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Inside of the Red Bull Music Academy 2006


Einer von zwei deutschen Teilnehmern bei der Red Bull Music Academy 2006 in Melbourne war Mario Willms aus Jena. Der Produzent macht seit 12 Jahren Musik. Als DJ Real ist er im Drum'n'Bass biz für die Bionic Crew aus Jena am Start. Seit zwei Jahren veröffentlicht er unter dem Namen Douglas Greed Techno- und Housemusik. In diesem Interview gibt er einen Einblick in den "Arbeitsalltag" bei der Red Bull Music Academy und gewährt uns einen Blick hinter die Kulissen.

Wie kamst Du zur Red Bull Music Academy? Wie so einige über Deinen Plattenhändler?

Ich hab irgendwann ne CD im Plattenladen gefunden, hab mir das dann angeschaut, also ich kenn die Red Bull Music Academy auch. Seit mehreren Jahren sieht man das ja in allen möglichen Zeitungen und so und eine Bekannte von mir war hier auch schon da gewesen und hat da nur Gutes übrig gehabt für das ganze Unternehmen.

Ja, da hab ich mir dann die CD geschnappt, hab mir den Bewerbungsbogen aus’m Netz ausgedruckt, hab mich dann einen Tag lang hingesetzt und hab die glaub 25 Seiten auf Englisch ausgefüllt. Habe auch einen guten Krampf in der Hand gekriegt, denn wenn man nur gewohnt ist am Rechner zu sitzen die ganze Zeit und man muss dann wieder mit der Hand schreiben, das war schon ganz schön hart, aber es hat sich am Ende gelohnt und ja, so kam es dann, dass ich hier bin. Habe dann noch ein paar Tracks mit hingeschickt, und - ja, das wars.

Inwieweit war Dir die Red Bull Music Academy schon vorher ein Begriff?

Durch Presse und Internet wusste ich schon recht gut bescheid, was da so auf mich zukommen wird.

Was ist das Besondere an der Academy, oder was passiert dort, was Dir nicht auch zu Hause passieren würde.

Ich glaube zu Hause würde ich niemals darauf kommen mit einem Gitarristen und einer 808 eine Jam zu mache und so, weil zu Hause ist man halt so in seiner eigenen kleinen Musikwelt und hier kommste hin und hast einen Typen aus Japan, der dort als Englischlehrer arbeitet und der kann singen als wenn er ein 16jähriger Knabe wäre. Dann hast Du einen Typen aus Frankreich, der Saxophon spielen kann und dann setzt du dich hin und machst mit denen was, wo ich glaube ich niemals zu Hause überhaupt darauf gekommen wäre, so etwas überhaupt zu probieren oder so.

Hier hast Du einfach die Möglichkeit weil alle Leute da sind und die sind heiß was zu machen. Keiner ist abgelenkt von der Freundin, Familie oder vom arbeiten oder so, hier wirst Du einfach rein geschmissen und kannst anfangen, hätte niemals gedacht, das ich mal eine Jam-Session mit mache.

Hast Du denn ein paar Tipps für Leute, die sich für die nächste Academy bewerben wollen?

Meine Bewerbung habe ich auch nicht so ernst genommen, also ich habe da auch echt schräge Scheiße rein geschrieben. Da gab es so einen Punkt wie: "Was sollten wir unbedingt über Dich wissen?" da hab ich halt reingeschrieben, dass ich meinen Mathelehrer so dermaßen gehasst habe, dass ich ihn mal als Bezirksleiter von Weight Watchers angemeldet habe und ich habe einfach schrägen Kram geschrieben.

Ich glaube so als Person und als Persönlichkeit musst Du halt rüber kommen. Habe mich vorhin auch mit einem von den Jungs (Anm. Die Jungs der RBMA) unterhalten, die haben halt 3.000 Bewerbungen gekriegt und die sieben dann schon auch nach Persönlichkeit aus, also wenn jemand schreibt: „Ja Musik ist mein Leben und ich will das unbedingt machen“ und davon kommen dann irgendwie 700 Dinger rein, das ist glaube ich nicht die beste Ausgangsbasis am Ende.

Beschreib doch mal den Alltag an der Red Bull Music Academy.

Der typische Tag sah in ungefähr so aus, dass Daniel, der zweite deutsche Participant, und ich um zehn, nach ca. 4 Stunden Schlaf, via Telefonanruf aus der Hotelrezeption geweckt wurden, an welcher wir eigentlich schon längst frisch geputzt hätten stehen müssen. So hieß es also mit Kater und Zeitdruck im Nacken das Bad zu zweit effektiv zu nutzen, um uns dann auf den morgendlichen Straßen Melbournes wieder zu finden und auf den Shuttle zur Academy zu warten.

Dort eingetroffen gab’s für die Spätankömmlinge, zu denen wir fast täglich gehörten, schnell noch ein Sandwich auf die Hand und dann hieß es auch schon „Lecture! Everybody get down in the Lecturehall!“

Um elf startete also die erste Lecture, woran sich dann das Mittag, bei gutem Wetter auf dem Dach, anschloss. Die zweite Lecture, jeweils ca. zweistündig, folgte dann um 15 Uhr und ging so ziemlich nahtlos ins Abendessen über, nach welchem wir uns dann in eines der vielen Studios verkrochen, um unseren jeweiligen musikalischen Vorlieben zu fröhnen.

Da jeden Tag mindestens einer von uns einen Gig hatte, standen wir dann also mitternachts in einem der Melbourner Clubs, um einander gegenseitig zu supporten, anzufeuern und betrunken zu machen. Na, ja und daraufhin dann also vier Stunden Schlaf und wieder der allmorgendliche Anruf aus der Rezeption. Wie gesagt habe ich mit den Lecturen ein bissl an der trockenen Theorie gearbeitet. Kompressoren, Abmischen und so was, bin praktisch mit einem Track hergekommen, den ich supergeil finde, wo aber einfach noch Sachen gefehlt haben, es lag einfach nur am falschen abmischen und am „Penning“ (Anm. Stereo-Balance) und so – jetzt weiß ich halt wie ich’s machen muß und bereue halt es nicht schon vorher so gemacht zu haben, also auf alle Fälle hat sich jetzt die Arbeitsweise verändert.

Mal sehen was jetzt nächste Woche noch passiert, wenn ich mit ein paar Live-Musikern noch was aufnehmen werde, also es ist auf alle Fälle etwas hängen geblieben, es war jetzt nicht so, dass das zwei Wochen Urlaub waren. Eher im Gegenteil, Urlaub ist das hier eh nicht, wir kommen aus’m Hotel raus, Monitor anmachen, oder sitzen hier vorm Monitor und hören uns jemanden an – das war’s dann auch gewesen, ich hab noch kein Känguruh gesehen (lacht).

Was ist dein musikalischer Background?

Bin selber DJ seit zwölf Jahren mittlerweile, also ich hab angefangen mit Hip-Hop, dann mit Drum’n’Bass, nebenbei auch immer Techno gehört und seit ´93 auf Technoparties gewesen so ziemlich jedes Wochenende und organisiere jetzt seit zehn Jahren selber Parties. Drum’n’Bass Veranstaltungen vor allem und ja so seit zwei Jahren veröffentliche ich dann diese House-/Technomusik.

Wenn von Lectures die Rede ist, sind damit die Referenten der RBMA gemeint, waren Dir diese Leute schon ein Begriff?

Als ich diesen Sheet gelesen hab, wer wann da ist, war ich ein bissl enttäuscht, weil ich nur so drei Namen kannte. Nachdem ich jetzt aber die Hälfte der Leute gehört habe und bestimmt pro Vorlesung so sieben mal Gänsehaut bekommen habe, bei dem was die Typen da erzählt haben, den Typen zu sehen, den Keyboarder von James Brown, der danach zu mir kommt und mich fragt, ob ich ihm einen „Ableton“ (Anm. Live-Software)- Workshop geben kann, also wahnsinnige Umstände, also ich habe da auf alle Fälle eine Menge mitgenommen.

Ich habe mir die Lektoren ein bissl anders vorgestellt im Sinne von: Ja morgen, Ok, gibt’s einen Workshop Musikrecht oder so was. Aber es hat eher was von: Große Leute erzählen ihre Lebensgeschichten, die von den höchsten Höhen erzählen und von den allertiefsten Tiefen – superinteressant ist das einfach und gibt einfach ne Menge vielleicht dann nicht für’s Handwerk, aber für’s Herz.

Wie sah das Zusammenleben mit so vielen Menschen verschiedenster Kulturen in den immerhin zwei Wochen aus?

Irgendwie habe ich ja erwartet das es so wie im „normalen Leben“ wird, also das halt auf irgendeine Art und Weise Grüppchenbildung stattfinden wird, nach welchen Auswahlkriterien auch immer. Doch im großen und ganzen waren wir halt „eine“ Gruppe und seltsamerweise, trotz der unterschiedlichen Kulturen und Herkunftsländer allesamt aus einem Holz geschnitzt.

Was war für Dich am beeindruckendsten bzw. was oder wer hat den tiefsten Eindruck (in welcher Form auch immer) hinterlassen?

Am beeindruckendsten war, wie reibungslos alles funktioniert hat.

Wie sehr war Red Bull als Marke präsent bzw. wie äußerte es sich, dass ein Markenartikler dieses Event finanziert?

Ich hätte eigentlich erwartet, dass die Marke und ihr Logo viel präsenter sein würden. Wenn man bedenkt, das man auf irgendeine Art und Weise Teil einer globalen Werbekampagne war, so fiel die Logo- und Markenpräsenz doch sehr gering aus. Ich habe da irgendwie erwartet, dass die Marke und ihr Logo omnipräsent sein würde, in welcher Art auch immer. Doch bis auf das Logo in der Lecturehall und die Kühlschränke hat man eigentlich nichts davon mitbekommen.

Die RBMA legt ja großen Anspruch darauf, sich auch mit der jeweiligen lokalen Kunst- und Musikszene zu vernetzen. Wie sah das denn in der Praxis aus und wie „australisch“ war das Event für Dich?

So eine Stadt wie Melbourne ist ja erstmal einfach nur ne Großstadt wie jede andere der Welt. Starbucks, Subways, moderne Architektur und ältere Gebäude. Wie das halt so ist.

Australisch war dann am Ende lediglich der Tag im Zoo. Ich habe leider den Fehler gemacht und nicht wie einige andere Leute noch ne Woche Aufenthalt in Australien drangehangen.

Kannst Du ein Fazit ziehen, was die Academy Dir persönlich – nicht nur musikalisch – gebracht hat?

Bisher hatte ich eigentlich einen recht engstirnigen musikalischen Horizont, dieser wurde auf alle Fälle durch die Academy, die Lecturer und die anderen Participants erweitert. Darüber hinaus habe ich nun auch auf welchen Kontinent ich auch immer reisen werde Freunde vor Ort.

Gibt es etwas, was Du potenziellen Bewerbern mitgeben möchtest?

Es nicht all zu ernst nehmen, und bei der Bewerbung versuchen etwas von deiner Persönlichkeit einbringen. Wenn du mal mit Oma zusammen Blockflöte gespielt hast, dann schreib das auch mit in deine Bewerbung!


www.redbullmusicacademy.com [1]
www.myspace.com/douglasgreed [2]

Ihr habt Kommentare / Fragen? Diskutiert das Interview im Future Forum [3]!



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