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Lightwood - Santorin Rec.


Bereits 1993 begann Oliver Lichtwald aka Lightwood mit dem Auflegen von Breakbeats auf einem kleinen Event in Tübingen. Von da an arbeitete er mit Telmo A. verstärkt an einer regionalen Drum'n'Bass-Szene, heutzutage schätzen viele nicht nur die monatlichen Pressure-Events im Tübinger Depot, bei dem neben den Santorin Artists immer wieder internationale Grössen den ehemaligen Getreidespeicher zum Einsturz bringen, sondern die individuellen und bunten Sets, die Mister Lightwood bei Events im deutschsprachigen Raum stets auf Lager hat. In diesem Interview wollen wir nicht nur auf den Künstler selbst und den bisherigen Werdegang als DJ eingehen, sondern auch über Drum'n'Bass an sich, Drum'n'Bass in Deutschland und das Label Santorin Records mehr erfahren.

Darf man fragen, was du neben nächtlichen Streifzügen und dem Labelmanagment so machst?

Studieren. Und natürlich noch das ouk Magazin. Und, und, und...

Du kommst ja in Deutschland ziemlich herum, worin unterscheidet sich die Szene in den verschiedenen Städten?

Der Osten brodelt. Ganz klar. Ansonsten findet man alles überall vor: mal 500 bunt gemischte Leute, mal 100 Szeneheads, mal 800 Studenten, mal 30 Punks, mal Raves, mal Jugendhäuser, mal Open Airs. Drum'n'Bass ist überall und wir kriegen euch alle!

Wie würdest Du Deinen Stil beschreiben? Kannst du das so pauschal sagen?

Drum'n'Bass zeichnet sich meiner Meinung dadurch aus, dass es kompatibel ist zu jeglicher anderen Musikrichtung, sei es nun Techno, Ragga, Jazz, Latin, Heavy Metal, Klassik - whatever. Diese Eigenschaft prägte auch die frühe Anfangszeit von 92/93, in der alles möglich war. Eine Zeit, die auch uns (Lightwood & Telmo A.) sehr prägte. Dieses Feeling versuchen wir auch heute noch in unseren Sets umzusetzen: Alles ist möglich. Ständig die Grenzen neu ausloten. Aber nie die Crowd auf dem Dancefloor vergessen. Und ich habe bisher noch niemanden auflegen hören, der ein derartiges Spektrum im Drum'n'Bass-Kontext zu bieten hat.


Um nochmals auf Deine Antwort oben zurückzukommen, Du meinst, dass alles möglich war, als Drum'n'Bass noch in den Kinderschuhen steckte. Sieht das denn derzeit anders aus? Ich würde fast sagen, dass sich alles noch mehr geöffnet hat.

Nicht unbedingt. Drum'n'Bass ist, was Herangehensweise bzw. 'Vibe' betrifft, jetzt wieder da wo es 92/93 war. Das ist in keinster Weise negativ zu deuten. Es hat z.B. unter anderem dazu geführt, dass Drum'n'Bass in der Musiklandschaft in den letzten Monaten wieder enorm viel Ansehen gewonnen hat. Die Erfahrungen im technischen und im musikalischen Bereich der letzten Jahre lassen eben den Eindruck entstehen, dass es sich mittlerweile noch mehr geöffnet hat.

Gibt es bestimmte Artists im Drum'n'Bass-Bereich, die Du besonders schätzst oder von denen Du Dich hast beeinflussen lassen?

Zu den Künstlern, die mich tatsächlich konstant über die Jahre hinweg beeindruckt haben, gehören E-Z Rollers, Shy FX, Doc Scott, Danny Breaks, Adam F, Jonny L, Andy C, London Elektricity, Goldie, 4hero und LTJ Bukem. Momentan sind es dazu Künstler wie M.I.S.T., Klute oder Polar und hierzulande TGM, Kabuki oder One:Soul, die die ganze Sache in neue Dimensionen katapultieren. Santorin Acts natürlich aussen vorgelassen...(lacht)

Wie zahlreich sind Produktionen aus dem eigenen Hause in Deinen Sets vertreten? Ist es ein "Muss", den Sound zu repräsentieren?

Es ist insofern kein "Muss", dass wir uns sagen, wir müssen in jedem Set mindestens soundsoviel Santorin-Tracks spielen. Wir spielen natürlich Santorin-Tracks, um zu schauen wie die Reaktionen auf dem Dancefloor sind, und weil sie nicht zuletzt unser Set unterstreichen.

Oliver, Du bist ja schon fast ein 'DnB-Grandfather', was Deine Erfahrung in diesem Genre angeht. Welche Veränderungen hat Deiner Meinung nach der Drum'n'Bass oder Jungle in den letzten 10 Jahren durchlebt? Lassen sich klare Abweichungen, sei es in der Musik oder auch innerhalb der Szene, erkennen?

Lange Frage - kurze Antwort: Ein ständiges Auf und Ab, wobei die Tiefpunkte noch ziemlich gut sind und wir uns momentan auf einem sehr spannenden und wichtigen Hochpunkt befinden.

Das Thema "Drum'n'Bass in Deutschland" oder "deutscher Drum'n'Bass" wird ja immer wieder gern aufgegriffen. Dabei stösst man auf Meinungen wie "... dt. DnB sei zu kopflastig...", "... UK-DJs wüssten besser mit UK-Produktionen die Menge zum Toben zu bringen...".

Tracks wie z. B. "Infinity" von TGM oder "Beneath The Mask" von Makai sind alles andere als kopflastig und haben ein höheres Potential als der Grossteil des UK-Outputs. Dass UK-DJs besser mit UK-Produktionen die Menge zum Toben bringen, ist kalter Kaffee. Eher das Gegenteil ist mittlerweile der Fall, denn unsere Homies wissen viel besser mit dem hiesigem Publikum umzugehen. Zudem findet man meiner Ansicht nach "das Besondere", was u. a. auch eine hohe Gage rechtfertigt, nur noch bei wenigen hochkarätigen UK-DJs.

Bekanntlich produzierst Du ja nicht, hast aber doch Dein eigenes Plattenlabel Santorin Records ins Leben gerufen. Wie bist Du darauf gekommen? Hast Du selbst schon mal produziert oder hast Du es noch vor? Jetzt mal ganz ehrlich...wurde Santorin auch für Promozwecke gegründet? Erzähl uns ein wenig mehr über das Label.

(lachend) Zehn Jahre lang Klavierspielen war eine feine Sache. Momentan ist alles eine Frage der Zeit. Wer sollte dann das Label managen? Zudem reizt es mich nachwievor, als DJ erfolgreich zu werden ohne eine einzige Produktion vorweisen zu können.

Hmmm...sieht man Dich dann in der Tübinger Fussgängerzone mit einer Hammond-Orgel?!? Also steht die Option, selbst Musik zu produzieren, noch offen oder kommt es vorerst nicht in Frage?

Momentan nein. Das mit der Hammond-Orgel werde ich mir ernsthaft überlegen, wenn ich Rentner bin. Dann nehme ich noch MC Double J. mit, der dazu die Drum'n'Bass-Beatbox macht, Simon V spielt Gitarre und Telmo A. Blockflöte!

Und wie kam es zu dem Entschluss, ein eigenes Label zu gründen?

Auf der einen Seite waren Simon Vs Tracks überreif. Sie mussten einfach in Form von Vinyl das Licht der Welt erblicken! Auf der anderen Seite wollte man eine Art Visitenkarte haben, mit der man seine Vorstellung von Drum'n'Bass in die Welt portieren konnte.

Gibt es ein lokales Santorin-Studio in Tübingen?

Ja, es gibt die Home Studios, in denen Simon arbeitet. Ein grösseres Studio ist derzeit im Gespräch.

Wie sind die anderen Artists zu Santorin gestossen? Wie kam es zu der heutigen Besetzung?

Cycom hat Simon über mp3.com kennengelernt. Er hatte uns dann ein Demo zugeschickt. Track Nr. 9 war der "Broken Promise"-RMX, der uns sofort gefiel. young ax haben wir ganz klassisch kennengelernt: Er hat uns ein Demo zugeschickt, wir haben angerufen und so nahm die Geschichte seinen Lauf.

Wie ist Dein oder euer Label organisiert? Wer entscheidet was, wer muss welche Aufgaben erfüllen? Wie läuft so etwas ab?

Bei mir liegen die Hauptaufgaben, wie A&R, PR, Layouts etc. und ich treffe letztendlich die Entscheidungen. Es ist aber so, dass ich alles mit Simon abspreche. Bei Präsentation im Netz und Mastering ist Simon natürlich der Tonangebende. Die Meinungen von Andi (Telmo A.) und Jens (Double J.) werden ebenso miteinbezogen und wenn alle einmal sagen: Nein, tue es nicht - dann tue ich es nicht.

Welchen Ruf geniesst das Label im Ausland, bekommst Du bzw. ihr irgendwie ein Feedback? Gibt es ausländische Connections?

Wir bekommen sehr sehr viel und sehr euphorisches Feedback aus der ganzen Welt, von Australien bis Südafrika bis Kanada bis Island und das bereits seit dem ersten Release. Aus dem ein oder anderen Kontakt wurden bzw. werden dann gute Connections.

Ist es wichtig den Labelnamen mit einem bestimmten Genre oder Style zu verbinden und diesen beizubehalten oder seid ihr oder bist Du aufgeschlossen gegenüber allem?

Das eine schliesst das andere nicht aus. Gerade weil wir allem gegenüber sehr aufgeschlossen sind, hat sich so ein für Santorin typischer Sound entwickelt. Dieser ist vielseitig - von funky bis hart bis kopflastig (grinst) bis melancholisch bis uplifting - und versprüht dennoch immer einen ähnlichen Vibe...hat eben einfach Soul...ist deep...man spürt etwas!

Okay, ich denke das dürfte vorerst reichen, um ein wenig mehr über Dich, die Musik und deine Gedanken hierzu zu erfahren. Im Namen von Drumbase.de bedanke ich mich nicht nur für deine Offenheit und die Einblicke in dein Schaffen, sondern auch für die Mühe, unsere Fragen zu beantworten.

Text: Drumbase (Mai 2002)

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