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Phoneheads und die Düsseldorfer Symphoniker


Das Düsseldorfer Drum'n'Bass Duo Phoneheads, bestehend aus Philipp Maiburg und Michael Scheibenreiter feiern dieses Jahr ihr 10-jähriges Bestehen. Mitte März 2007 luden Sie zu einem ganz besonderen Live-Konzert in die Düsseldorfer Tonhalle. Dort spielten sie zusammen mit den Düsseldorfer Symphonikern und dem Vocalisten Cleveland Watkiss einen "Live-Gig [1]" der etwas anderen Art.

Hi Philipp, Michael. In diesem Jahr feiert Ihr das 10-jährige Jubiläum der Phoneheads. Wie fing es an, wie habt Ihr Euch kennengelernt?

Philipp ist 1996 nach Düsseldorf gezogen und hat dort ziemlich schnell mit den Wednesdaybreaks im Unique Club losgelegt. Das war ein wöchentlicher D&B Clubabend in einem Club mitten in der Düsseldorfer Altstadt, den Philipp fünf Jahre lang gehostet hat.

An einem der ersten Wednesdaybreaks Abende kahm Michael zum DJ Pult und fragte nach einem Track der gerade lief... Am nächsten Tag haben wir uns dann zufällig im örtlichen Plattenladen getroffen und sind ins Gespräch gekommen. Michael hat von seinem Studio erzählt. Er produzierte dort damals zum Beispiel auch für die Düsseldorfer Hip Hop Kombo "Fresh Family". Schnell war klar, dass wir ähnliche Ansichten und Vorstellungen hatten und so fingen wir an uns regelmäßig zu treffen.

Das Studio war im legendären Atatak Studio ("Der Plan", "Andreas Dorau", "Fehlfarben" - tonnenschwere Düsseldorfer Musikgeschichte!) untergebracht und war nicht mehr als sechs m² Platz in einem Durchgangsraum zum eigentlichen Aufnahmestudio. So entstand auch unser Name: Dadurch das wir dort quasi "das schwächste Glied der Kette" waren, mussten wir immer mit Kopfhörer produzieren.

Auf eurem noch aktuellen Album Buddy Language habt Ihr auch schon mit Cleveland Watkiss zusammengearbeitet. Wie kam diese Connection zu Stande?

Cleveland hat auch auf Infracom Records releast und wir wußten von Kabuki, dass er zu den wenigen Musikern aus UK gehört, die prinzipiell offen für Kooperationen sind - auch ohne direkt das Scheckbuch zücken zu müssen - wenn er überzeugt ist.

Also haben wir Ihm bei einer Labelnacht in Frankfurt das Demo mit "Subject Beautiful" zugesteckt. Er hat sich dann gemeldet, fand das Layout super und wir haben in nach Düsseldorf ins Studio eingeladen. Vorher haben wir ihm noch schnell noch eine Vorversion von "Roll that Stone" geschickt und er hat direkt für beide Tracks Texte geschrieben.

Am 14. März habt Ihr nun mit den Düsseldorfer Symphonikern einen Live Gig in der Tonhalle in Eurer Heimatstadt Düsseldorf gespielt. Aus dem Rock-Metier ist sowas bekannt. Aber wie kamt Ihr drauf Drum'n'Bass und Klassik auf einer Bühne live zu spielen und zu präsentieren?

Diese Idee hat sich lange enwickelt. Philipp war vor zwei Jahren zu einer Podiumsdiskussion "Pop meets Klassik" eingeladen und hat dort erste Kontakte zum Haus geknüpft.

Unsere Agentur - SSC Concerts - hat dann begonnen regelmäßig Partys im Foyer der Tonhalle zu veranstalten. Dort haben wir auch 2005 die Releaseparty zu "Buddy Language" steigen lassen. An dem Abend meinte Cleveland: "Schöner Raum, aber das nächste mal sollten wir oben im Saal spielen..." Dass es dazu zwei Jahre später tatsächlich kommen sollte war uns natürlich nicht klar.

War es denn Euer erster Kontakt mit klassischer Musik in diesem Kontext?

Klar haben wir uns beide schon Konzerte angehört und waren in der Oper und so, aber Ende sind wir beide keine Klassik "Connaisseure".

Wie lief die Vorbereitung? Wie oft habt Ihr geprobt?

Heike Beckmann hat auf Grundlage bestehender Phoneheads Titel wie zum Beispiel "Roll That Stone", "Subject Beautiful", "Maracanenses", "Syrinx", etc. Pratituren für das Orchester geschrieben. Sie hat aber nicht einfach nur die Samples durch das Orchester ersetzt, sondern neue Harmonien entwickelt, Parts verlängert und auskomponiert, Intros, Mittelteile und Outros geschrieben, Solis für die einzelnen Instrumente entwickelt.

Es war unser Anliegen keine 1 zu 1 Umsetzung unserer Stücke runterdudeln zu lassen, sondern das Orchester zu fordern und so eine Fusion der beiden Welten zu erreichen. Die Orchester Musiker haben Ihre Noten 14 Tage vor dem Konzert bekommen, aber gemeinsame Proben gab es aus terminlichen Gründen tatsächlich nur zwei (!): Eine am Abend vor dem Konzert und eine morgens. Wir haben mit unserer Band natürlich schon vorher geprobt um die genauen Abläufe einzustudieren und die Arrangements zu verinnerlichen.

Die Band wird geleitet von Michael, der mit LIVE die wichtigsten elektronischen Sounds erzeugt und den Click sendet, dem alle Beteiligten folgen müßen um "in time" zu bleiben. Das gilt insbesondere natürlich für den Schlagzeuger Sebastian Vogel - der Drummer der Hamburger Band Kante - und Philipp. Die sind nämlich gemeinsam für die Beats verantwortlich. Die beiden haben das vor ein par Jahren schon mal zusammen mit der Berliner Band Laub so gemacht (Beats von Dubplate - heute ersetzt durch Serato - plus Livedrums).

Bass und Gitarre hat Frank Schwiklewski übernommen, früher bei Krombacher MC. Die Tasten bedient Hauschka alias Volker Bertelmann. Dazu kommt mit Cleveland Watkiss ein Sänger aus London, der unter anderem schon mit Goldie, Stevie Wonder, Talvin Singh etc gearbeitet hat.

Auf der Bühne sah es so aus dass Ihr mit der Dirigentin und Komponistin Heike Beckmann sehr gut auskommt. Ist das über die Zeit gewachsen?

Der Kontakt zu Heike war vom ersten Tag an super - sie hat sofort nachvollzogen wie unsere Musik funktioniert und wir waren uns auch einig über die Gewichtung Elektronik vs. Orchester. Wir waren bei jeder Entscheidung auf einer Wellenlänge - sowohl in der Vorbereitung als auch beim Konzert selber.

Wie habt Ihr den Orchestermusiker Drum'n'Bass näher gebracht? Habt Ihr sie mal mit in einem Club genommen oder Mixtapes an sie verteilt? ;)

Die Orchester Musiker haben die Stücke von uns im Original vorher bekommen und dann später ihre Noten mit den neuen Arrangements dazu. Sie haben sich schon zum Teil über D&B informiert aber natürlich längst nicht alle. Am Ende kann man das natürlich auch nicht verlangen. Ein Orchester Profimusiker ist ja in der Lage sich als Teil einer Gesamtinszenierung in ein Kollektiv einzufügen - das ist ja das was sie jeden Tag machen. Von daher war eigentlich die Tatsache, das alle Instrumente abgenommen und verstärkt wurden eine viel größere Herausforderung für die Musiker.

 
"Ich werde mich auch weiterhin weigern irgendwelchen Leuten über AIM nachzujagen um an MP3 Files zu kommen, die unsere Sets "exklusiver" machen. Wenn man glaubt, dass man Musik dadurch frisch hält, dass sie erst mal drei Jahre einem inneren Kreis zugänglich macht um sie dann auch für das Fussvolk zu veröffentlichen, tötet man die Weiterentwicklung."

Eine weitere neue Erfahrung war aber natürlich auch, dass das Orchester nicht - wie sie es gewohnt sind - mit der Musik "fließen" sondern alle extrem dadrauf achten müßen exakt im Takt der Dirigentin zu bleiben - das sind sie in diesem Maße ja gar nicht gewohnt. Schön war, dass nach dem Konzert auch die Skeptiker aus den Reihen des Orchesters selber total begeistert waren von dem Abend und eigentlich nur positives Feedback kam.

1.400 Besucher waren in der Tonhalle zu Gast. Beeindruckend! Wird es eine Wiederholung des Konzerts geben?

Wir sehen das Proejkt als gerade erst aus der Taufe geholt. Ob es eine direkte Wiederholung gibt ist noch nicht 100%ig klar. Dass die Phoneheads gemeinsam mit Heike Beckmann als Dirigentin mit Orchester auftreten werden steht fest. Wann, wo und mit welchem Orchester wird sich noch zeigen.

... und eine DVD?

Das ist im Moment unsere Hauptaufgabe. Es müßen 72 Einzelspuren angelegt und gemischt werden. Dazu kommt der DVD Bildschnitt von 10 HDV Kameras. Das ist noch viel Arbeit! Wir werden das Konzert als CD + DVD auf Infracom veröffentlichen.

Die CD wird eher so klar und natürlich wie möglich die einzelnen Titel wiedergeben - das Livefeeling soll dann eher auf der DVD rüberkommen. Außerdem werden auf der DVD alle bisher gedrehten Phoneheads Videos als Bonus enthalten sein. Da ist ja auch schon einiges zusammengekommen (z.B. Syrinx, Roll that Stone, Circuit Breaker, Montana...) Das wird also ein schönes Paket! Release wird voraussichtlich Ende September sein.

Konzerte in Locations wie der Tonhalle sind eine Sache, aber rockt Ihr auch mal eine Nacht durch in verrauchten Clubs? Oder seid Ihr dem schon entwachsen?

Die Erfahrung in der Tonhalle live zu spielen war natürlich ein völlig neuer Input und hat uns ziemlich geflasht. Aber Philipp hat zum Beispiel zwei Tage später direkt einen DJ Gig in der Schweiz gehabt - das hat schon sehr geholfen um wieder geerdet zu werden ;-) DJ Gigs sind für uns nach wie vor total wichtig und jederzeit gerne willkommen. Nichts macht so viel Spaß wie eine Crowd mit D&B auf die Reise zu schicken.

Was mich - Philipp - allerdings total abturnt sind die "Politics of the Business". Ich werde mich auch weiterhin weigern irgendwelchen Leuten über AIM nachzujagen um an MP3 Files zu kommen, die unsere Sets "exklusiver" machen. Wenn man glaubt, dass man Musik dadurch frisch hält, dass sie erst mal drei Jahre einem inneren Kreis zugänglich macht um sie dann auch für das Fussvolk zu veröffentlichen, tötet man die Weiterentwicklung. Das ist in diesem Ausmaß auf jeden Fall gegen meine Überzeugung und hat mittlerweile ziemlich viele Aktivisten abgeschreckt.

Es geht sogar so weit, dass Künstler die auf meinem Label (Combination Rec) veröffentlichen mir Tracks geben, die ich dann erst in 6 Monaten spielen soll, weil die Kollegen aus England das gerne so hätten. Ich bin der Meinung dass diese Art von Politik extrem ungesund für das Genre Drum'n'Bass ist. Eine gute Maxi (oder Album) sollte so schnell wie möglich veröffentlicht werden - dass das einen gewisse Vorlauf zeit benötigt ist klar. Aber ich kaufe mir doch 2007 keine Platte die ich schon seit 2004 regelmäßig in den Clubs höre.

Wem zollt Ihr in der deutschen wie auch internationalen D&B Landschaft besonderen Respekt?

Puh, das sind zu viele...

Ist schon das nächste Release von den Phoneheads oder Euch als Solokünstlern in der Pipeline? What's next?

Erst mal steht wie gesagt die DVD und CD an - das wird uns noch einige Zeit beschäftigen. Da ist an etwas anderes gar nicht zu denken. Sicherlich werden wir danach wieder ins Studio gehen und neue Tracks machen!

Abschließend die Frage: Wo seht Ihr Euch mit den Phoneheads in fünf Jahren?

Hehe... live beim Musikanten Stadel! Die haben da eine super Quote! Wir haben in den letzten zehn Jahren auch nie wirklich sehen können was auf uns zukommt - von daher wagen wir auch weiterhin keine Prognose. Das Projekt Phoneheads live mit Orchester wird aber mit Sicherheit weiter eine große Rolle spielen.. DJ Gigs aber auch.... man weiß es nicht...

Danke für das Interview und weiterhin viel Erfolg!


www.phoneheads.de [2]

Ihr habt Kommentare / Fragen? Diskutiert das Interview im Future Forum [3]!

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   [2] http://www.phoneheads.de
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