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Peshay

Paul Pesce aka Peshay hat sich schon in seiner Kindheit mit vielen verschiedenen musikalischen Stilrichtungen auseinandergesetzt. Daher ist sein Sound auch immer wieder von diesen Einflüssen, im besonderen Jazz, geprägt. Heute gilt er als einer der Drum'n'Bass-Pioniere, der schon Anfang der 90er Jahre eifrig mit LTJ Bukem an ausgetüftelten Sounds bastelte und seine Inspirationen umsetzte. Veröffentlichungen bei Good Looking, Reinforced, Metalheadz, um nur einige Labels bei Namen zu nennen, trugen dazu bei, daß er bald ein allseits bekannter Producer wurde, der seine Tätigkeit als DJ jedoch nie vernachläßigte. Weltweite Gigs, auf denen er die neuesten Dubplates präsentiert, bestätigen seinen internationalen Erfolg.

"Miles from Home" heißt sein letztes Album - von Decoder produziert - welches sich nicht nur auf Drum'n'Bass begrenzen läßt, sondern ein viel weiteres Spektrum abgrenzt. Bekannt ist er uns aber schon lange - Paul Pesce aka PESHAY.

Durch seine frühe Zusammenarbeit mit LTJ Bukem, mit dem er gemeinsam den bahnbrechenden Track "Piano Tune/Vocal Tune" auf Good Looking herausgebracht hat, sowie durch sein Zusammentreffen mit Goldie und darauffolgenden Veröffentlichungen bei Reinforced und Metalheadz ließ Peshay einiges von sich hören und gilt somit als einer der Drum'n'Bass-Pioniere, bevor er durch eine mysteriöse Krankheit für zwei Jahre aus dem Verkehr gezogen wurde. Aber - glücklicherweise - kehrte er geistig gestärkt und voller neuem Tatendrang zurück und ist heute ein von allen respektierter Producer und einer der gefragtesten Drum'n'Bass-DJs weltweit. Japan, Amerika, Deutschland, Italien... nahezu unendlich ist die Liste der Länder, die er schon mit seinem Sound beschallt hat, der zu über 80 Prozent von Dubplates stammt. Doch lest selbst, was Peshay so zum Thema Dubplates, DJ-ing, seinem eigenen Label und über sein neues Album zu berichten hat...

Zuerst jedoch noch ein paar Worte über Peshay's letztes Album, "Miles from Home"...

"Jedes Album hat den Anspruch, etwas Persönliches zu sein. Es geht dabei um mich und die Dinge, die ich gerne höre. Die Sounds spielen dabei keine so große Rolle, sondern eher das, was mich beeinflußt und in gewisser Weise leitet. Mit einem ganzen Album kann man Sachen produzieren, die man sonst nicht so einfach veröffentlichen könnte. Es geht dabei nicht um 12 Dancefloor-Tracks, sondern praktisch um eine Art Reise in verschiedene Stimmungslagen - das ist das schöne an einem Album."

Genau diesen Anspruch erfüllt Peshay's letztes Album auch in der Tat. Wer da mit einem reinen Drum'n'Bass-Album gerechnet hat, wurde sicherlich entäuscht, denn lediglich zwei Tracks erfüllen den Status eines Dancefloor-Killer-Tracks. Der Rest ergibt einen wunderbaren Klangteppich aus Electro, Hip Hop, Funk und - Jazz. Peshay hat sich nämlich schon in seiner Kindheit sehr intensiv mit Musik auseinandergesetzt. Herbie Hancock, Miles Davis, Kraftwerk... gerade diese Vielzahl von Einflüssen stehen für sein offenes Ohr gemäß jeder Stilrichtung und er entweicht dadurch jeglichem Kategorisierungsschema.

"Obwohl ich glaube, daß Jazz mich am meisten beeinflußt hat, glaube ich, daß ich eine Art von Person bin, die sich nicht einem speziellem Genre zuordnen läßt. Wenn mich etwas berührt, dann höre ich es gern, da spielt das Genre überhaupt keine Rolle. Mein neues Album, z.B., ist wie eine Reise aus der Vergangenheit, aus der ich komme, in meine Zukunft. Es besteht aus allen Einflüssen meines Plattensammler-Daseins."


Decoder, der ja eher für einen darken und harten Sound steht, hat die technische Seite der Produktion übernommen. Wie ist es dazu gekommen?

Er ist einfach ein guter Techniker. Er kann Dinge, die ich nicht machen kann, weil ich einfach das technische Know-How nicht so drauf habe. Ich bin eher der Mann mit den Inspirationen. Den explizit darken Sound mag ich übrigens überhaupt nicht. Ein Track auf dem Album habe ich aber gemeinsam mit Photek produziert, P vs. P.

Was ist dann dein Style, wie legst du auch auf?

Also ich würde ihn als pretty funky beschreiben, mit einem Schwerpunkt auf funky Basslines vor allem. Mein Sound wird getragen von einer schönen Melodie und Soul. Ich mag die noisigeren Komponenten eigentlich gar nicht, für mich steht die Melodie im Vordergrund.

Und hast du schon etwas für dein nächstes Album geplant? An was arbeitest du zurzeit gerade?

Ja, da habe ich schon ein paar Vorstellungen. Mein nächstes Album soll sehr funky werden, und auch mehr gitarren-orientiert. Ich plane es derzeit für Ende 2000, aber natürlich wird es auch wieder mehr Styles umfassen, es wird wieder eine Art Lebensgeschichte. Zur Zeit arbeite ich gerade an einer Menge von Remixen. Ich mache z.B. derzeit einen Remix für DJ Die und V-Recordings und einen für UFO.

Verstärkt arbeite ich auch mit Photek und Flytronix zusammen. Aber, zu viel komme ich ja nicht im Moment, weil ich mit dem Dj-en ziemlich beschäftigt bin. Von Donnerstag bis Sonntag bin ich meistens irgendwo auflegen, und am Montag komme ich dann zurück ins Studio.


Du bist ja gerade auf einer DJ-Tour. Wo kommst du da überall herum?

Ich spiele Gigs praktisch überall auf der Welt. Jetzt war ich gerade in Deutschland und hatte dort eine echt schöne Zeit. Ich werde auch sicher noch ein paar Mal kommen, bevor das Jahr zu Ende geht. Ansonsten toure ich durch Österreich, Schweiz, Italien, Japan...

Hast du, als Halb-Italiener, in Italien eine besondere Erfahrung gemacht?

Ja, ich hätte mir nie gedacht, daß es in Italien so abgehen kann. Aber, das gilt generell.. Die Drum'n'Bass-Szene wächst weltweit, ich habe fast in jedem Land einen guten Sound zu hören bekommen. In England bemüht sich zur Zeit jeder nur darum, einen ähnlichen Sound zu produzieren. Daher kommt es auch zu einer Stagnation dort, wogegen die anderen Länder echt schon gute Vibes produzieren.

Was macht für dich einen guten DJ aus?

Naja, er sollte nicht nur einen Style auflegen, sondern zum Beispiel auch auf die Leute, die ihn umgeben, eingehen. Abgesehen davon finde ich persönlich eine guten Mix, der auch in time ist, sehr wichtig.

England ist ja dafür berüchtigt, daß manche Tracks erst ganze Jahre nach ihrer Fertigstellung für eine breitere Käuferschicht zugänglich sind. Das bedeutet, daß ein Track, bevor er veröffentlicht wird, schon jahrelang von Insider-Djs gespielt wird. Wie handhabst du den Umgang mit Dubplates? Wie kommst du zu deinen Platten?

Fast alle Platten werden mir geschickt und ich spiele ca. 80 Prozent Dubplates, der Rest Vinyl. Das Publikum hat meistens kein Problem damit, daß es die Plates nicht erwerben kann. Außerdem probiere ich so auch die Wirkung aus und da kann es schon mal vorkommen, daß ich den Track dann noch einmal ein wenig abändere.

Also wie lange gibt es dann die Tracks von "Miles from Home" in Wirklichkeit schon?

Na, die sind noch nicht so alt, ca. 1 Jahr. Allerdings ist das auch relativ zeitloses Material.

Von 1994 bis 1996 warst du ja nicht im Musikbereich tätig. Kannst du uns etwas mehr über diese Zeit erzählen?

Ich war krank. Es war eine sehr deprimierende und frustrierende Zeit, aber diese Phase hat mir bewußt gemacht, wie glücklich ich sein kann, daß es mir jetzt wieder gut geht. Ich habe dadurch neue Energie gewonnen und das ganze hat mich auch geistig viel stärker gemacht.

Danach kam ja dein erstes Album bei MoWax heraus...

Naja, eher bei Nightmare. MoWax ist meiner Meinung nach ein sehr extrem schlechtes Label, echt schrecklich. Es war dort eine meiner schlimmsten Erfahrungen in meinem Leben. Die wußten einfach nicht, was sie mit den Platten anfangen sollten. Ich bin überhaupt der Meinung, daß es viel zu viele schlechte Labels gibt und das verwirrt die Leute irgendwie. Aber im Endeffekt wissen die meisten ja dann doch, was gut ist und was nicht.

Mir haben Leute schon so schlechtes Material geschickt, das kann man sich kaum vorstellen. Man sollte vorher doch einmal nachdenken, was man will, bevor man sich ins Studio setzt und irgendwelche Tunes produziert. Die Originalität fehlt dann meistens.


Du hast ja jetzt dein eigenes Label gestartet.

Ja, derzeit habe ich schon das zweite am Rennen, weil die "Elementz"-Angelegenheit ist beendet. Seit ca. 1/2 Jahr habe ich ein neues Label, Tivotil, das führe ich gemeinsam mit einem Partner, weil ich ja durch das Dj-en noch immer nicht genug Zeit habe, um mich voll darauf konzentrieren zu können.

Interview: Barbara Wimmer aka Shroombab [1] (April 2000)
Das Interview erschien im Mai 2000 im Breakbeat Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.


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