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Phace (Subtitles, Renegade Hardware, Moving Shadow)


Phace aka Flo und Nico stehen für kompromisslosen cutting edge Sound. Ende 1999 fing das Duo an zu produzieren und verschrieb sich dem Neuro Funk Sound. Schnell machten sie sich einen Namen; mit Noisa, Cause 4 Concern oder Mayhem waren sie im Studio.
Und nicht allein wegen der frischen Tracks sondern auch wegen ihrer professionellen Arbeitsweise und Einstellung wurde Teebee auf sie aufmerksam und signte Phace. Genug Gründe für ein ausführliches Interview...


Phace, das sind doch eigentlich zwei Personen oder?

Richtig, viele denken Phace wäre nur eine Person, aber Phace besteht aus zwei Köpfen, Nico und mir. Phace ist eigentlich mehr als nur unser Alias, vielmehr ein Motto, eine Lebensauffassung, die wir verfolgen. Man kann das nicht nur auf die Personen festlegen, es umgreift viel mehr. DJ-Perfomances mache zwar nur ich alleine, produktionstechnisch sind wir aber zu zweit. Nico ist mein bester Kollege, in musikalischer, sowie auch in menschlicher Hinsicht. Er wohnt momentan allerdings in Frankreich.

Wie kann ich mir das vorstellen, ihr produziert auch Stücke separat voneinander?

Ja genau, viele Tracks, die in nächster Zeit herauskommen, habe ich komplett allein durchgezogen, von vorn bis hinten. Andere Tracks, welche allerdings auch jetzt erst herauskommen, habe ich noch im Saarland mit Nico gemacht. Tracks die wir vor eineinhalb Jahren schon gefinished haben, wie "Brainwave" auf Subtitles, das ist eindreiviertel Jahre alt und hat lange bei mir im Plattenkoffer gestanden; ich habe es nie gespielt, weil ich dachte, dass darauf sowieso keiner abfahren würde. Es macht mir aber trotzdem heute noch genauso viel Spaß diese Stücke zu hören. Unser erstes Anliegen ist es Musik zu kreieren, die nicht einem Trend folgt und sich entgegen zeitlicher Vergänglichkeit stellt.

Es gibt aber natürlich auch genauso die neueren Tracks, bei denen der Main-Input vom Nico kommt. Phace hat viele Gesichter, aber wir treffen uns immer wieder in der Mitte. Wie gesagt, aufgrund der lokalen Trennung teilen wir den Produktionsprozeß momentan etwas auf; er fängt mal was an und ich fange mal was an, dann schicken wir uns das Projekt übers Internet oder treffen uns auch mal. Wir haben beide die Auffassung, dass Phace noch mehr kann, wir sind in einer ständigen Evolution, nie zufrieden mit unserem eigenen Sound; ich höre in Tracks eigentlich immer ein, zwei minimale Dinge welche mir noch nicht hundertprozentig gefallen. Eine solide roduktion braucht Zeit, Erfahrung, wissenschaftliches KnowHow und auch das notwendige Kleingeld für Equipment.


Wie funktioniert das dann bei Tunes wie "Dead Air" mit Cause 4 Concern und Noisia?

Das war eine andere Sache, da habe ich ja in Holland am selben Abend mit C4C gespielt, wir waren das ganze Wochenende bei Noisia und haben die Scheisse in zwei Tagen durchgezogen, zusammen an einem Ort. Das ist aber natürlich nicht immer möglich, wenn Nico z.B. mal am Wochenende hier ist haben wir auch nicht immer total den Kopf dafür, "So, wir machen jetzt Musik". Da spielen noch andere Faktoren eine Rolle. Um kreativ Musik zu produzieren muß dein Umfeld im Einklang sein.

Ihr kommt mir auch manchmal vor wie Wissenschaftler, die versuchen bei jedem Track noch krassere Feinheiten herauszuarbeiten.

Klar, am Ende ist für uns das Detail das Entscheidende. Ich habe keine Lust Formelmusik zu machen. Phace Tracks haben einen ganz eigenen Groove, einen eigenen Sound und eine eigene Dynamik, welche auch nicht immer unbedingt tanzbar ist. Es ist uns aber auch recht egal, ob die Leute darauf tanzen oder nicht. Als Musiker darf das niemals deine einzige Intention sein finde ich.

Die Leute sollen darauf Spass haben, ob sie jetzt tanzen ist etwas anderes. Ich kann Musik auch geniessen, wenn ich nicht tanze, wenn ich einfach hinhöre und denke: "Was ist das für ein iller Scheiss", das ist unser Weg. Wir machen auch mal Tracks die mehr für den Dancefloor sind, aber es ist nicht unsere eigentliche Intention nur für den Dancefloor aktiv zu sein.


Würdest du denn alle Sachen, auch die, die nicht für den Dancefloor gedacht sind, selbst live auflegen oder gehst du ans Auflegen anders heran als ans Produzieren?

Teilweise. Es kommt auf den Abend an, wo ich spiele, wann und welche anderen Artists auch noch auflegen. Wenn ich weiss, dass da drei, vier Artists sind, die mehr für den Floor machen, spiele ich auch Sachen, die die Leute vielleicht nicht so mitreissen. Dadurch möchte ich meinen Beitrag für die Szene leisten, der Crowd mal etwas andere Sounds nahe zu bringen.

Leider hört man von vielen DJs immer einen sehr ähnlichen Sound. Daher gehe ich momentan auch eigentlich kaum mehr auf Drum'n'Bass weg, ehrlich gesagt fehlt mir auch manchmal echt die Motivation für das Ganze. Aber wenn man etwas Abstand hatte, und dieser Abstand ist meiner Meinung nach unabdinglich, denke ich mir meist: "Jammer nicht rum". Ich motiviere mich selbst durch meine eigene Liebe zur Musik und mache einfach weiter.


 
"Auf jeden Fall ist das Produktionslevel gestiegen. Früher gab es nicht viele deutsche Produzenten, die mitspielen, Heute gibt es immer noch die älteren Hasen von denen wir zum Teil heute noch lernen, aber es gibt auch eine ganz neue Generation. Es ist eindeutig, dass die deutsche Musik weiter nach vorn kommt, aber da geht noch viel mehr. Man muß nur am Ball bleiben und wissen was man möchte. Zielstrebigkeit liegt in der deutschen Natur und daraus resultiert dann im Endeffekt auch die Akzeptanz im Ausland."
Wen siehst Du noch als innovativ an?

Noisia und Calyx sind momentan das Mass aller Dinge. Egal wo man ankommt, in welchem Land in egal welchem Club, wenn man deren Tunes droppt ist klar, dass der Dancefloor ausrastet. Das letzte mal als ich diesen Eindruck hatte war zur Blütezeit von Ed Rush & Optical, Tracks, die den Club direkt rocken, von Null auf Hundert! Noisia haben eine ganz eigene brachiale Energie und Innovation, einen ganz eigenen Sound der begeistert und der gut für die Szene ist.

Dann noch Teebee, der zieht seine Mission sein Leben lang durch. Er fährt immer wieder in Tracks Sachen auf, die noch nie da waren, obwohl viele sagen seine Tracks hören sich immer gleich an. Er hat einen eigenen Sound, aber er hat ihn kreiert und das Recht den Sound zu machen. Er strebt nach Perfektion in jeder Hinsicht, hält sich dabei an Leute wie Photek um sich auch jetzt noch immer weiter zu entwickeln. Photek ist ja derjenige in Drum'n'Bass, der verstanden hat aus dem Drum'n'Bass Wissen Musik zu machen, also Filmmusik, HipHop, sogar mit Leuten wie Jay-Z. Photeks Sound fand ich immer cool, er hat mich aber nie weggehauen, weil er mir zu tribal war, aber Hut ab vor dem was er macht.

Wer mich aus Deutschland sehr begeistert und schon weit vorne ist, so dass es nur noch eine Frage der Zeit ist bis er noch mehr ins Spotlight rückt, ist Misanthrop. Total eigener Typ, total harter Sound. Der scheisst auf alles, macht nur worauf er Bock hat und penetriert den Style quasi.


Warum bringt er nichts raus? Ich hab ewig nichts neues von ihm gehört.

Weil er sich momentan noch nicht intensiv darum kümmert, und mit sich selbst noch nicht so zufrieden ist, dass er sagen würde das muss jetzt raus. Er will erst dann etwas herausbringen, wenn er selber denkt, dass es 100% tight ist! Er weiss wohin er will, er weiss wie man produziert, aber er geht nicht auf Leute zu und kontaktiert die.

Jeder Mensch hat auch noch ein "normales" Leben neben Drum'n'Bass, dass vergessen Leute leider zu oft und nehmen Drum'n'Bass oft zu politisch. Das frustet auf die Dauer, weil so etwas hemmt den Progress. Und eigentlich ist es noch wichtiger auch in diesem normalen Leben "Erfolg" in jeder Hinsicht zu haben.


Wie steht es deiner Meinung um die Professionalität in der Szene?

Es gibt immer mal Promoter, die nicht akzeptieren, dass auch junge Künstler mit professionellen Anfragen kommen, die sagen "Das muss soundso ablaufen, ich möchte das und das haben". Es ist nicht mehr so, dass ich irgendwohin komme und mich nur kaputt saufen möchte. Ich will hinkommen, meine Musik vorstellen und will das auch mit meinem Leben vereinbaren können. Damit habe ich zu oft schlechte Erfahrungen gemacht, und z.B. Artists wie Teebee lassen sich da einfach nichts mehr sagen. Er sagt: "Ich komme dann an, ich muss dass und das haben, genau diese CD Player müssen da sein, und ich muss dann dahin gefahren werden. Wenn das nicht klappt passiert das und das". Eine Sache die man ab und an immer mal vermisst, aber das trifft auch weltweit zu für Drum'n'Bass.

Es gibt natürlich auch viele Promoter, die superkorrekt sind, aber es gibt auch leider manchmal die Anderen, die sich weg beamen, wo du nicht weisst wie du jetzt ins Hotel kommst, wo das überhaupt ist und wo du dein Geld herbekommst. Beispiel für den perfekten Support wäre der Loo-P (Sven, ex-Phaze Club, jetzt ludwiq Anm. d. Red.), der ist für mich einer der besten Promoter, der macht sein Ding so professionell, bei ihm stimmt einfach alles.


Hast du, dadurch dass ihr gute Releases anstehen habt, auch bessere Bookings bekommen?

Auf jeden Fall, und das indirekt natürlich auch wieder auf Teebee zurückzuführen. Wäre der nicht gewesen weiss ich nicht, ob unsere Musik die Ohren der Menschen gefunden hätte. Seitdem er öffentlich gesagt hat: "Die Jungs sind auf meinem Label." haben wir mehr Spotlight bekommen, und wurden natürlich von mehreren Promotern europaweit angefragt, was vorher nie passiert ist. Ich musste mich um Bookings 7 Jahre lang immer selbst kümmern, immer sehen wo ich spiele, wo kann ich reinkommen und das zumeist für lau. Diese Zeit hat geprägt, war lehrhaft aber muß auch irgendwann vorbei sein. Die Releases auf Subtitles und die Sachen mit Noisia, die noch in eine ganz andere Richtung gehen, aber auch die kleineren Sachen wie mit Protogen und Leet haben natürlich mehr Bookings möglich gemacht, meinen Namen in Deutschland verfestigt, wovon ich auch nie gedacht habe, dass dies irgendwann mal passiert.

Wir waren damals in Deutschland vor allem von der Musik von Makai und Precision begeistert und haben immer zu denen aufgeschaut und nun ist Phace, auch wenn noch jung in einer kleinen Position auch für Deutschland etwas cooles zu machen, deutschen Drum'n'Bass einen frisches Gesicht zu geben und unseren Beitrag für die Szene und die Musik zu leisten.

Es gibt heutzutage viel Potential in Deutschland, gute Künstler. Gerade im Bereich Liquid-Funk, was für mich an sich eine coole Musik ist, gut zu konsumieren, keine Musik bei der du gross nachdenken musst. Es funktioniert, vielleicht ein bisschen cheesy, ein paar female Vocals, vielleicht noch nen Gay (Gelächter). Aber damit identifizieren können wir uns nicht. Ich denke, dass in Deutschland viele gerade auf diesen Sound abfahren und auch Erfolg haben, gerade wie Syncopix auf Hospital. lch kenne die nicht, hab da keinen Kontakt, aber man bekommt natürlich mit, was andere Leute schaffen. In Berlin gibt es ja auch einige die diesen Sound machen, hard:edged ist nicht unbedingt pur Liquid, aber geht schon in die Richtung. Oder in Köln, das beste Beispiel AJC, ich denke bei den Jungs ist extremes Potential da, wenn die ihren Weg weitergehen und das perfektionieren wird das einfach dick werden, und das ist gut so.

Wenn man die Märkte vergleicht, England mal als Beispiel nimmt, da funktioniert das ganze Musikgeschäft sowieso ganz anders als in Deutschland. Da herrscht Austausch, da ist schon Konkurrenz da, aber freundschaftlich. Die beleben ihr Geschäft gegenseitig, und das ist in Deutschland nicht immer so der Fall, ist aber im Vergleich zu vergangen Tagen viel besser geworden.


In letzter Zeit sind ja auch viel mehr deutsche Tunes gesignt worden, denkst du dass es daran hängt, dass es eine höhere Akzeptanz für ausländische Produktionen gibt, oder hängt es damit zusammen dass das Produktionslevel in Deutschland gestiegen ist?

Auf jeden Fall ist das Produktionslevel gestiegen. Früher gab es nicht viele deutsche Produzenten, die mitspielen, Heute gibt es immer noch die älteren Hasen von denen wir zum Teil heute noch lernen, aber es gibt auch eine ganz neue Generation. Es ist eindeutig, dass die deutsche Musik weiter nach vorn kommt, aber da geht noch viel mehr. Man muß nur am Ball bleiben und wissen was man möchte. Zielstrebigkeit liegt in der deutschen Natur und daraus resultiert dann im Endeffekt auch die Akzeptanz im Ausland. Große Labels wie Renegade oder Hardware werden nicht umsonst aufmerksam. Der Drum'n'Bass Sound der in London momentan produziert wird ist sehr einheitlich. Die wollen freshe Musik, und die kommt mittlerweile mehr aus Europa oder der ganzen Welt als aus England selbst.

Zumal viele hier erst seit kurzer Zeit produzieren, wie lange seid Ihr dabei?

Angefangen haben wir Ende 1999. Wir haben am Anfang mehr herumgespielt als wirklich produziert, haben aber trotzdem immer jeden Track komplett durchgezogen, egal wie scheisse er sich angehört hat. Wir waren in diesem Moment von den Tracks überzeugt, das hat uns die Motivation gegeben weiterzumachen. Es bringt einfach nichts auf Loops hängenzubleiben, viele Leute bleiben bei Arrangements hängen mit denen sie nicht weiterkommen, weil sie einfach nicht den Input finden den Track mal zu beenden. Ein Konzept zu machen und einfach mal ein Stück zu schreiben und nicht zu sagen "ich mach jetzt das und das hört sich geil an, das fügen wir zusammen und dann ist das ein Track".

Wie war denn euer Soundideal am Anfang, wie hat sich das gewandelt?

Unser Sound ist natürlich eine Evolution unterlaufen, sonst würden wir jetzt nicht auf einem Label wie Subtitles etwas rausbringen, denke ich. Das hat sich damals darin begründet, dass wir uns an neue Techniken gewagt und immer weitergebildet haben. Gerade im Softwarebereich musst du extrem viel Zeit investieren, lesen, den Willen haben das durchzuziehen. Und wir haben unser Equipment immer aufgestockt, neue Boxen, PC aufgerüstet. Du musst dein Surrounding so schaffen, dass du deine Musik leben kannst. Wenn du weisst wie du Musik produzierst, was wichtig, worauf du achten musst, dann kannst du dich einfach gehen lassen. Da bewegt sich Phace auch gerade hin, jeder auf seine Weise aber trotzdem zusammen.

Eigentlich hat meine Frage jetzt auf dein Ideal von Sound abgezielt, welche Vorstellung, Vision du hast, wie sich das geändert hat. Wenn dir zum Beispiel damals jemand Dead Air vorgespielt hätte, wäre das deinen Vorstellungen nahe gekommen?

Phace bewegt sich auf einer engen Strasse, das ist mir klar, das ist Nico auch klar, aber das ist genau das was wir wollen. Wir wollen keine Musik nur für die pure Masse machen. Das kannst du wenn du mal Musik für den Underground gemacht hast, wenn du in etwas richtig gut warst und das Wissen dazu benützen kannst mehr in die Breite zu gehen. Das können wir irgendwann vielleicht mal machen, wenn wir Bock darauf hätten. Dazu haben wir aber momentan keine Lust, daher ist unser Style über die Jahre auch vom Charakter gleich geblieben.

Wir arbeiten sehr Sample basiert, vergewaltigen Sounds quasi und schaffen durch ihre Anordnung ganz neue Rhythmen, die es so in Drum'n'Bass weniger gab. Keine Ahnung, wo das herkommt, wir haben angefangen durchzudrehen, das hatte vielleicht auch mit unserer Vergangenheit zu tun. Bei den Phace Sessions haben wir irgendeinen Scheiss gemacht und es kam etwas Krankes heraus, oft durch Zufall. Du eignest dir den "Zufall" allerdings irgendwann an und er wird zur Routine. Du hörst raus, dass es Phace ist, das würde nicht jeder droppen. Nicht jeder findet das cool, aber wir haben immer noch dieselbe Überzeugung, etwas Eigenes zu machen, etwas anderes was keiner in dieser Form macht. Und das macht es demnach auch nicht unbedingt leichter sich auf dem Markt zu etablieren. Wir sind aber davon überzeugt, dass sich Qualität und Individualität auf lange Zeit bewährt.


Euer Style, oder allgemein Neurofunk, ist ja kein Einsteigersound wie Mickey Finn oder die erste Goldie CD, die auch ungewohnten Hörern zugänglich sind. Da muss ja eine Vorbildung bestehen. Die Einzigen, die in dem Bereich Crossover-Potential haben sind doch Teebee und Kemal, die sich einem grösseren Kreis von Leuten erschliessen, ist das auch euer Ziel?

Rein von dem, was wir dadurch verdienen könnten, wäre es natürlich cool, weil unser Sound, wie du natürlich richtig sagtest, nicht unbedingt jeder versteht, du musst dich mit Drum'n'Bass auseinandergesetzt haben. Ich weiss, dass ich irgendwann auch mal Sound machen würde, der eher für Einsteiger ist, coole Musik, die easy ist, das kommt irgendwann, das ist aber noch nicht das, was ich will, was Nico, was Phace will.

Phace will momentan eher etwas eigenes machen, polarisieren quasi, ich denke das ist auch mit ein Grund unseres kleinen Erfolgs. Du musst an etwas glauben und es in diesem Bereich nach vorne bringen, dann hast du vielleicht mal Glück und jemand ruft dich an oder sagt dir "das ist genial" und du bewegst etwas dadurch, dann bist du drin.


Stimmt, es gibt zuviele die in der Mitte fahren und allen gefallen wollen. Du hast vorhin davon gesprochen, dass zum Beispiel Photek auch Filme scored. Hast du schon mal erwogen vollkommen ausserhalb von Drum'n'Bass zu produzieren, oder hast du das sogar schon getan?

Ich beschäftige mich mit Drum'n'Bass nur noch, wenn ich selbst produziere oder auflege. Zuhause hör ich mir Drum'n'Bass lediglich mal an, wenn ich gerade einen freshen Track von einem anderen Produzenten bekommen habe. Ich habe andere Vorstellungen von Sound, und das ist auch worauf es abzielen wird. Mit Drum'n'Bass kannst du nicht dein Leben finanzieren, wenn du nur Platten veröffentlichen, aber nicht das ganze Jahr durch die Welt touren und das DJ-Leben führen willst. Darauf habe ich keine Lust, und Nico auch nicht, deswegen werde ich früher oder später bestimmt anderen Sound machen, auch wenn der Zeitpunkt noch nicht da ist.

Natürlich hätte ich auch Bock auf Movie Soundtracks, der wenn ich schon Musik für die Masse machen würde, in den Dance Bereich zu gehen: Electro, House, funky oder trocken, aber nicht cheesy, kein Gayhouse, kein 0815-Akustik-Standard. Ich denke darauf arbeiten wir auch irgendwann hin, das wird kommen. DJ Hell macht es vor, was man da erreichen kann. Ich weiss aber auch, dass wir Drum'n'Bass immer in einer Art und Weise treu bleiben werde, das sind meine Wurzeln, und es gibt keine Musik die dermassen Energie befördern kann. Vielleicht Thrash Metal, aber das erzählt mir nichts über mein Leben.


OK, erzähl mal welche Releases anstehen.

Ja, lange angekündigt, aber typisch Drum'n'Bass, alles braucht zehn mal so lang wie gedacht, zur Zeit ist die Subtitles040 auf Promo mit Brainwave und Polymers, da ist auch eine weitere Phace EP geplant und eigentlich auch schon im Kasten, das wird Subtitles045. Teebee will Release Cycles haben, in denen seine neueren Artists immer mal eine neue Platte herausbringen.

Dann haben Moving Shadow gesagt, dass sie unsere Tracks mit Noisia, die ursprünglich auf Subtitles kommen sollten, geil finden und auf veröffentlichen wollen, eventuell als EP mit Noisia. Da müssen wir noch zwei Tracks nachlegen damit die EP eine wird, aber die sind heiss darauf und wollen das auch pushen. Leet sind zwei korrekte Jungs aus Schweden, die haben vor einem Jahr zwei Tracks gesignt, das sah alles korrekt aus, wir haben einen Vertrag bekommen, aber das sind Tracks, die mir heute nicht mehr so viel geben. Die mussten den Vertrieb einstellen, weil es nicht mehr geklappt hat und suchen jetzt einen anderen Vertriebskanal, um das doch noch zu verwirklichen.

Dann ist da noch ein weiterer Track, Implant auf Shadow Law. Mayhem macht für Shadow Law eine CD mit den ersten paar Releases und drei Bonus Tracks die noch nicht releast wurden. (die anderen Bonustracks sind Mayhem & ICBM - "Octopod" und Rob F - "Identity" Anm.d.Red.). Die ist fast draussen, sie sitzen noch an den Layouts, das sollte sich nur noch um ein paar Wochen handeln. Sonst hat Phace noch etwas Grösseres geplant, das hängt auch mit Teebee und Subtitles zusammen, aber das kann ich noch nicht konkretisieren. Das ist eine Sache, wo wir gesagt bekommen haben: "Das könnte ich mir vorstellen, es hängt an euch was ihr daraus macht". Es ist uns überlassen, Teebee sagt er gibt uns die Chance zu machen, was wir wollen. Er weiss, dass es geil wird, wenn wir so weitermachen wie bisher, er ist bereit unseren Sound zu pushen und gibt damit die Möglichkeit für uns Leute zu erreichen die wir anders nicht erreichen könnten.


Was echt eine geile Einstellung ist, daran merkt man auch dass es ein künstlergeführtes Label ist.

Auf jeden Fall, das ist eine Art Vorzeigelabel. Wäre jedes Label so geführt wäre die Szene schon weiter. Aber ich will mich nicht in Politik einmischen, das ist nicht mein Ding zu sagen wie Scheisse irgendwelche Sachen laufen und wie anders die laufen könnten. Ich könnte ja auch ein eigenes Label anfangen und Dinge ganz anders machen, aber da sehe ich mich nicht in der Position dafür. Noch nicht, vielleicht irgendwann mal.

 
"Das haben mir schon viele Leute gesagt, dass unsere Sound sich sehr deutsch anhört. Von mir aus gerne. Ich bin deutsch, ich mache den Sound gern, und wenn der Sound sich deutsch anhört, umso besser, hier bin ich gross geworden, Deutschland hat mich zu dem gemacht was ich jetzt bin. Abgesehen von der Politik in Deutschland liebe ich das Land auch."
Denkst du denn dass Drum&Bass NOCH ein weiteres Label braucht? Es wundert mich immer, dass es Hunderte von Labels gibt, die drei Singles oder fünf herausbringen und wieder eingehen.

Genau, drei halbwegs qualitative Releases und dann nur noch das, was keiner mehr braucht. Das ist schädlich für die Szene, dadurch wird der Markt übersättigt. Ich habe über acht Jahre Vinyl gekauft, zuhause stehen rund 2500 Platten, aber ich kaufe mir seit einem halben Jahr kaum mehr Vinyl weil mich viel einfach nicht mehr rockt und zu Standard klingt. Ich würde ja mehr Vinyl kaufen, mich kickt aber nichts so richtig momentan. Ich spiele eigentlich nur noch von CD, worauf es für mich sehr schwer war umzustellen, weil ich Vinyl immer noch liebe, aber CD macht dich flexibler, es ist weniger Stress, es ist qualitativ in Vergleich zu Dubs definitiv besser. Das wurde schon so oft durchdiskutiert, CD ist einfach das Medium der Zukunft.

Definitiv CD, nicht Final Scratch was ja die nächste Stufe sein könnte?

Final Scratch ist so eine Sache der ich noch nicht traue. Dafür ist die ganze mobile IT noch nicht 100%ig stabil genug, du hast immer mal einen Aussetzer bei einem Laptop. Natürlich kann das das auch mit einem Pioneer CD Player passieren, aber die Wahrscheinlichkeit ist weitaus höher dass dein Laptop mal abschmiert.

Ich spiel momentan auch ein paar Break Sachen die ich genial finde. Das sind meiner Meinung nach echt alles "Next Level" Sachen. Wenn der ganze Kram mal rauskommt, ist Drum'n'Bass in dem Sound den wir machen ein Stück weiter. Nimm Neurofunk als Überbegriff, das waren früher ein, zwei, die das gemacht haben, Ed Rush und Optical.


Wie findest du Ed & Optical's neue Sachen?

Produktionstechnisch immer noch genial. Vom Stil her lässt sich darüber streiten. Es ist nicht das was mich bewegt, das mag funktionieren in der großen Masse, um mehr Leute zu erreichen. Wormhole oder Creeps sind aber für mich jetzt noch die Bibel und der Koran gleichzeitig. Bei Konflikt ist auch jede einzelne Platte immer noch die Messlatte vom Sound her; Neurofunk, aber extrem Tech geprägt, die haben Tech Drum'n'Bass in Perfektion betrieben. Konflikt sind eigentlich noch mehr Götter für Phace als Ed Rush und Optical.

Erzähl mal was zu Deiner US Tour...

Ende März bin ich nach Atlanta geflogen und blieb drei Wochen bei Anthony von Shadow Law (Mayhem). Er hat uns auch die Gigs an der Ostküste und im mittleren Westen klargemacht, die Kontakte gemacht, die Dates gesammelt. Es waren sechs Stück bis jetzt, Atlanta am 31.März und dann Burlington , Rochester NY, Montreal ,Toronto und Nashville. Zeit zum Musik machen blieb auch noch. Wir haben ja auch einen Track mit ihm und Noisia gemacht. Ich war schon mal da und hab die ersten Eindrücke geholt, ist auf jeden Fall etwas anderes, das kannst du nicht mit Europa vergleichen, die breaken vor dir, machen Kreise, eine ganz andere Art Party, die da abgeht.

Du meintest ja dass du neben der Musik noch die Sicherheit einer geregelten Arbeit willst, das ist ja eine sehr deutsche Einstellung, findest du dass ihr auch sehr deutsche Musik macht?

Das haben mir schon viele Leute gesagt, dass unsere Sound sich sehr deutsch anhört. Von mir aus gerne. Ich bin deutsch, ich mache den Sound gern, und wenn der Sound sich deutsch anhört, umso besser, hier bin ich gross geworden, Deutschland hat mich zu dem gemacht was ich jetzt bin. Abgesehen von der Politik in Deutschland liebe ich das Land auch.

Ist ja auch nichts Schlimmes. Manche der Sachen, die du sagst erinnern mich auch an Kraftwerk, die Urväter des Maschinenfunk, zumal du ja auch in Düsseldorf wohnst.

Ich bin auch mit Kraftwerk groß geworden. Als ich klein war hat mein Vater immer MTV gesehen, da sind die gelaufen und ich fand die Videos immer abgefahren Ich hab auch einige Zeit ganz andere Musik gehört, eher Punk und Rock, alles mal ausprobiert. Eine Zeit lang habe ich viel Elektronisches und Breakbeats gehört, aber ab so 95 war ich auf deepen Drum'n'Bass festgelegt mit dem ich in andere Welten tauchen konnte. Das liegt natürlich auch an unseren Persönlichkeiten bzw. an der Party
Generation, die wir durchlebten.

Ich hab gerade vorhin im Auto Samy Deluxe im Radio gehört und er redet davon, dass die deutsche Jugend heutzutage zum Groteil nur noch säuft und kifft, der spricht es mal aus. Viele Jugendliche haben keine Perspektive, weil Deutschland allgemein in einer schwierigen Phase ist, und vielen fehlt die Motivation an sich selbst zu glauben.


Ich finde dass eure Sachen immer sehr nach vorn gehen, kein Zurück, durchhalten, immer auf einen Punkt zu.

Phace Sound ist eigen, entweder man hasst ihn, oder liebt ihn. Unsere Tracks haben eine ständige Progression, es gibt zwar einen ersten Drop und einen zweiten Drop aber nicht in der Art bei der die Crowd Rewind schreit. Phace macht einen Sound der sich aufbaut, beim zweiten Drop kommt dann erst das, was beim ersten schon passieren sollte. Mir ist klar dass das unsere Tracks nicht bei jedem DJ in den Koffer bringt, aber das sehen wir wie vorher schon mal gesagt nicht als primäres Ziel
eines Musikers.

Ich bin in erster Linie Musiker und will Musik machen die mir gefällt, und Nico will auch ganz eigene Musik machen, zwei Hirne die sich in Phace treffen, die aber doch irgendwie komplett dieselbe Vorstellung haben. Scheiss auf alles, vergewaltige, zerstöre deine Sounds, halte gewisse musikalische Regeln ein damit sich dein Sound auf Platte, auf CD und auf jeder Anlage gut anhört. Das ist die Essenz für mich, der technische Background, das Wissen wie etwas funktioniert damit es sich gut anhört und wenn Du es dann noch schaffst dich als Individuum in deinem Sound zu verwirklichen hat man schon eine kleine Hürde hinter sich gelassen.


Du meinst ja dass es euch nicht so auf Dancefloor Kompatibilität ankommt, ich finde aber gerade, dass einige eurer Tunes der Hammer aufm Floor sind, Sachen die über Kopfhörer nicht nach Floorbomben klingen, aber wenn man sie über grosse Anlagen hört zerstören sie alles. Wir haben gestern BSE gesehen, viele der Sachen die, die gespielt haben gehen ja auch in die Richtung, auch Noisia.

Die Leute sind hungrig auf neuen Sound, ich hab es gestern in der Schweiz nochmal gemerkt, die Leute waren so heiss drauf. Ich hab ein Set gespielt mit dem freshesten Material, dass ich am Start hatte, ein Track nach dem anderen der auch mir wirklich sehr gut reingeht - wie die Leute darauf abgegangen sind! Der analog geprägte Sound wird zunehmend eine alte Sache, was sich momentan durchsetzt ist digital, vielleicht aber auch analoger Sound der sich anhört als wäre er digital.

Ich finde Neurofunk ist ja wie Dub mit digitalen Mitteln, das was du da vorhin beschrieben hast klingt ja wie Lee Perry in den Siebzigern der den Irrsinn im Studio perfektioniert hat.

Ja, der Sound den z.B. Noisia oder Phace machen basiert halt auf einem digital Home, einem Rechner, welcher dir unbegrenzt Möglichkeiten gibt wenn du diese erkennst. Und dadurch, dass es kaum begrenzt ist bringt es dich zunehmend an den Irrsinn. Hör dir mal an was momentan im HipHop in den USA abgeht, das ist die Musik die meiner Meinung nach den höchsten qualitativen Anspruch hat von allem was modern ist, die sich auf jeder Scheissanlage gut anhört. Ich kenne nicht alle physikalischen Zusammenhänge von Musik, aber von dem was ich höre und empfinde wird der Sound immer mehr in Richtung Perfektion getrieben. Detailwahnsinn!

Du wolltest noch was über Mayhem sagen, allgemein Collabos vielleicht.

Den Track mit Noisia und Mayhem, "Oceans of Emptyness", haben Noisia mit Mayhem aufgesetzt als er da mal in Europa war. Davon hatte ich dann mal nen Clip gehört, der war noch überhaupt nicht fertig arrangiert und gemixt und ich hab ihn dann komplett fertig gemacht. Das war so eine Etappen Collabo, erst Mayhem, dann Noisia, den Rest machte Phace.

Ich hab auch geplant irgendwann dieses Jahr nach Norwegen zu fahren, um Teebee zu besuchen, wir müssen noch einen Zeitpunkt finden an dem er und ich Zeit haben. Was noch passieren kann ist, dass ich etwas mit Calyx mache, da hat er auch Bock drauf. Das ist alles eine Frage der Zeit, das sind alles vielbeschäftigte Leute, und ich hab auch nicht immer Zeit, aber ich denke wenn etwas kommt dann wird das auch richtig kommen.

Auch mit Kabuki werden wir mal ins Studio gehen, ich hatte letztens ein sehr cooles Gespräch mit ihm. Und für sein nächstes Album werden wir dann wohl mal eine Collabo starten. Dann steht der übliche Wahn mit Misanthrop und Noisia and, und auch mit den Wild Boyz aus Cologne. Es gibt nicht viele Leute mit denen wir kollaborieren, es sind eigentlich immer die gleichen. Das finde ich aber passend, es ist hilfreich um den Sound noch schneller voranzutreiben.


Noch ein paar letzte Worte?

Du musst Drum'n'Bass als Überzeugung leben, aber du darfst dein Leben nicht Drum'n'Bass anpassen, sondern du passt Drum'n'Bass deinem Leben an. Das ist der Weg für Leute, die das auf längere Zeit machen wollen. Drum'n'Bass ist momentan eine Art professionelles Hobby, ich will Spass haben am Musikmachen, aber ich will mich nicht auf Drum'n'Bass verlassen. Die Sachen die wir jetzt produzieren werden hoffentlich noch eine Stufe höher werden, weil ich keinen Bock mehr auf low Quality und Zeitverschwendung habe. Den Anspruch muß man irgendwann an sich stellen, oder man hört klugerweise auf oder macht etwas anderes.

An den ersten Tracks, die ich jetzt hier in meiner neuen Location in Düsseldorf aufgesetzt habe merke ich schon, dass da ein neuer Phace Sound kommt. Im letzten dreiviertel Jahr hat alles super lange gedauert, weil sich in unseren Leben viele Dinge getan haben, und weil Nico und ich nicht am selben Ort sind. Jetzt wird da vieles schneller gehen weil wir uns an die neue Situation gewöhnt haben. Nach der Arbeit.

Eigentlich habe ich gerade einen kleinen Motivationsschub, 2005 wird vom DJing her bis April, Mai busy, aber danach will ich eine kleine Auszeit nehmen. Dann mach ich wenn es hoch kommt alle ein, zwei Monate ein Booking und werde ansonsten meine Zeit nützen um mich der Produktion zu widmen.


www.space-is-the-place.de [1]

Interview: SAIGON & redshirt (April 2005), Fotos: redshirt

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