Wenn man sich die Biographie und die Liste der Tätigkeiten von Andreas
aka baze.djunkiii anschaut, denkt man der Tag müsste 36 Stunden haben:
DJ, Radioshow, Label, Plattenladen, Editor, etc. - doch lest selbst... 1978 bist Du geboren. Wir haben gelesen dass Du bereits mit 8 Jahren der elektronischen
Musik verfallen bist?! Die meisten hören da noch TKKG. ;) Wie kams?
Eigentlich recht einfach - mein grosser Cousin hat mir zu der Zeit irgendwann
mal ein Tape mit NuBeat (kam damals überwiegend aus Belgien und war so etwas
wie die Schnittstelle zwischen EBM und der langsam anrollenden TechnoHouse-Bewegung)
und frühen AcidHouse-Tracks in die Hand gedrückt.
Das war der erste Kontakt zu elektronischer Musik für mich und unbewusst
dann wohl der Startschuss für alles, was danach kam. Anfangs - da ich ziemlich
isoliert auf'm Dorf gewohnt habe - blieb das Radio erstmal danach die einzige
Quelle mit elektronischen Dancetracks und Synthiesachen, Kraftwerk wurden ja damals
z.T. noch im Radio gespielt und natürlich wurden auch Italosachen, Frankfurter
Dancefloor a la Snap etc. und auch Depeche Mode & Co., KLF... auf Tape gebannt
wenn Freitagabends die neuen Charts liefen. Die ersten selbstgekauften Scheiben
waren dann Snap - World Power und DM's - Violator, lange bevor ich mit dem Auflegen
anfing.
Als DJ bist du für einen härteren Style und Darkjungle bis hinzu
Darkcore und Breakcore bekannt. Was genau sind Deine musikalischen Schwerpunkte?
Gute innovative elektronische Musik steht bei mir als
Schwerpunkt über allem anderen, da ich als DJ bis auf Vocal-/Filter-/Frenchhouse
und
Psychedelic/Trance eigentlich das gesamte Spektrum von experimentellem Ambient
über Minimal/Elektro/Techno bis hin zu Breaks/Garage,
Drum'n'Bass/Darkjungle und Hartcore/Noize abdecken kann und mir diese Freiheit
auch erhalten möchte. Bezogen auf Drum'n'Bass und artverwandtes liegen meine
Vorlieben sicherlich in den etwas seltsameren, kaputteren Sachen.
Ich mag viele D'n'B Tunes sehr gern, die aus dem Umfeld der französischen
Teknival/Freetekno-Szene kommen, bin sehr offen für harte Ami-Tracks und
auch aus Deutschland kommen interessante Sachen im DarkJungle-Bereich. Als Stichworte
seien hier mal Imprints wie Damage, X-86... , JungleTest und Jungle Therapy für
Frankreich, N2O und Ridem für USA/Kanada und als Beispiele Alphacut und ältere
Position Chrome-Sachen für Deutschland genannt, die bei mir im Case feste
Plätze einnehmen. Auch wenn das für manche vielleicht wie ein Sakrileg
klingen mag, stehen die klassischen englischen Labels und auch die von vielen
hochgelobten Tunes bei mir oft gar nicht im Case, da ich zum einen nicht wirklich
auf offensichtlich gemachte Hiteffekte abfahre sondern eher den subtilen düsteren
Kick mag, auf der anderen Seite steht mir der Sound zeitweise auch zu sehr auf
der Stelle auch wenn die Produktionen selbst immer fetter und fetter werden.
Doch gerade in der letzten Zeit habe ich wieder ein offeneres Ohr für UK-Labels,
vor allem die Metalheadz 50 und einige der letzten No U-Turn-12"es waren
klasse, Produzenten wie Specimen A, TechItch, Loxy & Ink hatten gutes Material
am Start das ich auch gern spiele. Nur
Brasil-/Disco-Drum'n'Bass bleibt weitgehend aussen vor.
Wo bist Du derzeit resident als DJ?
Wo kann man Dich in den nächsten Wochen live hören?
Als Resident bin ich zur Zeit ohne Location, was mir auch
gar nicht viel ausmacht, da ich über längere Zeit diverse kleine Events
im Electronica und Breaks/Garage-Sektor gehostet habe. Jeden Monat die gleichen
Gesichter muss ich nicht zwingend haben, zumal das auch mit der Zeit ermüdet.
Wechselnde Orte und Crowds finde ich da wesentlich spannender, da mensch sich
die Gunst des Publikums jedes mal auch neu erspielen muss. Gerade mit einem Status
der sich vom Newcomer/Rookie-Level schon ein gutes Stück entfernt hat, aber
auch noch nicht zum richtigen National Player reicht, kann das interessant werden.
Viele Leute haben dann doch über ein paar Ecken schon mal von einem gehört,
wissen aber noch nicht so genau wie sie den Namen einordnen sollen und was sie
erwartet, fragen sich vielleicht wer denn dieser Mensch ist, der nun extra aus
Hamburg irgendwo hinkommt. Wenn es dann richtig rockt und die Leute auch
auf ihnen unbekannte Tunes abgehen, ist es für einen selbst natürlich
die beste Bestätigung und macht beiden Seiten Spass.
In den nächsten Wochen stehen erstmal Köln mit TechHouse, Acid- und
Techbreaks am 16.01. und die Urban Noize Pressure III am 17.01. zusammen mit Icam
[Intrauterin Tapes] in Flensburg auf dem Programm. Da gibt's dann Drum'n'Bass,
DarkJungle und auch ein wenig Breakcore auf dem Programm.
Desweiteren laufen weitere Gespräche für die kommenden Monate, da gibts
aber noch keine fixen Dates so far. Wer beim Lesen bis hier Lust auf baze.djunkiii
in seiner Venue bekommen hat, darf sich natürlich gern vertrauensvoll an
mich wenden ;-)
Du veranstaltest auch selbst Parties in Hamburg und Umgebung...
Das Veranstalten ging vor ein paar Jahren eher zufällig
los in Zusammenarbeit mit einem Partner, das hat sich dann jedoch ein wenig unglücklich
auseinandergelebt. Für mich ist das ein abgeschlossenes Kapitel über
das ich nicht wirklich mehr Worte verlieren will. Nach dieser Zeit gab es dann
ein paar an DarkJungle/Drum'n'Bass orientierte Events mit amerikanischen Acts
und unter der Woche auch die ein oder andere Reihe in Sachen Electronica, Breaks/Electro
und Garage/Dubstep in den letzten Jahren.
Leider hat sich das Partyvolk in Hamburg zeitweise als recht resistent gegen neuen,
innovativen oder einfach auch nur anders gearteten Sound erwiesen, so dass ich
zur Zeit meine Ambitionen in der Richtung zunächst einmal auf Eis gelegt
habe. Denn nur aus reinem Idealismus veranstalten, um den Sound den mensch selbst
gern hören würde auch wirklich auf die Ohren zu bekommen, ist mir dann
doch ein wenig zu anstrengend und auch kostenintensiv auf die Dauer.
Was für Tracks oder Einflüsse haben Dich und Deinen Style geprägt?
Was waren für Dich wichtige musikalische Milestones?
Jede Platte die ich besitze ist irgendwie ein Milestone
für mich. Im für diese Website relevanten Bereich wichtig waren auf
jeden Fall Panacea's "Low Profile Darkness", die erste Platinum Breaks,
Sonic Subjunkies' "Turntable Terrorism E.P." auf Digital Hardcore Recordings,
die UFO 2x12" auf Position Chrome und die ersten X-86...-Scheiben.
Ansonsten unter anderem die "Abschied aus Berne - Kompilation Hamburger Geräuschmusik"
auf Wachsender Prozess, die Kollaps-LP der Einstürzenden Neubauten, aber
auch diverse Ravetracks aus 94/95, die "Trancemaster GoAHead XL-Mix mixed
by Wolfgang Koch" und viel viel mehr. Ein breites Spektrum halt - too much
to mention them all.
Du bist der Head von Intrauterin Recordings und dem Sublabel Intrauterin Tapes.
Erzähl uns was darüber...
Kurze Story eigentlich. 1999 habe ich von dem Hamburger
Produzenten Motec Registered eine Demo-CD bekommen, der im Rahmen meiner damaligen
Reihe "Die Gesellschaft ist Krank" live auftreten wollte. Ich mochte
die Tracks, wollte sie auf Vinyl spielen und hab mir dann einfach zwei davon rausgesucht,
mein Konto geplündert und aus dem Bauch heraus 300 7"es pressen lassen.
Einfach ins Blaue hinein ohne auch nur den geringsten Schimmer, wie ich die dann
loswerden sollte. Das Problem ergab sich dann später. In 1999 kam dann auch
die Intrauterin 002 der Hamburger TripHop-Formation Spherical und in 2000 dann
noch eine Industrial-HardTek-Noize-LP in Kollaboration mit Dhyana
Records/Augsburg. Aufgrund diverser anderer Projekte war das auch die letzte Intrauterin
Recordings bis dato, momentan warte ich jedoch auf die Testpresses zur Intrauterin
004 - die erste echte Drum'n'Bass-Scheibe auf dem Label. Dann sehen wir mal wie
schnell das weitergeht, Möglichkeiten gibt es da einige.
Die Idee zu Intrauterin Tapes entstand in 2001 zusammen mit Homebass, dort sind
bis dato 7 Tapes erschienen - fünf Mixtapes mit Drum'n'Bass und je ein UkGarage-
und ein DarkJungle-Tape. Jedes Tape featured zwei DJ's die jeweils eine Seite
mit einem Studiomix bestücken - dabei sind bis jetzt Homebass, Anonüm,
Sahara, Icam, Sublime und ich selbst. Zu beziehen gibts die Tapes direkt auf unserem
Gigs oder exklusiv über www.otaku-records.de[1].
Intrauterin spricht mensch "intra:uterin" aus, "a" und "u"
getrennt. Das ist ein Fachterminus aus der Frauenheilkunde und bedeutet "innerhalb
der
Gebärmutter liegend". Danke an Rainald Goetz für die Inspiration...
Stichwort "Intrauterin Alliance". Du bist auch als Producer tätig?
Die Intrauterin Alliance entstand zu der Zeit als ich
noch bei den "Ear.ache"-Parties im Berliner Tresor eine Quasi-Residency
hatte.
Konzeptionell ging es bei dieser Reihe um Industrial Tekno, Hardtek und experimentellen
Hartcore, doch bei mir entstand der Wunsch dort auch Drum'n'Bass-Tunes unterzubringen.
Was fehlte war das passende Tool dafür um von Tekno auf D'n'B umzuschwenken
ohne einen allzu grossen Bruch zu verursachen. Also hab ich mich mit Homebass,
der in der Materie wesentlich fitter ist als ich, darüber unterhalten und
ihn gefragt ob er Lust hätte sich mit mir hinzusetzen und ein solches Tool
spasseshalber zusammenzuschrauben. Das lief dann halt so gut, das wir ein paar
Tracks mehr geschraubt haben und auch als B2B-DJ-Team unter diesem Namen anfingen.
Veröffentlicht sind bisher allerdings nur ein TekBreak-Tune auf einer CDR-Compilation
auf Dhyana sowie ein experimenteller Ambienttrack als
Beitrag zur Jubiläumscompilation zum 50ten Release von Dhyana Records in
Augsburg. Ausserdem haben wir einen Electronicaremix für das Hamburger Industrial-Elektro-Projekt
Notstandskomitee gemacht, der Anfang 2003 auf Block4 released wurde. Als Dubplate-Feature
gibts "Humanoid" auf Intrauterin Tapes 004 auf die Ohren und der Rest
kommt vielleicht irgendwann mal raus.
Wir arbeiten zumindest nicht unbedingt kontinuierlich an dem Projekt, zumal Homebass
auch solo an eigenen Tracks schraubt.
baze.djunkiii-Soloproduktionen wird es erstmal nicht geben, da ich mich noch viel
weiter in die Materie einarbeiten will und zum anderen auch erstmal nen vernünftig
fitten Rechner brauche dafür. Ich kann mir jedoch vorstellen in ferner Zukunft
in Sachen Atonalmusik/Noize auf Solopfaden zu wandeln vielleicht.
Mit "Die Nachtschwestern" hast Du eine Radioshow bei Radio FSK Hamburg.
Was ist das Konzept der Show? Was bekommt man zu hören? Wann kommt die Show
immer und auf welchen Frequenzen kann man den Sender in HH empfangen?
Das Ursprungskonzept der Nachtschwestern war die Idee,
eine Plattform im Radio zu schaffen, die sich in Form von DJ-Sets mit experimenteller
elektronischer und elektroakustischer/atonaler Musik auseinandersetzt. Zu der
Zeit vor mehr als vier Jahren bestand das Gründungsteam noch aus TBC, dem
Kopf des Labels Wachsender Prozess, St. Martin und mir selbst.
Mittlerweile bin ich die einzige noch verbliebene Nachtschwester und auch das
Konzept hat sich ein wenig verändert. In jeder Nacht von Montag auf Dienstag
gibt es nun auf FSK 93.0 Antenne / 101.4 fm Kabel eine spezielle Themensendung
zu einem Teilbereich der elektronischen Musik. Das ist mal Drum'n'Bass/DarkJungle,
Techno, Nubreaks, Experimental/Atonal, Elektro etc..
Ich bin immer live ab 01oo cet im Studio, meist mit einem Gast-DJ aus meinem näheren
oder weiteren Umfeld, der auch live spielt. Zuweilen kommt dann noch ein vorproduzierter
Mix eines weiteren Gast-DJ's hinzu. Meist geht das ganze dann bis in die frühen
Morgenstunden - gegen 06oo - 07oo cet ist dann in der Regel Schluss und bis zur
nächsten Sendung läuft eine Nachtschleife. Die Playlist der letzten
Sendungen gibt es dann auf der Website www.nitestylez.de[2]
nachzulesen oder per Newsletter zu abonnieren.
Dann arbeitest Du noch im Plattenladen "Otaku Records". Was machst Du
da, was sind deine Aufgaben? Und wo findet man den Laden in Hamburg?
Otaku - meine Homebase sozusagen. Mit dabei bin ich seit
Ende 98/ Anfang 99 und verbringe dort kontinuierlich mehr Zeit. Neben dem Verkauf
und der Pflege des kleinen Onlineshops, kümmere ich mich dort neben Hardy,
der den Laden macht, um den Einkauf der sagen wir mal etwas seltsameren elektronischen
Musik und bin da natürlich schwerpunktmässig in Sachen DarkJungle unterwegs,
doch auch GhettoBass ist mir sehr ans Herz gewachsen.
Natürlich gehört auch (Mailorder-)Kundenbetreuung am Telefon dazu, das
Erschliessen neuer Vertriebswege und der Ausbau bestimmter Themengebiete, die
noch abgedeckt oder erweitert werden wollen. Klingt alles vielleicht ein wenig
hochgestochen, im Endeffekt ist das Dealen mit Vinyl business as usual - mit der
Ausnahme vielleicht, das wir scheinbar einer der wenigen Läden sind die auch
in diesen nicht ganz einfachen Zeiten versuchen, auch für Sound abseits des
elektronischen Mainstream ein Refugium zu bieten. Zumindest sagt das die Kundschaft
von ausserhalb so.
Mehr Infos dann auf www.otaku-records.de[1].
Für verschiedene Magazine warst und bist Du redaktionell tätig. Was
hat es mit Deinem nitestylez.de Webzine auf sich?
nitestylez.de[2]
ist quasi der Versuch ein durchaus subjektives, wenn auch wertneutrales DIY-Zine
zu schaffen, das sich mit Schwerpunkt Hamburg zur Aufgabe gemacht hat, unabhängig
von der Einflussnahme durch Sponsoren, Geldgeber, Anzeigenkunden einen Blick auf
die kleinen, innovativen oder auch musikalisch wertvollen, grösseren Events
zu werfen, da mich persönlich diese Einflussnahme in vielen Jobs im Printbereich
ziemlich genervt hat. Da musste dann über eine Party gutes geschrieben werden
auch wenn sie Grotte war, weil sonst die nächste Anzeige nicht kommt, was
der Qualität der Veröffentlichung oft nicht unbedingt zuträglich
ist.
Für mich ist nitestylez.de das Online-Mag, das ich selber immer gesucht und
nie gefunden habe. Also musste ich's dann selber machen. Informationsmässig
gibt es neben Veranstaltungspre- und -reviews, noch Plattenkritiken, DJ-Charts
und Radioplaylists, die ich möglichst aktuell zu halten versuche. Diesen
Standpunkt der Unabhängigkeit und das Ziel, die Leser mit zum Teil völlig
unbekannten Sounds zu konfrontieren und sie natürlich auch dafür zu
interessieren, habe ich mir auch bei meiner Tätigkeit für die Raveline
ganz dick auf die Fahne geschrieben und halte sie natürlich auch in Form
von Vinylreviews hier auf future-music.net hoch.
O.k., gibt es sonst noch etwas dass Du loswerden willst?
BigUp an Hardy & Wolfgang (Otaku Records); Homebass,
Icam, Sahara, Anonüm & den Rest aus dem Intrauterin Stable für den
kontinuierlichen Support; St. Martin / Hamburg; Peter Pöllinger / Berlin;
Panacea, Current Value, LXC, AlexDee und alle Produzenten die etwas mit ihrem
Sound bewegen; Ameise Vinylpresswerk & Cutterlonia / Hamburg; die FF-Macher
und -Members, die binnen kurzer Zeit fester Bestandteil meines Tagesablaufs geworden
sind; die Partyheadz, die elektronische Musik als Ganzes sehen und vertreten und
from the heart und für den Sound ausgehen und nicht weil es grad schick ist;
Sarah S. / Recklinghausen; alle Veranstalter, die mir nette Stunden an den
Plattentellern beschert haben und die, die wissen das sie hier noch gemeint sind...