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"KRANK? MEHR DAVON!"
A little "hello" to Breakcore


Wagt man es, sich dem Begriff “Breakcore” journalistisch zu nähern, dann hat man ein noch größeres Problem als bei jeder anderen Musikgattung – und das nicht nur, weil es kaum einen kleinsten gemeinsamen Nenner auszumachen gilt. Die einzige Regel scheint zu sein, keine starren Regeln zuzulassen. „Do It Yourself“-Unabhängigkeit wird hier noch groß geschrieben (eine gewisse Verweigerungshaltung inklusive), und überhaupt wäre es nicht nur dem harten Kern, sondern dem Großteil der „Breakcore“-Szene lieber, wenn man unbeobachtet von medialen Scheinwerfern im Dunkel dahin werkeln könnte. Wir haben diesmal die Außenposition verlassen und jemanden zum Thema Breakcore befragt, der seit den Anfängen zu Beginn der 1990er Jahre kräftig mitmischt. Der Grazer Daniel Erlacher aka "Eiterherd" hat einiges zur Entwicklung und zum aktuellen Status Quo von „Breakcore“ zu sagen.

Was sind für dich die wichtigsten Eckpunkte für Breakcore in Österreich?

Zuerst einmal eindeutig DJ Pure in Wien mit seinen Reflex-Partys im Flex und in der Arena. Damals war halt Breakcore als Begriff noch kein Thema, aber von der Einstellung her – also Mix von Speedcore, Jungle, Acid, Gabber, Doomcore etc. – war das sehr wohl dem ähnlich, was ich heutzutage unter "Breakcore" verstehe.

Ich verstehe darunter nämlich keine Genrebezeichnung, sondern schließe mich hier gerne Christoph Fringeli an, der es "eine hybride Strategie, die sich durch den Charakter der Experimentierfreudigkeit auszeichnet" nennt. Also in dieser Szene darf ich Eighties mit harten Jungle-Beats und Country und Noise in einen Track packen und bekomm’ dafür Respekt. Offene Ohren – Offenes Denken! Das bekommt man nur selten in die Wiege gelegt, dazu wird mensch meist erst sozialisiert.

Das war auch bei mir so, und da hatten DJ Pure und seine Veranstaltungen ab 1993 für mich einen ziemlichen Einfluss. Auch die Entwicklung in Graz hat mich sehr beeinflusst: 1993 gab es die erste Jungle-Party Österreichs mit MC Navigator. Das war damals für mich was komplett Neues und ich wusste nicht mal, wie mensch sich dazu bewegen kann. Es hat mir aber gefallen und mich ebenso beeinflusst wie Alec Empire live im Teatro Graz 1994 bei einer Veranstaltungsreihe namens "Phaze", die jedes mal musikalisch sehr unterschiedliche DJs und Acts gefeatured hat.

Diese frühen Raves und meine Mitarbeit im ersten Grazer Plattenladen „ACE Records“, wo auch viele gute Platten aus dem Wiener NOW Records (Tina303 und LX) importiert wurden, haben mich dann 1996 schließlich mit meinem Partner Gwal das „Widerstand“-Plattenlabel starten lassen und meine erste Veröffentlichung als Eiterherd mit beeinflusst.

Und Deutschland? Digital Hardcore Recordings, oder Berlin generell…?

Genau. DHR in den Anfängen bis etwa 1998 – dann wurden die eher Mainstream. Beim Thema Frankfurt gilt es vor allem natürlich PCP – „The Mover“ und Co. zu erwähnen, denn die haben Doomcore, Speedcore und mit ihrem "White Breaks"-Label auch Jungle- und Ravetunes veröffentlicht. Für mich auch ein wichtiger Einfluss. Seit 1996 hatte Widerstand den deutschen Vertrieb Soundbase Music in Leipzig als wichtigen Partner. Dadurch ergaben sich auch viele Connections nach Deutschland – im Osten wie im Westen.

Ganz grundsätzlich gibt es jeden Tag und überall bahnbrechende Entwicklungen, ob wir oder die Welt etwas davon mitbekommen, ist eine andere Frage. Musik entwickelt sich ständig weiter.

Um das nochmal klarzustellen: Ich weigere mich, Breakcore als Genre zu definieren – wie das viele in der Szene tun – denn für mich ist Genredenken immer auch Scheuklappendenken, und so was lehne ich generell ab. Musikalisch, wie auch politisch.

Wie siehst du den Wandel von der autonomen DIY-Szene hin zum "alternativen Kommerz"? Vorteile und Nachteile aus deiner Sicht?

Ich würde sagen, dass immer beides existieren wird. Im November spiel ich in Erfurt/Thüringen wieder mal in einem besetzten Haus. Zu Silvester spiele ich in Belgien auf einer großen Party, die man durchaus auch als "alternativ, aber kommerziell" bezeichnen kann.

Für mich ist beides möglich, solange die Promoter gute Line-Ups, gute Locations und generell eine gute Einstellung haben.

  "Musical time is radically different from the time in capital in which our public life proceeds ...
Musical duration is measureable only in terms of sensibilites, tensions and emotions..."

Eine Kommerzialisierung wie bei Gabber/Hardcore oder im Drum’n’Bass empfinde ich da als unmöglich, denn ich denke, dass das einfach nicht mit dem experimentell-anarchistischen Charakter dieser "Szene" vereinbar ist. Das, was sich daraus zu Kommerz entwickelt – à la Alec Empire zum Beispiel – ist für die meisten dann eben nicht mehr so interessant und man merkt, dass sich die Musik den kommerziellen Strukturen anpasst, sprich den experimentellen Charakter verliert).

Sind Underground und Mainstream überhaupt noch Gegenteile? Und wie kann man die ideale der Kapitalismus-Kritik aufrechterhalten, wenn man selber schauen muss, wie man zu einem lebenserhaltenden Einkommen kommt?

Mein Rezept dazu: nicht von der Musik leben wollen. Ich mache viele andere Sachen und betrachte die Musik immer als Passion – als Ventil – als Kunstform.

Als sehr politischer Mensch versuche ich nicht nur bei Veranstaltungen wie dem Elevate Festival durch ein umfangreiches Politprogramm Bewusstsein zu schärfen, sondern ich bin tagtäglich an Politik interessiert, blogge bei g24.at und diskutiere mit vielen Menschen weltweit. Der Soundtrack dazu nennt sich "Breakcore".

Wenn mensch mit Musik Geld verdienen möchte, ist das völlig legitim, nur dann sollte man sich die Zunge nicht an Begriffen wie "Underground" verbrennen. Denn den gibt es nur "for real" und nicht im Kommerz.

Woran krankt die Szene? Wo gibt es Probleme? Zu viele "Pop"-Einflüsse, zu viel Schielen auf breiteren Massenappeal? Ausverkauf?

Krank? Sehr gut! Mehr davon! (lacht...) Pop? Sehr gut! Mehr davon! 80s-Trash, 90s-Dancefloor-Techno! Gimme more!!! Ausverkauf? Jeder wie er/sie will.

Gibt’s die Free-Party-Szene in Zusammenhang mit "Breakcore" noch, und wenn ja, in welcher Form und wo?

Wenn es DJs bei Soundsystemen gibt, die einen sehr breiten Stilmix und experimentellen Charakter der Monotonie von Hardtek oder dergleichen vorziehen, dann ja. Ich denke es gibt genügend Systeme mit DJs, die nicht nur Tek spielen! Auf großen Teknivals wie Czechtek und Co. sieht und hört man zum Beispiel immer das ganze Spektrum.

Ab wann und vor allem wie hat sich das Publikum auf den Partys geändert?

Ich kann hier zwar hauptsächlich nur für Graz sprechen, aber auch bei vielen anderen Partys, die abwechslungsreichen Sound bieten – manchmal auch Breakcore Partys genannt) – ist meistens ein sehr breites Spektrum von Menschen präsent. Von der Deathmetal-Matte bis hin zum kleinen Rave-Hörnchen ist alles dabei. Da hat sich aus meiner Sicht in den letzten Jahren nicht allzu viel verändert. Uniformität ist immer langweilig, deshalb bin ich froh über ein buntes Publikum jeden Alters.

In welche Richtungen wird sich das Genre deiner Meinung nach entwickeln? Gibt’s musikalische Strömungen, die in den letzten Monaten auffallend oft Verwendung fanden? Neue Substile? Wo ist die Avantgarde zu finden?

Hmm, schwierig, schwierig. Aus meiner Sicht gibt es heutzutage eine schier unüberblickbare Flut an guter Musik, egal ob total experimentell oder super catchy. Der individuelle Geschmack und der eigene Stilmix beeinflussen natürlich den/die Produzent/in immens. Ich denke dass zurzeit jede/r sich selbst und seine/ihre individuelle Richtung finden kann und soll.

Der Weg ist das Ziel.

Wie wichtig ist der Zusammenhang mit politischer Attitüde aus deiner Sicht heute noch? Hat sich die Spaß- und Unterhaltungsindustrie-Fraktion die Szene schon einverleibt oder gibt’s noch Freiräume abseits der medialen Scheinwerfer?

Es hat immer beide Fraktionen gegeben und es wird sie auch immer geben. Das ist auch gut so. Ich bin ein sehr politischer Mensch, Fringeli zum Beispiel auch. Jason Forrest ist eher auf Spaß und das Musikalische aus. Auch gut. Ich mache 80s-Remixes und hab auch meinen Spaß.

Die Frage ist eher: Wie viele politisch denkende Musikhörer/innen sagen auch ihre Meinung und sind zu politischem Diskurs fähig?! In Graz zum Beispiel kann ich mich mit Clemens Neufeld, der musikalisch ganz anders sozialisiert ist, hervorragend über Politik unterhalten.

Damit will ich sagen, dass man politisches Denken nicht in Musikgenres drängen kann. Beim Thema "Breakcore" schon gar nicht, denn da gibt es ja sogar intern einen großen Diskurs.

Und damit verbunden: Gesellschaftskritik versus Eskapismus durch Musik? Wie ist deine Meinung dazu?

Ich bin der Meinung, dass kritische, weltoffene Menschen durchaus auch musikalisch mehr in die Tiefe gehen können und auch fähig sind, Experimentelles zu verstehen und gern gleichzeitig denken und hören. Musik als Betäubungsmittel nach dem "harten Tag in der Hak’n (sic!)" hat auch seinen Sinn und seine Berechtigung. Andererseits kenne ich zum Beispiel auch viele "Hakler", die sehr gern die irrsten Breakz hören. Generell finde ich es aber enorm wichtig, sich zur Entwicklung der Gesellschaft und zur politischen Lage Gedanken zu machen und nicht passiv und inaktiv dahin zu wappeln.


2007 ist auf Widerstand Records eine DVD mit dem Statementvideo „Notes on Breakcore“ erschienen, die seit Anfang 2007 über als Torrent erhältlich ist und auch auf YouTube [1] angeschaut werden kann. David Kleinl und Bert Könighofer versuchen darin in 30 Minuten dem Thema „Breakcore“ auf den Grund zu gehen.

Text: Sebastian Veronesi
Der Text erschien im resident [2] Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.


Ihr habt Kommentare / Fragen? Diskutiert das Interview im Future Forum [3]!

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