URL: http://www.future-music.net/stage/interviews/1997-04_dnbroundtable/ Zurück zur normalen Ansicht

Von Techno Lernen
Roundtable: Drum'n'Bass in Deutschland (1997)





1997: Wer die gewaltige Medienkarriere von Drum'n'Bass in den vergangenen zwei Jahren verfolgt hat, könnte fast auf die Idee kommen, daß die komplexeste aller Dance-Musiken kurz davor steht, die Popularität von Techno zu erreichen. Aber wie sieht der Alltag in den Clubs, auf den Raves und in den Heimstudios aus? Wird hier nur so getan, als würde man in England leben? Gibt es überhaupt eine gewachsene Infrastruktur? Killt Sponsoring die Szene? Bleibt Drum'n'Bass auf ewig eine Musik für Insider? Sechs Aktivisten aus den lokalen Hochburgen sind nach Köln gereist, um sich erstmals untereinander auszutauschen.

Teilnehmer: Norberg Rudnitzky, Berlin, Downbeat-Records und Downbeat-Record-Shop, macht die Radiosendung „Blackboard Jungle“ auf Radio „Fritz“/ORB. Bassdee, Berlin, Club-DJ, macht die Radiosendung „Radio Massive“ auf Kiss FM,. das Case-Invaders-Label und Hard:Edged. Dagmar Maziewski, Köln, Groove-Attack-Großhandel, zuständig für den Vertrieb von deutschen und englischen Jungle-Labels. Oliver von Felbert, Köln, DJ Olski, Groove-Attack-Label, Spex-Autor („Wildstyle“). L.X., Hannover/Hamburg, Mitbetreiber von DonQ Records, Drum'nBass Producer. Kabuki, Frankfurt a.M., Mitglied der Megashira Crew, DJ & Producer, Mitbetreiber des Precision-Labels. Bassface Sascha, Mannheim, DJ & Producer, macht das Smokin'-Drum-Label (und andere), Radio DJ bei Evosonic/Köln.


Könnt ihr zum Einstieg kurz erläutern, wie ihr jeweils zu Drum'n'Bass gekommen seid?

Norbert: Ich hatte mit elektronisch erzeugter Tanzmusik, also mit Techno im weitesten Sinne, nie was am Hut. Ich komme ganz stark vom Reggae, vom HipHop, und ich habe mich immer gefragt: Gibt es ein Leben nach Techno? Bis ich dann über die Ragga-Samples zu Drum'n'Bass gekommen bin. Da habe ich genau das entdeckt habe, was mir immer gefehlt hat: Soul, um es mal so zu sagen. Die anderen Sachen waren mir zu futuristisch, 4-to-the-floor und zu ungroovy.

BassDee: Ich habe vorher vor allem Techno gehört. Zwischenzeitlich auch mal HipHop, aber nur so lange, bis noch nicht alles nach Jeep-Sound klang und noch Rolls in den Beats waren. 1990 ungefähr tauchten dann die Breakbeats im Techno auf, Ich weiß nicht mehr genau, wann der Quantensprung stattfand, aber irgendwann löste sich das Ganze von Techno und wurde zu einer eigenen Sache. Das war wohl um Anfang '95. Das Faszinierende an Drum' n'Bass für mich war die Idee, eine Musik zu haben, die so krass wie möglich ist und trotzdem noch funktioniert.

Dagmar: Anfang der Neunziger war HipHop für mich die wichtigste Musik, House die andere. Hier und da tauchten immer wieder mal Breakbeat-Sachen auf. Dann gab es ein Loch, als man solche Sachen nur noch auf den Cosmic Orgasm-Parties von Bleed und Triple R hören konnte, wobei das alles doch eher Techno war. Irgendwann, um '94, fragte ich mich, ob es das überhaupt noch gibt. Da bin ich öfters mit Happy Hardcore Scheiben nach Hause gekommen, die zwar nicht das waren, was ich wollte, aber andere Breakbeats habe ich eben nicht gefunden, zumal Bleed damals alles gute schon immer weggekauft hatte und ich den ganzen Mist bekam. Schließlich kam der Ragga-Schub, und Reggae fand ich immer schon gut. Plötzlich war alles super.


  L.X.: „Säßen wir hier, plus die Leute, die heute fehlen, alle in Berlin, dann hatte man eine vergleichbare Infrastruktur wie in London. Für mich, aus der Sicht des Producers, ging das mit dem Hype viel zu schnell.“
Oliver: Für mich ist Drum'n'Bass gewissermaßen die letzte Konsequenz all der Sachen, die ich vorher gehört habe. Ab einem gewissen Zeitpunkt habe ich sowieso nur noch Tanzmusik gehört, die ich jetzt absichtlich nicht Dance nennen möchte. HipHop, Soul, dann House und Acid. Zwar waren da auch Shut Up And Dance und Rebel MC, aber ich brauchte eine Weile, bis ich das richtig kapiert hatte. Es gab halt Breakbeats, und die kamen aus England. Ich mußte das alles erst einmal auf einer Party in London erleben, bis ich richtig kapierte, worum es da geht, Mir ist es allerdings immer egal gewesen, ob Musik elektronisch produziert wird oder nicht. Funk fühlt sich in meinen Ohren genauso an wie HipHop. Dieses Moment habe ich in den Drum'n'Bass-Sachen, die ich mag, auch wieder gefunden.

L.X.: Mein Ausgangspunkt war ganz klar Dub, die Liebe zum tiefen Bass, wobei ich immer auch eine Linie zu Detroit-Techno gesehen habe. In HipHop und House bin erst viel später eingeführt worden. Nicht umsonst ist Prince Jammy's „Computenzed Dub“ von 1985 meine Lieblingsplatte. Die mag sonst niemand. Computer-Dub ist immer ein Bezugspunkt geblieben.

Kabuki: Mein Weg zu Drum'n'Bass und auch die Entwicklung von Stefan Frank, mit dem ich die ganzen Produktionen mache, erklärt sich über unsere Herkunft. Hanau ist eine Garnisonsstadt, und der einzige Club, in den man überhaupt gehen konnte, war die Armee-Bar in der Kaserne. Darüber hat sich ein ganz anderer Zugang zu Black Music ergeben. Als wir dann zum ersten Mal Drum'n'Bass hörten, aufgenommen über Satellitenradio, fanden wir das geil, wußten aber überhaupt nicht, was das war oder wie das heißt. Die Gemeinsamkeit zwischen Drum'n'Bass und HipHop liegt auf der Hand, In beiden Fällen handelt es sich um eine Collagenmusik, die dennoch eine eigene Identität und Ästhetik hervorbringt.

  Oliver: „Ich glaube sowieso nicht daran, daß man Drum'n'Bass in absehbarer Zeit hier so groß machen kann wie Techno, und das finde ich auch gut. Dieses Höher, Schneller, Weiter ist einfach nicht mein Ding.“
Bassface Sascha: Bevor es für mich Drum'n'Bass oder Jungle gab, habe ich sehr viel Industrial und Electro gehört, auch Detroit. Miami Bass fand ich sehr witzig, und HipHop war natürlich auch ganz wichtig. Dann kamen die Acid-Sachen, was zeitlich auch mit den ersten Produktionen zusammenfällt, die ich im Alter von 15 Jahren gemacht habe. Auf Drum'n'Bass gebracht hat mich Bryan Gee. Den kenne ich jetzt auch schon seit acht, neun Jahren, und damals hat er noch Techno gespielt. Wie die meisten hier sehe auch ich in Drum'n'Bass den letzten Schritt, die Fusion aller Musiken, die ich vorher immer schon gehört habe.

So unterschiedlich wie eure Sozialisationen gestalten sich auch die lokalen Drum'n'Bass-Szenen in Deutschland. Die traditionsreichste und populärste liegt ganz klar im Rhein-Main-Gebiet Das legendäre milk!, in Mannheim gilt als das Geburtshaus der deutschen Breakbeats, und Jungle-Raves wie Meditation oder Future zählen bis heute zu den größten Veranstaltungen ihrer Art. Das hat mittlerweile zu einem übersteigerten Selbstbewusstsein geführt, an dem nicht nur der Alleinvertretungsanspruch nervt, sondern vor allem auch die ständigen Analogien zu London, wie sie zum Beispiel im Fanzine „Pressure“ gezogen werden. Wie steht ihr zu dieser Entwicklung?

Bassface Sascha: Ich habe mir schon viel algeschaut in Deutschland, und von daher kann ich sagen, daß Veranstaltungen wie Future oder Meditation schon so etwas wie einen englischen Vibe haben. In punkto Größenordnung dürfte dies das Maximum von dem sein, was unter hiesigen Bedingungen möglich ist. Ich weiß nicht, ob man die Szene nun unbedingt an London messen sollte, aber hierzulande ist sie ganz bestimmt die aktivste.

Norbert: Aus meiner Sicht, wir bringen ja die Meditation-Comoilations auf Downbeat heraus, kann man schon sagen, daß der Vergleich etwas unglücklich gewählt war. Zum damaligen Zeitpunkt war bereits klar, daß auch in anderen Städten eine Szene existierte. Nur gab es dort unten wesentlich mehr Leute, die alles über Tracks, Dubplates wußten - ganz zu schweigen von den vielen Kids...

Bassface Sascha: ... das ist das Stichwort. Für diese Kids ist nicht House oder Techno, sondern Dmm'n'Bass und Jungle die Musik, mit der sie als erstes in Berührung gekommen sind. Entsprechend groß ist natürlich das Detailwissen.

Norbert: Genau daraus ergibt sich der Unterschied zu den Großstädten, wo man es alleine aufgrund der Altersstruktur in den Clubs und den entsprechend anderen Sounds mit ganz anderen Gegebenheiten zu tun hat.

Dagmar: Das ist in England nicht anders. In London dreht sich alles um die Clubs, während die Raves im Hinterland zu finden sind.

L.X.: Aber hier liegt alles wesentlich weit und deshalb lauten auch Kommunikationsstrukturen unterschiedlich.

Kabuki: Für mich belegt die Analogie zu London vor allem die Selbstverliebtheit, von der die Szene geprägt wird.


Böse Zungen behaupten, daß sich Spektakel wie Future oder Meditation gar nicht so sehr über die Musik definieren, sondern eher über den Ereignischarakter. Wären die Sounds in diesem Fall nicht mehr oder weniger austauschbar?

Bassface Sascha: Vergleiche mal ein Techno-Rave mit einem Drum'n'Bass-Event. Dann wirst du feststellen, daß Drum'n'Bass inzwischen viel besser läuft.
Norbert: Aber gab es nicht vor kurzer Zeit dort unten ein Techno-Rave mit über 4.000 Besuchern, während beim letzten Future nur noch 1.500 Leute da waren? Offenbar sind Zeiten der großen Drum'n'Bass Events im Rhein/Main-Gebiet langsam vorbei. Das hat sich in diesem Jahr gezeigt.

BassDee: Nein. Mittlerweile kann man Veranstaltungen dieser Größenordnung ganz unabhängig von der Region durchführen - vorausgesetzt, sie werden gut promotet, und die richtigen Leute sind am Start. Mit dem entsprechenden Line-Up könnte man auch in Berlin bis zu 3.000 Leute ziehen.

Kabuki: Ich glaube, daß sich das alles erstmal gesundschrumpfen muß. Mit 12 Top-DJs auf dem Billing haben die Locals keine Chance, sich zu profilieren. Auf den Flyern kommen sie immer ganz unten und entsprechend klein vor.

Bassface Sascha: Klar, weil das Konzept letztendlich der Ego-Film von vier Leuten ist. Man kann englische Verhältnisse eben nicht 1:1 adaptieren.

Norbert: Nicht nur was die Präsentation der Locals anbelangt, sondern auch bezüglich der Zeiten, die man ihnen gibt, machen die Promoter einen gravierenden Fehler. Warum mischt man das nicht besser? Ich bin mir sicher, daß es genug DJs hier gibt, die den Standard der englischen Stars haben.

Kabuki: Dann müssen die Veranstalter aber auch mitspielen. Wenn mir ein Promoter anbietet, auf der Future zwischen 23 und 24 h zu spielen, sage ich „nein“! Diesen Marktwert muß man sich selbst zugestehen.


Offenbar sehen inzwischen auch die Besucher nicht mehr ein, warum sie für einen englischen DJ so viel Geld bezahlen sollen, wenn deutsche Akteure die gleiche Qualität liefern. In Berlin scheint man mit Locals weitaus weniger Probleme zu haben. Gerade in ihrer autarken Selbstorganisation unterscheidet sich die Szene wesentlich von den Strukturen im Rhein/Main-Gebiet. Nirgendwo sonst tummeln sich so viele Drum'n'Bass Aktivisten, gibt es so viele, oftmals geheimlogenhafte Parties und Events.

BassDee: Natürlich wird hier oft mit Understatement gearbeitet. Aber das liegt natürlich auch an den Gegebenheiten im Ostteil Berlins. Es ist nach wie vor kein Problem, an eine abgegammelte Fabrik zu kommen, in der man einen Club machen kann, und auch die notorischen Probleme mit dem Ordnungsamt, wie man sie von den westdeutschen Städten kennt, sind weitgehend noch kein Thema. Das schlägt letztendlich auch auf die Zusammensetzung des Publikums durch. Wenn man dauernd auf bestehende Club-Strukturen zurückgreifen muß, ist das natürlich nicht so gut.

Oliver: Die Szenen in den jeweiligen Städten entsprechen meistens der Clubsituation. Das dürfte ein werterer Grund sein, warum Drum'n'Bass in Mannheim und Umgebung so gut funktioniert hat. Die Szene ist direkt aus der Club-Rave-Szene gewachsen, und man hat relativ schnell mitbekommen, was parallel in England lief. In anderen Städten muß man wohl eher von einer „Stunde Null“ sprechen: Plötzlich gab es eine Jungle-Party. Das ist eben nicht Schritt für Schritt entstanden. In Köln gab es zwar Parties mit frühem Hardcore, die eindeutig Underground waren, aber sie fühlten sich eben auch vornehmlich wie Techno an. Richtig losgegangen ist die Sache erst nach dem Medienhype. Das spiegelte sich am deutlichsten in den Besucherzahlen wieder: Im Sommer '94, als wir unsere erste Drum'n'Bass Party machten, kamen ungefähr 100 Leute. Anfang '95 waren plötzlich 800 da, obwohl wir gerade mal 400 handgemachte Flyer in Umlauf gebracht hatten. Ein halbes Jahr später standen wir wieder mit nur 150 Leuten da. Die Leute hatten damals definitiv mehr über die Musik zu lesen als zu hören bekommen. Wenn sie dann auf eine Party gingen, waren die meisten dementsprechend verstört. Mit der eigentlichen Auftauarbeit konnte man erst beginnen, als sich der Medienrummel ein wenig gelegt hatte.

Bassface Sascha: In dieser Hinsicht geht es uns inzwischen nicht anders. Das „Vibration“ hat Ende Juni dichtgemacht, und damit gibt es keinen einzigen Club mehr, wo diese Musik läuft. Das durfte auch ein Grund sein, warum die Leute so massenhaft zu den Raves gehen.

Dagmar: Würde das denn überhaupt funktionieren, wenn ihr wieder auf kleinere Strukturen ausweichen würdet, ohne englische Top-DJs?

Bassface Sascha: Im Vibration hatte ich einmal pro Woche meinen Abend, und da gab es einen Durchlauf von 1.000 Leuten. Der Club besaß für die Kids einen Kultcharakter, weil er der Inbegriff von Drum'n'Bass war.

Norbert: Ja, mit Sascha oder E.Decay hat Mannheim schon seine Heroes - mehr als in anderen Gegenden. Was die Lage bei uns angeht, lässt sich eine ähnliche Entwicklung feststellen, wie das Oliver gerade für Köln getan hat. Von den 1.300 Leuten, die zur ersten Jungle-Party ins Berliner E-Werk kamen, war das für 1.200 eine komplett neue Erfahrung.

Bassface Sascha: Ich bin mir ziemlich sicher, daß sich die Leute in Mannheim und Umgebung null von den Medien haben beeinflussen lassen. Die sind einfach hingegangen und haben gefeiert.


Trotzdem wurde die Medienhysterie zwischenzeitlich zum Politikum. Von Plastik-Hype war die Rede. Jeder beschimpfte den anderen, ein Zeitgeist-Trendschnüffler zu sein. Man konnte damals den Eindruck gewinnen, daß manche Angst hatten, etwas weggenommen zu bekommen, und dann gab es natürlich auch wieder die alte Leier von wegen "I was a Punk before you were a Punk".

BassDee: In der Situation haben manche einfach gedacht, .ich mache das schon jahrelang, aber jetzt steht’s in der Zeitung, und prompt ist die Bude voll. Ich persönlich habe das als gar nicht so schlecht empfunden. Plötzlich waren interessierte HipHopper auf den Parties, die mit Breakbeats bis dahin nichts zu tun hatten, und das sind im Grunde die Leute, die bis heute dabeigeblieben sind.

Dagmar: In Köln sind sie größtenteils wieder verschwunden.


Wie sieht es denn in den anderen Städten aus?

L.X.: Es gab die Großraves im „Hanomag“ ansonsten ist Hannover eine Hochburg für House und Soul. In Hamburg läuft zwar schon länger was, aber dort scheint der Hype nie richtig angekommen zu sein. Ruffcutz spielen schon seit Jahren, ohne jemals ein Publikum bekommen zu haben.

Oliver: In Hamburg und Köln wurde so lange gewartet, bis die Sache hundertprozentig safe war und man sich bei den entsprechenden Agenturen mit schon durchgesetzten Leuten aus England versorgen konnte.

  Kabuki: „Bis vor gar nicht allzu langer Zeit herrschte ein Gefühl, der Markt sei zu klein für uns alle. Erst seitdem man ein wenig konzertierter vorgeht, gibt es die Perspektive, daß man gemeinsam ein neues Level erreichen könnte.“
Kabuki: Zu Zeiten des großen Hypes wurde bei uns ansatzweise versucht, Drum'n'Bass Nächte in Rockvenues zu installieren. Da wurden dann Compilations auf pitchbaren CD-Playern gespielt. Mittlerweile gibt es auch in Frankfurt keinen einzigen Club, wo Drum'n'Bass läuft. Wir habenuns die letzten Jahre mit illegalen Parties über Wasser gehalten, die auch ganz gut funktionierten. Nur greift das Ordnungsamt seit sechs Monaten so rigoros durch, daß wir darauf angewiesen sind, auf etablierte Clubs umzusteigen. Das alte Problem.

Das ist doch ein krasses Mißverhältnis. Es gibt die Hatten, die über ein gutes Netzwerk von Importeuren vertrieben werden, es gibt jede Menge DJs, und es gibt eine regelmäßige Berichterstattung in den Medien. Aber nach wie vor fehlen sozial verankerte Strukturen, Clubs, in denen die Musik stattfinden kann. Habt ihr dafür eine Erklärung?

L.X.: Das Problem läßt sich genauso in England beobachten. Auch da kann man nicht von einer landesweiten Drum'n'Bass Szene sprechen. Das ist alles immer noch ein Londoner Phänomen. Säßen wir hier, plus die Leute, die heute fehlen, alle in Berlin, dann hätte man eine vergleichbare Infrastruktur. Für mich, aus der Sicht des Producers, ging das mit dem Hype viel zu schnell, und was die Qualität der Musik angeht, liegen die Engländer einfach viel zu weit vorne. Ein Goldie kann mit seinem Sample zu Rob Playford gehen, der alles für ihn macht. Danach kriegt Andy C das Dubplate.

Bassface Sascha: Solche Netzwerke gibt es doch auch bei uns. Es findet schon ein Austausch von DATs und Ähnlichem statt.

Aber selbst wenn es hierzulande eine Struktur gäbe, wo Producer ihr neuestes Werk abends beim DJ ihres Vertrauens hören könnten, wurde das keine mit London vergleichbaren Effekte auslösen. Nur ein Bruchteil des Publikums ist doch darauf aus, nur die neuesten Dubplates deutscher Producer zu hören.

Oliver: Die Musik ist einfach noch nicht bekannt genug. Beim Auflegen bekomme ich immer wieder das Gefühl, eigentlich keine Hits in der Kiste zu haben. Höchstens "Shadowboxing" oder ein paar Jump-Up-Tunes mit relativ bekannten Samples.

Norbert: Es gibt noch ein anderes Phänomen, das uns hier das Leben schwer macht. Nehmen wir irgendeinen Berliner Club, wo DJ Hype spielen soll. Der Local vor ihm ist an diesem Abend nicht schlechter. Trotzdem herrscht nur verhaltene Party-Stimmung. In dem Moment aber, wo Hype übernimmt oder auch nur den Saal betritt, sind die Leute plötzlich voll da - selbst wenn er die gleichen Tracks im gleichen Mm wie der DJ vor ihm spielt. Für mich ist das eine typisch deutsche Reaktion. Man scheint sich hier nicht selbst feiern zu können.

Oliver: Die Musik kommt eben immer noch von woanders her. Das darf man nicht außer acht lassen. Ich habe zwar immer mehr deutsche Platten in meiner Kiste, spiele sie auch, aber der ganz heiße Scheiß wird einfach in London oder Bristol gemacht. Man kann nicht einfach so tun, als wäre Drum'n'Bass eine deutsche Erfindung.


Wie sieht’s denn auf der Produzentenseite aus? Ist es wichtiger, sein Produkt in England an den Start zu bekommen, als hier im Heft oder wo auch immer eine gute Besprechung zu haben?

Bassface Sascha: Das hängt von der Perspektive ab, mit der du die Sache angehst, ob du mehr den Verkaufsaspekt oder das Interesse im Blick hast, das dir die Leute in Deutschland entgegenbringen sollen. Für die Verkaufszahlen ist es in der Tat besser, wenn die DJs in England deine Platten spielen.

Dagmar: Ohne den englischen Markt kann man als deutsches Label kaum profitabel arbeiten. Sonst mußt du gar nicht erst mehr als 300 Platten pressen lassen - 30 für Japan, 30 an die Westküste, 50 nach New York, und das war's dann.

L.X.: Für mich ist es schon wichtig, ob eine meiner Platten in dieser Zeitschrift gut besprochen wird, einfach weil sie ein überregionales Medium ist. Wie gesagt, säßen wir alle in der gleichen Stadt, wäre der Einfluß solcher Meinungsmacher halb so entscheidend. Problematisch wird's vor allem, wenn überhaupt nur eine oder zwei kompetente Stellen existieren, wo Drum'n'Bass regelmäßig stattfindet. Das macht diese Medien dann doch etwas zu gewichtig.


Könnte sich das Ungleichgewicht zwischen englischen und deutschen Produktionen in naher Zukunft verändern? Ist es denkbar, daß eine neue Platte von euch gleichberechtigt mit einer Metalheadz wahrgenommen wird?

  Norbert: „Wahrscheinlich werden irgendwelche Leute, von denen wir hier gar nichts wissen wollen, mit irgendeiner Art von Drum'n'Bass in die Charts gehen. Die amtliche Musik wird nie das große Geld machen.“
Kabuki: Gäbe es mehr Leute wie Nico, der bei der Bewertung allein auf die Qualität und nicht auf die Herkunft achtet, bestünde eine reelle Chance. Aber das muß von Innen kommen, sonst wird es nicht funktionieren.



Oliver: Eine Drum'n'Bass-Produktion aus Deutschland kannst du nicht einfach so in England hinstellen. Du hast nur eine Chance, wenn du den Wegen der dortigen Infrastruktur und Szene folgst.


Ihr alle kennt die englische Szene mit ihren Restriktionen, Key-Persons und dem umstrittenen Dubplate-Business. Könnte man sich vorstellen, beim Aufbau einer Infrastruktur von Labels, Producern, DJs auch Fehler zu vermeiden, die eurer Meinung nach in England gemacht worden sind?

Oliver: Da muß man sich zuerst fragen, wo denn die Fehler liegen. Sicher nervt die Tatsache, daß man es mit einem geschlossenen Haufen und einem mitunter kindischen Dubplate Geschäft zu tun hat. Aber auf der anderen Seite funktioniert dieses Business auch als Sicherheitssystem. Die Szene ist nach wie vor sehr selbst bestimmt. Gerade weil sich die Leute gegenseitig so stark kontrollieren, hat es bis heute noch kein Major geschafft, den erfolgreichen Vocal-Jungle-Tune an den entscheidenden Figuren vorbei zu machen.

Sobald jemand wie Alex Reece aus der Reihe tanzt, ist er sofort draußen. Das klingt natürlich auch albern, aber darin liegt der Grund, warum sich die Musik immer noch auf so einem hohen Niveau bewegt. Gute Freunde sind das alles natürlich nicht. Da herrscht schon ein extremer, manchmal sehr ungemütlicher Konkurrenzkampf, und vieles spielt sich unter der Gürtellinie ab. Ich würde mir wirklich wünschen, daß sowas in Deutschland nicht passiert. Natürlich kann Konkurrenz mitunter gesund sein - aber es wäre scheiße, wenn man sich ab einem gewissen Punkt nur noch mit den sogenannten Politics beschäftigt, Feindschaften austrägt oder anfangt, sich das Wasser abzugraben. Dann verliert man den Spaß an der Musik.

L.X.: Angesichts unserer schwachen Infrastruktur wäre das in der Tat eine Katastrophe.


Glaubt ihr denn, daß es in Hückeswagen oder Pfaffenholen einen genialen Producer geben könnte, der seine Platten in der lokalen Disco spielt, aber niemandem hier am Tisch bekannt ist?

Dagmar: Sicher gibt es den,...

Oliver: ...und wenn er dran bleibt, schickt er einem von uns ein Tape.


L.X.: An diesem Punkt funktionieren die Strukturen schon recht gut. Immerhin sprechen wir gerade miteinander. Man tauscht sich aus und erzählt sich gegenseitig von neuen Producern und Produkten.

Kabuki: Weil sich der Vibe durchgesetzt hat, daß Kooperation der einzige Weg ist.

L.X.: Das geht dir so. Ich habe dieses Gefühl nur bedingt.

Kabuki: Bis vor gar nicht allzu langer Zeit herrschte ein Gefühl, der Markt sei zu klein für uns alle. Erst seitdem man ein wenig konzertierter vorgeht, gibt es die Perspektive, daß man gemeinsam doch ein neues Level erreichen könnte.

Norbert: Ich denke, viele der gerade aufgezahlten Fehler sind auch in Deutschland wieder zu finden. Die Politik wird von Leuten gemacht, die ihre Interessen wahren wollen. So nett ist die Situation nun auch nicht.

Oliver: Dazu würde ich gerne was sagen, nur zur Erklärung. Zur Zeit gibt es ein Konkurrenzverhältnis zwischen NTT und Groove Attack, den beiden Vertrieben für 12 inches in Deutschland. Das ist nicht weiter schlimm, sondern eher natürlich, denn für zwei Mitbewerber sollte Platz sein, Wenn ich Platten bespreche, bevorzuge ich natürlich Sachen, die mir gefallen, und bei den deutschen Sachen versuche ich alles, was ich kriege, zu berücksichtigen. Mit den Platten, die im Vertrieb von Groove Attack sind, werde ich naturlich besser versorgt.


Was waren denn deine Erfahrungen mit den „Meditaüon-Compilations“? Wie bat sich da die Interessenpolitik niedergeschlagen? Wo sind die Platten besprochen worden?

Bassface Sascha: (lacht) Es gab eine sehr gute Besprechung in „Atmosphere“...

Norbert: Bei der Besprechung von Downbeat Vol. 3 wurde deutlich, daß der Rezensent in SPEX über eine Musik schreibt, die er eigentlich nicht mag. Obendrein ging es um eine Compilation zu einem Rave, den der Autor nie besucht hat. Als ich den Text las, hatte ich schon das Gefühl, daß es da verschiedene Lager gibt, ich finde, die so genannte Jump-Up Fraktion akzeptiert durchaus, daß es andere gute Sachen gibt, aber umgekehrt gilt das eben nicht. Dabei ist es viel schwieriger, einen guten Jump-Up Track zu machen als einen abstrakteren mit Strings. Und dann haben wir es noch mit sehr unterschiedlichen Hörsituationen zu tun: Auf einem Rave funktionieren Jump-Up Sachen einfach besser.

Man liegt wohl nicht falsch mit der Behauptung, daß die schreibende Fraktion eher in Clubs als auf Raves geht - nicht zuletzt, weil dem Rave noch der Geruch von Techno-Kultur anhängt, wo man nur dröge, verstrahlte Kids vorfindet. Aber da liegt der Fehler. Schon was die Qualität der Musik angeht, kann man die Meditation nicht mit der Mayday vergleichen. Oder Shy FX mit Scooter.

Bassface Sascha: Aber gerade im Pressure wird doch gerne behauptet, man hätte es hier mit etwas Besserem als Techno zu tun, um dann wieder darauf zu beharren, daß es sich eben um Rave Musik handle, die ruhig etwas schlichter und einfacher sein darf.

Oliver: Das ist mir wiederum egal. Mich interessiert nur das Stück: Fühle ich was, gibt es mir was, finde ich das gut? Ob der Typ für den Track nun sechs Monate oder zwei Stunden gebraucht hat, ist dann völlig zweitrangig. Aber nochmal zur Meditation-Compilation: Da sind durchaus Tracks drauf, die völlig in Ordnung sind. Mir geht es mehr um die Verpackung oder die Idee. Vor allem über die Linernotes mußte ich wirklich lachen. Warum läßt man die von einem Schreiber machen, der sich den Anschein gibt, ein Rud&Boy aus South London zu sein? Das wirkte extrem aufgesetzt und läßt die Identität vermissen, auf die bei dieser Veranstaltung angeblich so viel Wert gelegt wird.

L.X.: So wir ihr das gerade erzählt, kommt es mir völlig normal vor, wenn so eine Compilation hier im Heft zerrissen wird. Nicht wegen der Musik, sondern aus Gründen der Repräsentanz, und da kann ich nur sagen: Du, Norbert, mußt als Major einen schweren Stand haben, das kann gar nicht anders sein. Der kommerzielle Aspekt ist einfach zu präsent.


Wurden die Drum'n'Bass Raves ohne Sponsoring überhaupt funktionieren?

Norbert: Nein, das würde sich nicht rechnen.

BassDee: Oder nur dann, wenn die Leute bereit wären, wesentlich mehr Geld auszugeben. Wer ohne Sponsoren arbeitet und die Preise trotzdem gemäßigt halten will, wird nicht einmal annähernd dafür entschädigt, daß man Platten gekauft und sich 18 Stunden um die Ohren geschlagen hat. Ab einer bestimmten Größenordnung geht es ohne Fremdfinanzierung einfach nicht. Natürlich muß sich jeder selbst die Frage stellen, ob es das wert ist.


Bassface Sascha: In Mannheim ist die Größenordnung nur die Reaktion auf die Nachfrage der Leute. Da bleibt dir gar nichts anderes übrig, als in diesen Dimensionen zu arbeiten.

Dagmar: Ich sehe das Problem nicht so sehr im Rahmen von „Future“ und „Meditation“. Da funktioniert es ja. Was mich vielmehr erschreckt, sind Drum'n'Bass Veranstaltungen unter dem Banner von Zigaretten-Sponsoren an Orten, wo bisher noch nichts gelaufen ist. Die Geschwindigkeit, mit der man das versucht hat, ist erstaunlich, und wenn es dann noch nicht einmal funktioniert, ist das noch schlimmer, als wenn es funktioniert hätte.

Aber hat der Sponsoring-Overkill die Gagen nicht in exorbitante Höhen getrieben und so das Gefüge zerstört? Auch im Drum'n'Bass wird neuerdings mit Phantasie-Summen gearbeitet. Schon Photek, von Hause aus Producer, verlangt als DJ runde 5.000 Mark pro Abend.

Oliver: Das hat noch einen anderen Grund, denn in England gibt es einfach nur um die 15 Top-Leute, an denen weltweites Interesse besteht. Ein Grooverider oder JJ Frost kann jeden Samstag für 1.400 Pfund irgendwo auf der Welt auflegen. Wenn der Promoter in Karlsruhe das nicht zahlen kann, dann läßt sich der DJ eben nach Sidney buchen.

Und wie sieht's mit der Major-Frage aus, die L.X. eben angesprochen hat? Zusammenarbeit - Ja oder nein?

Oliver: Ich mochte, so lange es geht, autark arbeiten können. Sollte es irgendwann doch zu einer Kooperation kommen, dann nur aus einer starken Position. Roni und Krust haben das sehr gut gemacht. Die haben solange gute und fette Sachen produziert, bis jeder bei ihnen angeklingelt hat und sie Verträge aushandeln konnten, die ganz in ihrem Sinne sind. Ich habe bei den Majors in Deutschland noch niemanden getroffen, der die Musik auch nur halbwegs versteht, gut findet und etwas anderes damit machen will, als Geld mit dem Hype zu verdienen.

Norbert: Das ist doch immer die Motivation.

Oliver: Klar, ich will auch meine Miete bezahlen können und in der luxuriösen Position sein, mich 24 Stunden am Tag mit meiner Lieblingsmusik beschäftigen zu können. Das ist aber eine Motivation, die sich vom Denker eines A&R-Managers bei der Industrie unterscheidet. Aber ich glaube sowieso nicht daran, daß man Drum'n'Bass hier so groß machen kann wie Techno, und das finde ich auch gut. Dieses Höher, Schneller, Weiter ist nicht mein Ding. Die Katerstimmung im Technogeschäft spricht da Bande.

L.X.: Ich teile da nicht unbedingt Olivers Meinung. Sicher sollte man eine gewisse Stärke haben, bevor man sich mit einem Major einläßt - wobei genauso klar sein sollte, daß die Industrie mit 12 inches nicht arbeiten kann. Aber kategorisch nein sagen: warum?

  BassDee: „Wer ohne Sponsoren arbeitet und die Preise trotzdem gemäßigt halten will wird nicht einmal annähernd dafür entschädigt, daß man Platten gekauft und sich 18 Stunden um die Ohren geschlagen hat. Aber das muß jeder für sich entscheiden.“
Oliver: Der große Vorteil von Produzentenmusik liegt darin, daß man unter verschiedenen Namen mit verschiedenen Labels arbeiten kann. Es liegt ja an dir, ob du dich als L.X. oder als Third Coming exklusiv an einen Major verkaufst.

L.X.: Das werde ich natürlich niemals machen. Das sollte man auch nochmals ganz deutlich sagen, vor allem an die nachwachsende Generation von Producern gerichtet: niemals exklusiv unterschreiben. Aus der Entwicklung in England, die man anfangs noch skeptisch mitverfolgt hat, kann man da nur lernen. Junge Producer sollten sich vertrauensvoll an die entsprechenden Labels wenden, sich erkundigen, und wir werden's ihnen dann schon erklären.

Norbert: Die Frage ist nur, ob das ewig weiter funktionieren kann. Ich denke, daß die Geduld der Industrie-Vertreter nicht ewig währen wird. Beispiel DJ Hype: Ganja Kru läuft über RCA/BMG. Jeden neuen Track, der aus diesem Camp kommt, hätte der zuständige A&R natürlich gerne. Die Jungs können ihn aber auch unter irgendeinem anderen Namen auf einem ihrer Labels rausbringen.

L.X.: Gut, dann sollen's die Majors halt lassen. Aber das werden sie natürlich nicht tun, solange sich mit der Musik noch Geld erwirtschaften läßt.

Dagmar: Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, daß Science, ein Unterlabel von Virgin, mit Photek viel Geld verdient, um ein Beispiel zu nennen. Die Erfahrung zeigt, daß die gleiche Platte über unabhängige Vertriebswege in der Regel mehr verkaufen kann. Interessant wäre mal ein Vergleich zwischen der V CIassic-Compilation, die ja Indie läuft, und dem Reprazent Album von Roni Size. Ob das im Desaster endet, wenn noch mehr Künstler von Majors gesignt werden, muß sich zeigen.

L.X.: Das kann uns aber egal sein. Fakt ist, daß man mit den Vorschüssen erstmal arbeiten kann.

Kabuki: Bei uns hat man schon vor anderthalb Jahren angeklopft. Aber für mich hat Drum'n'Bass - im Gegensatz zu Techno - etwas Persönliches bewahrt. Man entdeckt eine Platte auf einem Whitelabel, man liebt und protegiert sie, und deshalb will man im ersten Moment auch nicht, daß sie an jeder Straßenecke läuft. Insofern ist unser Label Precision reine Liebhaberei. Da können wir selber Politik machen und bestimmen, wann welche Platte rauskommt. Wenn ich jetzt eine Platte an ein Major abgeben würde, dann wäre ich nicht so sehr an den Vorschüssen interessiert, sondern vor allem daran, daß die Platte möglichst schnell rauskommt. Das liegt in der Natur der Musik.


Aber ist es nicht so, daß die viel gescholtenen Majors gelernt haben? Früher gab es bei HipHop Releases zuweilen mit Delays von mehreren Wochen oder Monaten zu kämpfen. Heute werden die europäischen Veröffentlichungstermine noch vor den US-Zeitplan gefegt, um das Eindringen von Importen auf den Markt zu umgehen.

BassDee: Man sollte sich eher an der Entwicklung im Techno orientieren. Da zeigt sich, was ein lange existierendes Netzwerk alles leisten kann. Es gab Zeiten, als eine x-beliebige Platte aus Detroit locker 5.000 Stück verkaufte. Vielleicht muß man einfach nur noch eine Weile warten, bis die Leute automatisch bestimmte Platten mit nach Hause nehmen.

Oliver: Amerikanischer Techno hat aber immer noch einen größeren Markt als Drum'n'Bass.

Norbert: Wahrscheinlich wird es darauf hinauslaufen, daß irgendwelche Leute, von denen wir hier gar nichts wissen wollen, mit irgendeiner Art von Drum'n'Bass in die Charts gehen. Wenn wir insofern davon ausgehen, daß sich mit amtlichem Drum'n'Bass im Sinne eines Majors nicht das große Geld machen läßt, dann haben wir mittelfristig doch ein Problem. Letztlich kann man sich seine Unabhängigkeit nur über Kooperationen mit einem Major finanzieren.

L.X.: Ich gehe davon aus, daß Drum'n'Bass weiterhin wächst, auch vom Niveau, und die Majors werden einen Teufel tun, die ganze Sache in absehbarer Zeit komplett zu canceln. Die Industrie würde es steh nie ertauben, das Clubgeschehen an sich vorbeirauschen zu lassen, in der Hoffnung, nur die dicken Fische machen zu können.

Norbert: Downbeat würde es ohne die WEA gar nicht geben. Natürlich ist eine Major-Company ein Profitunternehmen, und entsprechend sieht man das dort auch mit Downbeat. Aber für mich ist es nicht verwerflich, auf Downbeat vor allem Sachen zu machen, die auch bei der Industrie durchgehen, um die so erzielten Erlöse in ein unabhängiges Label zu investieren. Davon abgesehen, gibt es innerhalb dieser Profitcenter ein paar Leute, die Musik wirklich lieben und sich ein Label wie uns nicht zuletzt aus Prestige-Gründen halten. Solange ich den Druck, bestimmte Dinge zu tun, nicht habe, ist das eine ideale Situation.


Ist das denn auch gut für eure Produkte?

Norbert: Für manche ja, für manche nicht. Bei einer Compilation wie Meditation, stößt man natürlich an seine Grenzen, weil der Vertrag nur für Deutschland gilt. Bis ich die Verhandlungen mit dem zuständigen Produktmanager in Dänemark abgeschlossen habe, ist das Ding viel zu alt.

L.X.: Womit wir wieder bei einem entscheidenden Problem angelangt wären - der schwierigen Vertriebssituation.


Dagmar: Die ist im Moment recht tricky. Vor einem Jahr hatte ich noch kein einziges deutsches Drum'n'Bass Label im Vertrieb, letzt sind es eher schon viel zu viele, denn die Akzeptanz von hiesigen Jungle Platten ist, wie gesagt, noch relativ gering, obwohl die Platten langsam besser werden. Da man es in England nur mit zwei Großhändlern zu tun hat, kann man sich vorstellen, wie schwierig es ist, die Ware ins Ausland zu verkaufen. Hierzulande ist die Situation nicht viel besser, da die wichtigsten Vertriebe, also Groove Attack und NTT, dann noch EFA, Public Propaganda und 99, in erster Linie nur komplette Labels machen. Insofern sind wir jetzt schon an einen Punkt gelangt, wo wir selektieren müssen. Sonst geht gar nichts.

Oliver: Erzähl doch mal was über dein Label, Sascha.

Bassface Sascha: Smokin' Drum wird in Deutschland über NTT und in England über SRD vertrieben. Wir sind jetzt beim 18. Release, und im Schnitt verkaufen wir um die 1.200 Stück pro Titel. Dann habe ich noch ein Label, das aus den vorhin genannten Gründen von England aus gehandelt wird. Die ersten Sachen sind von mir und Peshay, also deutsche und englische Produktionen, auch mit unterschiedlichen Styles.

L.X.: Wo du das gerade erwähnst - für mich beinhaltet Drum'n'Bass eben nicht nur den einen, den Hardcore-Weg, und damit meine ich auch Sachen, die oft als Weichspüler-Musik abgetan werden. Ich denke auch nicht, daß man die Definition von Drum'n'Bass nur an den Beats oder nur am Bass festmachen sollte. Ein Problem ergibt sich nur, wenn man alles Mögliche auf einem Label veröffentlicht. Schon deshalb sollte es möglichst viele verschiedene geben.


Produkte mit Crossover-Appeal haben ohnehin die größte Akzeptanz. Vielleicht nicht in der Szene selbst, aber darüber hinaus schon.

  Bassface Sascha: „Für die Kids ist nicht House oder Techno, sondern Drum'n'Bass und Jungle die Musik, mit der sie als erstes in Berührung gekommen sind.“
Norbert: Vor allem in England kommt mir die Geschmacksbildung doch sehr engstirnig vor.

Oliver: Das liegt aber in der Geschichte der Szene begründet. Das waren immer die Kellerkinder. Sie sind ziemlich mißtrauisch gegenüber der Außenwelt, weil sie über Jahre hinweg nicht wahrgenommen wurden. Darüber haben sie ein recht trotziges Selbstbewußtsein entwickelt.

Dagmar: Und genau dieses Selbstbewußtsein in Verbindung mit der entsprechenden Bodenhaftung halte ich auch für das richtige Modell in Deutschland. Fragen nach Crossover-Potential oder Major-Deals stellen sich für mich gar nicht. Das Ganze ist eh noch viel zu winzig.


Zumal man sich den berühmten Crossover gar nicht ausdenken kann. Der passiert ganz von selbst oder eben nicht.

L.X.: Für mich ist Drum'n'Bass sowieso die erste Generation von Musik, die alles, was vorher war, beinhalten kann.

BassDee: Aber auch anders damit umgeht. Vor allem mit den Sounds.

L.X.: Die Frage ist nur, was danach kommen wird.

Oliver: Na ja, wenn du dir das vorstellen könntest, würdest du es auch schon machen.

Moderation: Ralph Christoph und Christoph Gurk. Fotos: Synonym (1997)
Das Interview erschien 1997 im Spex [1] Magazin und wurde future-music.net freundlicher Weise zur Verfügung gestellt.

Ihr habt Kommentare / Fragen? Diskutiert das Interview im Future Forum [2]!


URL dieses Dokuments:
   http://www.future-music.net/stage/interviews/1997-04_dnbroundtable/

Links:
   [1] http://www.spex.de
   [2] http://www.future-music.net/forum/showthread.php?t=25453



© 1995-2017 Future & www.future-music.net