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Mist:I:Cal - "Wir waren nie der Mainstream von Drum'n'Bass"


Es sind einige Monate vergangen, seit der Produzentenzirkel Mist:i:cal (bestehend aus Marcus Intalex, ST Files, Calibre und MC DRS) mit dem Track und gleichnamigen Konzeptalbum „The eleventh hour“ ein Statement zum heutigen Stand von Drum´n´Bass abgegeben hat. Was die für gewöhnlich recht Interview-scheuen Marcus Intalex und Calibre dazu zu sagen haben, hat resident bei einem Gig in Frankfurt ausgehorcht.

Calibre, von Anfang an war deine Interpretation von Drum´n´Bass eine völlig andere als bei anderen Produktionen: Du arbeitest ziemlich reduziert und roh und meist mit sehr wenigen Sounds - lag das zunächst an den Grenzen, die dir dein Equipment auferlegt hat, oder war dieser damals völlig neue Stil deine Intention?

Calibre: Natürlich haben die eingeschränkten Möglichkeiten der Technik am Anfang meine Produktionen diktiert. Aber das ist nicht der alleinige Grund, denn wenn man etwa an DropZone oder Squarepusher denkt, merkt man, dass die mit wahrscheinlich ähnlich schmalen Möglichkeiten einen ganz anderen, viel fetteren oder auch wesentlich komplexeren Sound produziert haben.

Ich brauche keine zwanzig Beat-Edits in zwei Takten, ich nähere mich meinen Stücken eher im traditionellen Sinne und arbeite aus einem Gefühl heraus – echtes Songwriting eben. Für mich hat das nichts technisches, das Ganze ist ein emotionaler Prozess.

Ich arbeite allein für mich, da ich niemals etwas tun könnte, was mir keinen Spaß macht. Mich beeindrucken deshalb auch Leute wie Stockhausen oder John Cage, die nicht auf vorgegebene Grenzen achten und einfach völlig frei und kreativ arbeiten.

Da stellt sich die Frage, ob ihr überhaupt die Absicht habt, den Geschmack der Leute zu treffen. Die Mehrheit der Produzenten versucht schließlich, so viele Platten wie möglich zu verkaufen. Das führt zu einer gewissen Uniformität, viele Sachen klingen gleich. Wie steht ihr dazu?

Calibre: Ja, im Prinzip wird ein gewisser Druck aufgebaut: Ein neues Talent, das erst ein Mal innovativ ist und genau dafür geschätzt wird, gilt für eine gewisse Zeitperiode als der Größte und Beste. Doch dann kommt der nächste Hype, und die Produzenten sehen sich in einer Situation, in der sie „nachlegen“ müssen. Also verändern sie ihre Sichtweise und beugen sich den Anforderungen, die die derzeit vorhandene Crowd vorgibt...

Marcus Intalex: ...was ziemlich naiv ist. Der größte Faktor ist wahrscheinlich, dass viele, anfangs durchaus innovative Produzenten irgendwann mehr und mehr DJ-Jobs bekommen und sich mit der Erwartungshaltung des Publikums konfrontiert sehen. Dann werden die Produktionen automatisch uniformer und Dancefloor-orientierter, da sie natürlich die Crowd nicht enttäuschen wollen. Die ganzen alten Hasen haben sich inzwischen einen gewissen Lebens-Standard erarbeitet, den sie auf gar keinen Fall verlieren wollen. Für die meisten Top-DJs ist es nichts anderes als ein Job, und deswegen werden die unter gar keinen Umständen von ihrer bereits etablierten Erfolgsformel abweichen. Ich kann und will so nicht arbeiten, verstehe aber durchaus, warum das genau so passiert.

Gibt's denn heute nur noch eine allgemein gültige Formel, um die Crowd zu rocken? Liegt die Schuld an fehlenden Innovationen zum Teil nicht auch am Publikum?

Calibre: Wenn man es global sieht, gibt's sowieso nichts wirklich Neues mehr – alles war in irgendeiner Form schon mal da. Neue Sounds beruhen auf der Sichtweise und der Erfahrung der Zuhörer. Wenn ich heute ein mir unbekanntes Soul-Stück oder etwas von Strawinsky oder Vivaldi höre, dann ist das für MICH neu – für andere vielleicht nicht. Man darf das ganze Innovationsthema nicht überreizen. Wir machen „nur“ Dance-Music, weil wir es lieben, und viele Leute verstehen nicht, dass das Format Drum´n´Bass alleine kein Freibrief für Innovationen sein kann.

Marcus Intalex: In gewisser Weise liegt's aber auch am Publikum. Das Publikum ist sehr bestimmend, es gibt eine Erwartungshaltung vor. Und wenn diese nicht erfüllt wird, hat es der DJ schwer. Bevor er also noch einmal mit etwas völlig Neuartigem den Dancefloor leer spielt, tendiert er beim nächsten Mal dazu, sich mehr auf die Crowd abzustimmen.

Wir sind in den letzten Jahren auf einmal als Leftfield- oder Intellektuellen-Produzenten abgestempelt worden, und ich weiß nicht, was das soll. Das ist idiotisch, denn alles, was wir machen wollen, ist Drum´n´Bass. Wir sind nicht alternativ, wir werden nur so wahrgenommen, weil ein Großteil der heute bekannten DJs und Produzenten sich nicht traut, etwas zu verändern.

Ihr habt ja das Glück, dass ihr von dem, was euch am meisten erfüllt, tatsächlich leben könnt. Was war das für ein Gefühl, als die Leute angefangen haben, mit immer größerer Begeisterung eure Musik zu kaufen? Und was werdet ihr tun, wenn diese Erfolgsgeschichte abreißt?

Calibre: Ich habe schon Musik beziehungsweise Drum´n´Bass gemacht, bevor mir jemand zugehört oder meine Musik gekauft hat. Das ist eine Obsession, der ich mich nicht entziehen kann; ich bin ein Freak. Natürlich muss ich mir Gedanken machen, ob das noch 20 Jahre so weiter geht, aber ich für mein Teil war immer kreativ – habe gemalt, komponiert, Instrumente gespielt, aufgelegt. Ich werde das niemals lassen können, auch wenn's niemand mehr hören möchte.

Es ist extrem anstrengend, die A&R-Arbeit für mein Label und meine eigenen Tunes zu machen, und ich kann auch nicht behaupten, dass es mir nichts bedeutet, wenn Leute meine Arbeit schätzen. Aber eigentlich tue ich das alles nur, um mir einen persönlichen Kick zu verschaffen. Wenn ich mich die ganze Zeit der Herausforderung stellen würde, ob die Crowd meine Tunes mag oder nicht, würde ich wahnsinnig werden – dann wär ich wie Mariah Carey! (lacht) „Nobody loves me anymore“…

Marcus Intalex: Ich fühle da genau so wie Calibre, und natürlich kann es sein, dass wir irgendwann etwas anderes machen müssen, um am Leben zu bleiben. Aber so lange Leute Drum´n´Bass kaufen oder auch nur hören, werde ich weitermachen – das ist für mich in erster Linie eine Leidenschaft, kein Business.

Calibre: Ja, Mann! Ich würde sogar noch weiter gehen. Denkt zum Beispiel mal an Charles Bukowski – für mich einer der größten Schriftsteller unserer Zeit, auch wenn er vielleicht etwas viel getrunken hat –, der gesagt hat: „Wenn ich nicht jeden Tag irgendein Blatt Papier voll schreiben kann, würde ich wahnsinnig werden.“ Genau so geht es mir: Ich mache keine Musik, um meine Miete zu zahlen, sondern um bei Verstand zu bleiben. Wenn ich die Musik nicht hätte, würde ich bestimmt etwas tun, was ich hinterher bereuen würde. Es ist natürlich toll, damit Geld zu verdienen, aber das ist nur ein kleiner, positiver Aspekt der ganzen Sache.

Das ist eine Einstellung, die man in der Szene bestimmt nicht häufig findet. Die meisten sehen das durchaus als ein Business an.

Calibre: Ja, aber ich möchte verdammt nochmal als Künstler verstanden werden. Denn das ist das, was ich mache: Ich kreiere etwas. Ich bin kein Geschäftsmann und mache das nicht, um ein fettes Auto oder Haus zu haben oder irgendwelche Groupies ins Bett zu bekommen!

Gibt es irgendwelche neuen Talente, die euren Maßstäben genügen und die ihr in Zukunft fördern wollt?

Marcus Intalex: Dadurch dass die Szene mehr und mehr wächst, findet man einen Haufen neuer Talente, die sich nicht nur profilieren wollen, das Ganze auch eher aus einem musikalischen Aspekt sehen und wahnsinnig guten Sound machen.

Zum Beispiel haben wir jetzt Lynx aus England an Bord. Er hat mit einem Rapper aus Düsseldorf, MC Kemo, einige tolle neue Tunes gemacht, die ganz anders sind als die Sachen, die wir bis jetzt gehört haben. Das Ganze hat uns auch zu dem Tune „11th Hour“ inspiriert: Der ist sehr minimal, dabei sehr präzise und unheimlich groovy. Und durch diese Fusion von guten Rap-Lyrics und Drum´n´Bass kann man definitiv neue Leute für den Sound begeistern.

Liegt es euch am Herzen, Drum´n´Bass für neue Zuhörergruppen zu etablieren? Wie passen etwa die Remix-Aufträge für John Tejada und Underground Resistance in Eure Label-Politik?

Marcus Intalex: Das Album, aber auch die ganze „D.A.T. Music“-Serie war zum Teil wirklich massiv von House und Techno inspiriert und wir schätzen die Künstler, die die Remixes für uns gemacht haben, sehr. Wir machen einfach keine Musik für den heutigen Drum´n´Bass-Raver, sondern für uns – und natürlich für Leute, die generell an guter, elektronischer Musik interessiert sind. Wir waren nie der Mainstream von Drum´n´Bass…

Der Weg zum Drum'n'Bass von Marcus Intalex

„Ich habe mit zirca 19 mit dem Auflegen angefangen. Parallel arbeitete ich in einem Plattenladen und startete meine ersten eigenen Veranstaltungen. Aus Zeitgründen schmiss ich dann auch irgendwann mein BWL-Studium. Am Anfang orientierte ich mich noch stark an Techno aus Europa und Detroit, was in Manchester nicht besonders einfach war: Zu Beginn der Acid-House- und Techno-Szene in England gab es nämlich ein deutliches Nord-/Süd-Gefälle. Im Süden experimentierten die meisten House-DJs schon mit gebrochenen Beats und dicken Basslines, wohingegen im Norden noch zu cheesy Italo-Disco getanzt wurde. Ehrlich: Ich habe den Sound gehasst und mich von vornherein eher an den Einflüssen aus London orientiert. 1994 dann folgte meine erste Veröffentlichung auf L Doubles „Flex Recordings“ und ich bin ein paar Jahre später noch einmal an die Universität gegangen, um Musik-Business zu studieren. Gleichzeitig stellte sich jedoch der Erfolg als Produzent ein, und ich konnte das Studium wieder nicht zu Ende bringen. Trotzdem: Diese zwei Jahre waren ungeheuer hilfreich für die Labels, die wir heute betreiben.“

Der Weg zum Drum'n'Bass von Calibre

„Ich komme aus Belfast, wo ich einen Abschluss in Bildender Kunst gemacht habe. Dank meines Vaters bin ich in einem sehr musikalischen Umfeld aufgewachsen und habe schon an der Schule und in der Uni Keyboard und Drums und andere Instrumente in diversen Bands gespielt. Seit 1994 beschäftigte ich mich dann mit verschiedensten Styles elektronischer Musik. Für Drum´n´Bass gab's aber keine wirkliche Initialzündung. Entschieden habe ich mich dafür, weil ich dort die meisten Freiheiten hatte und meine Einflüsse am besten verarbeiten konnte. Zudem bekam ich aus der Drum´n´Bass-Ecke auch die ersten positiven Feedbacks, die mich ermuntert haben weiterzumachen: Zum einen aus meiner Heimat vom Label „Quadrophonic“, auf dem ich auch 1998 meine erste Veröffentlichung hatte, und zum anderen natürlich von Fabio.“


Text: André Bajorat
Der Text erschien im resident [1] Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.


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