden. Nichts, was wir getan haben, war wirklich genehmigt.

Wir sind in Lagerhäuser eingebrochen, haben Sound Systems auf Bauernhöfen aufgestellt - die wußten auch nicht was los war, als sie Mitten in der Nacht von 10,000 Tanzende in ihrem Hinterhof geweckt wurden. Wir mußten vor der Polizei flüchten, mit Plattenkisten; ich bin sogar mal in ein Graben gefallen, aber es hat Spaß gemacht. Es war eine ganz besondere Art verrückter Energie!

Nur dachten wir, daß diese Zeit sowieso bald vorbei sein würde und, daß wir uns normale Jobs suchen müßten. Damals sahen professionelle DJs ganz anders aus: mit Sonnenbrille und Lionel Richie Sammlungen. Als ich mit Grooverider anfing im Mendoza's in Brixton aufzulegen, teilten wir uns die Tür und das Auflegen. Ich war eine Stunde an der Tür, Groove spielte unten, dann übernahm ich an den Plattenspielern und er machte die Tür. Wir waren auch stinke arm teilweise, so hart ging's uns.

Nur irgendwann fingen wir an, Geld zu machen und mußten uns überlegen, wie wir die Steuersituation regeln sollten. Wir machten uns Gedanken über eine Agentur und Groove Connection wurde geboren. Damit erreichten wir ein völlig neues Level. Aber es ist trotzdem harte Arbeit. Groove, z.B. arbeitet wahnsinnig hart. Ich habe manchmal das Gefühl, ich brauche einfach mal eine Pause.

Wir waren neulich in Japan und ich war schon 36 Stunden wach und war kurz vor dem Ende und Groove sagte zu mir: "Komm schon, Du mußt ein Soldat sein, Du mußt weiter kämpfen", das mich so ermutigt hat...

Daß sich die Musik in der Zwischenzeit auch geändert hat, braucht man ja kaum zu erwähnen...

Fabio: Als Grooverider und ich im Rage auflegten, war die Situation schon einzigartig. Daz Saund hat immer mit einer Stunde Techno begonnen, dann kamen wir dran, dann Colin Faver wieder mit einer Stunde Techno und dann zum Schluß wir wieder. Es funktionierte. Das Publikum war für alles zu haben: frühe Detroit Nummern, Chicago House und Breakbeats.

Damals bewegte sich alles um die 120 bpm und man konnte eine durchgehenden Set spielen, ohne die Geschwindigkeit zu variieren. Das größte Problem lag darin, daß sich die Beats änderten. Grooverider und ich fingen an, die Beats zu beschleunigen: wir mischten Hip-Hop Breaks auf 45 in die Tracks rein... Jungle war einfach von sich aus schneller.

Nur bildeten sich dann irgendwann zwei Lager: die einen wollten Techno in seiner reinsten Form, die anderen wollten den Jungle Sound. Wir hatten eine Mission. Wir erkannten, daß diese Musik so viel Potential hat, auch wenn sie in ihrer Ästhetik etwas roh war. Man wird nie wieder so eklektisch auflegen können wie damals; das Publikum war aber auch viel kritischer im Rage und wenn Du nicht das richtige gespielt hast, warst Du draußen. Selbst Carl Cox hat's dort nicht geschafft.

Wollte nicht Goldie letztes Jahr so eine Art Rage im Heaven wieder starten?

Fabio: Ihm wurden 4 Abende im Jahr mit einer Konzession für die ganze Nacht angeboten, aber nicht mehr. Er konnte also nur an Abenden vor Feiertagen den Club haben. Deswegen hat er sich auch mit den Besitzern ständig in die Haare gekriegt: die kapieren diese Musik immer noch nicht.

Jahrelang haben sie Rage regelmäßig gehabt, waren quasi dafür mit verantwortlich, daß es Drum'n'Bass überhaupt gibt und sie verstehen es immer noch nicht.

Drum'n'Bass ist halt kein Superclub Phänomen wie House!

Fabio: House Music ist aber in ganz großer Gefahr. Genau die Superclubs waren daran schuld, daß House so kaputt ist wie jetzt. House ist so kommerziell geworden, daß es von niemandem mehr ernst genommen wird. Ich liebe nach wie vor noch Deep House aber leider hat Handbag House die Führung übernommen und das widert mich an; es ist irgendwie die billigste Form der Musik und es hat alles aus dem Weg geräumt.

Noch schlimmer ist die Tatsache, daß vor 10 oder 15 Jahren Prolls sich den Freitag und Samstag in den Pubs um die Ohren geschlagen haben. Jetzt findest Du sie in jedem House Club vollkommen besoffen und unerzogen. Der Untergrund hat damit nichts zu tun. Drum'n'Bass wird auch nie auf die Bühne in Cream. Wenn's das macht, werde ich mir wohl wieder ernsthafte Gedanken machen, ob ich nicht aufhören sollte. Aber es wird nicht so weit kommen. Schließlich sind wir diejenigen, die diese Musik in der Hand haben.

Leidet Dein Label Creative Source, das einen melodiöseren Profil hat, unter der Flaute nachdem das Speed Club mit Dir und LTJ Bukem zumachte?

Fabio: Nein, Creative Source geht es besser denn je. Wir werden demnächst mit Veröffentlichungen von Hidden Agenda, - ein schimmerndes Stück Techno - einer LP von Big Bud und sogar Tracks von Peshay auf den Markt kommen.

Creative Source ist das aller wichtigste für mich momentan. Ich will etwas, das den Leuten noch zeigt, daß da draußen auch etwas anderes läuft. Viele haben aufgehört aber ich bleibe noch dabei weil ich an diese Musik glaube. So lange mir auch Leute schreiben, wie gerne sie meine Musik hören und mich auf meiner Radio Show anrufen, habe ich kein Problem damit.

Früher habe ich den Detroit Sound gespielt, heute diesen Sound und es gibt immer noch Elemente in der Musik mit denen ich nichts anfangen kann. Ich will halt auch vermeiden, daß diese Musik den industriellen Weg geht, befürchte aber, daß das sehr leicht passieren kann.

Wiederum würde ich mich nie weigern gewisse Tunes der härteren, experimentellen Schiene zu spielen, siehe Photek oder Krust, zum Beispiel. Bis zum gewissen Grade kann ich mich schon mit harten Tracks anfreunden, mit einigen Tracks dieses Genres aber gar nicht!

Ich liebe Grooveriders Sound, und ich kann mich auch wenden und Dannys Sound lieben. Das Problem liegt darin, daß diejenigen, die mit dem Grooverider Sound fahren, hassen den Bukem Sound und umgekehrt. Wieso? Hört Ihr nicht, was hier los ist? Der einzige Grund, weshalb bestimmte Leute bestimmte Sounds hören, ist weil sie Teil einer Clique sein wollen.

Vor einem Jahr spielten Danny, ich und Grooverider alle auf demselben Line-Up. Ich habe lange nicht mehr mit Danny aufgelegt. Auch London braucht ein Ort, wo man diese Musik noch hören kann. Ich weiß auch, daß es immer Leute geben wird, die das hören wollen, was ich ihnen zu bieten habe.

Hast Du inzwischen Tracks produziert und/oder veröffentlicht?

Fabio: Vor Jahren haben ich und Grooverider mal ein Track produziert, das Rage hieß. Aber eigentlich fange ich gerade erst an, mich ins Studio zu setzen. Ein paar von den Remixen auf Creative Source habe ich gemacht. Irgendwie ist es cool, weil inzwischen werden mir Deals von Majors angeboten, ohne daß ich einen einzigen Stück produziert habe. Ich weiß ja nicht ein mal, ob ich im Studio überhaupt was tauge.

Ich will auch das Risiko gar nicht eingehen, also warte ich bis ich mein Kram hingekriegt habe. Ich denke ich werde es auch so "real" wie möglich halten und auf Creative Source rausbringen. Das soll ja schließlich mein Label für mich sein. Aber, ja, Produktion ist die nächste Stufe. Ich bin halt kein Computer Nerd wie Grooverider, deswegen ist eines schon mal sicher: wenn ich mir die Studioausrüstung zulege, dann wird er da sein und mir beim aufbauen helfen, die Kabel legen usw...

Grooverider scheint jetzt fest bei Sony integriert zu sein. Wird auch Fabio an diesem Major Erfolg teilnehmen?

Fabio: Grooverider hat immer noch Prototype. Viele der Drum'n'Bass Jungs haben ihre Labels beibehalten. Solange sie ihre eigenen Labels führen, halten sie ihren Kontakt zum Untergrund aufrecht.

Vorher wurden einige Leute abgerippt sie sich den Majors voll und ganz hingegeben haben. Dagegen sagten Grooverider und Photek "Nimmt mein Label, sonst bekommt Ihr den Deal nicht!". Die Majors sind so heiß darauf, diese Musik zu bekommen, daß sie mitgemacht haben. Wir haben wirklich die Kontrolle. Mich wird das aber nicht betreffen. Ich mache, was ich mache und Grooverider macht halt sein Ding.

Viele Leute fragen mich, ob was Grooverider macht wirklich in Ordnung ist. Ich habe zugesehen, wie Groove kämpfen mußte. Ich habe es mitgekriegt, wie er gar nichts hatte. Einfach nur dadurch, wie ich mitbekommen habe, was dieser Mann durch harte Arbeit, Ehrlichkeit und Glauben erreicht hat, läßt in mir kein anderes Gefühl außer Respekt für ihn hochkommen.

Ich habe auch schon einige Tracks von seiner neuen LP gehört und ich kann Dir nur sagen, es ist "Different Shit". Er hat wieder diesen Old School Sound aufgegriffen und es ist komplett anders.

Du wolltest eine Karriere als Sänger mal beginnen. Ist daraus inzwischen etwas geworden?

Fabio: Eigentlich wollte ich ja von vornherein Sänger werden. Nein, eigentlich wollte ich unbedingt in die Musikbranche. Als Sänger wenn es sein mußte. Irgendwie ist es auch nie passiert. Vielleicht hatte ich einfach nicht das Selbstbewußtsein hatte, um vorzusingen. DJ en war das letzte, was ich mir vorgestellt habe.

Wie man gesehen hat, bin ich aber auch nicht mehr zum singen gekommen. Ich weiß nicht, Cleveland Watkiss hat auch meine Ideen bezüglich des Singens total gesprengt. Er trifft ziemlich hohe Noten, Mann! Ich denke mal, daß wenn ich einen Vocal Track irgendwann mache und ich dazu einen Sänger brauche, dann werde ich das wohl sein, der auf dem Fabio Vocal Track zu hören ist. Das ist überhaupt nicht außer Frage gestellt. Was nur fraglich ist, ist wie sich das anhören wird, wenn ich in zehn Jahren auf der Bühne stehe mit einer Lederhose an und meine Hüfte kreiseln lasse?

Wo würdest Du Dich gerne in zehn Jahren sehen?

Fabio: Mich auf meinen Lorbeeren ausruhend. Vielleicht mache ich noch ein paar Tracks für mein Label, das zu diesem Zeitpunkt recht gut läuft. Vielleicht lege ich ab und zu mal auf, hier und da. Ich denke, ich hoffe ich muß mich in zehn Jahren nicht mehr mit dem Auflegen zufrieden geben.

Ich denke, daß ich bis dann weiter gekommen bin. Obwohl ich auch manchmal jetzt das Gefühl habe, daß ich immer noch nicht richtig von der ganzen Situation Bilanz gezogen habe! Ich komme mir immer noch vor, als sei das alles nur ein Traum!

Das Interview führte Oli Koehler für TRAXX

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