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dnbradio.net - 24h Drum&Bass Radio on the Net


Der Internetradiosender dnbradio.net sendet seit 2001 rund um die Uhr Drum'n'Bass im Netz und zählt damit weltweit zu den Pionieren. Das "Who is Who" der deutschen Szene spielten bereits im Stuttgarter Studio und auch internationale Gäste wie Storm, Klute, Marcus Intalex, Digital etc. waren bereits zu Gast.

Initiator Thorre beantwortet uns einige Fragen zur Historie, Philosophie und Technik des Senders.

Thorre, dnbradio.net startet ursprünglich in 2001. Im Herbst 2004 wurde dnbradio.net vorläufig eingestellt. Warum das? Und wieso weshalb warum nach einer relativ langen Pause dann der Relaunch in 2005?

Zu diesem Zeitpunkt lief der Vertrag des Main-Servers aus. Ich wollte auf jeden Fall kündigen, um mich neu zu orientieren und ggf. bessere Angebote zu finden. An solchen Punkten blickt man natürlich auch zurück und fragt sich, ob alles so läuft wie man sich das vorstellt. Dem war nicht so, daher der Entschluss eine Kreativpause auf unbestimmte Zeit einzulegen.

Während der Auszeit habe ich jede Menge Mails von Hörern bekommen, die mir gezeigt haben, dass dnbradio.net auf jeden Fall ein lohnenswertes Projekt ist. Auch von anderen aktiven Leuten im Netz habe ich viele Angebote für eine Zusammenarbeit bekommen.

Ich sprach mit einigen Leuten über die Schwierigkeiten in der Vergangenheit und meine neuen Ideen. Mit der Zeit formte sich daraus ein neues Konzept. Die Umsetzung hat dann leider noch sehr viel Zeit in Anspruch genommen, mehr als ursprünglich geplant.


Welche Änderungen und Neuerungen gibt es?

Zunächst mal ist dnbradio.net nicht mehr nur meine eigene Baustelle, sondern es ist ein gemeinschaftliches Projekt von future-music.net, bassX und mir. Dadurch ergeben sich spannende Synergien, die wie wir nutzen wollen.

Allerdings werde ich mich in den nächsten Tagen aus dem operativen Radio Geschäft weit gehend zurückziehen. Benny (DJ Sunset) und Waldemar (DJ Rambun) werden alle Tätigkeiten wie das Füttern des CMS, der Playlisten, die Pflege der Datenbank oder Newsletter Versand übernehmen. Aus zeitlichen Gründen habe ich in den vergangenen Woche vieles schleifen lassen, das wird nun hoffentlich anders werden.


Was ist die grundsätzliche Idee und Philosophie hinter dnbradio.net? Es gibt ja auch noch andere Sender wie z.B. BBC 1Xtra oder Bassdrive…

Mit dnbradio.net versuche ich die Begeisterung, die ich selbst für Drum'n'Bass habe, an Andere weiter zu geben.

Das Radio soll Drum'n'Bass im deutschsprachigen Raum eine Plattform bieten ohne dabei bestimmte Parteien in den Vordergrund zu stellen. Das Programm zielt nicht nur auf die Heads der Szene ab, sondern versucht, ein möglichst breites Publikum anzusprechen und der Musik nach außen einen öffentlichen Zugang zu geben.

Shows wie sie z.B. die BBC in England bietet sind qualitativ natürlich Top, an Aktualität und Qualität im Grunde nicht zu schlagen. Wenn ich Zeit habe, höre ich selbst gerne die Shows von Flight oder Bailey. Inspiriert haben mich vor allem die frühen Shows von Fabio & Grooverider. Diese Sendungen sind was für Szeneköpfe, nicht unbedingt was für Jedermann.

Auch bassdrive bietet teilweise gutes Programm, im Großen und Ganzen aber einfach nicht mein Ding. Dass der Sender in den USA sitzt, merkt man nicht nur an der Zeitzone, sondern auch am Content.


Trotz hoher Kosten die Du hast, kann man dnbradio.net "for free" hören. Aber es gibt auch die "Premium Membership". Was verbirgt sich dahinter und welche Vorteile hat der Hörer?

Es gibt nur ein bestimmtes Kontingent an freien Hörerplätzen, max. 50 Hörer konnten bisher gleichzeitig den Stream abgreifen, seit kurzem haben wir auf max. 100 Hörer erweitert. Um Dynamik zu gewährleisten, wird man nach 60 Minuten automatisch vom Server getrennt und muss sich neu verbinden. Die Kosten für den freien Radiobetrieb werden von den Showmachern getragen, die einen monatlichen Beitrag zahlen.

Wer das Radio schätzt und viel hört, hat im neuen Modell die Möglichkeit Premium Member zu werden. Für einen monatlichen Beitrag von 3,50 Euro erhält man einen garantierten Zugang zum Kanal mit unbegrenzter Listening Time. In Zukunft soll den Premium Mitgliedern auch exklusives Material zur Verfügung gestellt werden. Wir hoffen diesen Mehrwert bis zum Jahresende ausbauen zu können.


Wird dnbradio.net dadurch finanziert? Wie wird dnbradio.net finanziert?

Nein, im Grunde wird dnbradio.net durch Beiträge der Showmacher finanziert. Die Gelder der Premium Members decken lediglich die Kosten des skalierbaren Anteils. Wie sich das in Zukunft entwickeln wird, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen.

Eigentlich sollten die Leute, die sich für das Radio engagieren, ja nicht auch noch Geld dafür zahlen müssen.


Wer sind die Showmacher? Gib mal einen groben Überblick über das Programm. Wer ist sonst beteiligt?

Derzeit gibt es 10 bis 15 aktive Showmacher im Programm, viel mehr werden es wohl auch nicht werden. Wir wollen lieber weniger, dafür aber qualitativ hochwertigen Inhalt liefern.

Santorin Ultrawide: verantwortlich Lightwood & Telmo A
Basswerk Sessions: verantwortlich TGM
Hard:edged @ Water Gate: verantwortlich Metro
Radio Drittes Ohr: verantwortlich Metasound
Next Level: verantwortlich DJ Sunset
Lucky Break: verantwortlich Jay Vee + Piwi
Urban Legends: verantwortlich Fahrenheit und Tesla
Dead Poets Society: verantwortlich DJ Turrican
Bodensee Bass: verantwortlich Mellokat + Valerian
Beatfreakz Streamshow: verantwortlich Beatfreakz
Blu Saphir: verantwortlich Jay Rome
P Time: verantwortlich Christian Pelz
Solid Soul: verantwortlich FutureJazzSessions Crew
Future Music: verantwortlich future-music.net
Stuggi.Online: meine eigene Show


Das Programm stellt einen großen Teil der aktiven Szene in Deutschland dar, einige fehlen, wie kommt das?

Leider ist es so, dass gerade den bekannten DJs, Produzenten oder Labelbetreibern, also den Aushängeschildern der deutschen Drum'n'Bass Szene, wie z.B. Kabuki oder Syncopix, die Zeit fehlt sich zusätzlich zu Ihrer Arbeit auch noch um Content für eine Radio Show zu kümmern. Ich denke mit dem aktuellen Programm stehen wir aber sehr gut da.

Teilweise habe ich den Eindruck, dass sich viele der Rolle einer solchen Plattform auch gar nicht bewusst sind. Natürlich freut es mich, wenn ich sehe, dass ein deutscher Produzent einen guten Track released. Drum'n'Bass als solches bringt das relativ wenig, davon wächst nur der Einzelne.


Sind denn noch Sendezeiten frei? Wenn ein Label oder eine Crew eine Show starten will, kann man Dich einfach kontaktieren?

Jau, so läuft’s. Wer Interesse an einer eigenen Show hat, schreibt uns in einer kurzen Mail was er sich so vorstellt und dann schauen wir weiter.

Kannst Du in wenigen Sätzen erklären, welche Rechner-Infrastruktur und Server Du für dnbradio.net laufen hast?

Es gibt ein kleines Studio in Stuttgart-Heslach, hier haben wir zwei Rechner im Dauerbetrieb. Auf dem einen läuft eine Software, die den Radio Betrieb voll automatisiert. Dieses Signal wird über eine extra DSL Verbindung in die verschiedene Bitraten encodiert und als Stream zum Server im Rechenzentrum geschickt.

Der andere Rechner fungiert als File- und FTP-Server. Hier können Showmacher ihr vorproduziertes Material oder Tracks uploaden.

Im Rechenzentrum wird der Stream entsprechend oft an die Hörer verteilt, bzw. mehrfach kopiert. Da der Stream für jeden Hörer neu kopiert werden muss, entstehen sehr große Datenmengen. Da kommen schnell mal ein paar Terra Bytes zusammen.


Die Zusammenarbeit mit future-music.net und bassX, wie kam das? Wer macht was?

Claus von bassX war einer der ersten, die mir ihre Trauer über das damalige Aus des Radios mitteilten. Durch die Live Streams aus dem Water Gate hatten wir schon früher miteinander zu tun. Er hat mir sofort angeboten, bei einem Relaunch die technische Abwicklung auf der Server Seite zu übernehmen. Mit ihm zusammen habe ich beispielsweise das Premium Membership Modell realisiert.

Kurz darauf mit mich Kai von future-music.net auf eine Zusammenarbeit angesprochen, da kam also eins zum anderen. future-music.net hat das ganze Community Ding wie Forum und Chat übernommen und stellt natürlich eine wichtige Schnittstelle in Sachen Kommunikation dar. Ausserdem leisten Kai und seine Kollegen von dots-united wichtige Arbeit bei der Entwicklung der Seite.

Im Stuttgarter Studio kümmert sich Benny hauptsächlich um den Rechner Support und wird in Zukunft zusammen mit Waldemar nach und nach die redaktionellen Arbeiten übernehmen.

Ich selbst kümmere mich weiterhin um rechtliche Angelegenheiten, die Studiotechnik und mache mir Gedanken über die Konzeption und Verbesserung des Angebots von dnbradio.net.


Linearität in einem interaktiven Medium wie dem Internet, macht das Sinn? Man kann ja keine Titel skippen, vorspulen oder Song Requests abgeben...

Ich denke, dass lineare Medien, wie es das terrestrische Radio oder das Fernsehen sind, ihren eigenen Charme haben. dnbradio.net bedient sich also lediglich eines Konzepts mit bestimmten Vor- und Nachteilen unter Verwendung einer neueren Technik. Nicht jeder will aktiv in ein Unterhaltungsprogramm eingreifen. Passives Hören ist für viele Leute sehr angenehm.

In bestimmten Teilbereichen des Senders kann ich mir mehr Interaktion aber durchaus vorstellen, z.B. einen Sendeblock über sog. Song Requests zusammen zu stellen. So könnten z.B. Hörer Charts o. ä. generiert werden. Leider ist das auf Grund der geltenden GEMA und GVL Tarife momentan nur schwer zu realisieren.


Es gibt ja neue Tarife der GVL, die viel diskutiert wurden, und auch das Tarifsystem der GEMA ist neu, was ist anders?

Früher lief die Vergütung von GEMA und GVL generell über pauschale Beiträge ab.

Im neuen System der GVL werden Log-Files ausgewertet, d.h. man zahlt pro Titel und Hörer bestimmte Abgaben. Allerdings gibt es noch gar kein System zur Auswertung der Log-Files, bis dahin wird weiterhin pauschal abgerechnet. Zusätzlich muss man nun Beiträge für das Kopieren der Titel in das Sendeverzeichnis zahlen. Bei Bedarf können multiterritoriale Sende-Rechte erwerben, das war früher nicht gegeben.

Die GEMA hat ebenfalls ein neues Tarifsystem, momentan zahlen wir auch hier eine Pauschale. Da der Tarif erst am 1.4.2006 eingeführt wurde, bin ich damit auch noch nicht so vertraut.


Eigentlich müsstest Du Dich als Betreiber eines Internetradios über die neue Kostenregelung ja ärgern. Deine persönliche Meinung dazu?

Der Radio Betrieb ist gegenüber früher, was die GVL angeht, etwas teurer geworden und der Verwaltungsaufwand wird sich durch eine Auswertung von Log-Files auf jeden Fall erhöhen. dnbradio.net hat momentan den Vorteil, dass nur knapp die Hälfte aller Labels bei der GVL, bzw. den entsprechenden Organisationen im Ausland gemeldet sind.

Wenn die Gelder bei den richtigen Künstlern landen, ist das ja ok. Durch die Auswertung der Log-Dateien sollte das gewährleistet sein. Bei der pauschalen Vergütung werden die Gelder nach einem internen Verteilungsschlüssel an die großen Fische der Musikindustrie verteilt, d.h. du sendest ausschließlich Stücke von Indie-Labels und das Geld dafür landet trotzdem bei der BMG. Insofern sehe ich in den neuen Tarifsystemen einen Schritt nach vorn.

Außerdem wird die Internetradio-Landschaft dadurch vermutlich wieder etwas übersichtlicher. Muß auch nicht jeder, der einen Ordner von mp3s auf dem Rechner liegen und einen DSL Anschluß hat, ein Internetradio machen.

Anders als in vielen Berichten dargestellt, denke ich nicht, dass die neuen Regelungen bestimmte Musik- oder Netzkulturen zerstören.

  Wer das Radio schätzt und viel hört, hat im neuen Modell die Möglichkeit Premium Member zu werden. Für einen monatlichen Beitrag von 3,50 Euro erhält man einen garantierten Zugang zum Kanal mit unbegrenzter Listening Time. In Zukunft wird den Premium Mitgliedern auch exklusives Material zur Verfügung gestellt werden.
Warum müssen Radiobetreiber GEMA und GVL zahlen? Gerade im Drum'n'Bass Bereich gibt es doch viele "Pirates"?

Klar, Pirates haben in der Geschichte von Drum'n'Bass eine wichtige Rolle gespielt. Ob ich analog und lokal oder digital und global sende ist aber ein Unterschied.

Zwei Clicks weiter von hier, versuchen die Künstler A, B und C ihre Stücke für einen Euro als digitalen Download an den Mann zu bringen. Ebenfalls zwei Clicks von hier streamen die Sender X, Y und Z die gleichen Tracks für umme im Netz. Funktioniert irgendwie nicht.

Krass finde ich auch, dass es nach wie vor jede Menge DJ-Sets als Downloads gibt. Durch den Blog-Boom nimmt das sogar wieder stark zu. Da muss sich wirklich niemand wundern, dass keiner mehr Mix-CDs kauft. Ich denke, momentan sehen das Labels und Künstler noch als Promo-Ding, das wird sich in Zukunft voraussichtlich ändern.

Allerdings muss ich sagen, solange Gema und GVL die Gelder noch den Grossen zu schieben, wäre ich auch lieber ein Pirate. Aber das ist auf Grund des rechtlichen Rahmens einfach nicht drin.


Was bringt die Zukunft? Ideen?

Breitband und WLAN zu Hause sind mittlerweile normal. Media-PCs und Mini-Macs haben audiovisuelle Medien aus dem Netz ins Wohnzimmer gebracht. Treibende Kraft wird in den nächsten Jahren sicherlich das digitale Fernsehen mit seinen kommerziellen pay-per-view, bzw. view-on-demand Angeboten sein. Von dieser Entwicklung und dem damit verbundenen Update der Technik, d.h. Empfangsgeräte für IPTV oder DVB, können theoretisch auch anderere Anbieter von digitalem Content profitieren.

Auch UMTS bleibt spanned.

Derzeit ist der Begriff "Web 2.0" in aller Munde, für mich steht das für mehr User Beteiligung, Interaktion und Community. Da sehe ich auf jeden Fall Bedarf bei dnbradio.net.


Was wünschst Du Dir für Dein Baby dnbradio.net? Was könnte besser laufen?

Im Allgemeinen wünsche ich mir mehr Engagement der deutschen Szene. Wir können nur die Plattform bieten, den Content müssen andere liefern.

Ok, Thorre vielen Dank für das Interview!

www.dnbradio.net [1]

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